Edgar Allan Poe - The Murders in the Rue Morgue Konstituierung der detektivischen Deduktion


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Gliederung

1.Einleitung

2. Struktur des Textes

3. Motto

4. Darstellung der analytischen Fähigkeit
4.1. In der Einleitung
4.2. Im erzählenden Teil

5. Sprachspiele

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Edgar Allan Poes Erzählung The Murders in the Rue Morgue.

Der Schwerpunkt soll in einer Untersuchung des Textes in Bezug auf den Aufbau der Detektivfigur und der Beschreibung der deduktiven Technik liegen. Primäre Literatur ist der englische Text nach der J.Loriner Graham Kopie, die die Basis für die erste Veröffentlichung im Graham’ Magazine 1841 stellte, in einer kritischen Ausgabe mit Anmerkungen.1

2. Struktur des Textes

Die Erzählung läßt sich in drei Teile gliedern: Das Motto2, einen längeren Abschnitt, der als Einleitung betrachtet werden kann3, sowie einen erzählenden Teil. Der erzählende Teil umfaßt den größten Teil des Textes und thematisiert die eigentliche Handlung. Der Teil, den ich vorerst als Einleitung bezeichnen werde, steht der eigentlichen Erzählung voran. Die Verbindung der beiden Textteile ist jedoch nicht zweifelsfrei eindeutig. Sie wird über zwei für sich genommen widersprechende Aussagen hergestellt.

Beide Aussagen halten, wenn man sie einmal bemerkt hat, die Erwartungshaltung in einer Art Schwebe.

Die erste, die ohne weiteres als eine Einleitung zum Text angesehen werden kann, lautet:

„I am not now writing a treatise, but simply prefacing a somewhat peculiar narrative by observations very much at random; I will, therefore, take occasion to assert that the higher powers of the reflective intellect are more decidedly and more usefully tasked by the ostentatious game of draughts than by all the frivolity of chess.”4

Dies rechtfertigt den längeren Abschnitt der Einleitung als einfache Vorbemerkung. Dem danach folgenden, erzählenden Teil kommt somit die maßgebliche Bedeutung innerhalb des Gesamttextes zu. Jedoch findet sich im Übergang zu der erwähnten inneren Erzählung die zweite Aussage:

„The narrative which follows will appear to the reader somewhat in the light of a commentary upon the propositions just advanced.”5

An dieser Stelle wird die Situation umgestellt; nicht der Erzählung kommt die maßgebliche Bedeutung zu, sie wird zum Kommentar ( „commentary”), sondern den Vorbemerkungen zur Analyse.

In der Frage welche Aussage wohl die eigentliche, passende sei, sind folgende Voraussetzungen gegeben:

Die erste Aussage gliedert sich ohne weitere Probleme in ein Textschema von Einleitung und Hauptteil ein. Die zweite hängt in ihrem Sinn wesentlich davon ab, ob die Erzählung, von der gesprochen wird, sich als geeigneter Kommentar erweist. Der erzählende Teil wird so gewissermaßen als Beweismittel herangezogen. Eine genaue Festlegung ist schwierig, da sich die Erzählung separat gibt. Die Einleitung findet keine weitere explizite Erwähnung. Wenn auf sie zurückgegriffen wird, so durch die praktische Anwendung der vorgestellten Prinzipien durch Dupin.

2. Motto

„What song the sirens sang, or what name Achilles assumed when he did himself among women, although puzzling questions, are not beyond all conjecture. Sir Thomas Browne. ” 6

Auf den ersten Blick scheint sich in der Wahl und Anwendung des Mottos eine ähnliche Situation wie in der Einleitung zu stellen. Da Motti für Poe und viele Schriften seiner Zeit typisch waren, muß ebenfalls hinterfragt werden, inwieweit bei der geradezu zwingenden Verwendung eines Mottos überhaupt eine Verbindung bestehen muß oder kann. Der Zwang der Struktur, der ein Motto schlichtweg voraussetzt, streckt den Einfallsreichtum des Autors, da es zudem schlecht wäre, ein bereits oft verwendetes Motto erneut einzubringen. Poe hatte in seinen Texten zudem des öfteren Zitate und Motti verwendet, die keinem realen Ursprung entstammten, sondern Teil der sie umgebenden Fiktion waren. Im hier diskutierten Fall merkt jedoch die kritische Ausgabe an:

„Motto: This is from Urn-Burial, Chapter V, paragraph 3, and refers to the difficult questions which Suetonius, in his life of Tiberius (chapter LXX), says that the Emperor enjoyed putting to literary scholars. Poe had used the Browne quotation in „American Novel-Writing” in the Pittsburgh Literary Examiner for August 1839[...]and in an article on „American Poetry” in the Aristidean in November 1845.”7

Es handelt sich somit um einen Abschnitt einer realen Quelle. Bemerkenswert ist der Verweis am Rand, daß es sich um „ difficult questions” und „literary scholars” handelt. Auch nach einem Studium der Primärquellen der Antike wäre jede Antwort mehr oder weniger Spekulation. Eine eindeutige Aussage ist nicht überliefert, deshalb wäre eine Vermutung auch nicht faktisch nachprüfbar. Die Wendung „not beyond all conjecture” scheint vor diesem Hintergrund etwas übertrieben. Diese Motive, obgleich nur in der Hintergrundinformation zum Motto enthalten, werden zu wichtigen Punkten im Text.

Die im Motto selbst aufgeworfenen Fragen lassen sich ebenso nur mittels genauen Quellenstudiums in ihrer Lösungsbreite erfassen. Dennoch werden die eventuellen Antworten kaum nachweisbar sein, auch wenn sie „not beyond all conjecture” sein mögen. Die deutsche Übersetzung lautet „ [...] sind zwar schwierige Rätsel, doch nicht jeder Mutmaßung unzugänglich.”8 „Conjecture” bezieht sich jedoch mehr auf ein gesichertes Wissen; nicht um eine Mutmaßung. Beiden Wendungen ist jedoch eines gemein: Es stellt sich bereits der Bezug zur Ableitung und Schlußfolgerung, der sich in der Einleitung fortsetzt, bis es schließlich in der Erzählung selbst zur praktischen Demonstration kommt. Dupin selbst bemerkt dazu, daß seine Schlüsse nicht unbedingt in den Bereich des Wissens fallen, sondern sich viel mehr parallel dazu bewegen, auch wenn sie mit den wirklichen Geschehnissen übereinstimmen:

„”I do not know it,” said Dupin. „ I am not sure of it.[...]””9 Jedoch kann Dupin im weiteren durch bestimmte Überlegungen untermauern, welche Schlüsse er gezogen hat. Nicht so sehr Wissen ist es also, sondern das richtige Erkennen, Lesen und Deuten von Hinweisen und Spuren.

4. Darstellung der analytischen Fähigkeit

4.1. In der Einleitung

Nach den ersten Anklängen im Motto wird die analytische Fähigkeit in der Einleitung vorgestellt. „ The mental features discursed as of the analytical are, in themselves, but little susceptible of analysis. We appreciate them only in their effects.”10

Wer immer im besonderen Besitz dieser Fähigkeit ist, zieht daraus sein Vergnügen und ist im besonderen „ fond of enigmas, of conundrums, of hieroglyphics; exhibiting in his solutions of each a degree of acumen which appears to the ordinary apprehension praeternatural.”11 Dies ist die erste Beschreibung des deduktiven Detektivs. Wie sich zeigt, besitzt dieser Drang zum Geheimnis eine Kehrseite: Kein größeres Geheimnis kann unbeachtet übergangen werden. In der Erzählung äußert sich dieses Verhalten durch die Beschreibung des Erzählers, wie er und Dupin auf einen Zeitungsartikel reagieren: „Not long after this, we were looking over an evening edition of the „Gazette des Tribunaux,” when the following paragraphs arrested our attention.”12 Hervorzuheben ist der Terminus arrested, tritt er doch aus dem Text auffällig hervor. Die Aufmerksamkeit der beiden Leser fällt nicht einfach auf einen interessanten Artikel, sie werden von diesem vollkommen gebannt. Der deduktive Geist wird vom Geheimnis gefangen genommen. Eine bessere Umschreibung ist für die obige Definition des analytischen bzw. deduktiven Geist schwer auffindbar.

Doch unterscheidet sich das Deduktive, die Analyse von dem, was man gewöhnlich dafür hält.

Die bloße Aufmerksamkeitsspanne, die man besitzen mag, spielt eine untergeordnete Rolle. Als Beispiel dient Schach. Dieses Spiel zählt der Erzähler eben nicht zu der Gattung „analytische Spiele”, da nach seiner Beobachtung oft der Spieler gewinnt, der die längere Aufmerksamkeit („attention”) besitzt und alle Züge überwacht.13 In anderen Bereichen ist ihm nicht so viel Erfolg beschieden: „The best chess-player in Christendom may be little more than the best player of, chess; but proficiency in whist implies a capacitiy for success in all those more important undertakings where mind strugles with mind.”14

Whist nimmt die nächste Stufe der Analyse ein. Dabei kommt ein weiteres Kriterium zum Tragen; die Beobachtung.

„He makes, in silence, a host of observations and inferences.[...] The necessary knowledge is of what to observe.”15

Diese sind jedoch nicht nur auf das eigentliche Problem bezogen, denn auch Beobachtungen außerhalb der Problemstellung sind aufschlußreich:

„[..]nor, because the game is the object, does he reject deductions from things external to the game.”16

Das analytischste Spiel, das vorgestellt wird, ist jedoch Dame („draughts”). Im Gegensatz zu Schach gibt es nur eine Art zu ziehen. Dies insbesondere, wenn eine bestimmte Situation eintritt. Bei dieser fallen Kriterien wie die Aufmerksamkeit weg. Beobachtung und auf dieser bauende Schlüsse sind alles, womit gearbeitet werden kann:

„Let us suppose a game of draughts where the pieces are reduced to four kings, and where, of course, no oversight is to be exspected. It is obvious that here the victory can be decided( the players being all equal) only by some recherche movement, the result of some strong exertion of the intellect. Deprived of ordinary resources, the analyst throws himself into the spirit of his opponent, identifies himself therewith, and not unfrequently sees thus, at a glance, the sole methods (sometimes indeed absurdly simple ones) by wich he may seduce into error or hurry into miscalculation.”17

Die Szenerie scheint stark vereinfacht. Tatsächlich wurden aber externen Faktoren, entgegen dem zuvor zitierten Absatz, zum größten Teil eliminiert. So bleibt eine rein analytisch-deduktive Lösung übrig, die sich auf das Spiel selbst bezieht und nur aus diesem abgeleitet ist. Die Frage ist, wie eine solch Situation außerhalb eines streng reglementierten Spieles erzeugt werden soll. Dies geschieht erst relativ spät im erzählenden Teil: Dupin bedient sich dazu eines im neunzehnten Jahrhunderten erblühten Massenmediums: der Zeitung. In dem Lancieren einer falschen Anzeige, findet sich eine Replik auf das oben zitierte Muster:

„Cognizant although innocent of the murder, the Frenchman will naturally hesitate about replying to the advertisment - about demanding the Ourang-Outang. he will reason thus: - ‘I am innocent; I am poor; my Ourang-Outang is of great value[...]’”18

Dupin vollzieht das Denken des Seemannes nach und kommt so zu dem Schluß, wie er diesen am einfachsten ausfindig machen kann.

4.2. Im erzählenden Teil

Dupin gibt seine erste praktische Demonstration, indem er den Gedanken des Erzählers errät.19

Typischerweise beginnt dieser kleine „Fall” mit dem Ergebnis. Eine Praxis, die sich fortsetzen sollte. Auf die Überraschung der plötzlichen Lösung, beginnt der Detektiv mit der Erläuterung seiner Methode:

„„The larger links of the chain run thus - Chantilly, Orion, Dr. Nichol,Epicurus, Stereotomy, the street stones, the fruiterer.””20

Die darauf folgende Erklärung ist gegliederter, wenn sie auch verschiedene Aspekte, die zum benötigten Vorwissen des Lesers gehören und als gegeben angenommen werden, übergehen.

[...]


1 Poe/Tales S.526

2 Poe/Tales S.527

3 Poe/Tales S.527-531

4 Poe/Tales S.528

5 Poe/Tales S.530

6 Poe/Tales S. 527

7 Poe/Tales S.569

8 Poe/ Erzählungen S.115

9 Poe/Tales S.561

10 Poe/Tales S.528

11 Poe/Tales S.528

12 Poe/Tales S. 537

13 Poe/Tales S.529

14 Poe/Tales S.529

15 Poe/Tales S.530

16 Poe/Tales S.530

17 Poe/Tales S.529

18 Poe/Tales S.561

19 Poe/Tales S.534

20 Poe/Tales S.534

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Edgar Allan Poe - The Murders in the Rue Morgue Konstituierung der detektivischen Deduktion
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1.3
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V42985
ISBN (eBook)
9783638408851
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Edgar, Allan, Murders, Morgue, Konstituierung, Deduktion
Arbeit zitieren
Sebastian Weiß (Autor:in), 2004, Edgar Allan Poe - The Murders in the Rue Morgue Konstituierung der detektivischen Deduktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42985

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