Umgang mit Multikulturalität. Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot"


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Erkenntnisinteresse

2. Klärung von Begrifflichkeiten
2.1 Was ist Multikulturalität?

3. Feridun Zaimoglus „Liebesmale, scharlachrot“
3.1 Biographien
3.1.1 Serdar
3.1.2 Hakan
3.2. Serdars Verständnis von Multikulturalität in Bezug auf Deutschland und die Türkei
3.3 Hakans Verständnis von Multikulturalität in Bezug auf Deutschland und die Türkei
3.4 Vergleich
3.5 Parameter des Erzählens – wer erzählt?

5. Fazit und Erkenntnisse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Erkenntnisinteresse

Feridun Zaimoglu ist ein in Kiel lebender Schriftsteller, Künstler und Autor. Er ist bekannt für in seiner Literatur angewendeten Kanak Sprak, welche als Ausdruck für eine soziale Identität zu dienen mag. Die Kanak Sprak wird meistens von türkischstämmigen Jugendlichen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration gesprochen, welche mit zum einen türkischer und zum anderen mit deutscher Sprache aufgewachsen sind. Diese Sprache war bislang ein nicht wegzudenkendes Werkzeug Zaimoglus. In Liebesmale, scharlachrot wird diese jedoch nicht mehr so hart angewendet wie in all seinen Werken davor.

Liebesmale, scharlachrot ist der erste Roman, den Feridun Zaimoglu verfasste. Es handelt sich um eine in einen Briefroman verpackte Liebesgeschichte des Deutschtürken Serdars. Alsbald er seine Eltern an der türkischen Ägäis besucht, versucht er hier über sein chaotisches (Liebes-)Leben in Ruhe nachzudenken und seinem Lebensstil Ordnung und Struktur zu verschaffen, wobei ihn sein Freund Hakan mittels Briefkontakt zu unterstützen versucht. Doch auch in der Türkei entstehen für Serdar neue Probleme, die seine alten Turbulenzen bislang nur verschlimmern.

Spannend an diesem Roman scheint der Aspekt, welche große Rolle Multikulturalität spielt. Serdar und Hakan, die beiden Hauptprotagonisten dieses Briefromans, sind als Deutschtürken zu verstehen, wodurch sowohl Deutschland als auch die Türkei eine besondere Rolle für beide spielt. Aufgrund dessen beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage, wie Serdar und Hakan mit ihrem Anspruch auf Multikulturalität umzugehen versuchen.

2. Klärung von Begrifflichkeiten

Um sich mit der Frage nach Multikulturalität folglich auseinandersetzen zu können, muss vorab geklärt werden, was unter dem Begriff der Multikulturalität überhaupt zu verstehen ist.

2.1 Was ist Multikulturalität?

Multikulturalität bedeutet kulturelle Vielfalt und somit das Vorhandensein von Einflüssen mehrerer Kulturen.[1] Allerdings setzt das Vorhandensein von Einflüssen mehrerer Kulturen nicht voraus, dass diese miteinander verschmelzen. Vielmehr hat Multikulturalität das Ziel, dass diese innerhalb einer Gesellschaft nebeneinander bestehen. Darüber hinaus bedeutet es, dass ein jeder, der sich als multikulturell bezeichnet oder zumindest den Begriff der Multikulturalität bejaht, verstanden hat, dass es ohne den Menschen keine Kulturen gäbe. Das Entstehen jeder Kultur ist verursacht durch den Menschen. Ist diese Erkenntnis bekannt dient sie als Voraussetzung für alles, was auf ihr aufbaut. Hierzu gehört ebenso der Wille, die „fremde“ Kultur zu akzeptieren und zu tolerieren als auch zu respektieren und summa summarum zu verstehen.

Multikulturalität bedeutet also etwas, was viel mehr voraussetzt und ist als das bloße Tolerieren von anderen Kulturen.

3. Feridun Zaimoglus „Liebesmale, scharlachrot“

3.1 Biographien

Serdar und Hakan pflegen eine wunderbare Freundschaft. Das Interessante darin ist, dass beide fast keine Ähnlichkeiten miteinander haben.

In diesem Kapitel soll das Leben der beiden Hauptprotagonisten chronologisch dargestellt werden, soweit Zaimoglus Roman „Liebesmale, scharlachrot“ Kenntnis darüber gibt. Die Darstellung beider Biographien dient dem besseren Verständnis für die nachfolgende Analyse in Hinblick auf deren Anspruch auf Multikulturalität, beginnend mit dem ersten Hauptprotagonisten Serdar.

3.1.1 Serdar

Serdar ist einer der Hauptprotagonisten in Zaimoglus Werk „Liebesmale, scharlachrot“. Er verfügt über die Allgemeine Hochschulreife und ist im Allgemeinen sehr an Malerei und Literatur interessiert. Letzteres hängt vor allem mit seiner Vorliebe für Haiku-Gedichte zusammen, die er gerne selbst verfasst. Haiku-Gedichte sind kleine, dreizeilige Gedichte, dessen Form aus dem Japanischen stammt. Darüber hinaus hat sich Serdar für ein Studium entschieden, welches er jedoch wieder abgebrochen hat. Ein durchaus bedeutender Aspekt, der nicht außen vorgelassen werden darf, ist seine Beliebtheit bei Frauen. In Deutschland ist er sehr erfolgreich bei ihnen, worauf er auch sehr stolz zu sein scheint.

3.1.2 Hakan

Hakan ist der zweite der beiden Hauptprotagonisten in Zaimoglus Werk „Liebesmale, scharlachrot“. Er ist Serdars bester Freund, jedoch haben sie fast keine Ähnlichkeiten miteinander, was normalerweise vermuten lässt, dass zwei Menschen wie Serdar und Hakan nicht als Freunde zusammenfinden würde. Aber eventuell ist es auch die Gegensätzlichkeit, die diese Freundschaft so lebendig und spannend macht. Im Gegensatz zu Serdars Bildung erfährt man nichts über Hakans Bildungsweg. Auch hat er keine Arbeit, was zudem durchaus mit dem Aspekt zusammenhängt, dass Hakan sich weigert, „ganz unten“ als „Ganztagsbimbo“ zu arbeiten, da er Beschäftigung dieser Art als sinnlos bezeichnet. Ebenfalls anders als Serdar hat Hakan keinen Erfolg bei Frauen.

3.2. Serdars Verständnis von Multikulturalität in Bezug auf Deutschland und die Türkei

Serdar versucht aufgrund seiner Herkunft, nämlich der Türkei, und dem Ort, wo er aufgewachsen ist, nämlich Deutschland, mit dem Anspruch auf Multikulturalität umzugehen. Diesem Anspruch zu entsprechen entspricht keiner simplen Aufgabe, dessen Problem mit der Gastarbeitergeneration in Deutschland zu verknüpfen ist. In den 50er Jahren wurde von der Gastarbeitergeneration gesprochen. Sie sind meist türkische Zuwanderer, die Deutschland nach dem 2. Weltkrieg halfen, Deutschland wiederaufzubauen. Ursprünglich sei geplant gewesen, dass diese nach ihrer Hilfe wieder in ihr Heimatland kehren, dies blieb in den meisten Fällen jedoch aus. Somit sind vor allem viele Türken in Deutschland geblieben und alt geworden. Hieraus resultierten also eine zweite Generation und eine dritte Generation. Da sie in Deutschland bereits sesshaft geworden waren, wurde die Türkei für sie vielmehr ein Urlaubsort. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass sie ihre Herkunft verdrängt haben. Mit den Türken wurde Deutschland auch reicher an türkischen Traditionen.

Zum Zeitpunkt des ersten Briefes, welchen Serdar an Hakan schreibt, befindet sich Serdar in der Türkei. Er ist für einige Wochen in die Türkei geflogen, um dort seine Eltern an der Ägäis zu besuchen. Hier hat der in Kiel lebende Deutschtürke die Hoffnung, wieder zu sich selbst zu finden und herauszufinden, was er eigentlich in Bezug auf sein Frauenproblem möchte und wie es dieses zu lösen gilt.

„Du weißt, ich musste fliehen aus Kiel, weil mir die Frauen im Nacken saßen. Du hast ja noch mitbekommen, wie Anke sich in mich verkrallen wollte, und wie Dina mich nicht mehr gehen ließ.“[2]

Wie bereits beschrieben ist Serdar sehr beliebt bei den Frauen. Doch das Zitat macht deutlich, dass ihn diese Art von Ruhm zu schaffen macht. So wird dieses Problem zur Hauptthematik in „Liebesmale, scharlachrot“.

Weiterhin schreibt Serdar seinem Freund über seine Erektionsprobleme, welche ihm, sobald er in die Türkei zu seinen Eltern gereist war, vorhanden waren. Für einen Frauenhelden wie Serdar ist dies eine untragbare Strafe, mit welcher er nicht umzugehen weiß.

Du weißt, was für eine unmenschliche Strafe das für mich ist, für mich den man nördlich der Elbe `den Löwen von Istanbul‘ nannte.“[3]

Für Serdar ist die Reise zu seinen Eltern in die Türkei entgegen seiner Erwartungen keineswegs erholend. Somit stellt sich die Frage, ob sich die Türkei als Herkunftsort für Serdar als Heimatort zugleich erweist oder welcher Ort sonst heimische Kriterien erfüllt.

Weiterhin schreibt Serdar in seinem Brief an Hakan, dass er an dem heimischen Gefühl, welches er scheinbar in der Türkei erwartet hatte, zweifelt.

„Ich frage mich also, was ich Bauernlümmel mit der Gnade der späten Bildung eigentlich hier zu suchen habe, ob ich, wenn nicht meine Klasse, die auf der Strecke zwischen Ackerland und Fabrikhalle krepierte, so doch irgendeine marginale Zugehörigkeit verrate. Ich fühle mich wie ein Luxuskümmel in einer Hartschalenwelt, oben Sonne, unten Sand, und mein Arsch schwebt und schwebt, ein Ballon in den Gefilden aus Furzluft.“[4]

Dieses Zitat Serdars beschreibt die Unterschiede zwischen dem gewohnten Deutschland und der ungewohnten, fast fremden Türkei. Er beschreibt sich selbst als Luxuskümmel und nimmt hiermit Bezug auf den Ort, in dem er aufgewachsen ist, nämlich Deutschland, und verkörpert Deutschland als ein Land der Moderne. Im Gegenzug spricht er von einem negativ konnotierten Ackerland sowie einer Fabrikhalle und gar Hartschalenwelt, womit er Bezug auf die Türkei nimmt, welche ihm im Gegensatz zu Deutschland traditioneller erscheint. Er selbst sieht sich irgendwo dazwischen als eine Art Ballon „in den Gefilden aus Furzluft“, also als ein etwas ohne jegliche Standfestigkeit, als ein jemand ohne Boden unter den Füßen in einer schönen Landschaft umgeben von einer großen Methanwolke. Vieles in dem Zitat klingt paradox, ist dennoch lediglich ein Hinweis auf den Zwiespalt in Hinblick auf Multikulturalität, mit welcher Serdar umzugehen versucht.

Die traditionelle Art und Weise, die er in der Türkei erfährt, spiegelt sich deutlich in seinen dort lebenden Eltern wider. So präsentiert seine Mutter das Bild einer typischen Hausfrau und sein Vater das Oberhaupt der Familie. Kochen gilt normalerweise als eine Aufgabe der Frau, das Grillen jedoch scheint zu den Tätigkeiten des Mannes in der Türkei zu gehören. Serdars Aufgabe war es, drei Fische (Goldbrassen) auf einem Elektrogrill zu grillen, jedoch fehlte ihm reichlich an Kenntnis. Anstatt die Fische auf den Grill zu legen, legte er diese direkt auf die Heizspirale, sodass sie verbrannten.

„Mir wurde die Lufthoheit über den heimatlichen Elektrogrill anvertraut, ich legte jedoch die drei Goldbrassen direkt auf die Heizspirale statt auf den Grill, sodass die Scheiß-Fische aussahen wie Pferdesteaks mit frisch aufgedrucktem Hieroglyphen-Brandmal. Mein Vater sagte: „Das ist mein Sohn, wie er leibt und lebt, Junggeselle, Phantast und hirnloser Fischverunstalter. Wann endlich wird er Frieden finden auf dem Erdenacker, den die gottlosen Ignoranten ihren Glücksplaneten nennen und den alle Geschöpfe, auch Deutschländer und verbrannte Fische, einst verlassen müssen.“[5]

Serdar selbst beschreibt dieses Erlebnis gegenüber seinem Freund Hakan als eine „Story in Sachen Schadenfreude“. Allerdings scheint er seine Enttäuschung über sich selbst hinter seiner gewitzten Art des Schreibens zu verstecken. Er scheiterte vor den Augen seines Vaters bei dem Versuch, etwas typisch Traditionelles, Türkisches zu tätigen. Nach dieser Erzählung weicht Serdar direkt aus und erzählt von seinem Horoskop. Aller Voraussicht nach scheint Serdar erkannt zu haben, dass er kein Türke in Gänze sein kann.

3.3 Hakans Verständnis von Multikulturalität in Bezug auf Deutschland und die Türkei

Kanake, ein Etikett, das nach mehr als 30 Jahren Immigrationsgeschichte von Türken nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den ‚Gastarbeiterkinder‘ der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen.“[6]

Wie bereits beschrieben ist Hakan als Gegenbild von Serdar zu bezeichnen, so gilt es, ihn als ‚harten, rauen Kanaken‘ zu betrachten, welcher stets unverfroren ist, sein obszönes Mundwerk zu benutzen. Im Gegensatz zu Serdar gehören in „Liebesmale, scharlachrot“ traditionelle Aspekte bezüglich der Türkei zu dem Leben und somit zum Alltag des ebenfalls in Deutschland wohnhaften Hakans. Auf Serdars ersten Brief folgend, antwortet Hakan, in dem er deutlich zeigt, wie seine Identität seiner Meinung nach zu definieren ist und wie ‚schwanzlos‘ Serdar sich in der Türkei verhält. Dazu gehört zum einen die Tatsache, dass Hakan in Serdars Position viele Perversitäten nachgehen würde und schlicht das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen genießen würde. Prinzipiell macht er sich über Serdar lustig, weil dieser sich Hakans Empfinden nach generell zu viele Gedanken macht.

Was deine Schwanzlosigkeit angeht, so kann ich nur sagen, du solltest dir nicht einbilden, in good old Turkey sei irgendetwas anders an deinem Körper – den hast du doch mitgenommen, du Depp. Es kann sich also nur in deinem kranken Hirn abspielen, was da irgendwie lahm gelegt wird (…) Es kann doch nicht angehen, dass du hier im Norden rumvögelst wie n Wikinger und dann in der schönen Wärme, wo das Wetter auch nachts gut genug ist für ne hübsche Nummer mit ner hübschen Mieze, dass du bei so guten klimatischen Bedingungen klimaktische Probleme hast.“[7]

Hakan macht sich ab und an nicht nur über Serdar lustig, sondern auch über die ‚Alemanheios‘, womit seine deutschen Freunde bzw. die Deutschen generell gemeint sind. Er findet es nämlich höchst interessant, dass viele von ihnen sofort ans Meer fahren, sobald ein Sonnenstrahl zu sehen ist. Für Hakan erscheint das etwas verrückt, da er die Sonne in der Türkei in großem Ausmaß kennt und normalerweise nicht zum Strand gehen würde, wenn nur ein winziger Sonnenstrahl durch die Wolkendecke durchdringt. Dennoch geht er mit seinen Freunden mit an die Ostsee zum FKK-Strand. An diesem Ort geschieht etwas, was vermuten lässt, dass er Serdar damit etwas aufziehen möchte. Er beschreibt ihm ganz ausführlich, wie sehr er nicht unter Erektionsproblemen leidet. Als andere auf seine Erektion aufmerksam wurden, brach ein großes Gelächter aus, weshalb Hakan kurz darauf den Strand verließ. Daraufhin äußert er etwas, was seine Identität widerspiegelt sowie sein Anspruch auf Multikulturalität.

„…dann dachte ich mir: Was soll ich mich schämen? Wenn sich Kulturen unterscheiden, dann eben in Pint- und nicht in Pigment-Angelegenheiten, dann bin ich eben der Scheißbimbo, der sich und seine Körperteile nicht unter Kontrolle hat, scheiß drauf. Jeder von uns Moguffen tummelt sich ja irgendwie in Stammesnähe. Das darf aber auf keinen Fall für dich und deinesgleichen gelten (…) du bist nur Kopf.“[8]

Aus seiner Erektion und den Reaktionen um ihn herum schließt er, dass es bei kulturellen Unterscheidungen vielmehr um Pint-Angelegenheiten als um Pigment-Angelegenheiten gehe. Pint-Angelegenheiten sind Angelegenheiten, die sich auf das männliche Geschlechtsteil beziehen und Pigment-Angelegenheiten betreffen die unterschiedlichen Hautfarben von Menschen unterschiedlicher Kulturen.

3.4 Vergleich

Im Anschluss an dem eben genannten Zitat stellt Hakan eine markante Unterscheidung zwischen ihm und Serdar dar. Bei Serdar ist es eine Problematik des Kopfes bezogen auf seine komplex vernetzten Gedanken, quasi ein Mann der Worte, ein ‚Assimil-Ali‘. Und Hakan sieht sich selbst als ‚Kanakster‘ und zeigt so seine starke Verbundenheit zu der Türkei.

Auffällig ist, dass Hakan in der Türkei etwas Schönes sieht, sogar Heimat. Oftmals nimmt er in Deutschland Bezug auf die Türkei, dies wird bereits deutlich, als er von seiner Identität zu schreiben versucht. In Deutschland fühlt er sich ebenfalls wohl, jedoch sind seine türkischen Wurzeln fest in ihm verankert, türkische Traditionen befürwortet er größtenteils. Serdar hingegen hat in der Türkei nicht das Heimatsgefühl erfahren dürfen, was er sich vermutlich erhofft hatte. Vielmehr muss er feststellen, dass er nirgends wirklich zu Hause ist, da er in beiden Ländern Traditionen und Verhaltensweisen aufweist, die zu dem jeweiligen anderen Land gehören.

3.5 Parameter des Erzählens – wer erzählt?

Zuerst gilt es eine Unterscheidung zwischen dem Autor und dem Erzähler vorzunehmen. Beide stellen zwei Instanzen dar, welche sich auf literarische Kommunikation beziehen.[9] Der Erzähler ist fiktiv, auch wenn dieser viele Parallelen zum Autor aufweist. Jede Geschichte hat einen Erzähler, wodurch dieser möglicherweise das wichtigste Formprinzip von Erzähltexten darstellt.[10] Die Erzählkonstellation kann um beliebig viele Aspekte erweitert werden, wobei sich diese Arbeit auf fünf Parameter des Erzählens beschränkt. Hierzu gehören die Darstellungen des Erzählens, das Verhältnis zwischen dem Erzähler und der erzählen Welt, das Verhältnis zwischen dem Erzähler und den Erzählebenen, das Verhältnis zwischen dem Erzähler und dem Geschehenszeitpunkt sowie die Darstellung des Adressaten.[11] Der Erzähler in Zaimoglus Briefroman „Liebesmale, scharlachrot“ wird explizit dargestellt, da der Erzähler bzw. die Erzähler Aussagen tätigen, die sich auf sich selbst beziehen, so verwendet er für die Selbstdarstellungen Personalpronomen wie „ich“ oder „wir“. Zugleich kann hier von einem overt narrator, also von einem offenen Erzähler gesprochen werden, da die Briefe, die natürlich auch Monologen ähneln, gewisse Persönlichkeitsprofile aufweist. Der Leser kann sich hier stark angesprochen fühlen. Darüber hinaus können weitere Angaben zu den Erzählern gemacht werden, da diese zeitgleich über fiktive Rollen in „Liebesmale, scharlachrot“ verfügen. So lässt das Buch wissen, wie viele Erzähler es gibt, welchen Namen sie tragen und was sie mehr oder weniger auszeichnet. Die beiden Hauptprotagonisten sind Serdar und Hakan sind sozusagen auch die Haupterzähler, da die meisten Briefwechsel zwischen den beiden genannten stattfinden. Da sich diese Arbeit ausschließlich mit Serdar und Hakan beschäftigt, wird in der Erzähltextanalyse ausschließlich Bezug auf eben solche genommen. Wir erfahren also Angaben zu deren Geschlecht, zu der aetas, also zu der Lebensphase, in der sich die Erzähler befinden, sowie über deren Nationalität, Merkmale derer Körperbeschaffenheiten, Vorlieben und Neigungen und vieles mehr. Die Erzähler berichten in schriftlicher Form und wählten hierfür das Medium Brief als Narrationsweise, da sich diese zum Zeitpunkt des Schreibens in zwei unterschiedlichen Ländern befinden. Somit ist davon auszugehen, dass der Briefverkehr mehrere Wochen anhält. Die Briefe ähneln schon stark Erlebnisbriefen, welche jedoch nicht (nur) für sich selbst bestimmt sind, um möglicherweise die Geschehnisse aufzuarbeiten wie im Medium Tagebuch, vielmehr sind die Briefe an seinen besten Freund adressiert. Dies hat zum einen eine phatische Funktion, das bedeutet, dass es dank der Briefform direkte Leseransprachen gibt, andererseits gibt es ebenfalls eine konative Funktion, vor allem in Bezug auf Hakan, da dieser auf seinen Adressaten, nämlich Serdar, Einfluss nehmen möchte, um zu helfen. Um zunächst auf die ontologische Bestimmung einzugehen, muss geklärt werden, wie das Verhältnis zwischen den Erzählern und der erzählten Welt zu beschreiben ist. Da sowohl Hakan als auch Serdar Teil der erzählten Welt sind und somit als Figuren innerhalb der Geschichte auftauchen, ist dies als homodiegetisch zu beschreiben. Da Serdar und Hakan aber zugleich die Hauptprotagonisten darstellen, kann hier sogar von autodiegetischen Erzählern gesprochen werden. Dies ist eine Sonderform des homodiegetischen Erzählers. Um als nächstes auf das Verhältnis zwischen den Erzählern und den Erzählebenen einzugehen, gilt es zu klären, ob die Erzähler selbst Gegenstand einer Erzählung oder einer erzählten Erzählung sind oder ob sie außerhalb der Gesamterzählung zu finden sind. Da diese selbst von ihren Erlebnissen in ihren an ihren Freund adressierten Brief erzählen, ist davon auszugehen, dass sie intradiegetische Erzähler sind, da sie selbst zum Gegenstand der Erzählung werden. Der Geschehenszeitpunkt ist hingegen nicht ganz so leicht zu analysieren, da die meisten Erzählungen auf ein vergangenes Geschehen Bezug nehmen (retrospektives Erzählen), allerdings gibt Hakan seinem Freund Serdar einige Hilfestellungen, die es zukünftig zu bewältigen gilt, sofern Serdar diese beherzigt. Somit blickt eine Erzählung auf ein zukünftiges, mögliches Geschehen voraus, sodass hier ebenfalls von einem prospektiven Erzählen gesprochen werden kann. Zuletzt beschäftigt sich diese Arbeit mit der Darstellung des Adressaten bzw. in diesem Fall der Adressaten. Die hier vorliegende Kommunikationssituation ist an dem Medium Brief gebunden. Das bedeutet, dass sich das Ich des Erzählers an einen Adressanten wendet, welcher vorab bestimmt ist. Wenn also der Erzähler einen Brief schreibt, ist davon auszugehen, dass der vorab bestimmte Adressat diesen Brief erhalten, lesen und gegebenenfalls darauf antworten wird.

[...]


[1] www.duden.de/rechtschreibung/Multikulturalitaet

[2] Zaimoglu, Feridun. Liebesmale, scharlachrot. 1. Auflage. Kiepenheuer und Witsch Verlag. Köln 2002. S.9

[3] Ebd. S.12

[4] Ebd. S.19

[5] Ebd. S.16

[6] Ebd. S.9

[7] Ebd. S.20 ff.

[8] Ebd. S.26 ff.

[9] Lahn, Silke. Meister, Jan Christoph. Einführung in die Erzähltextanalyse. 2. Auflage. J.B. Metzler Verlag. Stuttgart und Weimar 2013. S. 61

[10] Ebd. S.62

[11] Ebd. S.62

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Umgang mit Multikulturalität. Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V429298
ISBN (eBook)
9783668752825
ISBN (Buch)
9783668752832
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feridun Zaimoglu, Liebesmale, scharlachrot, Literatur, Protagonisten, Multikulturalität
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Justine Vivian Prentki (Autor:in), 2016, Umgang mit Multikulturalität. Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429298

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