Die Idee des Unendlichen ist aus dem gleichen Stoff wie Tausendundeine Nacht. Jorge Luis Borges
Viele große Werke der Weltliteratur teilen das Schicksal von Tausendundeiner Nacht, nämlich jenes, dass fast jeder um ihren Titel weiß und einige auch Angaben zum Inhalt geben können, aber fast niemand sie vollständig, wenn überhaupt gelesen hat. So geht es der Göttlichen Komödie, dem Don Quijote, dem Ulysses und etlichen anderen Werken. Doch während es bei den zuletzt genannten im Grunde kein Problem darstellt, sie vollständig zu lesen, hat der entschlossene Leser, der sich den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht widmen will, ein Problem: es gibt keinen Urtext und es ist bis heute nicht klar, welche Geschichten ursprünglich zu der Textsammlung gehörten und welche später hinzugefügt wurden. Man könnte sein Leben damit verbringen alle Versionen von Tausendundeiner Nacht zu lesen und zu vergleichen – einige bewundernswerte Wissenschaftler tun dies. Diese Arbeit steuert lediglich einige Inseln im unendlichen Meer der Geschichten an und nimmt als Textquelle nur die arabische Handschrift, die Antoine Galland als Vorlage für seine überaus erfolgreiche Übersetzung ins Französische 1705 gedient hat. Muhsin Mahdi hat diese Handschrift 1984 in einer kritischen Edition veröffentlicht, in der er den ursprünglichen arabischen Text vorlegt und unklare Stellen zu entschlüsseln versucht. Es liegt damit eine Version von Tausendundeiner Nacht vor, die weitgehend frei von den westlichen Einflüssen ist, die im Laufe der Zeit, vor allem durch die Gallandsche Übersetzung, auf sie einwirkten. 2004 ist eine sehr gut lesbare deutsche Übersetzung dieser arabischen Handschrift von Claudia Ott im Beck-Verlag erschienen. Die Zitate in dieser Arbeit werden auf deutsch und arabisch aus diesen gerade genannten Quellen angegeben. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Figur der Scheherazade und die verschiedenen Interpretationen, die sie hervorgerufen hat.
Gliederung
1. Einleitung
2. Kurze Textgeschichte
2a Antoine Galland und die „Galland“-Handschrift
2b Scheherazade im Westen
3. Inhaltsangabe der Rahmengeschichte
4. Analyseansätze der Rolle Scheherazades
5. Das doppelte Geschwisterpaar: Fedwa Malti-Douglas´ Interpretation der Rahmengeschichte
6. Abgründe und Labyrinthe des Erzählens
7. Literaturangabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle Scheherazades in der Rahmengeschichte von „Tausendundeine Nacht“. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Scheherazade durch ihre Erzählkunst und intellektuelle Bildung als aktive Protagonistin zur Überwindung der grausamen Mordserie des Königs Schahriyar beiträgt und wie unterschiedliche wissenschaftliche Interpretationen ihre Figur sowie den Akt des Erzählens als Rettungsmittel deuten.
- Textgeschichte und die Bedeutung der arabischen Handschrift von Antoine Galland.
- Kritische Analyse westlicher versus orientalischer Frauenbilder in der Literatur.
- Die Rahmengeschichte als literarische Einheit und psychologische Interaktion.
- Scheherazade als „trickster“ und „Befreiungsheldin“ statt als bloße Märchenfigur.
- Die Funktion des Erzählens als Transformation von sexuellem zu textuellem Verlangen.
Auszug aus dem Buch
2b Scheherazade im Westen
Der Orient als Projektionsfläche für alle erdenklichen Phantasien beflügelt Europäer seit dem Mittelalter bis zur heutigen Zeit, wobei sich lediglich der Schwerpunkt der Vorurteile etwas verlagert hat. Anfangs waren es vor allem sexuelle Phantasien, für die der Orient – bedingt durch die christliche Beschränkung von Sexualität auf eheliche Gefilde und die Belegung anderer sexueller Gelüste mit der Bürde der Sünde – als Experimentierfläche genutzt wurde.
Heute sind es meist Vorstellungen von allgemeinem Fanatismus und Terrorismus, die oft höchst undifferenziert als Schablone auf alle arabischen oder muslimischen Länder und ihre Bevölkerung gelegt werden. Die weit verbreitete Vorstellung vom wolllüstigen Orient, von unersättlichen, unterwürfigen Haremsdamen und dominant-aggressiven orientalischen Männern hat auch die Figur der Scheherazade nicht unberührt gelassen. Sie ist – ganz losgelöst von ihren Geschichten – bekannt als schöne, verführerische und listige Frau, die den König Schahriyar durch ihren Trick, ihn mit Geschichten zu fesseln, heilt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Textgeschichte von „Tausendundeine Nacht“ ein und stellt die Absicht der Arbeit dar, Scheherazade fernab westlicher Einflüsse auf Basis der kritischen Edition von Muhsin Mahdi zu analysieren.
2. Kurze Textgeschichte: Das Kapitel erläutert den verworrenen Ursprung der Sammlung und die Bedeutung der „Galland“-Handschrift, die maßgeblich die europäische Rezeption des Werks prägte.
2a Antoine Galland und die „Galland“-Handschrift: Hier wird der Einfluss des Übersetzers Antoine Galland auf die Textsammlung sowie die Rolle von Hanna Diab bei der Ergänzung der Geschichten beleuchtet.
2b Scheherazade im Westen: Dieses Kapitel kritisiert die westliche Verzerrung der Scheherazade-Figur als erotische Haremsdame und betont stattdessen ihren Status als gebildete Gelehrte.
3. Inhaltsangabe der Rahmengeschichte: Der Inhalt der Rahmengeschichte wird zusammengefasst, um die Grundlage für die anschließenden Analysen der Interaktionen zwischen Schahriyar und Scheherazade zu schaffen.
4. Analyseansätze der Rolle Scheherazades: Verschiedene wissenschaftliche Ansätze werden diskutiert, die Scheherazade sowohl als „Befreiungsheldin“ als auch als „Psychotherapeutin“ deuten.
5. Das doppelte Geschwisterpaar: Fedwa Malti-Douglas´ Interpretation der Rahmengeschichte: Die Interpretation von Fedwa Malti-Douglas wird vorgestellt, die die Rahmengeschichte als komplexes Machtgefüge und „virtuelle ménage à trois“ betrachtet.
6. Abgründe und Labyrinthe des Erzählens: Abschließend wird das erzähltechnische Mittel der Schachtelung („mise en abîme“) untersucht, das den unendlichen Charakter des Erzählens in „Tausendundeine Nacht“ verdeutlicht.
7. Literaturangabe: Auflistung der verwendeten primären und sekundären Quellen.
Schlüsselwörter
Scheherazade, Tausendundeine Nacht, Rahmengeschichte, Schahriyar, Antoine Galland, Orientbegeisterung, Erzählkunst, Psychotherapie, Feminismus, Fedwa Malti-Douglas, Intertextualität, Machtverhältnisse, Literaturgeschichte, Trickster, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur der Scheherazade in „Tausendundeine Nacht“ unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Rollenbilder und der Funktion des Erzählens als Mittel zum Überleben und zur Heilung des Königs.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die komplizierte Textgeschichte, den Wandel des orientalischen Frauenbildes im Westen sowie die psychologischen und machtpolitischen Interaktionen innerhalb der Rahmengeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Scheherazade von romantisch-erotischen Fehlinterpretationen zu befreien und ihre Rolle als hochgebildete, strategisch agierende Protagonistin herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textkritische Analyse basierend auf der arabischen Handschrift von Muhsin Mahdi sowie die Auseinandersetzung mit verschiedenen literaturwissenschaftlichen Interpretationsansätzen, insbesondere denen von Fedwa Malti-Douglas und Fatima Mernissi.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Textüberlieferung, die Analyse der Rahmengeschichte sowie die Untersuchung von Scheherazade als „trickster“ und „Erzählmaschine“, die den König durch ihre Geschichten transformiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Scheherazade, Rahmengeschichte, Erzählkunst, Machtverhältnisse, Orientbegeisterung und die literarische Analyse des „mise en abîme“.
Wie unterscheidet sich die im Buch beschriebene Scheherazade vom westlichen Bild?
Im Gegensatz zur verbreiteten Vorstellung der verführerischen Haremsdame wird Scheherazade in der arabischen Handschrift primär durch ihren Intellekt, ihre Bildung und ihre Fähigkeit, Geschichten zu memorieren, definiert.
Welche Bedeutung kommt der Schwester Dinarazade zu?
Dinarazade fungiert als wichtige Komplizin, die durch ihre Aufforderung zum Erzählen sicherstellt, dass die Geschichten den König erreichen und Scheherazades Plan der Rettung gelingen kann.
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- Annika Silja Sesterhenn (Author), 2005, Erzählen um zu überleben. Interpretationen der Rolle Scheherazades, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42941