Es besteht keine Frage mehr, dass Medien heutzutage eine entscheidende Rolle nicht nur in unserem alltäglichem Handeln, sondern auch in unserer Sozialisation und in der Weise wie wir die Welt wahrnehmen spielen. Doch auch umgekehrt beeinflusst unser alttägliches Erleben, unsere Werte und Normen, welchen Sinn wir Medieninhalten verleihen. Bereits im Kleinkindalter sind Kinder von medialen Produkten oder crossmedialen Vermarktungsstrategien quasi allgegenwärtig umgeben. Aufmerksamkeit und Begeisterung sind durch Fernseher und Computer garantiert. Dagmar Hoffmann betont jedoch, dass diese Rolle der Medien von soziologisch orientierten Sozialisationstheoretikern erst sehr spät in die Forschung Einzug gefunden hat. Oftmals wurde den Medien nicht die gleiche Bedeutung wie den traditionellen Faktoren der Sozialisation anerkannt, da die Rolle und letztendlich auch der Einfluss der Medien anders als bei Freunden, Familie oder Schule nicht direkt erkennbar und zu benennen ist. Die unmittelbare Reaktion auf Medieninhalte bleibt aus, weil „sie im Grunde anonym und unverbindlich sind, [und, M.H.] keine symmetrische Form der Interaktion und Kommunikation erlauben“. Erst vor knapp 20 Jahren etablierten sich die Medien als bedeutender und entwicklungspsychologisch ernstzunehmender Bereich der Sozialwissenschaften, vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Nach Römer wurde die Medienrezeptionsforschung zuvor lange Zeit anderen Forschungsdisziplinen untergeordnet. Erst mit der Digitalisierung und der vorschreitenden Mediatisierung des Alltags hat sich dies Ende der 1990er Jahre schrittweise geändert. In der 2000er-Jahren erfuhr die qualitative Medienrezeptionsforschung und das verstehen von Medienhandeln schließlich einen enormen Aufschwung. Jüngere Entwicklungen wie die wachsende Bedeutung von Social Media oder Smartphones werden diesen Wachstum sicherlich weiter beschleunigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Kinder- und Jugendmedienforschung
2. Theoretischer Rahmen
2.1. Symbolischer Interaktionismus
2.2. Uses-and-Gratification Ansatz
2.3. Entwicklungspsychologischer Ansatz
3. Methode
4. Der subjektive Sinn
4.1. Sinnenhaftes Handeln nach Max Weber
4.2. Der subjektive Sinn und Handlungsleitenden Thema
5. Herausforderungen in der Forschung mit Heranwachsenden
5.1. Besonderheiten in der Kinder- und Jugendmedienforschung
5.2. Crossmediale Aneignung in der konvergenten Medienwelt
6. Methodologische Ansätze in der Kinder- und Jugendmedienforschung
6.1. Quantitative Befragungen mit Kindern
6.2. Qualitative Zugänge
6.2.1. Kontextuelles Verstehen von Medienaneignung
6.2.2. Mediale Erscheinungs- und Äußerungsformen
6.2.3. Wie ticken Kinder? - Vorüberlegungen zur Erhebung
6.2.4. Alter und Entwicklungsstand - Handlungsorientierte Zugänge
6.2.5. Einen umfassenden Blick bekommen - Multiperspektive Zugänge
7. Conclusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie die Komplexität der crossmedialen und konvergenten Medienaneignung bei Kindern und Jugendlichen methodisch adäquat erfasst werden kann, um den subjektiven Sinn ihres Medienhandelns zu rekonstruieren.
- Rolle der Medien im Sozialisationsprozess von Heranwachsenden
- Herausforderungen der Forschung mit Kindern und Jugendlichen
- Bedeutung des subjektiven Sinns und handlungsleitender Themen
- Methodologische Ansätze in der qualitativen Medienforschung
- Umgang mit crossmedialer Medienkonvergenz in der Erhebung
Auszug aus dem Buch
6.2.1. Kontextuelles Verstehen von Medienaneignung
„[…]dass es wohl auch mit dezidierten Methoden kaum gelingen wird, ‚den Beitrag der Massenmedien zur Gesamtsozialisation des Rezipienten zu isolieren‘ […]. Hiermit hat er tatsächlich das Grunddilemma der Mediensozialisationsforschung beschrieben: Wirkungsstärken der jeweiligen Sozialisationskontexte können nicht genau eingeschätzt und plausibel miteinander in Beziehung gesetzt werden. In vielen Jugendmedienstudien wird man damit konfrontiert, dass die Zuwendung zu den Medien im Vordergrund steht und nachrangig die Nutzung und Aneignung bestimmter Medien(-inhalte) in den Kontext der Sozialisationsbedingungen analysiert wird. Rar sind Studien, die sich zunächst mit dem Gesamtensemble der Entwicklungssituation beschäftigen und dann die Bedeutung medialer Erfahrungen dimensionieren. Würde man zunächst den Kontext der Handlungsfähigkeit junger Menschen, ihre sozialkognitive und moralische Entwicklung betrachten und davon ausgehend ihre Interaktionen mit sozialen Akteuren und gesellschaftlichen Institutionen sowie medialer Kontexte untersuchen, würde man vermutlich häufig zu anderen Ergebnissen kommen, die vor allem mediale Einflüsse auf soziale Einstellungen und Verhaltensweisen relativieren würden.“ (Hoffmann 2011: 52)
Theunert (2013) stellt das zentrale Forschungsprämisse das kontextuelle Verstehen der Medienaneignung vor. Dies meint die vielfältigen Prozesse in der Medienaneignung samt persönlicher, soziokultureller Lebenswelt und Sozialisationsbedingungen zu erfassen. Außerdem müssen die aktuell in der Gesellschaft verfügbaren sowie die persönlich zugänglichen Medienstrukturen auferlegt werden. (Vgl. Theunert 2013: 129) Wie dies gesichert werden kann, wird in den folgenden Abschnitten erläutert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kinder- und Jugendmedienforschung: Einführung in die Bedeutung von Medien als Sozialisationsinstanz und die historische Entwicklung der medienpädagogischen Forschung.
2. Theoretischer Rahmen: Vorstellung der Basistheorien, insbesondere des Symbolischen Interaktionismus, des Uses-and-Gratification-Ansatzes sowie entwicklungspsychologischer Perspektiven.
3. Methode: Erläuterung der Literaturarbeit als methodisches Vorgehen zur Aufbereitung und kritischen Diskussion bestehender Forschungsergebnisse.
4. Der subjektive Sinn: Definition des subjektiven Sinns nach Max Weber und Erläuterung der Bedeutung handlungsleitender Themen für das Medienhandeln.
5. Herausforderungen in der Forschung mit Heranwachsenden: Analyse der spezifischen Schwierigkeiten bei der Erforschung von Medienaneignung unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes und der Medienkonvergenz.
6. Methodologische Ansätze in der Kinder- und Jugendmedienforschung: Diskussion quantitativer und qualitativer Erhebungsmethoden sowie der notwendigen Anpassung an die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen.
7. Conclusion: Zusammenfassende Bewertung der Forschungsstrategien und Plädoyer für ein ganzheitliches, kontextuelles Verständnis des kindlichen Medienhandelns.
Schlüsselwörter
Medienaneignung, Kinder- und Jugendmedienforschung, Subjektiver Sinn, Handlungsleitende Themen, Sozialisation, Medienkonvergenz, Qualitative Forschung, Kontextuelles Verstehen, Medienrezeption, Entwicklungsaufgaben, Symbolischer Interaktionismus, Multiperspektivität, Medienpädagogik, Lebenswelt, Medienkompetenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Seminararbeit befasst sich mit den methodologischen Herausforderungen und Ansätzen bei der Erforschung des Medienhandelns von Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rekonstruktion des subjektiven Sinns, der Einfluss von Sozialisationsprozessen auf die Medienaneignung und die Anpassung wissenschaftlicher Methoden an die kindliche Lebenswelt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu beantworten, wie die Komplexität crossmedialer Medienaneignung methodisch adäquat erfasst werden kann, um den Sinngehalt aus der Perspektive der Heranwachsenden zu verstehen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die theoretische Konzepte und empirische Studien zusammenführt, diskutiert und unter einer neuen Fragestellung aufbereitet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Medienhandelns, die besonderen Herausforderungen der Kinderforschung sowie konkrete qualitative Zugänge, wie das kontextuelle Verstehen und multiperspektivische Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Medienaneignung, Subjektorientierung, Medienkonvergenz, Entwicklungsaufgaben und die hermeneutische Rekonstruktion des subjektiven Sinns.
Warum sind klassische Befragungsmethoden für Kinder oft ungeeignet?
Sie sind häufig zu stark auf sprachliche Ausdrucksfähigkeit und eine hierarchische Beziehung zwischen Forscher und Kind ausgerichtet, was dem kindlichen Ausdrucksvermögen oft nicht gerecht wird.
Was versteht man unter „handlungsleitenden Themen“?
Dies sind individuell variierende, alters- und gruppenspezifische Interessen und Ziele, die das Medienhandeln sinnvoll strukturieren und interpretierbar machen.
Welche Rolle spielt die Medienkonvergenz in der Erforschung?
Sie macht es notwendig, nicht mehr nur Einzelmedien zu untersuchen, sondern das gesamte, vernetzte Medienensemble eines Kindes ganzheitlich zu erfassen.
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- Miriam Hettwer (Author), 2016, Die Rekonstruktion des Subjektiven Sinns. Methodologische Ansätze in der Kinder- und Jugendmedienforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429787