Die verschiedenen Sichtweisen der verkörperten Kognition und deren Diskussion


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrund und Fragestellung

3. Die verschiedenen Sichtweisen der verkörperten Kognition und deren Diskussion (Wilson, 2002)
3.1. Situationsgebundene Kognition
3.2. Zeitdruckbedingte Kognition
3.3. Kognitionsabladungen an die Umwelt
3.4. Die Umwelt als Teil des kognitiven Systems
3.5. Kognition für Handlungen.
3.6. Körperbezogenheit von Off-Line Kognition

4. Diskussion

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1) Einleitung

In der Kognitionswissenschaft spielt die Rolle von sensorischen und motorischen Prozessen eine zentrale Rolle. Während die traditionelle Sichtweise eher von einer Trennung zwischen Körper und Geist ausgeht (Descartes & Cottingham, 1985), vertritt die Bewegung der verkörperten Kognition den Standpunkt, dass Körper und Geist zusammenarbeiten (Brooks, 1999; Dourish, 2001). In der folgenden Arbeit werde ich sechs verschiedene Standpunkte der verkörperten Kognition vorstellen und diskutieren. Nach einer darauf folgenden allgemeinen Diskussion über die Gültigkeit verkörperter Kognition, werde ich mit einem Ausblick abschließen.

2) Hintergrund und Fragestellung

Die traditionelle Sichtweise der Kognitionswissenschaft geht davon aus, dass der menschliche Geist und Körper voneinander unabhängig sind. Hierbei wird angenommen, dass der Geist der abstrakten Informationsverarbeitung dient und das perzeptuelle und motorische System keine zentrale Rolle dabei spielen. Nach traditioneller Auffassung zeigt die Freiheit des menschlichen Denken und Urteilens, dass der Geist vom Körper unabhängig ist (Anderson, 2003).

Doch es gibt auch eine entgegengesetzte Haltung: die der verkörperten Kognition. Hier wird davon ausgegangen, dass sensomotorische Funktionen schon evolutionsbedingt zentral für die Interaktion mit der Umwelt sind (Wilson, 2002) und die kognitive Belastung durch eine Repräsentation konzeptueller Inhalte im sensorischen und motorischem System reduziert wird (Anderson, 2003).

Grundsätzlich findet dieser Ansatz eine wachsende Zustimmung, doch gibt es auch kontroverse Meinungen, die besagen, dass im Vergleich zu anderen Theorien, die Hypothese der verkörperten Kognition nicht genügend empirische Unterstützung aufweist (Mahon & Caramazza, 2008).

In der bisherigen Literatur werden die unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb der Annahme, dass Kognition und Körper zusammenhängen, meistens als einheitliche Sichtweise präsentiert. Da diese sich jedoch auch in ihrer Kontroversität unterscheiden, scheint es allerdings sinnvoll die verschiedenen Sichtweisen einzeln zu betrachten und diese bezüglich ihrer Gültigkeit zu diskutieren (Wilson, 2002).

3) Die verschiedenen Sichtweisen der verkörperten Kognition und deren Diskussion (Wilson, 2002)

3.1 Situationsgebundene Kognition

Wie sich unter anderem bei Steels und Brooks (1995) zeigt, ist die Annahme, dass die menschliche Kognition situationsgebunden ist, eine zentrale Annahme der verkörperten Kognition. Unter situationsbedingter Kognition kann man sich kognitive Aktivität vorstellen, die in direktem Bezug zur gegenwärtigen Situation steht. Die kognitiven Verarbeitungen werden in die Situation getragen und beeinflussen diese beispielsweise durch motorische Aktivität. Der Kontext der Situation liefert gleichzeitig perzeptuelle Informationen, die kognitiv weiter verarbeitet werden können. Somit stehen Kognition und Situation über das sensomotorische System in einem unmittelbaren Zusammenhang. Ein gutes Beispiel hierfür ist beispielsweise das Umherlaufen im Raum während man darüber nachdenkt, in welcher Position die Möbel hingestellt werden sollen.

Kognitive Aktivität, die keinen direkten Bezug zur momentanen Aufgabe hat, beispielsweise beim Erinnern oder beim Planen, ist hingegen nicht situationsgebunden. Die Fähigkeit solche mentalen Repräsentation zu konstruieren, die uns Vorstellung und Erinnerung ermöglichen, ist eine Besonderheit des Menschen gegenüber anderer Lebewesen. Doch gerade diese Fähigkeit zur nicht situationsgebundenen kognitiven Aktivität zeigt, dass die situationsgebundene Kognition nicht die Grundlage unseres menschlichen Denkens sein kann.

Zwar scheint situationsbedingte Kognition bei Betrachtung der Evolution eine grundlegende Rolle zu spielen, da eine direkte Reaktion auf die Situation, beispielsweise wenn ein Feind kam, überlebensnotwendig war, aber diese fight-flight Reaktion ist keine für den Menschen spezifische Reaktion. Aus diesem Grund scheint es, dass die kognitiven Vorgänge beim Menschen weiter reichen, als es bei der situationsbedingten Kognition der Fall ist und auch sogenannte off-line Kognitionen durch mentale Repräsentationen verwendet werden können (Leaky, 1994).

Die Argumentation, dass situationsgebundene Kognitionen aufgrund der Überlebensmechanismen, wie sie in der Evolution zu finden sind, fundamental seien, ist demzufolge nicht überzeugend, da sie den Aspekt der artspezifischen Kognition des Menschen vernachlässigt. Dennoch scheint die situationsgebundene Kognition ein wichtiger Aspekt der Kognition zu sein und gerade im Bereich der räumlichen Kognition findet man sie häufig.

3.2 Zeitdruckbedingte Kognition

Die Annahme der zeitdruckbedingten Kognition geht ebenfalls davon aus, dass die kognitive Aktivität sozusagen on-line und in direktem Bezug zur gegenwärtigen Situation steht. Allerdings kommt bei dieser Annahme noch der Aspekt des Zeitdrucks hinzu (Brooks, 1991; van Gleder & Port, 1995). In traditionellen Sichtweisen von künstlichen Intelligenzmodellen wird davon ausgegangen, dass man für die Konstruktion mentaler Repräsentationen beliebig viel Zeit hat (Brooks, 1991). Doch im wirklichen Leben, sind Reaktionen oft so schnell nötig, wie es die jeweilige Situation erfordert, beispielsweise beim frühen Menschen die Reaktion auf Feinde, in der heutigen Zeit beim Autofahren in dichtem Verkehr. Aus diesem Grund scheint nach dieser Annahme, Zeitdruck die kognitive Architektur in entscheidender Weise zu formen. Diese Hypothese wird durch Verhaltensstudien, wie zum Beispiel von Kirsh und Maglio (1994) über räumliche Entscheidungen unter Zeitdruck, unterstützt.

Es scheint, als könne man die Komponente des Zeitdrucks sozusagen als Flaschenhals sehen, der für erfolgreiches Handeln in einer gegenwärtigen Situation überwunden werden muss. Durch Situationen, die schnelles Handeln erfordern, ist es häufig nicht möglich ein vollständiges mentales Modell der gegenwärtigen Situation zu konstruieren, aus dem dann eine Handlung entstehen kann. Aus diesem Grund braucht das kognitive System Möglichkeiten den Flaschenhals sozusagen zu umgehen, um auch unter Zeitdruck adäquate Handlungen zu ermöglichen. Somit scheint aus dieser Sichtweise eine solche kognitive Fähigkeit das zentrale Element der kognitiven Architektur.

Betrachtet man jedoch die Häufigkeit des Scheiterns unter Zeitdruck, beispielsweise bei neuartigen kognitiven und sensomotorischen Herausforderungen ohne die Möglichkeit die Handlung kontrolliert zu planen, so stellt sich die Frage, ob zeitdruckbedingte Kognition wirklich das wesentliche Element der kognitiven Architektur sein kann. Hinzu kommt, dass viele unserer alltäglichen Aktivitäten nicht wirklich zeitgebunden sind. Situationen, wie beispielsweise das Autofahren bei dichtem Verkehr oder schnelle Reaktionen beim Sport, scheinen hier eher die Ausnahme zu sein. Sicherlich hat der Ansatz der zeitdruckbedingten Kognition seine Berechtigung bei Betrachtung solcher Situationen, aber es scheint unwahrscheinlich, diesen Standpunkt als das zugrundeliegende Prinzip der menschlichen Kognition anzunehmen.

3.3 Kognitionsabladungen an die Umwelt

Wie in der vorherigen Sichtweise deutlich wurde, kann Zeitdruck unsere kognitiven Funktionen begrenzen. Ähnliche Limitierungen findet man auch im Bereich der Aufmerksamkeit oder des Arbeitsgedächtnisses. Bei der Frage wie wir mit unseren kognitiven Begrenzungen umgehen, scheint es zwei mögliche Strategien zu geben. Eine naheliegende Möglichkeit ist auf bereits vorhandene mentale Repräsentationen zurückzugreifen. Alternativ kann man jedoch auch versuchen den kognitiven Arbeitsaufwand zu reduzieren, indem man die Umwelt in strategischer Weise nutzt und Kognitionen sozusagen auf die Umwelt ablädt. Damit ist in diesem Fall nicht gemeint, dass man die Umwelt als eine Art Langzeitspeicher für Erinnerungen nutzt, beispielsweise durch Kalender oder ähnliches. Vielmehr geht es hier um eine Kognitionsentladung, um eine vollständige Enkodierung oder Aktivhaltung von Informationen im Kurzzeitgedächtnis zu umgehen.

Eine Möglichkeit ist beispielsweise räumliche Probleme im Sinne von „Trial and Errror“ zu lösen anstatt eine mentale Lösung im Kopf zu entwickeln und diese erst anschließend auszuführen (Kirsch & Magliio, 1994). Generell scheint unsere kognitive Leistung besser zu sein, wenn wir kognitive, insbesondere räumliche Aufgaben mit unserer Umwelt in Verbindung bringen können (Glenberg & Robertson,1999). Dieses Abladen von Kognitionen an die Umwelt kann einerseits direkt erfolgen, wie beispielsweise durch Zuhilfenahme der Finger beim Zählen, wo die motorische Aktivität dazu dient, kognitive Arbeit zu ersparen. Andererseits ist auch symbolisches Abladen möglich. Solches symbolisches Abladen von kognitiver Arbeit findet man zum Beispiel dort, wo Gegenstände und ihre räumliche Beziehung zueinander benutzt werden, um nicht räumliche Kognitionen zu repräsentieren. Ein ähnliches Phänomen stellt das Gestikulieren beim Sprechen dar, was etwas Universelles und Automatisches zu sein scheint. Auch hier dient das Gestikulieren in erster Linie der kognitiven Funktion um den Denkprozess während des Redens am Laufen zu halten, statt wie häufig angenommen in erster Linie als Ausdrucksmittel zu dienen (Iverson & Goldin-Meadow, 1998; Krauss, 1998).

Das Nutzen körperlicher Ressourcen für kognitive Prozesse scheint also etwas Zentrales zu sein und man kann davon ausgehen, dass eine nähere Betrachtung dieses Ansatzes weitreichende Konsequenzen für das grundlegende Verständnis der menschlichen Kognition hat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die verschiedenen Sichtweisen der verkörperten Kognition und deren Diskussion
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V429591
ISBN (eBook)
9783668737693
ISBN (Buch)
9783668737709
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sichtweisen, kognition, diskussion
Arbeit zitieren
Katrin Gehlhaar (Autor), 2013, Die verschiedenen Sichtweisen der verkörperten Kognition und deren Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429591

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