Erzählen um zu überleben. Interpretationen der Rolle Scheherazades


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
28 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kurze Textgeschichte
2a Antoine Galland und die „Galland“-Handschrift
2b Scheherazade im Westen

3. Inhaltsangabe der Rahmengeschichte

4. Analyseansätze der Rolle Scheherazades

5. Das doppelte Geschwisterpaar: Fedwa Malti-Douglas´ Interpretation der Rahmengeschichte

6. Abgründe und Labyrinthe des Erzählens

7. Literaturangabe

1. Einleitung

Die Idee des Unendlichen ist aus dem gleichen Stoff wie Tausendundeine Nacht.

Jorge Luis Borges1

Viele große Werke der Weltliteratur teilen das Schicksal von Tausendundeiner Nacht, nämlich jenes, dass fast jeder um ihren Titel weiß und einige auch Angaben zum Inhalt geben können, aber fast niemand sie vollständig, wenn überhaupt gelesen hat. So geht es der Göttlichen Komödie, dem Don Quijote, dem Ulysses und etlichen anderen Werken. Doch während es bei den zuletzt genannten im Grunde kein Problem darstellt, sie vollständig zu lesen, hat der entschlossene Leser, der sich den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht widmen will, ein Problem: es gibt keinen Urtext und es ist bis heute nicht klar, welche Geschichten ursprünglich zu der Textsammlung gehörten und welche später hinzugefügt wurden. Man könnte sein Leben damit verbringen alle Versionen von Tausendundeiner Nacht zu lesen und zu vergleichen - einige bewundernswerte Wissenschaftler tun dies. Diese Arbeit steuert lediglich einige Inseln im unendlichen Meer der Geschichten an und nimmt als Textquelle nur die arabische Handschrift, die Antoine Galland als Vorlage für seine überaus erfolgreiche Übersetzung ins Französische 1705 gedient hat. Muhsin Mahdi hat diese Handschrift 1984 in einer kritischen Edition veröffentlicht, in der er den ursprünglichen arabischen Text vorlegt und unklare Stellen zu entschlüsseln versucht. Es liegt damit eine Version von Tausendundeiner Nacht vor, die weitgehend frei von den westlichen Einflüssen ist, die im Laufe der Zeit, vor allem durch die Gallandsche Übersetzung, auf sie einwirkten. 2004 ist eine sehr gut lesbare deutsche Übersetzung dieser arabischen Handschrift von Claudia Ott im Beck-Verlag erschienen. Die Zitate in dieser Arbeit werden auf deutsch und arabisch aus diesen gerade genannten Quellen angegeben. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Figur der Scheherazade und die verschiedenen Interpretationen, die sie hervorgerufen hat. Einführend wird im zweiten Kapitel versucht etwas Klarheit in die komplizierte, wenn auch spannende Geschichte der Textüberlieferung und -edition zu bringen, dabei wird besonders auf die französische Übersetzung von Antoine Galland eingegangen. Im Kapitel 2b wird auf die Diskrepanz zwischen dem europäischen und dem orientalischen Frauenbild hingewiesen und einige der Transformationen angedeutet, die Scheherazade im Zuge der zahlreichen Übersetzungen und Überarbeitungen, mitmachen musste. Als Grundlage für die in den folgenden Kapiteln vorgestellten Analyseansätze wird im dritten Kapitel der Inhalt der Rahmengeschichte zusammengefasst. Das vierte Kapitel stellt die Herangehensweisen verschiedener Wissenschaftler an die Interpretation der Rolle Scheherazades dar und nutzt diese als Ansatz für weiterführende Überlegungen oder Kritik an den vorgestellten Analysen. Da es sich bei der Interpretation, die Fedwa Malti-Douglas, zur Rahmengeschichte entwickelt hat, um eine stark von den gängigen Ansätzen abweichende handelt, wird diesem Text im fünften Kapitel ein besonderer Platz eingeräumt. Das letzte Kapitel widmet sich in abschließenden Überlegungen der interessanten Verknüpfung von Rahmengeschichte und den Erzählungen, die in Tausendundeiner Nacht gesammelt sind.

2. Kurze Textgeschichte

Die Textgeschichte von Tausendundeiner Nacht ist so verworren und spannend wie manche der Erzählungen des Korpus selbst. Denn ähnlich wie in den Geschichten oft erzählt wird, dass jemand erzählt, dass jemand erzählt und so weiter, müssen auch die Geschichten selbst entstanden sein. Tausendundeine Nacht ist das Werk vieler Autoren. Man kann sich vorstellen, dass irgendjemand, dessen Identität wir nicht nachvollziehen können, etwas erzählt hat, ein anderer es weitererzählt hat, wieder ein anderer es niedergeschrieben hat und ein weiterer es übersetzt und verändert hat und so weiter. Und dieser ganze Vorgang, dessen genaue Schritte für immer ein Rätsel und damit einer der vielen Reize der großartigen Textsammlung bleiben wird, spielte sich nicht in einer Stadt oder in einem Land ab, sondern weit ausgedehnt in indischen, persischen und arabischen Gefilden, um als multikulturelle Textsammlung später im europäischen Raum weiter zu wachsen und neue Formen anzunehmen. Nach dem Schneeballprinzip, der immer weiter anwächst, je weiter man ihn rollt, wuchs auch die Textsammlung an und nahm in sich die Spuren der Zeit und der Orte auf, in denen sie entstanden: „ten centuries of story-telling in its various forms have left their mark upon the 1001 Nights“2 Einen Urtext von Tausendundeiner Nacht gibt es nicht, jedenfalls wurde er bis heute nicht identifiziert. Sicher ist, dass eine persische Vorlage ins Arabische übersetzt wurde, die Namen Schahriyars und Scheherazades etwa sind persischen Ursprungs. Einige Motive, wie der betrogene Ifrit aus der Rahmengeschichte und der sich wiederholende Strukturcharakter der ineinander verschachtelten Erzählungen, sind nachweislich indischen Ursprungs. Im 10. Jahrhundert, so kann man es bei Al-Masudi, einem Schriftsteller dieser Zeit, nachlesen, kursierte wahrscheinlich eine Sammlung von Texten, die im persischen unter dem Titel H asar Afsanah (Tausend Abenteuer) gesammelt waren und in der arabischen Übersetzung zu Alf Layla (Tausend Nächten) wurden3: „Es erscheint [...] wahrscheinlich, daß das persische Hezar Afsaneh im achten oder frühen neunten Jahrhundert ins Arabische übersetzt wurde und den Titel Alf Chorafa, das heißt Tausend fiktive Geschichten, erhielt, bevor die Sammlung schließlich in Alf Layla umbenannt wurde.“4 Wahrscheinlich war in dieser ersten Fassung bereits die Rahmengeschichte, in der Scheherazade dem Könige Schahriyar Geschichten erzählt, um nicht getötet zu werden, in ihren Grundzügen enthalten. Inwieweit aber der restliche Inhalt dieser ersten Fassungen mit der späteren Alf Layla wa Layla, also Tausendundeiner Nacht, übereinstimmt, ist weitgehend unklar. Ziemlich sicher hingegen ist, dass die persische Vorlage während des Übersetzungsvorgangs ins Arabische auch teilweise islamisiert und mit muslimischen Formeln ausgeschmückt wurde. „It is now almost certain that the initial nucleus - the frame story of Shahrazad, Persian in origin with Indian borrowings - was Islamized and translated in the eigth century in Iraq and, perhaps, more precisely, in Baghdad.“5

2a Antoine Galland und die „Galland“-Handschrift

Antoine Gallands Übersetzungen der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht wurden im Zeitraum 1704 bis 1717 veröffentlicht und Jorge Luis Borges übertreibt wohl nicht, wenn er behauptet, dass diese Übersetzung „eines der wichtigsten Ereignisse für alle europäischen Literaturen“6 darstellt, löste sie doch eine unvergleichliche Welle der Orientbegeisterung seitens der europäischen Gesellschaft aus. Antoine Galland7 wurde 1646 in Rollot in der Picardie geboren. Seine exzellenten Griechischkenntnisse, die er durch sein Studium des Griechischen und des Lateins am Collège Royal und der Sorbonne in Paris erworben hatte, waren der Grund dafür, dass der französische Botschafter Marquis de Nointel ihn 1670 auf eine Mission zum osmanisch-türkischen Sultan mitnahm. Fünf Jahre verweilte er als Dolmetscher in der Levante und eignete sich in bemerkenswerter Zügigkeit Türkisch, Neugriechisch, Arabisch und Persisch an. Während seiner zahlreichen Orientreisen erwarb Galland verschiedene arabische Handschriften und übersetzte diese für verschiedene Auftraggeber.8 Schließlich übersetzte er die Geschichte Sindbad der Seefahrer ins Französische, als er aber erfuhr, dass eine größere Textsammlung namens Tausendundeine Nacht existieren sollte, vertagte er die Veröffentlichung und gab den Auftrag nach dem Werk zu suchen. Ein Freund aus Aleppo schickte ihm tatsächlich bald eine Handschrift von Alf Layla wa Layla in drei Bänden zu, von denen er angab, sie in Syrien erstanden zu haben.

Diese Handschrift bleibt bis heute eine der ältesten erhaltenen Fassungen von Tausendundeine Nacht. Obwohl sie nicht datiert ist, können anhand von handschriftlichen Randbemerkungen, in denen Leser sich beispielsweise für die Ausleihe des Werks bedanken oder die Lektüre loben, Rückschlüsse auf die ungefähre Entstehungszeit gemacht werden. Der Orientalist Heinz Grotzfeld stellte die von der Orientalistik allgemein anerkannte These auf, dass die Galland-Handschrift nicht vor der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschrieben worden sein kann, da im Text regelmäßig der Münzname Aschrafi erwähnt wird, der in den arabischen Chroniken erst ab 1450 auftaucht. Die Galland-Handschrift endet mitten in einer Geschichte in der 282. Nacht in der Scheherazade dem König erzählt. Eine unmittelbare Fortsetzung wurde bis jetzt nicht entdeckt und es wird vermutet, dass es nie eine gab, da eine weitere syrische Handschrift aus etwa derselben Zeit an gleicher Stelle abbricht.9 Die Annahme, dass es ursprünglich vielleicht gar keine tausendundein Nächte waren, in denen Scheherazade erzählte, muss nicht unbedingt ein Gegensatz zum Titel der Textsammlung sein. Vielmehr ist die Zahl 1001 als eine Angabe für etwas Unendliches, Unzählbares zu verstehen.

Tausend Nächte sagen heißt unzählige Nächte sagen, die unzählbaren Nächte, die vielen Nächte. »Tausendundeins Nächte« sagen heißt dem Unendlichen Eins hinzufügen. Erinnern wir uns an einen merkwürdigen englischen Ausdruck. Manchmal sagt man statt »für immer«, » for ever « zu sagen, » for ever and a day « , »für immer und einen Tag«. Man addiert einen Tag zur Ewigkeit.10

Tatsächlich wird auch im Arabischen der Gedanke vom Unendlichen ausgedrückt, indem man zu einer großen Anzahl von Dingen noch eins hinzufügt, weswegen der arabische Titel auch ) heißt, was auf d eutsch Tausend Nächte und eine Nachtا ﺔﻠﻳ ﻟ ﻒﻟوAlf Layla wa Layla (ﺔﻠﻳﻟ bedeutet. Galland glaubte aber an die Existenz von 1001 Geschichten und suchte nach einer vollständigen Ausgabe. Da er aber keine Fortsetzung fand, fügte er weitere Geschichten aus anderen, teilweise unklaren Quellen seiner Übersetzung ins Französische hinzu. Eine große Rolle spielte dabei Hanna Diab, ein maronitisch-christlicher Syrer aus Aleppo, den Galland 1709 in Paris kennenlernte. Dieser erzählte ihm aus dem Gedächtnis Geschichten, die Galland recht frei bearbeitete.11 Die in Europa so populär gewordene Geschichte von Aladdin und der Wunderlampe etwa, die Galland später zu seiner Übersetzung hinzufügte, weist auffällige Ähnlichkeiten mit Gallands eigener Biographie auf und die Orientalistin Wiebke Walther analysiert die Erzählung als europäisches Kunstmärchen in orientalischem Gewand.

Interessant ist, wie Borges sich zu der Vermutung äußert, Antoine Galland habe die Erzählung von Aladdin und der Wunderlampe selbst erfunden:

Man hat geargwöhnt, Galland habe die Erzählung gefälscht. Ich glaube »gefälscht« ist ein ungerechtes und böswilliges Wort. Galland hatte ebensoviel Recht darauf, eine Geschichte zu erfinden, wie jene » confabulatores nocturni «. Warum soll man nicht einfach annehmen, daß er, nachdem er so viele Geschichten übersetzt hatte, eine erfinden wollte und dies tat?12

Tatsächlich gaben die Geschichten von Tausendundeiner Nacht seit frühster Zeit ihren Kopisten und Übersetzern die Inspiration sie auszuschmücken, zu erweitern und mit neuen Erzählungen anzufüllen. Das liegt zum einen daran, dass die Geschichten nicht zum Vorlesen gedacht waren, sondern wahrscheinlich als eine Art Leitfaden für Kaffeehauserzähler dienten. Deren Aufgabe war es die Erzählungen mit phantastischen Elementen auszuschmücken, auf das jeweilige Publikum zuzuschneiden und improvisatorisch den Spannungsbogen in die gewollte Position zu biegen. Ausserdem wurde Alf Layla wa Layla als Werk der mittelalterlichen arabischen Volksliteratur nicht besonders hoch geschätzt. Robert Irwin geht von mangelndem Respekt bei den Kopisten aus:

Es gibt keinen Grund für einen Kopisten der Alf Layla wa Layla, besondere Mühe darauf zu verwenden, das Arabische richtig zu schreiben, denn die Geschichten waren nun einmal nie in reinem klassischem Arabisch aufgeschrieben worden. Es gab ebenfalls keinen Grund, zu zögern, Geschichten, Ereignisse, Bemerkungen hinzuzufügen oder wegzulassen. Wenn es keinen zwingenden Grund für Kopisten gab, dieses anonyme Werk der Volksliteratur mit Respekt zu behandeln, dann gab es für sie auch keinen Grund, andere Handschriften zu konsultieren, um sicher zu gehen, daß sie akkurat kopierten.13

Aber auch bei der direkten Übersetzung erlaubte sich Galland einige Freiheiten, so entschärfte er etwa anrüchige Szenen aus den Geschichten, um sie dem Geschmack des französischen Publikums seiner Zeit anzupassen. Der große Erfolg der Gallandschen Übersetzung führte zu einer Anhäufung von Imitationen und Parodien des Textes. Allein in Frankreich wurden im achtzehnten Jahrhundert schätzungsweise 700 orientalisch-anmutende Liebes- und Abenteuergeschichten verfasst.14 Über die wahre Flut an Übersetzungen und unterschiedlichen Versionen von Tausendundeiner Nacht äußert sich Jorge Luis Borges: „Die Nächte finden andere Übersetzer, und jeder von ihnen wird eine andere Version des Buchs vorlegen. Man könnte beinahe von vielen Büchern namens Tausendundeine Nacht sprechen. (...) Jedes dieser Bücher ist anders, denn Tausendundeine Nacht wächst immer weiter oder erschafft sich neu.“15 Tatsächlich waren viele der europäischen Übersetzungen keine Übersetzungen aus dem Arabischen, sondern direkte Übersetzungen von Gallands französischer Fassung, weswegen auch Geschichten, die in der arabischen Handschrift gar nicht enthalten waren, zu großer Popularität gelangen konnten.16 Dank Muhsin Mahdi, des irakischen Professors für Arabistik und Islamwissenschaft ist heute die arabische Handschrift, die Galland als Vorlage diente, in ihrer ursprünglichen Form, gut lesbar in einer kritischen Edition zugänglich.

2b Scheherazade im Westen

Der Orient als Projektionsfläche für alle erdenklichen Phantasien beflügelt Europäer seit dem Mittelalter bis zur heutigen Zeit, wobei sich lediglich der Schwerpunkt der Vorurteile etwas verlagert hat. Anfangs waren es vor allem sexuelle Phantasien, für die der Orient - bedingt durch die christliche Beschränkung von Sexualität auf eheliche Gefilde und die Belegung anderer sexueller Gelüste mit der Bürde der Sünde17 - als Experimentierfläche genutzt wurde. Heute sind es meist Vorstellungen von allgemeinem Fanatismus und Terrorismus, die oft höchst undifferenziert als Schablone auf alle arabischen oder muslimischen Länder und ihre Bevölkerung gelegt werden. Die weit verbreitete Vorstellung vom wolllüstigen Orient, von unersättlichen, unterwürfigen Haremsdamen und dominant-aggressiven orientalischen Männern hat auch die Figur der Scheherazade nicht unberührt gelassen. Sie ist - ganz losgelöst von ihren Geschichten - bekannt als schöne, verführerische und listige Frau, die den König Schahriyar durch ihren Trick, ihn mit Geschichten zu fesseln, heilt. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich der westliche Leser Schehrazade ungefähr vorstellt, findet sich in Piotr O. Scholzs Die Sehnsucht nach Tausendundeiner Nacht. Begegnung von Orient und Okzident. In einem gedichtartigen Auszug eines Essays von Geno Hartlaub wird Scheherazade mit einer „kostbaren Pflanze“ verglichen, „geschützt von jedem Luftzug der Wirklichkeit“. Sie „kommt näher, gewinnt vor unseren Augen Leben und Körperlichkeit. Schon steht sie an der Rampe, löst ihren Schleier und zeigt uns ihr unverhülltes Gesicht.“18 Es ist eine verführerische Scheherazade, an die der westliche Leser vor allem denkt. Vielleicht ähnelt sie dem Foto auf der Hülle einer alten Schallplatte der nach ihr benannten symphonischen Suite Scheherazade von Nikolai Rimsky-Korssakoff (1844-1908): eine weiß verschleierte Frau, der man, obwohl das Bild verschwommen ist, die Schönheit sofort ansieht, die hinter tiefschwarz umrandeten Augen und reichem Goldschmuck hervorblitzt. Beschränkt man sich bei der Textuntersuchung aber auf die wahrscheinlich älteste arabischsprachige Fassung in der Edition von Muhsin Mahdi und deren aktuellster Neuübersetzung ins Deutsche von Claudia Ott, wie es in dieser Arbeit gehandhabt wird, überrascht vor allem eines: mit keinem Wort wird Scheherazades Äußeres beschrieben! Nirgends findet der Leser auch nur einen Hinweis auf ihre Erscheinung, geschweige denn eine der, sonst in den Geschichten so üblichen, ausführlich-ausschweifenden und poetischen Preisungen weiblicher Schönheit. Nichts im Text kann den Leser darauf schließen lassen, dass Scheherazade eine schöne Frau sei. Nur an einer einzigen Stelle wird erwähnt, dass sie, nachdem sie erfährt, dass sie sich mit Schahriyar vermählen darf „sich selbst und alles, was sie brauchte hübsch zurecht“ mache )19. Dabei wird aber nicht darüber Auskunft gegeben, ob sie auch vonوا ﺖﺤﻠﺻاﺮﻣه ﺎو(ﻪﺧﺎﺘﺤﺗ ﺎﻣ Natur aus hübsch sei, oder ob sie nach dem Zurechtmachen tatsächlich schön aussähe. Auch sonst wird erstaunlich wenig über diese Protagonistin mitgeteilt, die zu einer der populärsten Figuren der Weltgeschichte überhaupt wurde. Nur in folgenden kurzen Zeilen wird sie direkt beschrieben:

Nun hatte der Wesir, der stets die Mädchen töten mußte, selbst zwei Töchter: eine ältere mit Namen Schahrasad; die jüngere hieß Dinarasad. Schahrasad, die ältere der beiden, hatte viele Bücher, Werke der Literatur und Weisheitsschriften gelesen, auch Werke der Medizin studiert. Sie wußte Gedichte auswendig herzusagen und las mit Vorliebe Überlieferungen zur Geschichte vergangener Zeiten. Alle berühmten Zitate waren ihr bekannt, dazu die Sprüche weiser Richter und Könige, kurzum: Sie war klug, verständig, weise und gebildet, hatte gelesen und studiert.20

[...]


1 BORGES, S. 120.

2 GERHARDT, S. 46.

3 OTT, S. 642.

4 IRWIN, S. 67.

5 MIQUEL, S. 7.

6 BORGES, S. 120.

7 vgl. biographische Angaben zu Antoine Galland mit IRWIN, S. 23-29 und OTT, Anhang S. 648-651.

8 vgl. OTT, Anhang S.648.

9 vgl. OTT, S. 650.

10 BORGES, S. 120.

11 vgl. IRWIN, S. 26.

12 BORGES, S. 130.

13 IRWIN, S. 76.

14 vgl. Ebd. S. 299.

15 BORGES, S. 131.

16 vgl. IRWIN S. 30.

17 vgl. PFLITSCH, S. 120.

18 SCHOLZ, S. 127, Originalzitat aus Hartlaub, Geno, Scheherazade, in Heidrich, Hans Carl (Hg.)(1957): Rondo capriccioso, Tübingen S. 71-92.

19 MAHDI, S. 71.

20 OTT, S. 20.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Erzählen um zu überleben. Interpretationen der Rolle Scheherazades
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Seminar für Semitistik und Arabistik)
Veranstaltung
Weltliteratur zwischen den Kulturen. Die Erzählungen aus 1001 Nacht und ihr Publikum
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V42941
ISBN (eBook)
9783638408523
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählen, Interpretationen, Rolle, Scheherazades, Weltliteratur, Kulturen, Erzählungen, Nacht, Publikum
Arbeit zitieren
Annika Silja Sesterhenn (Autor), 2005, Erzählen um zu überleben. Interpretationen der Rolle Scheherazades, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42941

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