Die Typologien Leben und Tod in Thomas Manns Novellen und Erzählungen am Beispiel "Tobias Mindernickel"

Inwiefern finden sich Manns Leben- und Tod-Typologien in dieser Novelle wieder?


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Erkenntnisinteresse

1. Die Typologien Leben und Tod in Manns Novellen und Erzählungen
1.1 Das Leben in seinen Werken
1.2 Der Tod in seinen Werken

2. „Tobias Mindernickel“
2.1 Figurenensemble
2.1.1 Tobias Mindernickel
2.1.2 Der Jagdhund „Esau“
2.2 Die Bildhaftigkeit in seinem Werk
2.3 „Tobias Mindernickel“ und „Johannes Friedemann“ - ein Vergleich
2.3.1 Physische Verfassung beider Protagonisten
2.3.2 Psychische Verfassung beider Protagonisten
2.4 Das Todesmotiv verursacht durch des Lebens Leid

Fazit und Erkenntnisse

Literaturverzeichnis

Einleitung und Erkenntnisinteresse

Sowohl das Leben als auch der Tod sind Begriffe oder gar Motive, die uns nicht nur in unserem Alltag begegnen. Auch werden diese Begriffe oftmals in literarischen Werken thematisiert und stellen gelegentlich gar die Hauptthematik eines Werkes dar. Es gibt viele verschiedene Herangehensweisen an dieses sensible Thema. Zum einen gibt es einige Autoren, die beispielsweise über den Tod und das Leben danach philosophieren sowie Möglichkeiten hinsichtlich der Umgangsweise dessen nennen. Andere verpacken diese Begriffe geschickt oder auch ganz offensichtlich in ihren Romanen, Erzählungen und Novellen. Hierzu gehört Thomas Mann, welcher sich stark durch Friedrich Nietzsche hat inspirieren lassen, da die Tragödie ihn als literarische Textgattung stark interessiert hat. Seit Nietzsche haben Tragödien eine abwärts bewegende Art, sie stellen quasi Niedergänge dar. Auch Mann schreibt über Niedergänge in Form von unglücklichen Lieben, inakzeptablen Neigungen, negativ konnotierte Zeitlichkeit, Krankheitsmotive sowie über den Tod. Das Wasser spielt bei ihm hier oftmals eine Rolle, da sie in bestimmten Szenen als Assoziation zum Tod und zur Sehnsucht führt. Dies ist ein dionysisches Element, welches er verwendet. Dionysische Elemente müssen dem Appolinischen gegenübergestellt werden bzw. müssen ergänzt werden, da wir Individuen brauchen. Grundsätzlich fungiert das dionysische Leben ergänzt durch das Apollinische als Grundprinzipien für das Leben im Gesamten. Manns Werk „Tobias Mindernickel“ ist eins von vielen seiner Werke, die tragisch enden. Sein Motiv des Todes verursacht durch des Lebens Leid scheint in seinen Werken typisch zu sein. Allerdings stellt sich hier die Frage, inwieweit sein typisches Motiv des Todes und auch des Lebens in seiner Novelle „Tobias Mindernickel“ verwendet wird, da es hier nicht der Protagonist ist, der stirbt, sondern sein Hund durch die Art des Protagonisten. Daher befasst sich diese Arbeit mit der Frage „Inwiefern finden sich Manns Leben- und Tod-Typologien in seiner Novelle „Tobias Mindernickel“ wieder?“. Um Erkenntnisse aus dieser Arbeit zu erzielen, wird sich diese zuerst mit den beiden genannten Typologien näher befassen. So wird es also darum gehen, das Leben sowie den Tod in seinen Werken näher zu beleuchten, um so eine Basis für den weiteren Verlauf dieser Arbeit zu schaffen. Danach befasst sich diese Arbeit direkter mit der oben genannten Novelle. Hier werden zuerst die Figuren Tobias Mindernickel und sein Jagdhund Esau dargestellt sowie dessen Beziehung zueinander. Anschließend wird sich der Bildhaftigkeit in seinem Werk gewidmet, worauf ein Vergleich zwischen Tobias Mindernickel und Johannes Friedemann folgt, da sich sowohl die physischen als auch psychischen Verfassung beiden Protagonisten vergleichen lässt und auch hier der Tod eine bedeutende Rolle spielt, was darauffolgend in dem Kapitel „Das Todesmotiv verursacht durch des Lebens Leid“ analysiert wird. Schlussendlich folgen das Fazit und die Erkenntnisse, die aus dieser Arbeit geschlossen werden konnten.

1. Die Typologien Leben und Tod in Manns Novellen und Erzählungen

Wie einleitend bereits erwähnt sind die Typologien Leben und Tod in Manns Novellen und Erzählungen sehr präsent. Für die weitere Analyse ist es daher wichtig, diese beiden einmal näher zu beleuchten, um eine Basis zu schaffen, die zeigt, wie der Autor sie in seinen bisherigen Novellen und Erzählungen größtenteils verwendet hat. Das folgende Unterkapitel beginnt mit der Typologie Leben in seinen Werken.

1.1 Das Leben in seinen Werken

Das Leben in den Werken des Autors wird zweispaltig dargestellt, wobei hier nicht zwingend zwischen Positivismus und Negativismus differenziert werden muss. Ein Beispiel hierfür bildet seine letzte abgeschlossene Erzählung „Die Betrogene“, in der es hauptsächlich um den Begriff der Zeitlichkeit geht. Das Leben umfasst nicht nur das Leben der Figur bzw. der Figuren, sondern auch dessen Umfeld. Die Protagonistin Rosalie von Tümmler schwärmt für die Natur, während ihre Tochter Anna nicht so denkt.[1] Sie findet sich viel mehr in der Malerei wieder. Rosalie lernt einen Mann namens Ken Keaton kennen, der viel jünger als sie selbst ist. Ihre Periode blieb zu dem Zeitpunkt bereits seit Monaten aus, doch plötzlich tritt diese wieder ein, was sie sich durch die Liebe zu dem jungen Ken erklärt. Sie fühlt sich wieder jung und schöpft Hoffnung.[2] Mann beschreibt die Umgebungen der Figuren meist sehr detailliert. In dieser Erzählung wirkt der Schlossbesuch durch die Beschreibungen des Autors innen wie eine Todesmetapher, während er den Außenbereich nahezu idyllisch beschreibt.[3] Letztlich stellt sich heraus, dass sie an Krebs erkrankt ist und dies die wahrliche Ursache für ihr Bluten ist. Sie hat sich durch die Liebe zu Ken so sehr blenden lassen, dass sie nicht merkte, dass sie krank war und es nicht daran lag, dass sie durch die Liebe zu einem jüngeren Mann verjüngt wurde. Sie lebte nur noch wenige Wochen. Auch spielen unglückliche Lieben innerhalb Manns Novellen und Erzählungen eine große Rolle, die das Leben des Protagonisten stark prägen. „Der kleine Herr Friedemann“, eine weitere Novelle Manns, zeigt eben dies sehr deutlich. Johannes Friedemann, welcher innerhalb der Novelle zum Waisen wird, verliebt sich in Gerda, eine wohlhabende Frau, die an den Oberstleutnant von Rinnlingen vergeben ist. Bei Johannes entsteht Hoffnung, da sie mit ihm musizieren möchte, wofür sie ihn zu sich einlädt.[4] Dort gesteht er Gerda seine Liebe. Hier nimmt sein Leben eine letzte Wendung, indem er nach dieser Offenbarung gedemütigt wird, da sie ihn verachtend lachend zurückstoßt und geht. Somit geht auch Friedemanns letzter Lebenswille, weshalb er sich darauffolgend am Flussufer zu Boden stürzt, seinen Kopf ins Wasser fallen lässt und stirbt.[5]

1.2 Der Tod in seinen Werken

Das Leben beinhaltet selbstredend auch den Tod, weswegen im vorigen Kapitel bereits etwas darauf eingegangen werden konnte. Es zeigt sich bisher also, dass die meisten Protagonisten bereits vorgeschädigt sind; sei es physisch als auch vor allem psychisch durch eine prekäre Kindheit, in der bereits Elternteile oder sogar beide Eltern gestorben sind oder aber auch in der der Protagonist keine triviale Kindheit hatte. Ihr Leben wird in Manns Werken abgerundet, in dem sie temporär Glück und Hoffnung schöpfen, zum Ende ihres Lebens aber bitter enttäuscht werden, wodurch sie entweder gefühlskalt werden oder sich ihr Leben nehmen. Seine Erzählungen und Novellen haben zum größten Teil also eine tragische Anrüchigkeit, woraus hier erneut der Bezug zu Nietzsche und seinem Begriff der Tragödie gezogen werden kann. Manchmal steht der Tod innerhalb einer Novelle oder Erzählung Manns so sehr im Fokus, dass sie bereits durch metaphorische Mittel ein großer Teil der erzählten Welt werden. Auch hier bietet sich seine Erzählung „Die Betrogene“ als ein passendes Beispiel an. Die Protagonisten Rosalie von Tümmler entdeckt schwarze Schwäne, sog. Trauerschwäne, die sie bis zum ihren Tod nicht mehr vergisst.[6] Hätte Mann hier das Leben fokussiert, hätte er vermutlich weiße Schwäne gewählt. Auch verschwindet sie mit Ken Keaton ohne der Besuchergruppe während der Schlossbegutachtung in einen geheimen Raum, welchen Mann als „Grabe“[7] mit „Totenluft“[8] beschreibt. Mann verwendet hier also ganz direkte Begriffe, bei denen es dem Leser nicht schwerfällt, sich diesen Gang bildlich mit all seinen Gerüchen vorzustellen. Hier können Rosalie und Ken dem Tod „entfliehen“, doch noch am selben Abend wurde die Diagnose bezüglich Rosalies Krebserkrankung gestellt, woraufhin es keine Hoffnung mehr gab und sie sterben musste. Auch in anderen Novellen oder Erzählungen Manns werden gänzlich zufriedene Protagonisten eher weniger beachtet. Beispielsweise in Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ geht es um den 50-jährigen Schriftsteller Aschenbach, welcher sich Hoffnungen durch seine Reiseziele verschafft. Aschenbach hat inakzeptable Neigungen, die auf seinem Aufenthalt in Venedig zur Geltung kommen. Er verfolgt einen Jungen täglich, um ihm so nah wie möglich zu sein. Durch eine zufällige Begegnung mit diesem ihn anlächelnden Jungen hält Aschenbach seine Gefühle für Liebe.[9] Während Mann hiermit Hoffnung beim Protagonisten schafft, wird Ekel beim Leser erzeugt. Aschenbach ist verblendet durch die Liebe zu diesem Jungen, weshalb ihm die Seuche im Land egal zu sein scheint. Sein letzter Gedanke gilt dem Jungen innerhalb eines Traums, bevor er, vermutlich an den Folgen der Seuche, stirbt.[10]

2. „Tobias Mindernickel“

Das folgende Kapitel widmet sich Manns Novelle „Tobias Mindernickel“, wofür sich zunächst dem Figurenensemble bestehend aus dem gleichnamigen Protagonisten und seinem Jagdhund Esau gewidmet wird. Der Jagdhund wird hier als alleinstehende Figur genannt, da dieser eine eminente Rolle in der Handlung darstellt.

2.1 Figurenensemble

Das Figurenensemble wird aus dem Grund in dieser Arbeit thematisiert, da das Leben sowie der Tod hinsichtlich der Figuren innerhalb der Novelle größtenteils anhand der Figuren selber am besten zu betrachten ist. Bereiche, wie das Umfeld oder die Umgebung innerhalb der erzählten Welt, reichen hierfür nicht, diese werden allerdings nicht gänzlich ignoriert, sondern vor allem in Kapitel 2.1 thematisiert, in dem es um die Bildhaftigkeit in seinem Werk geht.

2.1.1 Tobias Mindernickel

Zunächst fällt die Namensgebung des Protagonisten auf, für die sich Mann entschieden hat. Mann ist bekannt dafür, dass er seinen Figuren spezielle Namen gibt, die vor allem oftmals sehr zutreffend hinsichtlich der Persönlichkeit der Figur sind. Der Wortstamm als Teil der linguistischen Morphologie kann hier näher betrachtet werden, so bilden sich die Wortstämme Minder und Nickel, also Minder•Nickel. Das erste Stammmorphem, also „minder“, kann genauer beleuchtet werden. „Minder“ lässt sich direkt mit dem Wort „minderwertig“ assoziieren, was sich in der Figurenpersönlichkeit des Tobias Mindernickels widerspiegeln lässt. Weiter lässt sich der Begriff „minderwertig“ durch denselben Lexemverband auf „Minderwertigkeitskomplex“ erweitern, was sich nicht nur in seiner Persönlichkeit, sondern auch in seinem Phänotyp erkennen lässt:

„Das Äußere Mindernickels ist auffallend, sonderbar und lächerlich. Sieht man beispielsweise, wenn er einen Spaziergang unternimmt, seine magere, auf einen Stock gestützte Gestalt sich die Straße hinaufbewegen, so ist er schwarz gekleidet, unzwar vom Kopfe bis zu den Füßen. Er trägt einen altmodischen geschweiften und rauhen Cylinder, einen engen und altersblanken Gehrock und in gleichem Maße schäbige Beinkleider, die unten ausgefranst und so kurz sind, daß man den Gummieinsatz der Stiefelletten sieht.“[11]

[...]


[1] Mann, Thomas. Die Betrogene und andere Erzählungen. 6. Auflage: August 1998. Fischer Taschenbuch Verlag. August 1991, Frankfurt am Main. S.171

[2] Ebd. S.214

[3] Ebd. S.232 ff.

[4] Mann, Thomas. Der kleine Herr Friedemann. In: Frühe Erzählungen 1893-1912. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. 3. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag. Oktober 2016, Frankfurt am Main. S.109

[5] Ebd. S.118 ff.

[6] Mann, Thomas. Die Betrogene und andere Erzählungen. 6. Auflage: August 1998. Fischer Taschenbuch Verlag. August 1991, Frankfurt am Main. S.241

[7] Ebd. S.237

[8] Ebd.

[9] Mann, Thomas. Der Tod in Venedig. In: Frühe Erzählungen 1893-1912. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. 3. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag. Oktober 2016, Frankfurt am Main. S.555

[10] Ebd. S.592

[11] Mann, Thomas. Tobias Mindernickel. In: Frühe Erzählungen 1893-1912. In der Fassung der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe. 3. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag. Oktober 2016, Frankfurt am Main. S.181

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Typologien Leben und Tod in Thomas Manns Novellen und Erzählungen am Beispiel "Tobias Mindernickel"
Untertitel
Inwiefern finden sich Manns Leben- und Tod-Typologien in dieser Novelle wieder?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V429292
ISBN (eBook)
9783668729308
ISBN (Buch)
9783668729315
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Tobias Mindernickel, Leid, Leben, Tod
Arbeit zitieren
Justine Vivian Prentki (Autor), 2017, Die Typologien Leben und Tod in Thomas Manns Novellen und Erzählungen am Beispiel "Tobias Mindernickel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429292

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