Drei Essays zur Dialektik der Aufklärung

Positivismus, Kulturindustrie und kulturelle Moderne


Essay, 2010

12 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Das Verständnis des Positivismus in der Dialektik der Aufklärung

Johann Wolfgang Goethe-Universität

Frankfurt am Main

Institut für Philosophie

AM 3b Dialektik der Aufklärung

Verfasst von Tobias Tegge

Im Folgenden werde ich den Fragen nachgehen, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer unter „Positivismus“ verstehe und was sie daran kritisieren, dann das sind zwei der zentralen Punkte der Dialektik der Aufklärung, denen ich bisher wenig Beachtung geschenkt habe und die mir daher bis jetzt fast gänzlich verschlossen waren.

Zuerst frage ich mich, was ist Positivismus allgemein? Aus dem Eintrag im Philosophischen Wörterbuch geht hervor, dass der Positivismus eine philosophische Grundhaltung ist, in der ange­nommen wird, dass alle Erkenntnis aus dem Gegebenen gewonnen werden kann, also aus dem, was ist.[1] Darüber hinaus steht an angegebenem Ort noch wesentlich mehr über den Positivismus. Das lasse ich im Folgenden aber unbeachtet, weil allein damit die Länge des Essays wohl ausgeschöpft wäre. Diese Aussage zum Positivismus zweifle ich nicht an, sie stammt aus dem philosophischen Wörterbuch und klingt plausibel, obgleich dessen in meinem Besitz befindliche Ausgabe etwas in die Jahre gekommen ist.

Im zweiten Schritt nun schaue ich, wo, in welchem Zusammenhang und wie Adorno und Horkheimer den Begriff in der „Dialektik der Aufklärung“ verwenden.[2] Außerdem, damit das Nachblättern nicht umsonst war, vergleiche ich diese Passagen mit der oben genannten Aussage über den Positivismus.

Schon auf der ersten Seite (der Fischer-Ausgabe), in der „Vorrede“ fällt der Begriff. Dort heißt es:

„Bildet die aufmerksame Prüfung und Pflege der wissenschaftlichen Überlieferung, besonders dort, wo sie von positivistischen Reinigern als nutzloser Ballast dem Vergessen überantwortet wird, ein Moment der Erkenntnis, so ist dafür im gegenwärtigen Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation nicht bloß der Betrieb sondern der Sinn von Wissenschaft fraglich geworden.“[3]

Bereits hier entsteht der Eindruck, dass der Positivismus wenigstens aus der Perspektive des Wissenschaftlers etwas falsches, schlechtes oder zumindest nicht gutes sei. Denn das Moment der Erkenntnis bildet sich und ist dort, wo die positivistischen Reiniger, also wohl die Positivisten selbst, sie nicht beachten. Sie entsteht, ohne dass Positivisten darauf aktiv Einfluss nehmen. Hinzu kommt, dass der Begriff „Reiniger“ sicherlich für Adorno und Horkheimer, als Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg, negativ konnotiert war, oder verwendet werden konnte. Der Begriff „Reiniger“ hängt semantisch eng mit dem Begriff „Säuberung“ zusammen, der als Synonym für die systematische Tötung von Juden verwendet wurde. Bezieht man die Wörterbuch-Aussage mit ein, so ergibt sich ein performativer Widerspruch. Der Positivist, der auf der Suche nach Erkenntnis ist, sortiert genau das aus, was ihn zur Erkenntnis führen kann.

Danach wird der Begriff des Positivismus erst wieder aufgegriffen, als Adorno und Horkheimer schreiben: „Die reine Immanenz des Positivismus, ihr letztes Produkt, ist nichts anderes als ein gleichsam universales Tabu.“[4] Um diesen Satz zu verstehen, muss aber erst der Kontext geklärt werden. Das „ihr“ steht für die im vorangegangenen Satz genannte Aufklärung, das Tabu wird, zumindest im Ansatz, nach dem zitierten Satz geklärt. Das universale Tabu besteht darin, dass „überhaupt nichts mehr draußen sein“ darf. Warum das so ist, darauf kann ich hier aus Platz- und Zeitgründen keine Antwort geben, nicht mal einen Ansatz kann ich versuchen. Der Positivismus ist also immanent, was auf die Aufklärung zurückzuführen ist, und diese Immanenz besteht darin, alles, was außerhalb des Positivismus ist, zu leugnen und die „Quelle der Angst“ versiegen zu lassen. Diese Quelle wiederum besteht in der „Vorstellung des Draußen“.

„Wissenschaft, in ihrer neopositivistischen Interpretation, wird zum Ästhetizismus, zum System abgelöster Zeichen, bar jeglicher Intention, die das System transzendiert: zu jenem Spiel, als welches die Mathematiker ihre Sache schon längst stolz deklarieren. Die Kunst integraler Abbildlichkeit aber verschrieb sich bis in ihre Techniken der positivistischen Wissenschaft.“ [5]

Die neopositivistisch interpretierte Wissenschaft wird also zu einem System von Zeichen, die von der Welt abgelöst sind (wie im Anschluss an das Zitat ausgeführt wird). Dieses System kann Adornos und Horkheimers Ansicht nach jedoch auch nicht erweitert werden, oder sonst irgendwie über sich selbst hinauswachsen. In Bezug auf Erkenntnis, um diese wieder aufzugreifen, ist das insofern problematisch, dass diese so interpretierte Wissenschaft nichts neues erkennen kann, sondern im Grunde nur das, was in diesem System schon enthalten ist. Sofern es also, und das scheinen Adorno und Horkheimer anzunehmen, noch etwas gibt, dass erkannt werden kann, ist dies im Positivismus nicht möglich.

Wenig später in der „Dialektik der Aufklärung“ folgt die Aussage: „Platon verbannte die Dichtung mit der gleichen Geste wie der Positivismus die Ideenlehre.“ Offensichtlich wird Platon hier mit dem Positivismus gleich-, ihm aber auch entgegengesetzt. Zwar habe ich in den Kontext geschaut, wo zum einen erklärt wird, mit welchen Argumenten Platon die Dichtung verbannt hat. Die Dichtung habe keinen praktischen Nutzen, weil sie keine Reformen durchsetze und mit ihr keine Kriegsführung möglich sei. Der Positivismus spricht ebenso der Ideenlehre ihren Nutzen ab, weil die Ideen nicht durch Wahrnehmung erfasst werden können. Zum anderen wird vorher gesagt, dass die Philosophie sich meistens auf die Seite stellt, von der sie den Namen hat. Auf den zitierten Satz angewendet würde das bedeuten, dass die Philosophie sich in dem einen Fall auf die Seite Platons stelle und im anderen Fall auf die Seite des Positivismus und damit gegen Platon oder, stellvertretend, seine Ideenlehre. Dann ist mir aber nicht klar, inwiefern der Positivismus ihr ihren Namen gegeben hat. Wahrscheinlich wird der Bezeichnung „Name“ hier eine Bedeutung beigemessen, die mir verborgen bleibt, auf die der Text aber an irgendeiner Stelle deutlich hinweist.

Die nächste ausführlichere Aussage direkt über den Positivismus ist:

„Dem Positivismus, der das Richteramt der aufgeklärten Vernunft antrat, gilt in intelligible Welten auszuschweifen nicht mehr bloß als verboten, sondern als sinnloses Geplapper. Er braucht – zu seinem Glück – nicht atheistisch zu sein, weil das versachlichte Denken nicht einmal die Frage stellen kann.“ [6]

Der Positivismus hat, warum auch immer, das Richteramt der aufgeklärten Vernunft inne. Er bestimmt, dass das Ausschweifen in nicht erkennbare Welten, das aufstellen sie betreffender Theorien nicht verboten ist, sondern sinnlos. Es besteht also nicht die Möglichkeit, (so verstehe ich das zumindest,) auszuschweifen und damit etwas falsches zu machen, sondern es ist sinnlos und geht im System der positivistischen Wissenschaft einfach nicht. Deshalb kann man auch nicht die Frage stellen, das System hinterfragen (im Positivismus), womit wir wieder bei der Aussage wären, dass es keine Intention innerhalb des Systems gibt, die das System transzendiert.

„Der Positivismus, der schließlich auch vor dem Hirngespinst im wörtlichsten Sinne, Denken selber, nicht Halt machte, hat noch die letzte unterbrechende Instanz zwischen individueller Handlung und gesellschaftlicher Norm beseitigt.“[7]

Wie es auch schon zuvor war, liegt der Kontext vor und hinter dem Zitat nicht im Bereich meines Verständnisses. Es wird also, das geschieht praktischerweise alles auf derselben Seite, davon geredet, dass die Subjektivität abgeschafft wird, um desto hemmungsloser zu walten, vorher davon, dass das „transzendentale Subjekt der Erkenntnis als die letzte Erinnerung an Subjektivität selbst“ abgeschafft wird und nach dem Zitat kommen die Autoren zu dem Schluss, dass der „technische Prozeß, zu dem das Subjekt nach seiner Tilgung aus dem Bewußtsein sich versachlicht hat,“ frei von aller Bedeutung ist. Ich bin lediglich auf den Gedanken gekommen, dass all das Auflösen, Tilgen und Bedeutung verlieren dem Positivismus zugeschrieben wird, bzw. dass er als Ursache dafür angesehen wird. Dem Zitat entnehme ich, dass der Positivismus nach Adorno und Horkheimer das Denken selbst als Hirngespinst, als etwas, das nicht empirisch erfassbar ist, vielleicht kein Gegenstand in der Welt ist, genau deshalb getilgt wird. Das Denken aber war die letzte unterbrechende Instanz zwischen individueller Handlung und gesellschaftlicher Norm. Die Handlung ist dann gleich der Norm und die Norm gleich der Handlung, es wird nicht reflektiert, ob eine Handlung nach subjektivem Empfinden gut ist und ob sie als solche der Norm entspricht. Es wird nicht gefragt, warum da eine Diskrepanz ist, falls eine solche da ist, existiert.

In einem letzten Schritt schau ich zurück auf die Fäden, die ich aus den Zitaten gezogen habe und versuche, indem ich sie zusammenknüpfe, etwas über den Positivismus in der „Dialektik der Aufklärung“ zu sagen, oder eher die Aussagen zusammenzufassen.

Der Positivismus, nach Auffassung Adornos und Horkheimers, tilgt die Möglichkeit zur Erkenntnis, zur Reflexion, zum Denken selbst. Die Definition, die ich aus dem Wörterbuch hier herangetragen habe, ist zu allgemein. Meines Erachtens beziehen Adorno und Horkheimer sich zumindest überwiegend auf den Neopositivismus, der nur Erkenntnis aus Wahrnehmung und aus logischer Folgerung aus diesen Wahrnehmungen als Erkenntnis anerkennt. Zusammenfassend kann man damit wohl auch guten Gewissens sagen, dass der Positivismus von ihnen als negative Entwicklung betrachtet wird.

Diese Aussage muss ich aber in gewissem Sinne sofort wieder relativieren, wenn ich zur Frage zurückkomme, was die Herren am Positivismus kritisieren. Ich denke nämlich, dass in erster Linie das Immanente, das Hermetische am Positivismus kritisiert wird. Der Positivismus lässt ihrer Auffassung nach keine Erweiterung zu, verhindert die Frage danach, ob nicht vielleicht doch etwas außerhalb des Wahrnehmbaren existiert. Er lässt nicht zu, dass er infrage gestellt wird und beendet somit die Aufklärung, lässt sie in gewissem Sinne ab einem bestimmten Punkt scheitern, indem sie sich, ebenfalls nach Adornos und Horkheimers Ansicht vollendet.

Im Grunde ist die Aufgabe des Essays aber meiner Meinung nach an dieser Stelle noch nicht zu ende. Mit mehr Zeit und Platz im Gepäck sollte man sich auch damit beschäftigen, was im allgemeinen zur Zeit der Entstehung der „Dialektik der Aufklärung“ unter Positivismus verstanden wurde, denn Adorno und Horkheimer bemühen sich in ihrem Werk sehr, das Erbe aufzuzeigen, das sie antreten, indem sie ein Vokabular verwenden, das ohne entsprechendes Hintergrundwissen schwer verständlich ist. Sie beziehen sich unter anderem auf Kant, Nietzsche, Marx und Hegel als ihre Vorgänger. Genauso müsste der Begriff des Positivismus einen Querverweis zu anderen Philosophen darstellen.

[...]


[1] Positivismus. In: Philosophisches Wörterbuch, Bd. 2; Hrsg. Georg Klaus & Manfred Buhr, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 6. Auflage, 1969

[2] Ich beziehe mich auf die Ausgabe:
Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 19. Auflage, 2010

[3] Adorno/Horkheimer: a.a.O., S. 1

[4] Adorno/Horkheimer: a.a.O., S. 22

[5] Adorno/Horkheimer: a.a.O., S. 24

[6] Adorno/Horkheimer: a.a.O., S. 32

[7] Adorno/Horkheimer: a.a.O., S. 36

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Drei Essays zur Dialektik der Aufklärung
Untertitel
Positivismus, Kulturindustrie und kulturelle Moderne
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar "Dialektik der Aufklärung"
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
12
Katalognummer
V429272
ISBN (eBook)
9783668729247
ISBN (Buch)
9783668729254
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Drei Essays, die im Laufe des Seminars abgegeben und zum Schluss insgesamt benotet wurden
Schlagworte
Frankfurter Schule, kritische Theorie, Kritik am Positivismus, Aufklärung, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas, Ästhetik, Soziologie
Arbeit zitieren
Tobias Tegge (Autor), 2010, Drei Essays zur Dialektik der Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429272

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