Alfred Schütz und Jürgen Frese. Ein Vergleich zweier Positionen mit Blick auf die Begriffe "Handeln", "Handlung" und "Situation"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

2. Handlungstheorie
2.1 Alfred Schütz
2.2 Jürgen Frese

3. Vergleich der Handlungstheorien von Alfred Schütz und Jürgen Frese

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Vergleich der Theorien von Alfred Schütz und Jürgen Frese mit Blick auf die Begriffe „Handlungen“ und „Situation“. Max Weber definiert in seinem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ Soziologie als „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ (Weber 1980: 1). Mit dieser Definition beeinflusste Weber eine ganze Wissen- schaft, in der sowohl aufeinander aufbauende als auch kontrovers diskutierte Theorien vor- handen sind. Auch Schütz und Frese stellten Handlungstheorien auf, die das Ziel verfolgte, das menschliche Handeln zu verstehen und die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Interaktion zu erklären. Beide Ansätze weisen Ähnlichkeiten in ihren Grundzügen, aber auch Unterschiede auf.

Alfred Schütz gilt als Vertreter der verstehen Soziologie und konzipiert seine Handlungstheorie in Bezug auf den subjektiven Sinn nach Max Weber. Nach Schütz steht das wechselseitige Verstehen der einzelnen Akteure im Zentrum, wobei die Akteure trotz begrenztem intersubjek- tivem Verstehen die Verständigung im Alltag konstruieren. Darüber hinaus erarbeitet Schütz Unterscheidungen, die bei Weber nicht zu finden sind, was Ersterer kritisiert. Schütz differen- ziert zwischen Handeln als Ablauf und vollzogener Handlung, zwischen dem Sinn des Erzeu- gens und dem Sinn des Erzeugnisses, zwischen dem Sinn eigenen und fremden Handelns bzw. eigener und fremder Erlebnisse und zwischen dem Fremdstehen und Selbstverstehen (Schütz 1932: 15).

Auch Jürgen Frese beschreibt die Handlung als Bestandteil eines sozialen Prozesses, die auf sprachanalogen Ereignissen beruht. Er definiert „Sprechen als Metapher für Handeln“ (Frese 1985: 74) mit der Absicht, soziale Handlungen, welche durch die Interaktion kommunikativ aufgebaut werden, nicht nur zu erklären, sondern auch zu verstehen. Zudem ist nicht die Motivation der Handlung relevant, vielmehr die Darstellung des Prozesses, indem die Handlung als eine Einheit die nächste mit sich bringt.

Der erste Teil dieser Arbeit widmet sich den Theorien von Alfred Schütz und Jürgen Frese. Die Analyse beschränkt sich dabei auf die Auseinandersetzungen mit den Begriffen „Hand- lung“, „Handeln“ und „Situation“ der beiden Soziologen, da weitere Aspekte ihrer Theorien den Rahmen der Arbeit sprengen würden. Darauf aufbauend, wird im zweiten Teil der Vergleich beider Positionen diskutiert und Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.

2. Handlungstheorie und Situation

In diesem Abschnitt werden die Theorien im Hinblick auf die Handlung und Situation nach Alfred Schütz und Jürgen Frese dargestellt. Zunächst wird die Position des Sinn- und Handlungsbegriffs mit dem Begriff der Situation nach Schütz und anschließend die Annahme hinsichtlich der Handlung und Situation nach Frese erklärt.

2.1 Alfred Schütz

Ausgangsfrage der Schützschen Handlungstheorie ist die Konstitution des subjektiven Sinns, der die Grundlage jedes Handelns bildet und für das gegenseitige Handeln vorausgesetzt wird. Schütz will dieser Frage nachgehen und vor diesem Hintergrund das Defizit, welches er bei der Handlungstheorie von Weber feststellt, beheben. Dementsprechend versucht Schütz die Handlungstheorie von Weber dahingehend zu ergänzen, dass ein intersubjektiver Sinn einer Handlung zum Ausdruck kommt, da sein Interesse im Prozess der Konstitution des subjektiven Sinns liegt.

In erster Linie macht Schütz die Unterscheidung zwischen Handeln und Handlung, dass das Handeln durch eine Vorkonstruktion einer bereits abgeschlossenen Handlung sozusagen im Hinterkopf ausgeführt wird. Schütz geht davon aus, dass der „Sinn des Handelns die vorher entworfene Handlung“ (Schütz 1977: 79) ist und „nur der Handelnde den wahren Zweck oder besser: das wahre Ziel seiner Handlung kennt“ (Schütz 1932: 57). Demnach ist der Sinn für die entworfene Handlung subjektgebunden. Sobald der Akteur mit seinem Verhalten Sinn ver- bindet, wird Verhalten zu Handeln. An dieser Stelle setzt Schütz den Begriff des Handelns in Zusammenhang mit dem subjektiven Sinn eines Verhaltens voraus und betont, dass das Ver- halten erst als ein Handeln eingeordnet werden kann, wenn es an einem vorausgegangenen Entwurf orientiert ist. Die Sinnzuschreibung einer Handlung orientiert je nach der jeweiligen Verknüpfung eines weiter ausgreifenden Plans, wobei Schütz zwischen „dem Selbstverstehen - dem subjektiv gemeinten Sinn einer Handlung - und Fremdverstehen - dem objektiv ge- meinten Sinn einer Handlung“ (Göttlich et al. 2011: 14) unterscheidet. Ob jemand das Fenster putzt, weil es beschmutzt ist oder um seine Muskeln zu trainieren oder um sich abzuregen etc.

- in jeder Handlung ist der motivationale Sinn des Fensterputzens anders und wird sowohl von dem Handelnden als auch von dem Beobachter anders aufgefasst. Der Gesamtsinn einer Handlung ist gekennzeichnet durch das Netz der Um-zu- und Weil-Motive des Akteurs, durch seine Erwartungen und Absichten, die zurückzuführen auf seine gesammelten Erfahrungen sind. Für die genauere Identifizierung der unterschiedlichen Konstellation des subjektiven Sinns einer Handlung hebt Schütz die Differenzierung der Um-zu- und Weil-Motive hervor. Die Um-zu- und Weil-Motive tragen zur Entwicklung von Handlungen bei. Während die Um-zu- Motive den subjektiven Sinn der Handlung konstituieren, bilden die Weil-Motive die Gründe für den Entwurf einer Handlung. Der außenstehende Beobachter kann den durch das Um-zu- Motiv konstituierte Sinn nur erfassen, „wenn er fragt, welchen Sinn der Handelnde seinem Handeln gibt“ (Schütz 1971:82). Die Weil-Motive dahingegen sorgen für den Entwurf der Handlung, der nur wahrgenommen werden kann, wenn sich der Akteur mit dem Grund seiner Handlung, der aus den in der Vergangenheit eingetroffenen Ereignissen entwickelt wurde, auseinandersetzt und demnach sich selbst beobachtet (Schneider 2008: 234ff.).

Damit das Handeln im Wechsel mit den Handlungen nachzuvollziehen ist, müssen Akteure eine gemeinsame Definition der Situation des Handelns finden. Schütz erläutert anhand des Begriffs der Typisierung, dass der subjektive Sinn des Akteurs nicht identisch mit dem erfass- ten Sinn des Beobachters ist und trotzdem die Interaktion funktioniert. Für Schütz bilden Typi- sierungen eine wesentliche Notwendigkeit des intersubjektiven Verstehens in der alltäglichen Interaktion und Kooperation. In jeder Situation können verschiedene Typisierungen als Bedin- gung des Handelns vorkommen, da je nach Situation unterschiedliche und vielfältige Rollen eingenommen werden und der Handlungsablauf variiert. Beispielsweise spreche ich Frau Mül- ler, meine Deutsch-Lehrerin, in der Schule anders an und sieze sie. Aber als Nachbarin kann ich sie duzen, wenn wir im Garten gemeinsam grillen. Somit wird in einer gegebenen Situation je nach Rolle selektiert und das Handeln danach gerichtet (Schneider 2008: 242 ff.).

2.2 Jürgen Frese

Jürgen Frese widmet sich der Untersuchung von Handlung im Hinblick auf Prozesse und betont in erster Linie, dass „Handlung etwas Beschreibbares“ (Frese 1985: 22) und „Element eines sozialen Prozesses“ (Frese 1985: 21) ist.

Frese nimmt an, dass Handlung bei fehlenden symbolischen und sprachlichen Signalen nicht zu identifizieren ist. Er hebt stark die kommunikative Ebene hervor und analysiert das Sprechen als Erzeugung des Handelns. Jedes Handeln wird als auf der Sprache basierendes Geschehen betrachtet, dennoch kann nicht jedes Geschehen als Handeln eingestuft werden. Eine Handlung beruht auf der Interaktion, wenn sie interpretiert wird und sich nach Handlungen anderer Personen orientiert. Zudem bringen beteiligte Personen einer auf Interaktion basierenden Handlung vergangenes Geschehen, den vorstellbaren Prozess und Erwartungen mit. Auch das Unterlassen einer Handlung definiert Frese als Handeln, da an die Handlung Erwartungen gestellt wurden, die aber nicht erfüllt werden.

Die jeweiligen Möglichkeiten, die Handlung zu einem bestimmten Zeitpunkt des Prozesses weiterzuführen, werden nach Frese als „Situation“ bezeichnet. „Als zur Situation gehörig kann alles verstanden werden, was nicht selbst den Charakter von Prozeß hat, wohl aber zu dessen Ablauf als vorausgesetzt notwendig hinzugedacht werden muß“ (Frese 1985: 59). Darüber hinaus ist die Orientierung über die jeweilige Situation von großer Bedeutung, was heißt, dass bestimmte realisierbare Handlungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden. Demgemäß kann Handlung als eine Brücke von einer Situation zu einer anderen durch Ausführung einer in der derzeitigen Situation vorhandenen Möglichkeiten charakterisiert werden (Frese 1985: 23 ff.).

3. Vergleich der Handlungstheorien von Alfred Schütz und Jürgen Frese

Beiden Theoretikern ist gemeinsam, dass sie die sprachliche Ebene und die Relevanz der kommunikativen Verständigung für das Handeln betonen. Des Weiteren definieren sowohl Schütz als auch Frese Verhalten und unterscheiden es von Handeln. Für Schütz bedeutet Verhalten eine spontane Aktivität und sobald dem Verhalten ein subjektiver Sinn zugeschrieben wird, wird es zu einem Handeln. Verhalten umfasst nach Frese beobachtbare Akte von Menschen wie zum Beispiel Reflexe, Muskelbewegungen, Wahrnehmungen etc. Demzufolge nimmt Frese an, dass das Verhalten nicht als umfassender Ausdruck für Erleben, Handeln und Sprechen eingeordnet werden kann (Frese 1985: 27 ff.).

Werden andere Aspekte der beiden Handlungstheorien in Betracht gezogen, tauchen Unter- schiede auf. Während Schütz Handeln Konstruktion von subjektiven Sinn erfasst, ist Freses Theorie zum Handlungsbegriff umfangreicher. Er differenziert zwischen Handeln und Gesche- hen, Verhalten, Erleben, Sprechen etc. Darüber hinaus greift er Handeln als Arbeit, als Markt oder als Sprache auf und zeichnet drei Dimensionen, die er wieder jeweils in vier Aspekte unterteilt, auf (Frese 1985: 92 ff.). Der Handlungsbegriff nach Frese zeichnet sich also nicht nur durch eine bestimmte Definition aus, sondern wird durch mehrere Beziehungen und Fak- toren erklärt.

Schütz trennt Handlung und Handeln voneinander ab und stellt fest, dass das Handeln durch den Entwurf einer bereits geschehenen Handlung entsteht, wobei Frese keine konkrete Diffe- renzierung von Handlung und Handeln vornimmt. Jedoch führt er ein Bespiel ein und klärt auf, dass das Unterlassen einer Handlung Handeln ist (Frese 1985: 90). Beim Betrachten des Sinnbegriffs lassen sich unterschiedliche Annahmen bezogen auf die Handlung feststellen. Nach Schütz steckt der Sinn des Handelns im Vorentwurf einer bereits abgeschlossenen Handlung im Hinterkopf und entsteht durch die Reflektion der im Bewusstsein gespeicherten Ereignisse (Schütz 1977: 79ff.). Im Gegensatz zu Schütz fasst Frese den Sinn einer Handlung so auf, dass in einer bestimmten gegebenen Situation an eine Handlung entweder andere Handlungen anknüpfen oder kommunikative Signale folgen (Frese 1985: 78). Schütz themati- siert Typisierung, wohingegen Frese Prozesse einführt. Schütz erwähnt Typisierung als Grundlage des intersubjektiven Verstehens im Alltag, wobei Frese diesbezüglich Prozesse erwähnt, in denen das gegenseitige Verstehen der Handlung geschieht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Alfred Schütz und Jürgen Frese. Ein Vergleich zweier Positionen mit Blick auf die Begriffe "Handeln", "Handlung" und "Situation"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fakultät für Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Soziologische Theorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
7
Katalognummer
V429284
ISBN (eBook)
9783668728844
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologische Theorien, Allgemeine Soziologie, Alfred Schütz, Jürgen Frese, Handlung, Handeln, Situation
Arbeit zitieren
Melike Kayan (Autor), 2017, Alfred Schütz und Jürgen Frese. Ein Vergleich zweier Positionen mit Blick auf die Begriffe "Handeln", "Handlung" und "Situation", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429284

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