Verführung oder Vergewaltigung? Interpretation einer Interpunktion in Kleists Marquise von O.


Hausarbeit, 2015

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Gedankenstrich - Charakteristika und Rechtfertigungen

3. „Gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen?“

4. Motiv der Vergewaltigung
4.1. Gesellschaftliche Werte
4.2. Vergewaltigungsmotiv in der Literatur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Er [...] bot dann der Dame, unter einer verbindlichen, französischen Anrede den Arm, und führte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos war, in den anderen [...] Flügel des Palastes, wo sie auch völlig bewusstlos niedersank. Hier - traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.“[1] [2] [3]

Die Marquise von O., also die Dame, um die es in diesem Kontext geht, stellt, nachdem sie nach innerem Unwohlsein einen Arzt um Hilfe bat, fest, dass sie schwanger ist. Wie sich im späteren Verlauf der Novelle herausstellt, geschah ihre Empfängnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in genau dieser eben genannten Szene relativ zu Anfang, da bis zur Erkenntnis ihrer Schwangerschaft von keiner Situation berichtet wurde, in der sie in andere Umstände hätte kommen können. Daraus lässt sich schließen, dass der inmitten des Zitates stehende Halbgeviertstrich den Zeitpunkt der Empfängnis darstellt bzw. darstellen könnte, selbst wenn er bloßeiner - wenn auch der erste - von 77 Gedankenstrichen in der Novelle sein mag. Was dem Leser jedoch in jedem Fall unklar bleibt, ist die Frage nach den näheren Umständen dieses Aktes. Explizit formuliert bleibt die Fragestellung, ob sich die Marquise verführen ließ, oder ob es sich um eine Vergewaltigung gehalten hat - also die grundlegende Thematik, ob die Marquise aus eigenem Interesse handelte oder nicht. Sicher ist lediglich, dass sie nicht bei vollem Bewusstsein war.[4]

In der Arbeit soll genauer untersucht und insbesondere anhand von direkten Textverweisen deutlich gemacht werden, was es mit dem Gedankenstrich auf sich hat, der einer der populärsten, wenn nicht sogar, auch aus Mangel an Konkurrenz, der populärste Gedankenstrich der deutschen Literatur ist.

Aufgrund des begrenzten Ausmaßes der Hausarbeit wird dabei auf den allgemeinen Inhalt des vorliegenden und bearbeiteten Primärtextes nicht weiter eingegangen.

2. Der Gedankenstrich - Charakteristika und Rechtfertigungen

Die Novelle enthält diverse Gedankenstriche. Sie treten in Redefluss und Handlungen fast aller Charaktere auf und signalisieren unterschiedliche Aspekte. Ein solcher Gedankenstrich „schafft Raum für das Schweigen, die Rede unterbricht sich, die Gedanken stocken[...]. Er schafft zugleich auch die Verbindung zwischen zwei Gedanken, denn schließlich ist ein kein Punkt, der das eine vom anderen trennt.“[5] So wird er in einigen Fällen als Kennzeichen für eine Unterbrechung, einhergehend mit der Erzeugung eines kurzen Einschnitts in den Lesefluss, genutzt, und in anderen Fällen als Merkmal, jemandem ins Wort zu fallen und dessen Gedanken weiterzuführen.[6] [7] „Eröffnet, und unterbricht, markiert die Lücke im Text, wo Ausgeschlossenes eindringen [und] durch die Gedanken streichen kann[...].“

Kleist nutzt die Gedankenstriche als rhetorisches Mittel. Einerseits erleichtert dies dem Leser, die Situation besser zu durchblicken, zumindest mehr in der Form, die Kleist vorgibt, und zwingt dem Leser in geringem Maße seine Version der Vorstellung auf. Andererseits aber ist der Leser absolut gefordert, jeden Satz, der einen Gedankenstrich enthält, penibel zu hinterfragen, um zu durchschauen, aus welchem Grund sich der Autor sich für genau die vorhandene Anordnung entschieden hat. Dadurch ist eine stärkere Auseinandersetzung mit den Gedanken der Protagonisten notwendig, was der Geschichte wiederum mehr Kontroverse und Spannung liefert.

Unabhängig davon, ob Kleist in seiner instabilen psychischen Konstitution der Formulierung einer solchen Schandtat gewachsen gewesen wäre, ist der Gedankenstrich, der die potentielle Vergewaltigung symbolisiert, vom Leser mit seiner eigenen Phantasie zu füllen und macht ihn somit gleichsam verworrener sowie bedeutsamer, aber auch dramatischer.

3. Gegen ihren Willen oder ohne ihr Wissen?

Bevor die eventuellen jeweiligen Beweggründe der Protagonisten sowie die genaueren Begebenheiten der gesamten Situation genauer betrachtet werden können, muss anhand mindestens einer Textpassage ersichtlich sein, ob der in der Novelle eben dafür verantwortlich gemachte Graf F. tatsächlich die Schuld trägt. Diese Annahme wird im Text bestätigt, da der Marquise berichtet wird, der Graf F. sei erschossen worden und habe im Moment seiner Ermordung „Julietta ! Diese Kugel rächt dich!“ gerufen. Geht man von der Korrektheit dieser Information aus[8] [9] [10], ist das ein klares Zeichen dafür, dass der Graf F. der Marquise zu einem Zeitpunkt seines Lebens etwas Negatives angetan haben muss, da ansonsten die Deklaration der Ermordung als „Blutrache“ nicht angebracht gewesen wäre. Angesichts der Tatsache, dass die beiden Protagonisten sich vor dem Vorfall während der Schlacht, in der die Vergewaltigung stattgefunden haben soll, nicht kannten und auch zwischen diesem Zeitpunkt und der Erschießung des Grafen F. keinen direkten Kontakt zueinander hatten, ist die Passage um den Gedankenstrich die einzige, in der der Graf F. die Gelegenheit hatte, der Marquise etwas anzutun, was die von ihm definierte Blutrache[11] [12] [13] rechtfertigen würde.

Um nach heutigem Verständnis von einer Sexualstraftat zu sprechen, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein. Der Graf F. muss daher entweder gegen den Willen oder aber ohne das Wissen der Marquise mit dieser den Geschlechtsakt vollzogen haben. Die Marquise schien zunächst vom Grafen F. vor einer mit dem Ausdruck „Rotte“ abwertend konnotierten Gruppe von Soldaten, die offensichtlich kurz davor standen, sie zu misshandeln gerettet worden zu sein. Darauf folgte möglicherweise „eine unangemessen verspätete Reaktion auf den Überfall der russischen Soldaten“ ihrerseits, woraufhin der Graf F. ihr in ihrem Glücküber die Rettung wie „ein Engel des Himmels zu sein“[14] schien. „Die Ohnmacht, in die sie flüchtet, ist, wie bei Kleist so oft ein Zeichen, dass es [ihr biologisches Selbstverständnis] weiß, was kommen wird, [...] [da] sie es ja schon unmittelbar vorher hatte fürchten müssen [...], da die Russen sie den schändlichsten Misshandlungen auszusetzen gedroht hatten.“[15] Aber ließsie die Tat aus bloßer Hoffnungslosigkeit spartanischüber sich ergehen? Später im Werk heißt es, sie habe „es im Schlaf getan“[16] und sie treffe daher keine Schuld[17] [18]. Aufschluss darüber könnte eine Aussage des Grafen F., also des Täters, geben. Metaphorisch beschreibt er, „wie er die Vorstellung von ihr [...] immer mit der [...] eines Schwans verwechselt hätte, den er, als 18 Knabe, [...] gesehen“ habe, und, dass er ihn „einst mit Kot beworfen [habe], worauf dieser

[...]


[1] Heinrich von Kleist, Roland Reuß(Hgg.): Die Marquise von O.. Berliner Ausgabe. Berlin: Stromfeld/Roter Stern 1989, S. 11.

[2] Syntaktisches Graphem, welches kurzzeitige Stagnation in Erzähltext und Lesefluss verursacht.

[3] Ist im Folgenden „der Gedankenstrich“ genannt, bezieht es sich nicht generell auf den Halbgeviertstrich als Interpunktion, sondern auf den spezifischen Strich in der Marquise von O... (Ebd. S. 11, Z. 17).

[4] Vgl. ebd. S. 11.

[5] Erika Berroth: Heinrich von Kleist : Geschlecht, Erkenntnis, Wirklichkeit. New York: Peter Lang Publishing Inc. 2003, S. 35f.

[6] Vgl. ebd., S. 37-46.

[7] Ebd., S. 36.

[8] Name der Marquise.

[9] Kleist: Die Marquise von O..., S. 18.

[10] Der Graf F. ist, anders als berichtet, nicht gestorben, sondern hat schwer verletztüberlebt. Nichts desto trotz ist der Sachverhalt, dass er während seiner Erschießung den genannten Satz aussprach, korrekt.

[11] Da es kein aktiver Racheakt ist, handelt es sich nicht um eine Blutrache im eigentlichen Sinne, sondern lediglich um die Deutung der Tötung.

[12] Vgl. ebd. S. 11.

[13] Christine Künzel: Vergewaltigungslektüren. Zur Codierung sexueller Gewalt in Literatur und Recht. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2003, S. 16.

[14] Kleist: Die Marquise von O., S. 11.

[15] Heinz Politzer: Der Fall der Frau Marquise. In: Heinrich von Kleist, Thomas Kopfermann (Hgg.): Die Marquise von O Editionen mit Materialien1. Stuttgart: Ernst Klett Verlag GmbH 2009, S. 56.

[16] Kleist: Die Marquise von O., S. 73.

[17] Ebd. S. 73.

[18] Kleist: Die Marquise von O.., S. 37.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Verführung oder Vergewaltigung? Interpretation einer Interpunktion in Kleists Marquise von O.
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V429475
ISBN (eBook)
9783668730045
ISBN (Buch)
9783668730052
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verführung, vergewaltigung, interpretation, interpunktion, kleists, marquise
Arbeit zitieren
Leonard Schütz (Autor), 2015, Verführung oder Vergewaltigung? Interpretation einer Interpunktion in Kleists Marquise von O., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429475

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