Die Darstellung des Festes nach Maffesoli im Roman "Grenzgang"


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Analyse der Festdarstellung anhand ‚Grenzgang‘
1) Der Alltag als Gegenraum des Festes
2) Das orgiastische Lebensgefühl
3) Aufgehen im Kosmos
4) Fazit

III. Schlusswort

Quellen- und Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Feste gibt es schon, so lange es Menschen gibt. Schon im antiken Griechenland prägte der Mythos des Dionysos die Kultur. Das Volk errichtete in den großen Städten Dionysostempel, um dort Feste und Veranstaltungen zu zelebrieren. Dionysos gilt als der Gott des Festes und als Ursprung der gesamten europäischen Theaterkultur.[1] Über das Dionysische schreibt auch der französische Soziologe Michel Maffesoli in seinem Buch ‚Der Schatten des Dionysos. Zu einer Soziologie des Orgiasmus‘.[2]

Michel Maffesoli wuchs in Frankreich auf. Der Alltag seiner Kindheit und Jugend war vom Dorfleben und dem dort essentiellen Kohlebergbau geprägt. Neben der Härte und der Unsicherheit der täglichen Arbeit im Kohlebergbau gehörte für ihn auch das Dorffest zum täglichen Leben dazu. Dieses sollte die anstrengende und gefährliche Arbeit für ein paar kostbare Stunden vergessen machen. Ein Wechselspiel zeichnete sich ab zwischen der Mühsal des Arbeiterlebens und den „wiederkehrenden kleinen und großen, mehr oder weniger ritualisierten Glücksmomenten im kollektiven Feiern, der damit empfundenen Euphorie und Gemeinschaftserfahrung im Kreis der ‚einfachen Leute‘.“[3] Feste zeichnen sich durch eine „Differenzqualität“[4] zum Nicht-Fest aus. Das Fest ist also der Gegenpol zum Alltag.

In dieser Hausarbeit soll es um das Fest als Gegenpol zum Alltag gehen. Ich beziehe mich dabei auf ‚Der Schatten des Dionysos‘[5] um das Fest nach der Definition von Michel Maffesoli darzustellen. Des Weiteren arbeite ich mit dem Roman ‚Grenzgang‘[6] von Stephan Thome. Anhand dieses Romans werde ich die Konstituierung und die Darstellung des Festes aufweisen.

Ich widme mich zunächst dem Gegenpol des Festes: Dem Alltag. Anschließend gehe ich auf das orgiastische Lebensgefühl ein, das Maffesoli in seinem Text beschreibt. Des Weiteren widme ich mich der Verschmelzung mit dem Kosmos und zeige diese anhand verschiedener Beispiele im Roman auf.

Am Ende meiner Hausarbeit werde ich in einem Fazit die Ergebnisse und Erkenntnisse zusammenfassen und mit einem kurzen Schlusswort abschließen.

II. Analyse der Festdarstellung anhand ‚Grenzgang‘

1) Der Alltag als Gegenraum des Festes

Wenn Michel Maffesoli von einer „postmodernen Soziologie des Alltagslebens“[7] spricht, rekurriert er dabei auf eine vitalistische Grundstimmung, die auf die alltägliche Ebene der Erfahrung hinweist. Er spricht von der existentiellen und emotionalen Dynamik des Lebens, von Tragik und der Wiederkehr des Gleichen[8], einem zentralen Motiv in seiner Schrift. Weiter spricht er von der Sinnlosigkeit des Lebens, angesichts des unvermeidlichen Todes, aber auch der schöpferischen Kraft, der Euphorie und des Zusammen-Seins.[9]

Das Alltagsleben zeichnet sich wesentlich durch die „Sinnlosigkeit des Sozialen“[10] aus, welche sich in der Akzeptanz des eigenen Schicksals zeigt und der Einbindung in Kollektive, die eigentlich widersprüchlich sind, sich aber über Tauschbeziehungen, orgiastische Praktiken und auch in der Bedeutung der lokalen räumlichen Nähe konstituieren.[11] Dies wird auch im Roman ‚Grenzgang‘ deutlich. Die Wiederkehr des Gleichen zeigt sich an dem Fest Grenzgang selbst, das regelmäßig zyklisch alle sieben Jahre stattfindet.[12] Die Hauptperson im Roman, Kerstin, stammt nicht ursprünglich aus dem Dorf, sie ist eine Zugezogene und nicht nur sie selbst, sondern auch die zweite Hauptperson des Romans, Thomas, hat den Eindruck, sie sei noch immer eine Fremde: „und trotzdem hat sich sein Eindruck von damals erneuert: dass sie eine Fremde ist im Ort, anders als er, aber genauso fremd.“[13] Trotzdem ist sie Teil des Festes. Hier zeigt sich sowohl die widersprüchliche Einbindung in das Kollektiv, als auch die konstituierende lokale Nähe, da nur das Dorf Bergenstadt Grenzgang feiert.[14] Auch die Akzeptanz des eigenen Schicksals lässt sich gut an Kerstin aufzeigen. „Trotz allem, denkt sie […] Jedenfalls besser als Selbstmitleid. – Stattdessen Selbstbetrug.“[15]

Doch auch im Alltäglichen gibt es von Zeit zu Zeit rauschhafte Momente. Ein Beispiel hierfür ist der Fußball, ob es nun das Fußballschauen jedes Wochenende ist oder die Weltmeisterschaft – sie konstituieren den sozialen Zusammenhalt in der Postmoderne.[16] Auch hier ist erneut die zyklische Wiederkehr des Gleichen vorhanden, ob es jedes Wochenende oder alle vier Jahre, wie die Weltmeisterschaft, ist. Der Roman Grenzgang spielt während der Weltmeisterschaft 2006 und auch dieses Ereignis kann als Fest betrachtet werden, da sich dort festkonstituierende Eigenschaften, wie das Kollektiv, Fahnenschwenken und Verkleidung finden:

„Ohne Ton wirkt die Emotionalität der Nahaufnahmen bizarr. Ein ganzes Stadion scheint zu leiden, inklusive der Bundeskanzlerin, aber kein Stöhnen ist zu hören. Kein Fluchen und kein Winseln. […] Schwarz-rot-goldene Fahnen wehen schweigend über vollbesetzte Ränge Leute tragen fußballförmige Hüte und Kriegsbemalung, vollführen eine Mischung aus Karneval und Stammesritual und beginnen ekstatisch zu winken[…]“.[17]

Das Fußballbeispiel zeigt, dass diese dionysischen Momente des Alltags solche des „Außer-Sich-Seins“[18] sind.

„Vielleicht sollte man mit den Surrealisten sagen, daß es zwischen allem, was ist, eine geheime Korrespondenz gibt, von der die Romane und die Fiktion Zeugnis ablegen.“[19] Ob diese nun bei Exzessen im Bordell, oder wie in ‚Grenzgang‘ im Swinger-Club[20], bei Liebesabenteuern oder in der Banalität des Alltags zum Ausdruck kommt – es gibt immer eine Korrespondenz und einen ‚roten Faden‘ zwischen den einzelnen Individuen. Sie bilden eine kollektive Einheit und geben Aufschluss darüber, was im Zusammenhang mit dem Alltagsleben wichtig ist.[21]

2) Das orgiastische Lebensgefühl

„Öffentliche Feste lassen sich als kulturelle Ausdrucksformen beschreiben, in denen ein Kollektiv sich selbst thematisiert. In ihnen wird mittels symbolischer Inszenierungen Identität zum Ausdruck gebracht und erfahrbar gemacht. Im Fest kommt kultureller Sinn zur Darstellung, bietet sich zur Identifikation an und vermag Zugehörigkeit zu vermitteln.“[22] Dies wird in der Rede des Bürgermeisters auf dem Grenzgangsfest deutlich, als er von einer Tradition spricht, die Verbundenheit ausdrückt zwischen den Zeiten, Generationen, Bürgern und Bürgerinnen und der ganzen Gemeinde zu ihrer Heimat. Die Heimat ist außerdem das, was die Gemeinde und Gemeinschaftsmitglieder stolz macht.[23] Des Weiteren hat Grenzgang verschiedene symbolische Inszenierungen und Rituale, in denen sich, wie oben genannt, das Kollektiv selbst thematisiert. Beispielsweise findet diese Thematisierung Ausdruck in den verschiedenen, nach Stadtteilen geordneten Männergesellschaften.[24] Ein Beispiel für eine Inszenierung ist die des Stemmkommandos, bei dem man drei Mal hintereinander hoch in die Luft geworfen wird und im Gegenzug dafür ein Abzeichen bekommt, das einem Freigetränke sichert.[25]

Das orgiastische Lebensgefühl hat zum Ziel, in das große Ganze des Kosmos und der Gemeinschaft insgesamt auszubrechen. Es hat mit Ekstase zu tun, dem Über-Sich-Hinausgehen eines Individuums auf ein ausgedehntes Ganzes.[26] Weiter beschreibt Maffesoli das orgiastische Lebensgefühl als eine moralische Verirrung.[27] Erneut betont er das Kollektiv als Voraussetzung, um überhaupt ein orgiastischen Lebensgefühl empfinden zu können, indem er sagt: „Eine Stadt, ein Volk, eine mehr oder weniger begrenzte Gruppe von Individuen, denen es nicht gelingt, ihre Maßlosigkeit, ihre Verrücktheit und ihre Traumwelten kollektiv auszudrücken, wird schnell zerfallen und verdiente eigentlich, wie Spinoza sagt, ‚den Namen der Einöde‘.“[28] Hier zeigt sich, dass die Gemeinde Bergenstadt nur so funktionieren kann. Denn nur durch das Fest, das sich alle sieben Jahre wiederholt, wird Gemeinschaft und Zugehörigkeit konstituiert. In den Jahren dazwischen geschieht nichts, was die Bewohner zusammenführt oder stolz macht, Bewohner von Bergenstadt zu sein. Nur im Fest passieren Dinge, welche die Menschen in Bewegung halten. „[‘]Ich finde, wir hätten uns schon viel früher treffen sollen, aber in Bergenstadt bewegen sich die Dinge eben nur in den Grenzgangsjahren. Die sieben Jahre dazwischen…‘ Sie schnippt mit den Fingern.“[29]

Die Welt ist eine vieldeutige in der man, nach Maffesoli, paradoxerweise dieses und jenes zur selben Zeit sein kann. Auch hier gibt es eine Szene, in der diese These beispielhaft verdeutlicht wird. Kerstins Sohn, Daniel, nimmt auf dem Fest eine neue Identität an, er ist Daniel und zugleich auch nicht Daniel: „Man durfte wahrscheinlich nicht zweimal unter dieselbe Fahne. […] ‚Ich heiß nicht Bamberger‘, sagt er. […] Linda war fertig mit ihrem Zopf und sagte: ‚Das ist mein Cousin aus Hamburg. Der heißt Jan. ‘“[30] Weiter wird geschrieben: „Bestimmt sah seine Mutter ihn fliegen, ohne zu wissen, dass es Jan aus Hamburg war, der da durch die Luft segelte.“[31]

Der Orgiasmus ist außerdem der grundlegende Vorgang, in dem alle Elemente des Kosmos sich versammeln und einordnen. Die Orgie darf dabei aber nicht auf sexuelle Aktivitäten reduziert werden, sie ist der Ausdruck kollektiven Wünschens. Es gibt einen Anstoß zur Grenzüberschreitung des Ichs und dem Verlieren in einem größeren Ganzen.[32]

Ein Bestandteil des Festes ist auch die Musik. Maffesoli nennt die Musik eine Vielheit in der Einheit, als spannungsreich und zugleich ausgeglichen. Er nennt die Spannung zwischen Dissonanz und Konsonanz, zwischen Rhythmus und Melodie und betont, dass der dramatische Konflikt solange besteht, bis der versöhnende Schlussakkord erklingt. Dieser bezeichnet die Integration aller Unterschiede. Maffesoli verweist hier auf Walter Schuhbart, der musikalische Harmonie mit Erotik vergleicht. Musik und erregte Sinnlichkeit hängen eng zusammen, auf jedem Fest, jeder Veranstaltung gibt es Musik. Musik und Tanz sind gleichzeitig auch Bestandteile der meisten orgiastischen Praktiken.[33] Auch beim Grenzgang gibt es Musik und Tanz, die sich zeitweilig zu einer erotischen Komponente entwickeln, als Kerstin und ihre Freundin Anita zusammen auf der Tanzfläche sind, und sich küssen.

„Sie fielen aus der Reihe mit ihren kurzen Röcken und Anita in ihrem miederähnlichen Oberteil. Kaum hatte sie ihrer Freundin die Hand um die Hüfte gelegt und ihr ermahnend das Knie des Startbeins gegen den Oberschenkel getippt, sagte die auch schon: ‚ Ziehen wir wieder unsere alte Lesbennummer ab? ‘“[34]

Auch die Musik und das Singen sind für die Stimmung im Zelt auf dem Grenzgang elementar:

„Darin bestand wahrscheinlich der Spaß: auf Tischen und Bänken stehen und einfach mitsingen. So laut es ging. […] sich bei den Nachbarn unterhaken und allen in der Nähe zuprosten, zuwinken, zulachen […] zusammen mit fünftausend anderen und in dem Wissen, dass im zweiten Zelt nebenan noch einmal genauso viele auf Tischen und Bänken standen, deren Gesang zu hören war in den kurzen Liedpausen, wie das Echo der eigenen krachend guten Laune.“[35]

Neben Musik und Tanz spielt auch der Alkohol eine tragende Rolle beim Fest. Der Wein ist dabei aus historischer Perspektive besonders zu betonen. Schon Platon meinte, der Wein sei den Menschen von den Göttern zur heiteren Feier gegeben worden, damit dieser den Verkehr untereinander fördere. Weiter heißt es, der Wein gebe den Menschen die nötige Geschmeidigkeit, um die Grämlichkeit des Alterns zu überwinden und sei das Bindemittel für den Zusammenhalt der Gemeinschaft.[36] Alkohol verweist auf eine Icherweiterung, das Trinken spiegelt die kosmische Ordnung wieder und beansprucht eine Reflexion über das orgiastische Lebensgefühl.[37] Neben der Icherweiterung ermöglichen alkoholische Getränke zudem Dinge auszusprechen und zu tun, die man sich normalerweise verbietet.[38] Im Roman wird der Wein zwar oft durch Bier ersetzt, doch werden die genannten Punkte an verschiedenen Stellen deutlich. Hier wäre zum einen die Textstelle zu nennen, als Kerstin Thomas auf dem Grenzgang küsst. „Bier und Rasierwasser, zwei schale Duftnoten seiner Männlichkeit, füllten den sehr engen Raum zwischen ihnen. Ich bin selbst nicht mehr ganz nüchtern, sagte sie sich.“[39] Bei dieser Szene wird die Icherweiterung deutlich, da Kerstin einfach einen fremden Mann küsst, ohne Begeisterung, während ihr Sohn nur wenige Meter von ihr entfernt ist. Eine weitere Stelle: „Alle woll’n den hier…‘ Mit der Rechten kippte er sich ein unsichtbares Bierglas in den Mund.“[40] Kerstin denkt über sich selbst: „Vielleicht ist doch noch nicht alles zu spät, vielleicht ist ihr zurückschrecken von Nähe nicht unheilbar, sondern lässt sich durch behutsame Behandlung kurieren, mit Wein, Umarmungen und der banalen Einsicht, dass auch in strahlend hellen Badezimmern dein Leben nicht immer glänzend aussieht.“[41] Hier zeigt sich die Bedeutung von Wein, die das Alter überwinden und Nähe wieder möglich machen soll.

Und die Entscheidung, einen Pärchenclub zu besuchen, fällt, während Kerstin und Karin Wein trinken, sich auch betrunken fühlen und am Ende des Gespräches feststellen, dass sie zusammen drei Flaschen Wein getrunken hatten…[42] Die Entscheidung zu dem Pärchenclub selbst zeigt schon die Icherweiterung, da die beiden sich als Bewohner Bergenstadts nicht auf derartige Dinge einlassen, sich nun aber in ihrem Frust (und dem Wein) auf unbekanntes Terrain trauen.

Später im Text trifft Kerstin auf Lars Benner. Kerstins Mann betrügt sie mit dessen Freundin. Er ist bereits betrunken und bittet sie, ihren Mann von seiner Freundin fernzuhalten. Kerstin hat bereits an diesem Tag „vier- bis fünftausend angetrunkene Männer gesehen. Es reichte.“[43] Und als Lars meint, er müsse ihrem Mann sonst eine reinhauen, sagt Kerstin, er solle das doch machen und nennt ihm den Ort, wo sich ihr Mann aufhält.[44] Auch hier zeigen sich die Ichentgrenzung, der Hang zur Gewalt, und das Aussprechen von Dingen, die man unter normalen Umständen nicht gesagt hätte. Maffesoli schreibt passend dazu noch, dass man dem Alkohol allgemein das Vermögen zutraut – ob nebenher oder im Exzess – Verbindungen herzustellen.[45] Weiter beschreibt er, dass Alkohol auch eine aggregative Funktion der Unbestimmtheit habe. „[F]lüssig und samtig weich wie er ist, stiftet er Zusammenhalt; das Fest ist das vollkommenste Beispiel.“[46]

Dass Kerstin und auch Thomas trotz ihrer Andersheit die Möglichkeit haben, im Fest und im Kollektiv aufzugehen und dort auch über sich hinauszugehen macht deutlich, dass es erst der Pluralismus ist, der sich in der Andersheit vollendet und in der Leidenschaftlichkeit des orgiastischen Lebensgefühls gipfelt.[47] Der Orgiasmus gilt als die kollektive Kraft, die es schafft, auf das Gebilde des Gemeinschaftslebens ein Licht zu werfen. Besonders aber weist der Orgiasmus darauf hin, wie sich das Kollektiv zu seinen Lebensbedingungen und seinem Schicksal verhält.[48]

Maffesoli weist außerdem auf de Sade hin, dessen These es ist, dass die Heirat einen Schutzschirm bildet, hinter dem sich viel Lasterhaftes verbirgt.[49] Dies trifft sehr gut auf Karin Preiss in ‚Grenzgang‘ zu, da sie hinter ihrer Ehe diverse Fantasien hegt, wie die Entscheidung, zusammen mit Kerstin zum Pärchenclub zu fahren.[50]

Die Szene im Roman, in der Kerstin und Karin in den Pärchenclub fahren, ist paradigmatisch für einige orgiastische Eigenschaften, die Maffesoli nennt.[51] Er betont:

„Das Bemerkenswerte ist diese Spontaneität, die sich unterirdisch vollzieht; sie belegt, wie unnütz äußere Kontrolle und Planung sind. Die von einer solchen Spontaneität erzeugte Organisationsstruktur ist dehnbar, aber an ihr hängt das ganze Leben und Überleben der Gemeinschaft in all ihren Aspekten.[52]

Hier wird deutlich, dass es unmöglich ist, Dinge vorherzusehen. Passend dazu ist der Moment im Roman, als Kerstin im Club Thomas Weidmann erblickt. In diesem Moment zeigt sich die Spontanität des Seins.[53] Weiter zeigt diese ‚Club – Szene‘ auf, dass dies Begleiterscheinungen sind, die eine bestimmte Gesellschaft kennzeichnen, wenn diese aus ihrem gewöhnlichen Dasein wachgerüttelt wird. „Denn tatsächlich schlägt das Leben ja dann über die Stränge, wenn der eiserne Griff der Macht über eine längere Zeit hin immer stärker fühlbar wird oder wenn die Gleichgültigkeit der Langeweile den gesellschaftlichen Körper zu zersetzen beginnt.“[54] Der Besuch der beiden Frauen im Pärchenclub zeigt zudem die rituelle Verjüngung mit ihrer erotischen Komponente. Diese tritt immer dann auf, wenn eine Gesellschaft anfängt zu versteinern und zu verkalken und sich daraufhin selbst etwas Jugendlichkeit verabreichen muss.[55] Dies wird deutlich, wenn man den Zeitpunkt betrachtet, an dem Karin Preiss sich entschließt, den Pärchenclub aufzusuchen:

„Unsere Kinder sind dabei, erwachsen zu werden. Mein Mann arbeitet immer. Du bist geschieden. […] Wir sind nicht mehr zwanzig, und das Leben liegt vor uns. Wir sind aber auch noch nicht siebzig, und das Leben liegt hinter uns. Wir sind Mitte vierzig, und das Leben läuft an uns vorbei. […] Kurz und gut, ich werde mir so einen Pärchenclub mal ansehen.“[56]

[...]


[1] Vgl. Schmidt, Jochen / Schmidt-Berger, Ute (Hg.): Mythos Dionysos. Texte von Homer bis Thomas Mann, Stuttgart: Reclam 2008.

[2] Vgl. Maffesoli, Michel: Der Schatten des Dionysos. Zu einer Soziologie des Orgiasmus, Frankfurt am Main: Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft 1986.

[3] Keller, Reiner: Michel Maffesoli. Eine Einführung, Konstanz: UVK 2006. S.11.

[4] Kopperschmidt, Josef / Schanze, Helmut (Hg.): Fest und Festrhetorik. Zu Theorie, Geschichte und Praxis der Epideiktik, München: Wilhelm Fink Verlag 1999.

[5] Vgl. Maffesoli: Der Schatten des Dionysos.

[6] Vgl. Thome, Stephan: Grenzgang. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2013.

[7] Keller: Maffesoli. S.26.

[8] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.15.

[9] Vgl. Keller: Maffesoli. S.25f.

[10] Keller: Maffesoli. S.27.

[11] Vgl. Keller: Maffesoli. S.27f.

[12] Vgl. Thome: Grenzgang. S.61.

[13] Thome: Grenzgang. S.22.

[14] Vgl. Thome: Grenzgang. S.54.

[15] Thome: Grenzgang. S.9 und S.10.

[16] Vgl. Keller: Maffesoli. S.41f.

[17] Thome: Grenzgang. S.246.

[18] Keller: Maffesoli. S.101.

[19] Maffesoli: Dionysos. S.81.

[20] Vgl. Thome: Grenzgang. S.286ff.

[21] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.82.

[22] Kopperschmidt / Schanze: Fest. S.193.

[23] Vgl. Thome: Grenzgang. S.122f.

[24] Ebd. S.121.

[25] Ebd. S205f.

[26] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.16.

[27] Ebd. S.18.

[28] Maffesoli: Dionysos. S.19.

[29] Thome: Grenzgang. S.195.

[30] Ebd. S.207.

[31] Ebd. S.208.

[32] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.77 und S.78

[33] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.79.

[34] Thome: Grenzgang. S.343.

[35] Ebd. S.336.

[36] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.136.

[37] Ebd. S.136 und S.137.

[38] Ebd. S.140.

[39] Thome: Grenzgang. S.175.

[40] Ebd. S.84.

[41] Ebd. S.217.

[42] Vgl. Ebd. S.218f.

[43] Ebd. S.223.

[44] Vgl. Ebd. S.224.

[45] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.144.

[46] Maffesoli: Dionysos. S.143.

[47] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.103.

[48] Ebd. S.153.

[49] Ebd. S.34.

[50] Vgl. Thome: Grenzgang. S.216ff.

[51] Ebd. S.286 – S.301.

[52] Maffesoli: Dionysos. S.76.

[53] Vgl. Thome: Grenzgang. S.300.

[54] Maffesoli: Dionysos. S.112f.

[55] Vgl. Maffesoli: Dionysos. S.126.

[56] Thome: Grenzgang. S.218.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Festes nach Maffesoli im Roman "Grenzgang"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V429778
ISBN (eBook)
9783668752276
ISBN (Buch)
9783668752283
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, festes, maffesoli, roman, grenzgang
Arbeit zitieren
B.A Lena Gabel (Autor), 2016, Die Darstellung des Festes nach Maffesoli im Roman "Grenzgang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429778

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