Das Verhältnis von Literatur und Medium in Kafkas "In der Strafkolonie"


Seminararbeit, 2011
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textanalyse

3. Abschließende Betrachtung

4. Literaturverzeichnis

5. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Auf den ersten Blick erscheint Kafkas Erzählung In der Strafkolonie aus dem Jahr 1914 als Darstellung einer unmenschlichen Foltermaschine, die dazu bestimmt ist, einem Verurteilten dasübertretene Gesetz auf den Leib zu schreiben und ihn damit umzubringen. Schon auf den zweiten Blick wird jedoch erkennbar, dass neben der im Mittelpunkt stehenden „Schreib“-Maschine auch Themen wie Sprache, Körper, Leiden und die für Kafka typischen Fragen der Schuld, des Urteils und des Prozesses behandelt werden. In der folgenden Untersuchung soll der Aspekt des Mediums und der medialen Leistungen von Körper und Sprache in den Blick genommen werden.

Dass Kafkas Erzählung keine eindeutige Aussageüber das Verhältnis von Literatur und Medium oder Medien zulässt, zeigen bereits die zahlreichen Publikationen, die zu diesem Themenkomplex erschienen sind. Claudia Albert und Andreas Disselnkötter machen darüber hinaus darauf aufmerksam, dass „auch in der scheinbar rein textanalytischen, von keiner Spur der der Realgeschichte 'belasteten' Sekundärliteratur zur Strafkolonie massive Fehllektüren und Ausschlussmechanismen am Werke sind.“[1] Sie zeigen damit, dass der Text schon auf seiner inhaltlichen Ebene vielfältige Interpretationsspielräume eröffnet, die auch in der jüngeren Kafka-Forschung noch zu keinem umfassenden Konsens geführt haben. Festgehalten werden kann jedoch, dass Kafkas Text die angesprochenen Bereiche von Schreiben, Sprache und Körper in ein spezifisches Verhältnis zu einander setzt, das hier als Untersuchungsgegenstand betrachtet werden soll.

Im Folgenden gilt es mittels einer Primärtextanalyse zuüberprüfen, inwiefern das Erzählverfahren Aufschlussüber das Verhältnis von Literatur und Medium gibt oder ob esüberhaupt etwasüber das Verhältnis von Literatur und Medium aussagen kann.

Als methodische Vorüberlegung erscheint es sinnvoll, den Literatur-Begriff für die folgende Untersuchung einzugrenzen und zuüberdenken. Literatur im Sinne mündlich oder schriftlich fixierter Zeugnisse mit einem gewissen künstlerischen Anspruch wird in In der Strafkolonie nicht eindeutig zum thematischen Gegenstand. Von einemäußeren Standpunkt betrachtet kann nur der Text selbst als Literatur bezeichnet werden, in dem Literatur in verschiedenen Teilaspekten reflektiert wird. So stellen die kunstvollen Handzeichnungen des alten Kommandanten zwar schriftliche Zeugnisse dar, doch entsprechen sie auf Grund ihres Inhalts mehr juristischen als literarischen Texten. Ein weiterer, eng mit dem Literatur-Begriff verknüpfter Teilaspekt spiegelt sich im Motiv und der Thematisierung des Schreibens wider. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Technisierung des Schreibprozesses durch den Apparaten und das damit verbundene Spannungsfeld zwischen Mensch und Maschine. In dieses Feld hinein gehört letztlich auch der Aspekt zwischenmenschlicher Kommunikation als Grundlage menschlicher Spracheüberhaupt, die wiederum den Ausgangspunkt für jede Form von Austausch bzw. Literatur darstellt.

Im Anschluss an die Analyse des Textes sollen in einer abschließenden Betrachtung mögliche Lösungsansätze für die eingangs gestellte Frage ausgewertet werden.

2. Textanalyse

Franz Kafka schildert in In der Strafkolonie den Aufenthalt eines Forschungsreisenden auf einer tropischen Insel. Dort wird ihm vom Offizier des Strafgefangenenlagers die Funktionsweise und Geschichte eines „eigentümlichen Apparats“ zunächst erläutert und in der zweiten Hälfte der Erzählung auch demonstriert, wobei aber nicht der ursprünglich Verurteilte durch den Apparat gerichtet wird, sondernüberraschenderweise der Offizier sich selbst von der Maschine umbringen lässt. Nachdem der Reisende daraufhin kurz das Grab des alten Kommandanten, des Erfinders der Maschine, besucht, verlässt er schlagartig die Insel und lässt dabei sowohl den Verurteilten als auch einen die gesamte Zeitüber anwesenden Soldaten zurück.

Die Erzählung weist einen insgesamt sowohl zeitlich als auchörtlich streng begrenzten Handlungsverlauf auf, der sich grob in drei große Sinnabschnitte unterteilen lässt, mit denen Kafka den „Kriterien der aristotelischen Poetik […] in erstaunlich hohem Maße“[2] gerecht wird. Im ersten Drittel steht die Vorstellung der Personen, des Ortes und besonders der Maschine im Mittelpunkt der Darstellung. Darauf folgt eine mittlere Passage, in der sich eine Art Verhandlung zwischen dem Reisenden und dem Offizier entwickelt, deren Gegenstand nicht etwa das Urteil des Verurteilten ist, sondern der Apparat selbst, der somit auch als Konfliktpunkt zwischen dem Reisenden und dem Offizier bezeichnet werden kann. Dieser versucht seinen Gast auf verschiedenste Art und Weise für seine Sache, den Erhalt des Apparats zu gewinnen. Nach einer klaren Absage des Fremden an das Verfahren und die auf der Inselübliche alleinige Rechtsprechung durch den Offizier kommt es zum unerwarteten Wendepunkt und zum letzten Drittel, zu dessen Beginn die Freisprechung des Verurteilten und die Selbstverurteilung des Offiziers stehen.

Welche Beobachtungen lassen sich in Bezug auf die Kernfrage nach Literatur und Medium im ersten Drittel machen? Zeigen der Erzählverlauf, die Strukturierung des Inhalts und der Ablauf der Beschreibung bereits mögliche Ansatzpunkte für eine schlüssige Interpretation?

Zunächst kann festgehalten werden, dass das erste Drittel der Erzählung in zweifacher Hinsicht als Einleitung oder Exposition fungiert: Zum einen führt ein allwissender Erzähler die Personen, den Ort und das Geschehen ein, zum anderen wird die Handlung streng durch die vom Offizier gegebenen Erklärungen des Apparates strukturiert, denen er selbst eine hohe Bedeutung beimisst, indem er sie beispielsweise eine „Ehrenpflicht“[3] (E 166) nennt, der sich der neue Kommandant entzieht und weswegen er sie nun selbst erfüllen darf. Für den gesamten Sinnabschnitt auffällig ist die Tatsache, dass die Erklärungen des Offiziers nicht nur die Handlung strukturieren, sondern bei Betrachtung der Redeanteile diese auch dominieren und den Reisenden dadurch gerade auf der Ebene des Dialogs in eine passive, beobachtende Rolle zwingen. Der bis dahin unwissende Leser identifiziert sich auf diese Weise zwangsläufig mit der Perspektive des noch ahnungslosen Reisenden, dessen Aufmerksamkeit vom Offizier immer wieder auf den im Mittelpunkt stehenden Apparat gerichtet wird. Die Vermutung liegt nahe, dass durch die personale Erzählhaltung nicht nur die Perspektive des Lesers sondern auch seine Wertmaßstäbe beeinflusst und „gleichzeitig zur Disposition“[4] gestellt werden sollen. Neben dieser grundlegenden Wirkung des ersten Drittels kann zudem beobachtet werden, dass im Fokus der Rede des Offiziers der eigentümliche Apparat steht, der somit den inhaltlichen Schwerpunkt darstellt. Auf der Textebene aber bildet die wiedergegebene wörtliche Rede des Offiziers das motivierende und dominierende Moment, sodass der gesprochenen Sprache eine besondere Stellung oder Funktion zukommt. Bezeichnend für diese Beobachtung ist die Tatsache, dass die Erzählung direkt mit der wörtlichen Rede des Offiziers einleitet „'Es ist ein eigentümlicher Apparat', sagte der Offizier“ (E 161), sodass die Stimme des Erzählers erst im Nebensatz einsetzen kann, woraus Grabenmeier folgende Wirkung schlussfolgert: „Ein solch unvermittelter Erzählanfang ist ein Stillmittel der short story im 20. Jahrhundert. Der Erzähler läßt den Leser mit einer Augenblickssituation allein, deren Verständnis sich dieser erst allmählich erschließen muß, indem er die im folgenden vom Erzähler nachgelieferten Daten zu einem narrativ sinnvollen Konstrukt zusammenfügt.“[5]

Auf der inhaltlichen Ebene des Textes machen die Erklärungen des Offiziers dem Reisenden deutlich, dass es sich bei dem Apparaten um eine große, dreiteilige Maschine handelt, deren Aufgabe es ist, dem Verurteilten mittels eines „Zeichners“ innerhalb von zwölf Stunden das Gebot, das erübertreten hat, auf den Leib zu zeichnen und ihn damit umzubringen. Die damit verbundenen und mit Sicherheit bedeutenden Aspekte und Motive eines Gerichtsverfahrens, eines Prozesses, der Schuld und des Urteils werden bei der folgenden Untersuchung ausgeblendet.

Für die eigentliche Fragestellung zentral ist zunächst die Beobachtung, dass die vorgestellte und vom Offizier erklärte Maschine dazu dient, etwas zu schreiben und im Verlauf dieses Schreibens gleichzeitig verurteilt und tötet. Es liegt nahe, die tötende aber eben auch schreibende Maschine mit einer Schreibmaschine zu assoziieren. Malcom Pasley spricht beispielsweise von einer „fürchterliche[n] Schreibmaschine“[6] und Wolf Kittler weist zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen Kafkas Apparat und den zu seiner Zeitüblichen und als „Phonographen“ und „Grammophonen“ bezeichneten Sprechmaschinen auf.[7]

In Bezug auf die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Medium fällt schon hier eine scheinbar eindeutig negative Darstellung eines Mediums auf, die durch die beim Reisenden entstehende und wachsende Skepsis untermauert wird. Trotz dieses Eindrucks wird der Apparat sowohl vom Erzähler, als auch vom Offizier und vom Reisenden sehr differenziert dargestellt und wahrgenommen, weshalb eine eindimensionale Deutung des Apparats unmöglich ist.

Auffällig ist in dieser Hinsicht beispielsweise die Erläuterung des Offiziers, dass „sich im Laufe der Zeit für jeden [der] Teile gewissermaßen volkstümliche Bezeichnungen ausgebildet“ (E 163) haben. Die ungenaue Zeitangabe „im Laufe der Zeit“ erweckt zunächst den Eindruck eines schon sehr alten, quasi immer schon da gewesenen Apparats, welcher durch die angebliche Ausbildung „volkstümlicher Bezeichnungen“ noch im gleichen Satz verstärkt wird. Die Vorstellung, dass sich aus einem Volk heraus, sprachliche Bezeichnungen für den Apparaten entstehen, verleiht ihm den Status eines natürlichen, vom „Volk“ anerkannten Gegenstandes. Die vom Offizier ausgehende Faszination und Begeisterung für den Apparat scheinen an einer Stelle der Erzählung auch den Reisenden einwenig anzustecken, woraufhin sich auch die Darstellung der Maschine durch den Erzähler verändert, denn der Zeichner und das Bett „waren in den Ecken durch vier Messingstangen verbunden, die in der Ecke fast Strahlen warfen. Zwischen den Truhen schwebte an einem Stahlband die Egge.“ (E 165) Die Verknüpfung der Maschine mit Attributen des Lichts, die in den Strahlen zum Ausdruck kommen und die „schwebende Egge“ verleihen dem Bild etwas Entrücktes, Überirdisches, das auf der einen Seite mit dem sicheren Tod verbunden, auf der anderen Seite aber nur schwer als eindeutig Negatives verstanden werden kann.

Vom inhaltlichen Fokus auf die Maschine abgesehen entwirft der Text eine spezifische Figurenkonstellation, die auf der einen Seite in einer Abhängigkeit zum beschriebenen Apparat steht und auf der anderen zwei Figuren ausgrenzt. Die Erklärungen des Offiziers verbinden nämlich gleichzeitig die Figur des Offiziers, die Maschine selbst und den Reisenden miteinander. Die beiden anderen Personen, der Verurteilte und der Soldat, werden jedoch fast völlig außenvorgelassen und wirken beinahe wie Statisten. Das Beziehungsdreieck zwischen Offizier, Apparat und Reisendem kannüberspitzt formuliert die Überzeugung des Reisenden von der Sinnhaftigkeit und vom Erhalt der Maschine zum Ziel haben, doch im Laufe der Erzählung geschieht ironischer Weise genau das Gegenteil: Je mehr der Offizier die Einzelheiten und letztlich das Urteil selbst erläutert, desto kleiner wird das Verständnis des Reisenden und desto größer auch die Abneigung ihr gegenüber. So sah der Reisende „mit gerunzelter Stirn die Egge an. Die Mitteilungenüber das Verfahren hatten ihn nicht befriedigt.“ (E 169)

Die fehlende oder nicht funktionierende Verständigung, die scheinbar scheiternde Kommunikation zwischen den Personen spiegelt sich vielfach auch in der formalen Gestaltung des Textes wider. Beispielhaft für eine einseitige, nicht auf gegenseitige Aufmerksamkeit beruhende Gesprächssituation ist das in die Rede des Offiziers eingeschobene verbum dicendi „unterbrach sich der Offizier“ (E 163), das auf Grund seiner eingeschobenen Position gleich zu Beginn des neuen Satzes tatsächlich den Eindruck erweckt, als entstehe zwischen den beiden Sätzen des Offiziers eine Dialogsituation. Dieser Eindruck entsteht jedoch nurüber das scheinbare verbum dicendi „unterbrach“, das im Grunde keines ist undüber den tatsächlichen Monolog des Offiziers hinwegtäuscht, bei genauerem Hinsehen aber signalisiert, dass das Gespräch nur in eine Richtung verläuft. Der später folgende Vergleich des Erzählers „als rede er zu sich selbst“ (E 167) bestätigt dann diesen Eindruck.

[...]


[1] Claudia Albert; Andreas Disselnkötter: Inmitten der Strafkolonie steht keine Schreibmaschine. Eine Re-Lektüre von Kafkas Erzählung. In: IASL 27 (2002), S. 170.

[2] Alexander Honold: In der Strafkolonie. In: Jagow, Bettina von: Kafka-Handbuch, Leben, Werk, Wirkung. Göttingen 2008, S. 493.

[3] Hier und im Folgenden zitiert nach: Franz Kafka: Drucke zu Lebzeiten. Kritische Ausgabe, hg. v. Kittler, Wolf; Koch, Hans-Gerd; Neumann, Gerhard. Frankfurt a. M. 1994, S. 166. (Im Folgenden Sigle „E“)

[4] Oliver Jahraus: Kafka, Leben – Schreiben - Machtapparate. Stuttgart 2006, S. 329.

[5] Isolde Grabenmeier: Schreiben als Beruf. Zur Poetik Franz Kafkas auf dem Hintergrund der Herrschaftstheorie und Methodenreflexion Max Webers. Freiburg 2008, S. 236.

[6] Malcom Pasley: Der Schreibakt und das Geschriebene, Zur Frage der Entstehung von Kafkas Texten. In: Franz Kafka, Themen und Probleme. Göttingen 1980, S. 11.

[7] Vgl. Wolf Kittler: Schreibmaschinen, Sprechmaschinen, Effekte technischer Medien im Werk Franz Kafkas. In: Kittler, Wolf; Neumann, Gerhard: Franz Kafka: Schriftverkehr. Freiburg i. B. 1990, S. 117-118.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Literatur und Medium in Kafkas "In der Strafkolonie"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Vertiefungsseminar: Literatur und Massenmedien 1900-1933
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V429706
ISBN (eBook)
9783668729643
ISBN (Buch)
9783668729650
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Kafka, Strafkolonie, Medium, Literatur, Literatur und Medium, Prozess, Recht, Schuld, Maschine, Körper
Arbeit zitieren
Thomas Byczkowski (Autor), 2011, Das Verhältnis von Literatur und Medium in Kafkas "In der Strafkolonie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429706

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