Seit am 23. Dezember 1954 J. Murray und J. Merick in Boston die erste klinisch erfolgreiche Nierentransplantation durchführten , entwickelte sich die Organtransplantation zu einem heute allgemein anerkannten medizinischen Behandlungsverfahren.
Doch mit den immer besser werdenden Möglichkeiten, eine Transplantation erfolgreich durchzuführen, stieg auch die Nachfrage an Spenderorganen.
Das Organtransplantationswesen ist ganz stark von der Akzeptanz und der Spendebereitschaft der Bevölkerung abhängig, d.h., nur wenn Menschen bereit sind, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden, können diese auch transplantiert werden.
Die Organspendequote lag 2003 im Bundesdurchschnitt jedoch bei 13,8 pro Million Einwohner .
Laut einer Untersuchung der Universität Köln besitzen nur etwa 7% der Bundesbürger einen Organspendeausweis, obwohl im Falle des Todes mehr als drei Viertel zur Organentnahme bereit wären. Gründe für die hohe Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage liegen unter anderem darin, dass 62 Prozent der Bevölkerung den Hirntod als „richtigen“ Tod nicht akzeptieren . Die Angst ist einfach noch sehr groß, dass nicht alles Menschenmögliche für den Patienten getan wird, wenn dieser Organspender ist.
Dieses Problem könnte mit umfangreicheren Aufklärungsmaßnahmen möglicherweise einfach geregelt werden.
Gliederung
I. Vorwort
II. Einführung
III. Das Deutsche Transplantationsrecht – TPG
IV. Lösungsmodelle ?
1. Lebendspende
a) Cross-over-Spende
aa) Cross-over in Deutschland
bb) Zukunft für Cross-over
b) Anonyme altruistische Lebendspende
c) Transplantation von suboptimale Organen
aa) Am Beispiel Leber
bb) suboptimale Organe – als Lösung ?
2. Postmortale Organspende
a) Widerspruchslösung
b) Bezahlung, Vergütung oder Aufwandsentschädigung
Übernahme der Bestattungskosten
(1) Organhandel
(2) Gesetzgeberische Motive
(3) Körperspende und Organspende im Vergleich
3. Alternativen
V. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Problem des Organmangels unter Berücksichtigung bestehender Lösungsmodelle und analysiert deren Durchsetzbarkeit aus ethischer, moralischer und rechtlicher Perspektive, um Lösungsansätze für die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage bei Spenderorganen zu diskutieren.
- Analyse des deutschen Transplantationsrechts (TPG)
- Untersuchung von Modellen zur Lebendspende (Cross-over, anonyme altruistische Spende)
- Bewertung der postmortalen Organspende und der Widerspruchslösung
- Diskussion über Bezahlung, Vergütung und deren ethische Grenzen
- Vergleich zwischen Körperspende und Organspende
- Ausblick auf medizinische Alternativen
Auszug aus dem Buch
b) Anonyme altruistische Lebendspende
Eine andere Möglichkeit ist die anonyme altruistische Lebendspende, eine aus ethischer Sicht wünschenswerte Form der Organspende. Jedoch kann – genau wie bei der Cross-over-Spende – dagegen argumentiert werden, dass gerade unter Familienangehörigen zumindest ein unbewusster psychischer Druck, wenn nicht auch ein finanzieller Anreiz – wie etwa besondere Erbvereinbarungen – den Lebendspender zu seiner Spende veranlassen. Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit lassen sich bei der Spende unter Verwanden kaum kontrollieren.
Bei der anonyme altruistische Lebendspende, welche ohne weiteres so ablaufen kann, dass kein Kontakt zwischen Spender und Empfänger zustande kommt, lässt sich die Freiwilligkeit infolge der Anonymität besser wahren. Die Gewährleistung von Anonymität kann dem Organhandel vorbeugen, da durch absolute Anonymität wirksam ausgeschlossen werden kann, dass nach erfolgter Spende es doch noch zu einer Ausgleichszahlung kommt. Oder dass, durch psychischen Druck des Spenders eine Gewissensbelastung des Empfängers, etwa durch „ewige“ Dankbarkeit oder Schuldgefühle eine Zahlung herbeiführt wird. Außerdem von Vorteil ist die anonyme altruistische Lebendspende für die Gesellschaft, so können – auch hier ebenso wie bei der Cross-over-Spende – Behandlungskosten eingespart werden, da der Patient dann nicht mehr auf ein Organ wartet und mit aufwendigen teuren anderen Behandlungsmethoden versorgt werden muss, sondern sofort transplantiert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorwort: Vorstellung der Zielsetzung, den Organmangel und bestehende Lösungsmodelle kritisch hinsichtlich ihrer Durchsetzbarkeit zu hinterfragen.
II. Einführung: Darstellung der historischen Entwicklung der Organtransplantation und der Problematik der hohen Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage bei Spenderorganen.
III. Das Deutsche Transplantationsrecht – TPG: Erläuterung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, insbesondere der erweiterten Zustimmungslösung und der Problematik des Hirntod-Konzepts.
IV. Lösungsmodelle ?: Diskussion verschiedener Ansätze, unterteilt in Lebendspenden, postmortale Spenden und medizinische Alternativen.
V. Fazit: Resümee, dass eine Kombination verschiedener Ansätze sowie eine verbesserte Aufklärung und möglicherweise neue Anreizstrukturen für die Zukunft notwendig sind.
Schlüsselwörter
Organmangel, Organtransplantation, Transplantationsgesetz, Lebendspende, Cross-over-Spende, altruistische Spende, postmortale Organspende, Widerspruchslösung, Organhandel, Körperspende, Hirntod, Ethik, Medizinrecht, Warteliste, Aufklärungsarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem medizinrechtlichen Problem des Organmangels und untersucht verschiedene bestehende Modelle, um die Versorgungssituation bei Transplantationen zu verbessern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das deutsche Transplantationsrecht (TPG), Formen der Lebendspende, die Widerspruchslösung bei postmortalen Spenden sowie die ethische und rechtliche Einordnung von Kommerzialisierungsdebatten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Analyse bereits vorhandener Lösungsmodelle auf ihre Durchsetzbarkeit und rechtliche Vereinbarkeit mit ethischen sowie moralischen Standards.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine juristische Analyse der geltenden Gesetzeslage (TPG) sowie eine vergleichende Betrachtung ethischer und medizinischer Fachdiskussionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Lebendspende (Cross-over, altruistisch), die postmortale Spende (Widerspruchslösung, Bezahlungsfragen) und einen Ausblick auf künftige medizinische Alternativen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Organmangel, Organtransplantation, Transplantationsgesetz, Lebendspende und die ethische Problematik der Organvermittlung.
Warum ist die Widerspruchslösung in Deutschland so umstritten?
Sie kollidiert nach Auffassung der Autorin mit dem Selbstbestimmungsrecht, dem deutschen Rechtsverständnis von Schweigen als Nicht-Zustimmung sowie religiösen Vorbehalten.
Wie unterscheidet sich die Körperspende rechtlich von der Organspende?
Der Hauptunterschied liegt im Zweck; die Organspende dient primär der Heilbehandlung (stark reguliert), während die Körperspende der Forschung und Ausbildung dient, was eine andere Bewertung von Vergütungen zulässt.
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- Katharina Sell (Author), 2005, Organmangel und Lösungsmodelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42927