Drogensucht. Subjektive Bedeutung biographischer Faktoren für die Entwicklung eines Suchtverhaltens


Diplomarbeit, 2011
154 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhlat

1 Einleitung

2 Durchführung der Interviewstudie
2.1 Methode und Vorgehensweise
2.1.1 Entscheidung für einen Gegenstand der empirischen Untersuchung
2.1.2 Entscheidung für eine Interviewform
2.1.3 Durchführung der Interviews
2.1.4 Entscheidung der Auswertungsstrategie
2.1.5 Entscheidungen bezüglich des Interviewverhaltens
2.2 Beschreibung der Stichprobe
2.2.1 Entscheidung für Zielgruppe, Eingrenzung und Umfang
2.2.2 Zugang und Kontaktanbahnung

3 Interviewanalyse
3.1 Proband 1
3.2 Probandin 2
3.3 Probandin 3
3.4 Proband 4
3.5 Probandin 6

4 Interviewinterpretation
4.1 Proband 1
4.2 Probandin 2
4.3 Probandin 3
4.4 Proband 4
4.5 Probandin 6
4.6 Zusammenfassung

5 Theorie
5.1 Die Kindheit als auslösender Moment für die Entwicklung einer Sucht
5.1.1 Was ist die Kindheit?
5.1.2 Theorien der Risiko- und Einflussfaktoren in der Kindheit
5.1.2.1 Das entwicklungspsychopathologische Modell
5.1.2.2 Theorie der Risiko- und Schutzfaktoren
5.2 Der Wunsch nach Realitätsflucht unter Zuhilfenahme von Drogen

6 Vergleich Interview und Theorie
6.1 Proband 1
6.2 Probandin 2
6.3 Probandin 3
6.4 Proband 4
6.5 Probandin 6
6.6 Abschließende Zusammenfassung

7 Fazit

8 Ausblick

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Entwicklung einer Drogensucht. Insbesondere soll der Fokus auf der subjektiven Bedeutung biographischer Faktoren als Erklärung für die Entwicklung eines Suchtverhaltens liegen. Die Drogensucht stellt ein komplexes gesellschaftliches Problem dar und gehört zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland. Die Einflüsse auf die Gesellschaft reichen von Kosten des Gesundheitswesens für Therapie, Behandlungen, Betreuungen oder Substitutionen, über die langfristige, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit der Betroffenen bis hin zu den Kosten, welche dem Staat durch Beschaffungskriminalität, vermehrte Polizeiarbeit oder Gefängnisaufenthalte entstehen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die aus der Sucht resultierenden wirtschaftlichen Kosten für Deutschland auf 5 bis 6 Prozent des Bruttonationaleinkommens, was einer Summe von circa 139 MilliardenEuro jährlich entspricht.

Zusätzlich zu den Problemen auf gesellschaftlicher Ebene resultieren aus einer Substanzabhängigkeit in den meisten Fällenindividuelle Probleme. Dazu gehört neben der erhöhten Häufigkeit von Begleiterkrankungen das Leiden von Familien, Partnern, Kindern und Freunden unter der Sucht. Sie kann jedes Individuum betreffen, unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht oder dem Status.

Umso wichtiger ist die Prävention, welche auf individueller Ebene ansetzen kann, um eine Verbesserung der Drogenproblematik auf gesellschaftlicher Ebene zu bewirken. Dies muss vor allem Aufgabe der Pädagogik, im Sinne einer suchtprotektiven Mündigkeitserziehung, sein. Daher ist es unabdingbar, um die Entwicklung einer Sucht verstehen zu können, deren individuelle Gründe nachzuvollziehen, Risiken in der Biographie erkennen zu können und letztendlich Ansatz- bzw. Anknüpfpunkte für eine Intervention oder Prävention zu kennen. Ein Verständnis für die individuellen, subjektiv als prägend erlebten biographischen Faktoren für die Entwicklung einer Sucht soll mit Hilfe dieser Arbeit geleistet werden. Dieses Vorhaben wurde anhand von sechs qualitativen Interviews mit sechs langjährig drogenabhängigen Probanden realisiert, welche durch den Drogenkontaktladen „FreieWelt e.V.“ vermittelt wurden. Der Schwerpunkt der Interviews lag auf einem freien, narrativen Teil, welcher um eine Nachfragephase ergänzt wurde, um die Interviews miteinander vergleichbar zu machen. Daran schloss sich die Analyse der qualitativen Befragung an, welche unter Benutzung der speziellen, qualitativen Technik Philipp Mayrings durchgeführt wurde.Darauf folgten die Interpretation, anschließend der Vergleich der Interviews mit vorhandenen, theoretischen Grundlagen, mit dem Fokus auf der Kindheit als auslösendem Moment einer Drogenabhängigkeit. Aus diesem Vergleich wurde eine Hypothese entwickelt, welche am Ende der Abhandlung präsentiert werden soll. Den Abschluss bilden ein Fazit und ein Ausblick, wobei Letzterer einen pädagogischen Bezug für die Durchführung von Prävention und Intervention enthält. Diese aufgezählten Arbeitsschritte werden in den folgenden Kapiteln detailliert dargestellt.

2 Durchführung der Interviewstudie

2.1 Methode und Vorgehensweise

In den folgenden fünf Unterkapiteln werden die Methode und Vorgehensweise der in dieser Ausarbeitung durchgeführten Interviewstudie erläutert. Sie umfassen die nach dem zeitlichen Ablauf innerhalb des empirischen Prozesses geordneten Unterschritte, welche aus Entscheidungen bestehen für ein bestimmtes und gegen ein anderes mögliches Verhalten während des Verlaufs der Ausrichtung und Ausarbeitung der qualitativen Forschung.

2.1.1 Entscheidung für einen Gegenstand der empirischen Untersuchung

Zu Beginn eines jeden empirischen Prozesses stehen die Bestimmung und Entscheidung des präzisen Gegenstandes der geplanten empirischen Untersuchung (vgl. Helfferich 2009, S. 26). Der Gegenstand muss so gewählt werden, dass er mit dem korrespondiert, was qualitative Forschung leisten kann (vgl. Helfferich2009, S. 29). Dazu ist beginnend zu überlegen, worin das Interesse der inhaltlichen Fassette besteht. Hier entschied ich mich für die Drogensucht, ein in Deutschland bereits sehr weit erschlossenes Thema. Trotzdem ist nach wie vor ungeklärt, warum die Menschen ihr Bewusstsein durch Drogen verändern. Die offiziellen Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen nennen274.000 Drogenabhängige(vgl. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. abgerufen am 02.08.2011). Von einer bis zu doppelt so hohen Dunkelziffer wird ausgegangen.In dieser Diplomarbeit soll ein besonderes Interesse auf die Biographie von fünf Drogensüchtigen gelegt werden, heraus aus der Anonymität von Zahlen und Statistiken. Es werden fünf individuelle Persönlichkeiten mit individueller Lebensgeschichte und Gründen für ihre Drogensucht vorgestellt, insbesondere um die subjektiven Beweggründe zur Entwicklung einer Drogensucht nachvollziehbar zu machen und diese mit aktuellen Theorien zu vergleichen.Die Forschung zurIndividualität der Abhängigen ist bisher sehr wenig fokussiert worden. Dem gedenke ich mitdieser Untersuchungentgegenzusteuern. Dazu wurde folgendes Forschungsthema gewählt:

„Drogensucht: subjektive Bedeutung biographischer Faktoren als Erklärung für die Entwicklung eines Suchtverhaltens“.

Somit ist die Drogensucht das übergeordnete Forschungsinteresse. Daraus ergibt sich die Forschungsfrage, welche biographischen Faktoren Drogensüchtige als bedeutsam für die Entwicklung ihrer Drogensucht bewerten. Es soll geklärt werden, ob es Unterschiede zwischen verschiedenen Drogenabhängigen in der Bewertung der Gründe für ihre Sucht, ihren Lebensumständen und Persönlichkeitsmerkmalen gibt. Neben dem Interesse an Inhalten und nach Definition der Forschungsfrage ist es bedeutsam, sich klarzumachen, dass der Transfer zur Methodologie noch geleistet werden muss (vgl. Helfferich2009, S. 28). Dazu wird im Schwerpunkt die subjektive Bedeutung der biographischen Faktoren als Erklärung für die Entwicklung einer Sucht untersucht. Daher wurde die oben genannte Fragestellung gewählt, da sie an subjektive oder individuelle Sinnstrukturen und Sinngebungen anknüpft. Mit dieser Wahl kommen die Stärken eines qualitativen Verfahrens zur Geltung, denn die Frage nach der Angemessenheit eines solchen ist von Belang (vgl. Helfferich 2009, S. 27). Dies wird im folgenden Absatz näher erläutert.

Die Entscheidung für eine qualitative und gegen eine quantitative Untersuchung erfolgte anhand mehrerer Kriterien. Zum einen zeichnet sich ein qualitativer Ansatz durch große Offenheit und Flexibilität aus. Die Interviews sind frei und sehr explorativ, denn ihnen liegt neben einer vom Interviewten selbstgestalteten Erzählphase ein variabler Interviewleitfaden zu Grunde, welcher individuell der Interviewsituation angepasst werden kann. Ein quantitativer Ansatz hingegen befolgt eine unflexible, vereinheitlichteBefragungsstruktur, möglichst frei von störenden Nebeneffekten. Er zielt darauf ab, zur Gewährleistung der Repräsentativität und um gewonnene Informationen auf eine Grundgesamtheit zu generalisieren, möglichst viele Probanden zu befragen (vgl. Mayring 2010, S. 19 f.).Diese deduktive Methode eignet sich weniger für die Anwendung in der Drogenszene. Die Schwierigkeit ist, potenzielle Probanden für Umfragen zu gewinnen. Sie bewegen sich häufig in ihrem von Illegalität geprägten Milieu, sind oft misstrauischund daher selten zu Interviews bereit. Die Angst vor dem Verrat an die Polizei, beispielsweise ihrer Geldeinnahme- und Drogenquellen, schmälert die Offenheit. Auch Kontaktläden und Substitutionsambulanzen vermitteln erfahrungsgemäß ungern Kontakte. Somit konnte die statistische Repräsentativität nicht gewährleistet werden, was die Möglichkeit einer quantitativen Untersuchung utopisch machte. Die qualitativeMethode hingegen setzt am Einmaligen und Individuellen an, um darauf aufbauend Zusammenhänge darstellen zu können. Sie versteht sich als induktiv (vgl. Mayring 2010, S. 19 f.).Ziel ist es, die subjektive Ansicht des Probanden darzustellen, also die Welt im Kopf der Menschen (vgl. Helfferich 2009, S. 29). Eben diese Subjektivität eignete sich ideal, um die Bedeutung biographischer Faktoren für den Einzelnen zur Erklärung der Entwicklung eines Suchtverhaltens darstellen zu können. Sie folgt nicht der Prüfung von vorgefassten Annahmen, sondern orientiert sich am Aufbau eines fallorientierten, theoretischen Verständnisses des zu untersuchenden Bereichs (vgl. Froschauer 2003, S. 19). Somit ist ein qualitatives Verfahren angemessen. Doch genau diese Einzelfallorientierung der qualitativen Forschung wirft das Problem der mangelnden Verallgemeinerbarkeit auf. Dennoch, obwohl nicht statistisch repräsentativ, werden qualitative Studien als theoretisch repräsentativ bezeichnet (vgl. Hermanns 1992, zitiert in Bernart/Krapp 2005, S. 40).

Mit der Festlegung der Grundlagen der geplanten qualitativen Untersuchung begann die Planungsphase. Diese dient der gedanklichen Vorbereitung der Untersuchung. Im Prinzip gehört dazu ein Vertrautmachen mit dem zu untersuchenden Forschungsfeld, in diesem Fall der Drogensucht, ihrem Verlauf oder Faktoren zur Erklärung ihrer Entwicklung (vgl. Froschauer 2003, S.22). Da jedoch die Grounded Theory verwendet wurde, welche genau ein solches Vorgehen kritisiert, wurde bewusst auf die Aneignung von Vorwissen verzichtet. Die Realisierung desVertrautmachens mit dem Forschungsgegenstand erfolgte erst nach der Durchführung des empirischen Teils.

Somit lässt sich festhalten, dass das Ziel der dieser Arbeit zu Grunde liegenden qualitativen Forschung eine Darstellung der subjektiven Bedeutung biographischer Faktoren für die Entwicklung einer Drogensucht, anhand von Interviews, welche mit Drogenabhängigen geführt wurden, ist. Das qualitative Verfahren wurde gewählt, da es größtmögliche Offenheit und Flexibilität gewährleistet, um die Individualität der Suchtentwicklung eines jeden der fünf Probanden möglichst ohne theoretische Vorannahmen abbilden zu können.

2.1.2 Entscheidung für eine Interviewform

Die prinzipielle Maßgabe der Wahl einer Interviewform ist immer die Gegenstandsangemessenheit, was bedeutet, dass ein Verfahren geeignet sein muss, für den spezifischen Forschungsgegenstand angemessene Daten zu liefern (vgl. Helfferich 2009, S. 26).Die Auswahl einer Interviewtechnik sollte sorgfältig getroffen werden, da sie mögliche Ergebnisse vorstrukturiert (vgl. Helfferich 2009, S. 38). Für diese Arbeit wurde das problemzentrierte Interview nach Witzel (vgl. Witzel 1982, zitiert in Helfferich 2009, S. 36), gewählt, welches sowohl einen narrativen Teil als auch eine leitfadengestützte Nachfragephase enthält. Beide Merkmale waren Bedingung für die Auswahl des Interviewtyps. Die Gründe für die Entscheidung dazuwerden im Folgenden dargestellt.

Das problemzentrierte Interview lehnt sich an die theoriegenerierenden Verfahren der Grounded Theory von Glaser und Strauss an. Die Haltung des Forschenden soll von Offenheit gegenüber der Empirie geprägt sein, unter Ausklammerung des theoretischen Vorwissens. Im Idealfall soll so eine Tabula rasa konzipiert werden (vgl. Flick 2010, S. 210 ff.). Die Vorbereitung erfolgte mit der Erstellung eines Interviewleitfadens, welcher in der Konzeption eines problemzentrierten Interviews vorgeschlagen wurde (vgl. Flick 2010, S. 210). Dieser garantiert eine hohe inhaltliche Validität durch eine prädeterminierte Vorgehensweise. Trotzdem ist das Interview flexibel zu gestalten, auf den Leitfaden muss nicht zurückgegriffen werden. Es folgte der Gesprächseinstieg. Dieser sollte bei einem problemzentrierten Interview möglichst offen erfolgen und eine spontane Ad-hoc-Beantwortung zulassen (vgl. Flick 2010, S. 211).Daraufhin folgt die Beantwortung der Frage nach subjektiven Kriterien. Dies deckt sich zum Teil mit den Anforderungen an ein narratives Interview, welches ebenfalls eine Spontanerzählung darstellt, die vom Interviewenden mit einer Aufforderung initiiert wird, wobei hier die Fragestellung noch offener gewählt wird (vgl. Helfferich 2009, S. 36). Im eigenen Interview wurde die Entscheidung für einen Erzählstimulus nach Vorbild des problemzentrierten Interviews gewählt, um eine Eingrenzung auf den Forschungsgegenstand zu gewährleisten, welcher problemorientiert auf den Faktoren zur Entwicklung einer Drogensucht lag (vgl. Helfferich 2009, S. 45).Die darauf folgende Erzählphase begann monologisch, wie sowohl im problemzentrierten als auch im narrativen Interview vorgeschrieben. Dies garantiert, dass der Proband den Fokus seiner Erzählung selbst bestimmt, Wertigkeiten von Ereignissen selbst definiert und den Monolog nach eigenem Ermessen beendet. Dementsprechend wurde sich an dieser Stelle gegen ein Engagement des Interviewenden entschieden (vgl. ebd.). Dasselbe gilt für die Nachfragephase, in welcher durch gezieltes Nachfragen Unklarheiten beseitigt werden (vgl. Flick 2010, S. 230). Im Anschluss daran wurden – in Unterscheidung zum narrativen Interview, das an dieser Stelle enden würde –wie bei einem problemzentrierten Interview vorgeschrieben noch offene Fragen gestellt, welche vorher auf dem Leitfaden notiert wurden. Diese Vorgehensweise bietet die Möglichkeit, durch die persönliche Interaktion Hintergründe zu erfragen und Unklarheiten zu beseitigen. Dies geschieht dialogisch,der Interviewende fragt so lange nach, bis sein Erkenntnisinteresse zu diesem Aspekt gestillt ist. Dies erfordert ein gewisses aktives Engagement. Bei einer rein narrativen Vorgehensweise gäbe es das in dieser Form nicht, ebenso würde die Erzählperson allein entscheiden, wann genug geäußert wurde (vgl. Helfferich 2009, S. 45).Im Gegensatz zu anderen Interviewformen zeichnen sich die gewählten durch den explorativen Charakter, den tiefgreifenden Informationsgehalt infolge der Offenheit der Befragung und durch spontane, subjektive Antworten aus, da die Probanden kein Vorwissen über das Interview besitzen. Problematisch kann bei dieser Interviewform allerdings ein Abbrechen des Erzählflusses, ein zu detailliertes Erzählen oder ein Abweichen von dem eigentlichen Forschungsgegenstand sein (vgl. Flick 2010, S. 234 ff.).

Abschließend lässt sich die Entscheidung für ein problemzentriertes Interview erweitert um einen narrativen Teil und eine leitfadengestützte Nachfragephase in dieser Kombination anhand des explorativen Charakters, der offenen Haltung gegenüber der Empirie und der Ausklammerung des theoretischen Vorwissens erklären, welche in dieser Form als Bedingungen für die Durchführung des geplantenempirischen Forschungsgegenstandes definiert wurden und somit unabdingbar für dessen Erfüllung waren.

2.1.3 Durchführung der Interviews

Die Vorbereitung des Interviews erfolgte durch die Konzeption eines Interviewleitfadens. Damit wird der zu explorierende Themenkomplex grob skizziert (vgl. Bernart/Krapp 2005, S. 38). Er beinhaltete die Erklärungsphase, in welcher der Sinn und Zweck des Interviews dargestelltwerden. Die Betonung lag dabei zum einen auf dem Fakt, dass es sich nicht um ein reines Frage-Antwort-Interview handelt, es also kein richtig oder falsch in der Beantwortung gibt, und zum anderen auf der Darstellung der eigenen Absicht. Dazu zähltdie Erklärung der Bedeutung des Interviews für die Diplomarbeit und das damit verbundene Interesse an den verschiedenen, individuellen Aspekten des Themas „Drogensucht“. Ein weiterer Punkt, welcherintensiv verdeutlicht wurde, ist der Hinweis auf die Verschwiegenheit des Interviewers und die garantierte Anonymität der Interviewten. Dieser ist besonders wichtig, da gerade bei Drogenabhängigen Befürchtungen des Verrats an die Polizei die Offenheit im Gespräch vermindern können. Für die weitere Erstellung des Leitfadens werden Fragen generiert, welche, nach Auseinandersetzung mit dem Thema Drogensucht, vom Interviewer als relevant erachtet wurden. Sie dienen vor allem dazu, als wichtig bewertete Aspekte nicht zu vergessen und die Interviews mehrerer Probanden miteinander vergleichbar zu machen. Die Fragen werden nach Intimität und Brisanz gestaffelt, da es sich empfiehlt, vom Allgemeinen zum Spezifischen überzugehen (vgl. Bock 1992, zitiert in Bernart/Krapp 2005, S. 38). Nicht explizit vorgeschrieben, jedoch als sehr praktisch in der Durchführung hat sich durch persönliche Erfahrung erwiesen, Fragen zur Aufrechterhaltung des Interviews in den Leitfaden zu integrieren.

Die Durchführung der Interviews gliedert sich in drei Punkte, beginnend mit der Einleitung, in welcher durcheinen erzählgenerierenden Impuls die Haupterzählung ausgelöst wird (vgl. Bude 1992, zitiert in Bernart/Krapp 2005, S. 38). Diese Erzählaufforderung ist von zentraler Bedeutungfür die Datenqualität (vgl. Flick 2010, S. 228). Denn die Dauer, in der ein Proband die Erzählpassage aufrechterhält, hängt wesentlich von der Offenheit und Breite des Stimulus ab (vgl. Helfferich 2009, S. 72). Dieser muss zum einen konkret genug sein, um verstanden zu werden, aber auch offen genug, um eine längere Erzählung zu erzeugen (vgl. Helfferich 2009, S. 102).Um besonders die Offenheit zu gewährleisten, jedoch das Thema auf für die Entwicklung einer Drogensucht als individuell relevant bewertete Faktoren einzugrenzen, wurde nach dem Vorbild eines problemzentrierten Interviews nach Witzel (1982, zitiert in Helfferich, 2009, S. 36)folgender Erzählstimuli gewählt: „Wann hat bei Ihnen die Drogensucht begonnen, erzählen Sie doch mal!“ Es folgte die Haupterzählphase. Hierbei ist es für den Interviewer von besonderer Wichtigkeit, still zuzuhören. Es gilt die absolute Nichteinmischung, insbesondere Pausen müssen vom Interviewer ausgehalten werden (vgl. Bernart/Krapp 2005, S. 39). Der Proband hat das „monologische Rederecht“ (Helfferich 2009, S. 36). Erst wenn er von selbst die Erzählung beendet, was durch eine Koda, wie beispielsweise „Das war’s eigentlich“ passieren kann, darf die Nachfragephase beginnen (vgl. Flick 2010, S. 230). Die Haupterzählphase wird autonom gestaltet, der Proband erzählt in der Reihenfolge, die ihm wichtig erscheint, er entscheidet über Relevantes und gewichtet die Informationen (vgl. Helfferich 2009, S. 39). Es schließt sich die Nachfragephase an, in welcher unklar gebliebene, nicht plausibleoder vermeintlich unwichtige Passagendurch erneute Erzählaufforderungen an den zu Interviewenden aufgegriffen werden. Es ist von Bedeutung, dass die Nachfragen narrativ sind. An jeder Stelle, welche eine weitere Erzählmöglichkeit bietet, muss nach der Erzählaufforderung erneut abgewartet werden, bis der Proband von selbst seine Ausführungen beendet (vgl. Schütz 1983, S. 285).Hierbei gilt es, sich alle Passagen, in welchen Nachfragen nötig sind, zu merken oder gegebenenfalls zu notieren, denn durch die Unkonzentriertheit des Interviewers kann es zu Antwortverzerrungen kommen (vgl. Költringer 1993, zitiert in Bernart/Krapp 2005, S. 40). Erst jetzt werden die auf dem Leitfaden notierten Fragen gestellt. Es folgt der Gesprächsabschluss, in welchem sich die Interviewsituation langsam auflöst. Das Interview kann bei Interesse mit dem Probanden besprochen werden, ein Fazit bietet sich an. Auch die Bereitschaft, bei Bedarf ein Folgeinterviews durchzuführen, kann hier geklärt oder die Frage nach weiteren potenziellen Probanden im Umfeld des Interviewten gestellt werden (vgl. Froschauer 2008, S. 73).

Die detaillierte Planung der einzelnen Phasen zeigt die Schwierigkeit, ein qualitatives Interview so durchzuführen, dass es sowohl Offenheit in der Haupterzählphase durch den Erzählstimulus als auch eine gewisse Begrenzung des Themas hin zu dem definiertem Forschungsgegenstand der Entwicklung einer Drogensucht, ebenso wie eine Direktion, realisiert durch den Leitfaden, zur besseren Vergleichbarkeit der Interviews untereinander gewährleistet.

2.1.4 Entscheidung der Auswertungsstrategie

Für die Analyse des Inhalts der transkribierten Interviews wurde eine Methode gesucht, welche eine schnelle Aufbereitung von viel Text ermöglicht. Diese sollte möglichst streng durch Schemen geleitet sein, um die geführten Interviews miteinander vergleichbar zu machen.Dazu eignet sich die zusammenfassende Inhaltsanalyse Mayrings. Ihr schematischer Aufbau skizziert einen übersichtlichen und eindeutigen Weg, wodurch die Reduktion des Materials besser handhabbar wird. Dies ist bei anderen Auswertungsverfahren wie beispielsweise der theoretischen Kodierung von Glaser und Strauss nicht der Fall (vgl. Flick 2010, S. 387). Im Gegensatz zu diesem theorielastigen, aber dennoch im Verlauf freien Verfahren bietet Mayrings Alternative einen gut strukturierten Leitfaden mit vielen Regeln, welcher große Klarheit und Eindeutigkeit vermittelt (vgl. Flick 2010, S. 416). Jene Methode eignet sich insbesondere zur reduktiven Klassifikation von auszuwertenden großen Textmengen (vgl. ebd.). Da persönlich noch wenig Erfahrung mit der Analyse von qualitativen Interviews besteht, fiel die Wahl auf ein sehr geleitetes Verfahren, um ein Maximum an Handlungssicherheit zu haben.Auch ist durch die Bildung von Kategorien die geforderte Vergleichbarkeit von mehreren Interviews miteinander gewährleistet, bei einer durchgängigen Anwendung. Dies war der entscheidende Vorteil der Entscheidung gegen stärker induktive oder fallbezogene Interpretationsverfahren(vgl. ebd.).

Bei Anwendung dieser Methode sollten dem Anwender auch ihre Grenzen bekannt sein. Kritisiert wird die Auswertungsmethode Mayrings insbesondere von Flick(2010). Vor allem die mangelnde Festlegung eines theoretischen Hintergrundes (vgl. Flick 2010, S. 416) ist ein Kritikpunkt. Jedoch ist dies bei der Interpretation einer subjektiven Sichtweise, so wie bei den in dieser Arbeit durchgeführten narrativen Interviews üblich, zu vernachlässigen. Eine weitere Grenze dieser Methode zeigt sich in der Verwendung von Paraphrasen, welche nicht eingesetzt werden, um den zu interpretierten Text zu erklären, sondern in reduzierter Form an dessen Stelle treten (vgl. Flick 2010, S. 417). Bezüglich dieses Nachteils wurde versucht, ihn mit einer durchdachten Generalisierung und umso präziseren Reduktion zu umgehen.Weiterhin wird kritisiert, dass diese Methode ebenso aufwändig sei wie andere (vgl. Flick 2010, S. 416), was den Vorteil der Zeitersparnis ad absurdum führen würde. Dazu ist zu sagen, dass das Empfinden des Aufwandes bei der Bearbeitung sehr subjektiv ist. Daher ist es unmöglich, objektiv zu bewerten, welche Methode am zeitsparendsten ist. Nach persönlicher Empfindung wird diese sehr geleitete und strukturierte Methode favorisiert, so dass eine entsprechend schnelle Bearbeitung möglich war. Der letzte Kritikpunkt ist auch zugleich der schwerwiegendste. Die schnelle Kategorisierung mit den von außen herangetragenen theoretisch begründeten Kategorien kann den Blick möglicherweise von der eigentlichen, tiefen Bedeutung des Textes hin zu dem reinen Inhalt des Textes lenken (vgl. Flick 2010, S. 417). Im Sinne der anderen Auswertungsverfahren wird dazueher schematisch die explikative Inhaltsanalyse benutzt (vgl. ebd.).Diesem ist entgegenzuwirken, indem das Vorwissen über ein zu untersuchendes Thema rigoros ausgeklammert wird. Weiterhin sollte die Inhaltsanalyse nicht zu starr und unflexibel gestaltet werden. Dennoch muss sie immer auf den konkreten Forschungsgegenstand ausgerichtet sein (vgl. Mayring 2010, S. 124).Des Weiteren müssen die Daten in einen übergeordneten Untersuchungsplan eingeordnet werden, an welchen es sich zu halten gilt (vgl. ebd.).

Trotzdem sprechen die Vorteile der zusammenfassenden Inhaltsanalyse für sich und überwiegen die Nachteile. Sie bietet eine streng schematisch geleitete Möglichkeit, viel Text schnell, übersichtlich und eindeutig so aufbereiten zu können, dass dieser mit anderen Interviews vergleichbar wird. Das Wissen um die Nachteile der Methode und eine Vermeidung der daraus resultierenden Fallstricke sichern eine methodisch unbedenkliche, sinnvolle und aussagekräftige qualitative Forschung.

2.1.5 Entscheidungenbezüglich des Interviewverhaltens

In jedem Interview können inhärente Spannungsverhältnisse auftreten. Daher ist es unabdingbar, dass der Interviewende einen klar definierten Handlungsspielraum hat, beispielsweise in Bezug auf die Handhabung von Interessenbekundungen, nonverbalen Signalen, Widersprüchen und Inkonsistenzen oder die Grundhaltung der Offenheit (vgl. Helfferich 2009, S. 169).

Dieser Handlungsspielraum wurde vor der Durchführung festgelegt. Ein zentraler Aspekt der Interviewkompetenz ist das aktive Zuhören. Diese besondere Form der Aufmerksamkeit ist sehr personenbezogen und zielt darauf ab, dass die Erzählperson im Mittelpunkt steht. Dies unterscheidet sich wesentlich von der alltäglichen Kommunikation (vgl. Helfferich 2009, S. 90 f.), insbesondere da sich der Interviewende spontaner Impulse, welche dem eigenen Bezugssystem entspringen könnten, enthalten muss. Weiterhin ist zu beachten, dass es bei der Gesprächshaltung um die Konzentration auf den Probanden geht. Dazu zählt vor allem die Zurückstellung eigener Deutungen, Gefühle und des Mitteilungsbedürfnisses. Im Vordergrund stehen immer das Wahrnehmen und Verstehen der Gedanken und Gefühle des Interviewpartners, wozu auch eine Rückmeldung gehört, die das Gehörte als wichtig genommen und verstanden kommentiert (vgl. ebd.). Innerhalb der eigenen Interviews wurde sich für einen Mix aus Kopfnicken und zustimmenden Äußerungen wie „Aha“ oder „Hm“ entschieden. Weiterhin besagt das aktive Zuhören, den Gesprächspartner gelten zu lassen, wozu unter anderem auch das Recht auf persönliche Sichtweisen gehört. Dies kann bei einem kontrovers betrachteten Thema wie der Drogensucht schwierig werden. Viele Ansichten und Wertungen entsprechen nicht den persönlichen und können sogar Abscheu oder Ekel auslösen. Insbesondere an diesen Punkten ist es von größter Bedeutung, möglichst vorurteilsfrei auch problematische Äußerungen zu ertragen (vgl. ebd.). Zusammenfassend lässt sich darstellen, dass spontane bewertende Reaktionen zu kontrollieren sind und eine Grundhaltung der Offenheit einzunehmen ist.

Bezüglich nonverbaler Signale wurde festgelegt, sie begrenzt zu nutzen. Jedoch wurde Wert darauf gelegt, sie so ausdrucksneutral wie möglich zu gestalten, um den Kommunikationsfluss nicht zu beeinflussen. Sie sollten lediglich dem Probanden rückmelden, dass die Erzählung von Interesse ist. Denn während eines narrativen Interviews, insbesondere in der Hauptphase, wo die Benutzung verbaler Signale sehr eingeschränkt ist, sind sie von großer Bedeutung. Falls nötig,können sie aber auch für die Steuerung des Gesprächs eingesetzt werden (vgl. Helfferich 2009, S. 98 f.). Es sollte einem bewusst sein, dass das als Eingriff in den Kommunikationsfluss zu verstehen ist. Dennoch kann ihr Einsatz sinnvoll sein. Bei einem ambivalenten Probanden beispielsweise, welcher spontan-suggestiv entscheidet, ob und welche Aspekte er thematisiert, können nonverbale Signale den Ausschlag geben, ob und wie weit bestimmte Punkte vertieft werden (vgl. ebd.). Diese Feinheiten des Einsatzes der nonverbalen Kommunikation gilt es im Gespräch abzuwägen. Zu ihnen zählen unter anderem der Blickkontakt, eine offene Körperhaltungund eine freundlich-wohlwollende Mimik.Eben diese wurden genutzt, um den Probanden Interesse zu signalisieren und die Gesprächssituation angenehm zu gestalten. Auf die Zulassung von parasprachlichen Kommentaren wie beispielsweise Lachen, Seufzen oder das Kundtun von Überraschung wurde bewusst verzichtet, um den Verlauf des Interviews nicht zu beeinflussen.

Zu einem Gesprächsfluss gehören auch Pausen. Diese können aus unterschiedlichen Gründen gesetzt werden. Zum einen kann ein Sprecherwechsel gewünscht werden. Dies signalisierten die meisten Probanden mit einem fragenden Blick in Richtung des Interviewenden, so dass die Bedeutung schnell klar wurde. Zum anderen können Pausen ein Zeichen des Nachdenkens oder einer Ambivalenz im Bezug auf das Weitersprechen sein. Um den Interviewten nicht zu beeinflussen, müssen sie in jedem Fall vom Interviewer ausgehalten werden (vgl. Helfferich 2009, S. 94), was sich während der Durchführung oft als Herausforderung erwies. Häufig entstand so der Eindruck, nicht genügend relevantes Material zusammentragen zu können, und verlängerte das subjektive Empfinden der Dauer der Pause auf ein fast unerträgliches Maß. Dies besserte sich mit der Anzahl der durchgeführten Interviews enorm, so dass eine zunehmende Entspannung während der Pausen empfunden werden konnte.

Abschließend bleibt noch die Frage der Klärung des Verhaltens bei widersprüchlicher Darstellung von Erlebnissen innerhalbeines Interviews. Ein direkter Widerspruch kam in keiner Interviewsituation vor. Jedoch war bei zwei Befragten auffällig, dass sie nicht vollumfänglich erzählen konnten oder wollten. Trotz Nachfragen wurden die Aussagen zu bestimmten Themen komplett verweigert. Diese zurückhaltende Art der Selbstdarstellung und Informationsweitergabe kann mehrere Ursachen haben (vgl. Helfferich 2009, S. 98), welche an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden sollen.

Wichtig ist nur, dass dieses Verhalten in jedem Fall in der Interpretation aufgegriffen werden muss, denn auch Schweigen ist eine Art der Information. Die Interpretation greift also sowohl das auf, was eine Person erzählt, als auch das, was sie nicht erzählt (vgl. ebd.).

Um nun diese inhärenten Spannungsverhältnisse während des Interviews vermeiden zu können und dieses durch Signale oder unangemessenes Verhalten des Interviewenden nicht zu verfälschen, zu unterbrechen, abzukürzen oder zu lenken,ist es unabdingbar, seine eigenen Handlungsspielräume bezüglich verschiedener Punkte wie beispielsweise des aktiven Zuhörens, nonverbaler Signale, Pausen oder Rückmeldungen vor der Durchführung der Interviews klar zu definieren, mögliche Fehlerquellen zu erkennen und diese zu unterlassen.

2.2 Beschreibung der Stichprobe

2.2.1 Entscheidung für Zielgruppe, Eingrenzung und Umfang

Alle Entscheidungen bezüglich der Stichprobe hängen direkt mit der Frage der Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse zusammen, was ein Grundproblem der qualitativen Forschung darstellt (vgl. Helfferich 2009, S. 172). Um dem qualitativ erhobenen Material den Status von empirischen Daten verschaffen zu können, muss die Verallgemeinerbarkeit angestrebt werden.Eben diese kann jedoch nicht an das Kriterium der Repräsentativität gebunden werden, da dies nur durch quantitative Forschung gewährleistet werden kann. Qualitative Forschung hingegen zielt auf das Besondere, wobei sich die Frage stellt, ob und wie das Allgemeine in das Besondere zu fassen ist (vgl. Helfferich 2009, S. 172 f.). Es ist anerkannt, das bereits aus dem Einzelfall latente Sinnstrukturen dargestellt werden können, die eine Gültigkeit über diesen Fall hinaus haben, und dass die verallgemeinernden Interpretationen qualitativer Interviews auf die Rekonstruktion typischer Muster zielen, nicht auf Verteilungsaussagen (vgl. ebd.). Dies führt zu der Frage, wann die eigene Stichprobe für eine Gruppe typische Muster abbildet und was das Kriterium der Repräsentativität bei einer qualitativen Untersuchung ersetzt (vgl. ebd.).

Die Literatur empfiehlt einen mittleren Stichprobenumfang, welcher sechs bis dreißig Interviews vorschreibt (vgl. ebd.). Dies wurde in der vorliegenden Arbeit realisiert, indem sechs Interviews mit sechs Probanden durchgeführt wurden. Die Gewinnung genau dieser Probanden erfolgte durch ein dreistufiges Vorgehen. Der erste Schritt umfasste die Präzision des inhaltlichen Interesses an bestimmten Gruppen (vgl. ebd.). So ist der Untersuchungsgegenstand die Entwicklung einer Drogensucht, mit Schwerpunkt auf der subjektiven Bedeutung von biographischen Faktoren. Um eine möglichst heterogene Stichprobe zu haben, wurde die Entscheidung getroffen, vorher zu bestimmen, welches Geschlecht die Probanden haben sollen:drei männliche und drei weibliche. Obwohl es sinnvoll ist, die Kriterien für die Auswahl der Probanden möglichst präzise und eng zu bestimmen (vgl. ebd.), wurde auf Grund der Schwierigkeit, überhaupt interviewwillige Drogensüchtigezu finden, darauf verzichtet, die Umfrage auf eine bestimmte soziale Herkunftoder ein bestimmtes Alter zu begrenzen. Um trotzdem die persönlichen Erfahrungen Einzelner miteinander vergleichbar zu machen, wurde sich bei der Wahl der Konsummittels auf illegale Drogen festgelegt, im Speziellen auf den Heroinkonsum. Der zweite Schritt umfasst die Festlegung der inneren Repräsentation, welche definiert wird als Gütekriterium für Stichproben und daher den Ersatz für die Repräsentativität darstellt (vgl. ebd.). Diese ist immer dann erreicht, wenn „einerseits der Kern des Feldes in der Stichprobe gut vertreten ist und andererseits auch die abweichenden Vertreter hinreichend in die Stichprobe aufgenommen worden sind“ (Merkens 1997, zitiert in Helfferich 2009, S. 173). Das bedeutet, dass die Stichprobe maximal unterschiedlich gewählt sein soll, aber gleichzeitig auch die typischen Fälle umfassen soll (vgl. Merkens 1997, zitiert in Helfferich 2009, S. 174).Eine Überprüfung dieser, insbesondere im Hinblick auf ihren Geltungsbereichist am Ende der Erhebung nötig, da sieder Vermeidung vorschneller Verallgemeinerungen dient und somit häufig zur Limitation der Aussagekraft beiträgt(vgl. Helfferich 2009, S. 174). Die Realisierung dieses Schrittes geschah im Arbeitsprozess der Interviewführung. So wurden beispielsweise nach den ersten vier Interviews, welche alle eine Altersgruppe von circa 40-Jährigen abdeckten, zwei Probanden deutlich jüngeren Alters ausgewählt, um die Stichprobe noch zu vervollständigen. Dasselbe galt für familiäre Situation, soziale Herkunft, Migrationshintergrund oder psychische Krankheiten.Somit konnten Gegenhorizonte, also möglichst gegensätzliche Positionen, betreffend die persönliche Darstellung biographischer Faktoren zur Entwicklung der eigenen Drogensucht erarbeitet werden. So konnten Interviews zur Entwicklung der Drogensucht mit einer Spannweite von einer jungen, sehr früh in die Drogenszene eingestiegenen, schnell verelendeten Frau bis zu einem männlichen, spät eingestiegenem Migranten, der bereits die Substitution abgeschlossen hat, gegenübergestellt oder eine durch den Ehemann vom Heroin abhängig gemachte Frau mit einem männlichen Hedonisten, für den ein Leben ohne Drogen völlig sinnlos erscheint, verglichen werden. Diese im Rahmen der Möglichkeiten maximale Variation ermöglicht Kontrastierungen in der Interpretation, durch welche die Besonderheiten eines jeden Falles noch klarer dargestellt werden können (vgl. ebd.). Dies überschneidet sich mit dem dritten Schritt, welcher vorschreibt, nach der Durchführung der Interviews noch einmal zu prüfen, welche möglichen Konstellationen an vorher definierten Kriterien nicht in der Stichprobe vorkommen und somit die Aussagekraft einschränken. Interviewt man beispielsweise nur männliche Probanden, ist es unmöglich, eine verlässliche Aussage über die biographischen Faktoren zur Entwicklung einer Suchtbei weiblichen Drogenkonsumentinnen treffen zu können. Also muss es das Ziel sein, „sukzessiv kontrastierende Extreme“ (Helfferich 2009, S. 174) in die Stichprobe aufzunehmen, was in der vorliegenden Arbeit nach bestem Wissen versucht wurde zu erfüllen.

Die Anzahl der Interviewten definiert der Stichprobenumfang. Dieser kann bei N=1, welche dann als Einzelfallanalysen bezeichnet werden, beginnen. Wie bereits erwähnt, wurde sich für einen mittleren Stichprobenumfang von N=6 entschieden, welcher bei Diplomarbeiten empfohlen wird (vgl. Helfferich 2009, S. 175). Der Grund für diese Entscheidung waren die Randbedingungen, welche sich als limitierende Ressourcen erwiesen. Sowohl die Willigkeit der Probanden, Interviews durchzuführen, als auch die Zeit waren begrenzt. So erfordert eine Arbeit mit sechs Probanden einen großen Zeitaufwand. Dazu zählen die Suche der passenden Probanden nach definierten Kriterien, die Vorbereitung und Durchführung der Interviews, die Nachbesprechung sowie die Transkription und sorgfältige Interpretation. Trotzdem ist darauf zu achten, dass der Umfang entsprechend groß gewählt ist, um das Konzept des Forschungsgegenstandes und vor allem die angestrebte Verallgemeinerbarkeit angemessen darstellen zu können. Weiterhin gilt, je weniger Fälle ausgewählt werden, desto intensiver und detaillierter ist deren Auswertung, was die Chance einer umfassenden Darstellung aller für die Entwicklung einer Drogensucht als relevant gezeigten biographischen Faktoren bietet (vgl. ebd.).

Die Anzahl der durchgeführten sechs Interviews bewegt sich in einem mittleren Stichprobenumfang, welcher sich mit dem Arbeitsaufwand für eine Diplomarbeit vereinbaren ließ. Ausgewählt wurden aktive, substituierte und ehemalige Konsumenten illegaler Drogen, insbesondere Heroinabhängige. Bei ihrer Auswahl wurde im Rahmen der Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Probanden und Randbedingungen auf eine maximal unterschiedliche Stichprobe Wert gelegt, um die Verallgemeinerbarkeit zu gewährleisten.

2.2.2 Zugang und Kontaktanbahnung

Bei Untersuchungen in Institutionen, wie beispielsweise Kontaktläden, ist häufig die Auswahl von Erzählpersonen oder der Umfang der Stichprobe durch die Zugänglichkeit gesteuert (vgl. Helfferich 2009, S. 175). Oft sind verschiedene Ebenen an der Regelung des Zugangs beteiligt: einerseitsdie Ebene der Verantwortlichen, welche die empirische Untersuchung genehmigen und diese gegebenenfalls bei Problemen nach außen verantworten müssen, andererseits die Ebene der zu Interviewenden, welche dafür Zeit und Bereitschaft aufbringen müssen (vgl. Flick 2010, S. 145). Der Interviewer gleicht einem Klienten, welcher sein Anliegen im Hinblick auf Forschungsfrage, Methode und Zeit- bzw. Personenaufwand formuliert. Dieses Anliegen wird nun geprüft und darüber entschieden, ob die geplante Untersuchung genehmigt oder abgelehnt wird.Denn jede Forschung stellt immer eine Intervention in ein soziales System dar, welche als Störfaktor empfunden werden kann (vgl. Flick 2010, S. 145 f.). Weitere Ablehnungsgründe sind beispielsweise der mangelnde Nutzen für eine Institution oder ihre Mitglieder, eine Übersättigung des Bedarfs durch andere Untersuchungen oder der Schutz der Mitglieder bzw. der Datenschutz (vgl. Flick 2010,S. 146 f.). Somit ist die Aushandlung des Zugangs oftmals schwierig. Häufig ist sie nicht von objektiven Faktoren, wie detaillierten Informationen über das geplante Projekt, abhängig, sondernviel eher von der Herstellung einer persönlichen Beziehung, aus welcher das Vertrauen zu dem Forschenden und seinem Projekt erwachsen kann. So ist es möglich, dass sich die Institution trotz aller Gründe, die dagegen sprechen könnten, auf eine Untersuchung einlässt (vgl. Flick 2010, S. 147).Es bleibt festzuhalten, dass die Diskrepanz zwischen Untersuchungswilligem und der zu untersuchenden Institution im Prinzip nicht aufzuheben ist, dies aber durch ein entwickeltes Vertrauen so weit vernachlässigt werden kann, dass eine Kooperation ermöglicht wird (vgl. ebd.).

Der Zugang zu Institutionen, welche in Zusammenhang oder -arbeit mit Drogenabhängigen stehen, gestaltete sich als äußerst schwierig. Beginnend mit der Überlegung, welche Institutionen gewillt sein könnten, eine Studentin der Universität der Bundeswehr eine empirische Untersuchung durchführen zu lassen, wurde die Entscheidung getroffen, sich an möglichst vielen verschiedenen zu bewerben. Die Bewerbungsmappe bestand aus dem Lebenslauf, einer detaillierten Skizze des Forschungsvorhabens, dem Leitfaden für die geplanten Interviews und der Bestätigung der Fakultät über die Notwendigkeit der Durchführung einer empirischen Untersuchung für das Bestehen der Diplomarbeit. Sie wurde an zwölf mit einer Drogenambulanz ausgestatteten Krankenhäuser in zwei verschiedenen Großstädten in Deutschland,sowie an vier Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie, ebenfalls in den beiden Städten, verschickt. Weiterhin erfolgte der Versand an fünf Suchthilfevereine. Das Ergebnis war sehr ernüchternd: Zwölf von zwölf Krankenhäusern, vier von vier Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie sowie vier von fünf Suchthilfevereinen lehnten eine Untersuchung prinzipiell ab. Die Gründe hierfür waren mannigfaltig. Sie reichten von der Übersättigung an Untersuchungen über den Schutz der Patienten bis hin zu einer Ablehnung der Bundeswehr in der jeweiligen Institution.

Lediglich ein Suchthilfeverein, FreieWelt[1], zeigte sich offen und bereit für ein Telefongespräch. Nach persönlicher Darstellung des Vorhabens bei der Leitung der Einrichtung bekam ich die Erlaubnis, dieempirische Untersuchung in einem der Kontaktläden durchzuführen. Der Kontaktladen des Vereins FreieWelt bietet Hilfe für Drogensüchtige ohne Vorbedingungen. Es ist ein beliebter Treffpunkt für Konsumenten und Substituierte sowohl zum Ausruhen als auch um Beratungsangebote wie Therapievermittlung oder die psychosoziale Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen zu nutzen. Weiterhin stehen Dusche, Waschmaschine, Telefon, Internet und warme Mahlzeiten zur Verfügung. Die Nutzung aller Angebote sowie die Arbeit des Teams sind kostenlos und anonym.

Der Weg zu genau diesem Kontaktladen wurde von der Einrichtungsleitung vermittelt. Während des ersten Treffens mit der Leitung des Kontaktladens musste die Konzeption für die geplante Untersuchung erneut dargestellt werden. Des Weiteren wurden die Räume und das Aufgabenspektrum des Vereins vorgestellt. Auch wurde der Hinweis gegeben, dass an dieser Einrichtung bereits mehrere Untersuchungen durchgeführt wurden, was die Gewinnung von Probanden erschweren kann.Somit wurde die Entscheidung getroffen, jedem Interviewten als Anreiz für die Teilnahme an der Untersuchung 15 Euro Aufwandsentschädigung anzubieten. Der erste Proband wurde durch den Leiter vermittelt. Nachdem dieser 15 Euro erhalten hatte, sprach es sich im Kontaktladen schnell herum, dass eine Möglichkeit besteht, sich leicht Geld zu verdienen. Da die meisten Besucher des Kontaktladens auf 400-Euro-Basis arbeiten oder Arbeitslosengeld-II-Empfänger sind, stellen die 15 Euro eine willkommene Aufbesserung des monatlichen Budgets dar. Durch diese Mundpropagandawar es möglich, die Probanden frei nach Bedarf und Erfüllung der definierten Kriterien auszuwählen. Diese Art von Zugang wird als Schneeballsystem bezeichnet. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Personen, die man kennt oder in diesem Fall bereits interviewt hat, andere Personen kennen, die wiederum Personen kennen, welche bestimmte Kriterien erfüllen. Der Vorteil liegt klar in der Möglichkeit, gezielt nach bestimmten Kriterien zu suchen. Der Nachteil hingegen besteht in einer möglichen Homogenität der Rekrutierungskreise (vgl. Helfferich 2009, S. 176). Durch die große Auswahl an Probanden war es möglich, sechs sehr heterogene auszuwählen, mit dem Ziel, den möglichen Nachteil der Homogenität in der Stichprobe zu eliminieren.

Der Zugang zu Institutionen und die damit einhergehende Kontaktanbahnung zu Probanden sind oftmals schwierig, da sie eine Intervention in ein soziales System darstellen und die Genehmigung einer empirischen Arbeit das Durchlaufen von mehreren Ebenen erfordert. Der Zugang basiert auf der Entwicklung eines Vertrauensverhältnisses und dem Interesse der Institution an dem Forschungsgegenstand. Um Probanden für qualitative Interviews zu gewinnen, kann es von Vorteil sein, einen finanziellen Anreiz als Aufwandsentschädigung zu setzen. Durch das Interesse, sich etwas Geld zu verdienen, ist es möglich, aus einer größeren Anzahl an potenziellen Probanden zu wählen und eine möglichste heterogene Gruppe zu bilden.

3 Interviewanalyse

Im Rahmen des empirischen Teils der Diplomarbeit wurden problemzentrierte Interviews mit narrativem Anteilmit sechs drogensüchtigen Probanden geführt. Die Interviews fanden zwischen dem 16.04.2011 und dem 12.05.2011 statt. Sie waren für die Dauer von einer bis zwei Stunden angesetzt. Vier Interviews beliefen sich auf circa eine Stunde, die Interviews der Probanden 1 und 6 hingegen auf zwei Stunden. Alle wurden im Kontaktladen der Drogensubstitutionsambulanz FreieWelt in einem separaten Beratungszimmer durchgeführt. Dieser Raum war den Probanden vertraut, er bot eine gute Akustik und war von innen abzuschließen, so dass Störungen bis auf eine Ausnahme vermieden werden konnten. Die Sitzanordnung wurde so gewählt, dass ein frontales Gegenübersitzen vermieden wurde, da es bedrohlich wirken kann. Stattdessen wurde ein leicht schräges Sitzen über Eck gewählt (vgl. Helfferich 2009, S. 177). Um den Probenden möglichst freundlich und offen entgegenzutreten,wurde vorab das Benutzen der Du- oder Sie-Form mit ihnen abgesprochen, wobei sich die Meisten für die Du-Form entschieden, jedoch im Gespräch oft wieder zur Sie-Form wechselten. Jeder Proband war nach einer kurzen Erläuterung meiner Absichten und der Darstellung des Verwendungszwecks der Interviews mit der Aufzeichnung des Gesprächs auf ein Diktiergerät – unter der Bedingung der garantierten Anonymität und Löschung des Tonbands nach der Transkription – einverstanden. Auf eine schriftliche Einverständniserklärung wurde verzichtet. Alle Eigen- und Ortsnamen wurden anonymisiert, indem frei erfundene Bezeichnungenverwendet wurden. Mehrmals genannte Einrichtungen, Orte oder Namen wurden im gesamten Interview mit demselben frei erfundenen Wort bezeichnet, um eine Übersicht gewährleisten zu können. Alle Probanden wurden chronologisch nach der Reihenfolge der Interviewdurchführung beziffert. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden die Zahlwörter nicht wörtlich geschrieben, sondern als Ziffer belassen. Obwohl sechs Interviews durchgeführt wurden, fiel die Entscheidung, nur fünf von ihnen zu interpretieren. Dies lag daran, dass Proband 5 in dem Interview derartig unter Drogeneinfluss stand, dass er mehrmals einschlief und immense Schwierigkeiten beim Sprechen und bei der Wortformulierung hatte. Er antwortete auf Fragen nur spärlich und zeigte kein Interesse, etwas von sich preiszugeben. Dieses Interview ergab kaum Fakten, was zu dem Entschluss führte, es zwar zu transkribieren, aber nicht zu interpretieren. Proband 5 wurde ausgelassen, somit ergibt sich die Reihenfolge: 1, 2, 3, 4, 6. Das Interview 5 befindet sich trotzdem transkribiert im Anhang der Diplomarbeit.

Die Transkription ist der notwendige Zwischenschritt vor der Interpretation der Daten (vgl. Flick 2010, S. 379). Da sich ein bestimmter Standard noch nicht etabliert hat (vgl. ebd.), erfolgte die Transkription nach den Richtlinien von Loos/Schäffer, welche bereits vertraut waren. Es wurde in jeder Transkription das gesamte Gespräch ohne Auslassungen erfasst.Verwendet wurde dazu das Prinzip der lautischen Notation, welche umgangssprachliche Ausdrücke, Dialektfärbungen, Redepausen, Nebengeräusche und parasprachliche Laute wie „Hm“ und „Ähm“ festhält (vgl. Bernart/Krapp 2005, S. 41). Die Entscheidung dafür wurde getroffen, um ein Höchstmaß an erzielbarer Genauigkeit bei der späteren Klassifikation und Interpretation jeder Äußerung haben zu können und das Interview für Dritte vollständig und nachvollziehbar darzustellen. Jede Transkription begann mit einem Anhören des gesamten Interviews. Danach schloss sich die Transkription nach den festgelegten Richtlinien an, gefolgt von einem nochmaligen, abschließenden Kontrollhören (vgl. Bernart/Krapp 2005, S. 41), um das Fehlerniveau möglichst gering zu halten. Die Transkriptionsrichtlinien befinden sich ebenfalls im Anhang der Diplomarbeit. Auf Interviewdokumentationsbögen wurde in Absprache mit dem Betreuer verzichtet.

Die transkribierten Inhalte der Interviews wurden nun texthermeneutisch analysiert. Diese Interviewanalyse erfolgte unter Benutzung der speziellen, qualitativen Technik Mayrings, welche als „Zusammenfassung und induktive Kategorienbildung“ (Mayring 2010, S.67) bezeichnet wird. Die Auswahl fiel auf eben diese Technik, da sie eine Anleitung gibt, um große Mengen an Material systematisch und theoriegeleitet bearbeiten zu können. Dies hat den Vorteil, dass das Datenmaterial auf wesentliche Inhalte reduziert, jedoch immer noch ein Abbild des Grundmaterials ist (vgl. Mayring 2010, S. 65).Mayrings Technikbeinhaltet ein inhaltsanalytisches Ablaufmodell einer Zusammenfassung.Das Grundprinzip dabei ist die mehrstufige, zusammenfassende Inhaltsanalyse, welche über mehrere Schritte eine abstrakte Zusammenfassung zum Ziel hat (vgl. Mayring 2010, S. 67 f.).

So ist der erste Schritt die Bestimmung der Analyseeinheit, die in vorliegender Arbeit immer das gesamte Interview umfasst. Der nächste Schritt, die Paraphrasierung,beinhaltet, die Kodiereinheiten umzuschreiben, so dass knappe, nur auf den wesentlichen Inhalt beschränkte Paraphrasenentstehen. Nicht inhaltstragende Bestandteile wie Ausschmückungen oder Wiederholungen des Interviews werden außen vor gelassen. Die Sprachebene ist einheitlich, es wird eine grammatikalische Kurzform verwendet undUmgangssprache oder Akzent sollten ins Hochdeutsche umgewandelt werden(vgl. Mayring 2010, S.69 f.). Gegensätzlich zu Mayrings definierten Kriterien wurden die Dialekte hier auf Grund ihrer hohen Ausprägung bewusst beibehalten und nicht umgewandelt, um die Authentizität und Bedeutung der Inhalte der Interviews nicht zu gefährden.

Der darauffolgende Schritt beschreibt die Generalisierung auf ein einheitliches Abstraktionsniveau. Dazu wird zunächst das angestrebte Abstraktionsniveau bestimmt. Jede Paraphrase, welche unter diesem selbst definierten Niveau liegt, wird verallgemeinert, sodass alte Aussagen in den neu formulierten impliziert sind (vgl. Mayring 2010, S. 70). Bei Zweifelsfällen sollen theoretische Vorannahmen zu Hilfe genommen werden, um die Wichtigkeit für die spätere Interpretation des Interviews zu klären (vgl. Flick 2010, S. 410 ff.).

Der letzte Schritt beinhaltet die Reduktion. Laut Mayrings Theorie wird dieser Schritt zweigeteilt. Jedoch wird gleichzeitig empfohlen, bei großen Datenmengen mehrere Analyseschritte zusammenzufassen, so dass es möglich ist, zwei Schritt in einem abzuhandeln (vgl. Mayring 2010, S. 69 f.). Dies stellte sich als sehr zweckmäßig heraus, denn bei der Analyse der eigenen Interviews wurden beide Reduktionsschritte gleichzeitig durchgeführt. Die erste Reduktion dient zum einen dazu, inhaltsgleiche Paraphrasen zu streichen, und zum anderen dazu, für die weitere Bearbeitung des Forschungsgegenstandes nichtssagende oder unwichtige Aussagen eliminieren zu können[2].Somit ist hier die Selektion des zentral Inhaltstragenden von Bedeutung (vgl. Mayring 2010, S. 70). In dem zweitenReduzierungsschritt werden mehrere über das Material verstreute, sich aufeinander beziehende Aussagen zusammengefasst und zu neuen Paraphrasen gebündelt. Diese werden als Kategorien bezeichnet (vgl. Mayring 2010, S. 69 f.). Typische Kategorien in den geführten Interviews waren beispielsweise Kindheit, Familie, Freundeskreis, Selbst- und Weltbild, psychische Erkrankungen, Prägendes, Devianz, Arbeit, Sucht, Substitution oder Drogenkonsum. Sie enthalten nun alle thematisch passenden Zusammenfassungen der im Interview getätigten Paraphrasen, frei von Dopplungen und als unwichtig bewerteten Aussagen. Zum Abschluss wird überprüft, ob alle Paraphrasen in demKategoriensystem aufgehen und ob die zusammengestellten neuen Aussagen das Ausgangsmaterial noch repräsentieren (vgl. Mayring 2010, S. 69).

Die Transkription aller sechs Interviews erfolgte nach den Richtlinien von Loos/Schäffer sie befinden sich im Anhang der Diplomarbeit. Eben dort findet sich in Tabellenform auch die mehrstufige, zusammenfassende, texthermeneutische Analyse nach der qualitativen Technik der Interviewanalyse Philipp Mayrings. Diese hat über mehrere Schritte eine Kategorienbildung als Endergebnis, welche thematisch passende, über das Interview verteilte Aussagen zusammenfasst. Im Folgenden werden nun die zusammengefassten Kategorien dargestellt und als Volltext zur Vorstellung der Probanden 1 bis 6, unter Auslassung des Probanden 5, genutzt.

3.1 Proband 1

Proband 1 ist ein 41-jähriger lediger arbeitsloser Mann, welcher sich zurzeit in der Substitution befindet. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen mit jungen, als überfordert bezeichneten Eltern, wurde er häufig verprügelt und im Alter von achtJahren vom eigenen Vater sexuell missbraucht. Weiterhin belastend und als prägend für die Kindheit beschrieben war der frühe Krebstod der geliebten Mutter, was ein Alleinwohnen mit dem verhassten Vater zur Folge hatte und negative Gefühle zu Hause auslöste. Der Missbrauch endete im Alter von vierzehn Jahren, als sich Proband 1 körperlich wehren konnte, sein Aussehen veränderte und rebellierte.Obwohl die Kindheit durchweg als negativ bewertet wurde, lässt sie Proband 1 nicht als Grund für eine Drogensucht gelten.

Trotz zunächst guter schulischer Leistungen ließen diese durch den Missbrauch schnell nach, so dass das Gymnasium abgebrochen wurde. Als einen weiteren Grund dafür nennt der Interviewte die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, welche erst spät im Erwachsenenalter diagnostiziert wurde. In der Retrospektive betrachtet der Proband seine ADHS und deren Nichtdiagnose in der Kindheit als Grund für Konzentrations- und Lernprobleme. Der erste Konsum von legalen Drogen erfolgte durch Gruppenzwang mit siebzehn Jahren, was vom Interviewten als spät bewertet wurde. Alkohol empfindet er als unangenehm, bis heute konsumiert er ihn nicht einmal gelegentlich. Der Konsumverlauf illegaler Drogen begann mit der ersten Cannabiserfahrung, ebenfalls mit siebzehn, ausgelöst durch Neugier, Interesse und Gruppenzwang. Danach wurde der Alkohol noch negativer beurteilt. Cannabis hingegen entwickelte sich zu einerdurchweg positiv bewerteten Droge, was zu einer Steigerung des Konsums führte.Häufig geschah der Konsum auch mit dem Vater zusammen, was ihn, anders als bisher dargestellt, nicht von einer rein negativen Seite zeigte, sondern diese vielmehr relativierte. In Folge des häufigeren Konsums entwickelte sich ein Interesse an illegalen Drogen, dies geschah auch durch die zwangsläufige Bewegung in illegalen Kreisen, welches nicht als negativ, sondern eher als positiv und prickelnd eingeschätzt wurde. Daraus erfolgten eine Auseinandersetzung und intensive Beschäftigung mit illegalen Drogen und deren Wirkungen, was sich zu einer regelrechten Faszination entwickelte. Somit waren die Voraussetzungen für weiteren Konsum geschaffen. Dies wurde auch durch einen neuen Freundeskreis verstärkt, welcher nur aus Drogenkonsumenten bestand und in dem der Interviewte Anerkennung suchte und fand. Dementsprechend leicht fiel der Zugang zu neuen Drogen. Der Proband bezeichnet sich selbst als Polytoxikomane und konsumiert verschiedene sowohl pflanzliche als auch chemische Drogen oder Stimulanzien wie Kokain und Speed.Das Drogenmilieu wird von ihm als eine andere, allerdings unnormale Welt beschrieben, was mit einem zunehmenden Desinteresse an der normalen Welt, den normalen Freunden und dem Faible für Illegalität einhergeht. Gegenteilig zu der bis dahin positiven Bewertung der Drogen beschreibt er den Konsum teilweise als Ausflucht oder Betäubung, insbesondere nach dem Tod der Mutter. Auch werden Unterscheidungen zwischen einzelnen Drogen getroffen, so gibt es Drogen, die Proband 1 unterschätzt hat, deren Konsum er für nicht kontrollierbar hält. Dazu zählt insbesondere das Kokain. Im weiteren Verlauf des Lebens kommt es zum ersten zufälligen Ecstasy-Konsum, ohne welchen Partys und Freizeit für ihn weniger amüsant sind. Kurze Zeit später gehören siefür ihn untrennbar zusammen. Somit kommt es zu einem massiven Konsum über die körperlichen Grenzen hinaus. In dieser Zeit macht der Proband auch erste positive sexuelle Erfahrungen, welche er als sehr prägend empfindet.Auch prägender als den Missbrauch, vor allem weil er sich die eigene Sexualität durch seine Erlebnisse in der Kindheit nicht verderben lassen möchte. Sexualität verändert sich seiner Meinung nach auf Drogen, dementsprechend ist der Einfluss auf Beziehungen auch gegeben. Für eine Beziehung ist ab da für ihn der Drogenkonsum Bedingung, jedoch nur gelegentlich und um den Sex zu beleben. Auch auf der Arbeit spielte dieser immer eine Rolle, der Proband ging arbeiten, um den Konsum finanzieren zu können, und konsumierte, um arbeiten zu können. Weiterhin verschönern Drogen die Arbeit, welche er vor allem macht, um einen Abschluss zu erreichen. Dieser wird bewältigt.Mittlerweile beschreibt der Proband seine Arbeitsleistungals abhängig von regelmäßigem Konsum. Ohne diesen ist es ihm nicht möglich, regulär und den Vorgaben entsprechend zu arbeiten. Seine Kollegen bemerken den Konsum. Durch Zwang des Vorgesetzten entscheidet sich der Proband für eine Therapie und gegen die drohende Kündigung. Obwohl die Therapie negativ bewertet undabgebrochen wurde, wird er wieder eingestellt. Erstmals bekommt der Konsum für ihn eine negative Seite, denn ein Aufhören ist nicht mehr möglich, drogeninduzierte, negative Stimmungen hindern ihn an der Ausführung der Arbeit, es kommt zur Kündigung. Es folgten zwölfJahre Arbeitslosigkeit, welche als vergeudete Jahre beschrieben wurden. Obwohl bisher immer abgelehnt und negativ bewertet, begann der Proband nun den Heroinkonsum zur Linderung der Depressionen und zum Erfüllen seiner Suizidabsicht, da dies am besten mit Heroin zu verwirklichen sei. Die Folge ist Abhängigkeit, welche ebenfalls zwölfJahre dauerte.In diesem Zeitraum unternahm der Interviewte drei Selbstmordversuche, zwei mit Heroin und einen mit einer Rasierklinge; jedes Mal war eine Rettung möglich. Dies sah Proband 1 als Zeichen des Schicksals, was ihn dazu bewog, sich in die Substitution zu begeben. Eben diese hat ihm das Leben gerettet, denn durch sie waren eine Stabilisierung und die Beendigung des Konsums möglich.Des Weiteren befindet er sich zum Schutz vor sich selbst in Psychotherapie, fühlt sich jedoch übertherapiert und gibt an, die Therapeuten zu manipulieren. Trotz Therapie und Substitution konsumiert er weiterhin Drogen, billige Substanzen, welche durch Hartz 4 finanzierbar sind. Sein Leben wird gleichgültig, er fühlt sich depressiv und vereinsamt. Er verliert durch Nichtanmeldung einer Erbschaft, die er nach dem Tod des Vaters erhielt, seine Wohnung. Der Tod des Vaters stimmt ihn freudig. Der Verlust der Wohnung ist auch der Grund für den Aufenthalt bei FreieWelt seit einem halben Jahr, denn diese unterstützen ihn bei der Suche nach einer neuen Unterkunft. Proband 1 beschreibt sich selber als menschenverachtend und abweisend, distanziert sich jedoch von anderen Drogenabhängigen und grenzt sich bewusst von ihnen ab. Trotz aller erlebten Konsequenzen wird der Konsum als positiv bewertet, die Rechtfertigung erfolgt permanent durch den Vergleich zum Alkohol, welcher auf einer Stufe mit den illegalen Drogen stehe. Demnach ist seiner Auffassung nach allein der deutsche Staat daran schuld, dass er das Konsummittel seiner Wahl illegal zu sich nehmen muss. Er fordert eine Veränderung in der Drogenpolitik, der Staat sollte sich mit dem Drogenkonsum arrangieren und einige Drogen legalisieren, als Vorbild dienen die Niederlande. Die Ermöglichung eines gesunden Konsums sieht er als Aufgabe des Staates. Weiterhin ist ihm ein starker Hass auf die Polizei zu Eigen, was vor allem an seiner Festnahme und Verurteilung wegen Drogenhandels sowie an der als traumatisch beschriebenen Untersuchungshaft liegt. Er fühlt sich nicht schuldig, denn er hat eine eigene Rechtsprechung und demnach kein Verständnis für seine Verurteilung. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, trotzdem konnte der Interviewte den Konsum nicht beenden, was er als Sucht bewertet. Eine eigentliche Sucht bestand zum einen nach Kokain, zum anderen nach Heroin. Daher verabscheut er diese Drogen heute. Er bezichtigt sich selbst der Neigung zum Suchtverhalten und beschreibt sich als seit zwanzig Jahren süchtig. Die erste Droge, welche ein Suchtverhalten auslöste, war das Kokain. Der heutige Konsum, regelmäßig Cannabis, selten Speed, ist für den Probanden keine Sucht, konträr zu dieser Aussage denkt er von sich, dass er ein Leben lang süchtig bleiben wird, womit er keine Schwierigkeiten hat. Er rechtfertigt seinen Gelegenheitskonsum mit der Kontrollierbarkeit. Eine Zukunft ohne Drogen ist für ihn nicht denkbar, der Konsum wird so lange fortgesetzt, bis er physisch nicht mehr dazu in der Lage ist. Die Drogen werden durchweg als positiv bewertet, trotz sinkender Intensität der Flashs. Auch betont er, dass er den Drogen nicht die Schuld am Verlauf seines Lebens geben möchte, wie viele andere es tun, um die eigene Unfähigkeit zu rechtfertigen. Als Auslöser für seine Drogensucht sieht er unter anderem seine ADHS, denn durch Drogen war ihm immer eine bessere Konzentration möglich.Somit sieht er seinen Konsum als eine Art Selbsttherapie. Nach prägenden Erlebnissen befragt, legt er dar, dass alles irgendwie unterbewusst prägt, er differenziert in positive und negative Prägung. Als positiv prägend werden alle Drogenerfahrungen genannt: insbesondere Partys und sexuelle Erlebnisse unter Drogeneinfluss. Negatives sind vor allem anderen der Tod der Mutter und die anschließende Betäubung durch die Drogen, der Hass auf den Vater, der Aufenthalt im Gefängnis und der Hass auf die Exfreundin. Der Missbrauch wird indes nicht als prägend empfunden.

3.2 Probandin 2

Die zweite Probandin ist eine 41-jährige ledige Frau, welche zurzeit auf 1-Euro-Basis im Kontaktladen FreieWelt angestellt ist. Sie beschreibt ihre Kindheit zum einen als sehr behütet, da sie in einem kleinen Dorf aufwuchs, andererseits war diese auch geprägt durch häusliche Gewalt, welche der Vater an ihrer Mutter ausübte. Dies fand nach der Trennung der Eltern ein Ende, als der Vater eine Haftstrafe antreten musste. Niemand wusste um den genauen Grund, demnach verbreiteten sich im Heimatdorf viele Gerüchte, dass ihr Vater ein Mörder und Vergewaltiger sei. Diese Erlebnisse bezeichnet die Probandin als belastend und traumatisch. Demnach ist das Verhältnis zum Vater sehr negativ, Interesse am Kontakt besteht auch nach der Entlassung aus der Haft nicht mehr. Das Verhältnis zur Mutter wird als positiv bewertet, obwohl sie nach der Trennung mit ihrem neuem Freund in die GroßstadtLexiton zog und ihre Tochter auf dem Land bei den Großeltern zurückließ. Dort ist die Probandin dann auch weiterhin aufgewachsen, was sie als sehr schön bezeichnet. Dennoch gibt sie den Großeltern die Schuld, sie falsch erzogen zu haben, hin zur Naivität und zu dem Glauben, dass ihr alle Menschen etwas Gutes wollen. Nach Abschluss der Schule fand die Probandin eine Lehrstelle in Lexiton, in welcher auch ihre Mutter wohnte, und zog zu ihr. Bis heute verbindet beide ein guter Kontakt. Trotzdem fühlte sie sich sehr einsam und hatte Heimweh nach ihrem Dorf. Sie lernte schnell die so bezeichneten falschen Leute kennen, traf sich mitAchtlosigkeit und mit dem Gedanken, dass niemand ihr Schaden möchte, an eindeutigen Drogentreffpunkten mit der neuen Clique. Dort kam es zum ersten Drogenkonsum, Cannabis, ausgelöst durch die Gruppe. Dies geschah im Alter von fünfzehnJahren. Der Konsum fand in der Folge öfter statt, zunächst ausschließlich in der Gruppe. In jener herrschte ein positives Klima, man fühlte sich gut, das Cannabis löste eine entspannte und fröhliche Stimmung aus. Um sich auch ohne die Gruppe gut zu fühlen, konsumierte die Probandin nunmehr auch allein zu Hause. Ihr fester, abhängiger Freund war begeistert vom Kokain, ihre Neugier verleitet sie schließlich dazu, es ebenfalls testweise zukonsumieren. Die Einschätzung der Probandin 2 ist, Drogen erst gar nicht zu versuchen, denn bei einem einmaligen Konsum bleibt es nicht. So war es auch bei ihr, sie wurde im Alter von neunzehn Jahren süchtig nach Kokain. Durch Probleme mit der Zulieferung kam es zum ersten Entzug, welcher ihr die eigene Sucht klarmachte. Um den Jieper nach Kokain zu unterbinden, begann die Interviewte Heroin als Ersatz zu spritzen und Kokain nur noch sporadisch zu konsumieren. Heroin und der Beikonsum wurden von ihr als außerordentlich positiv bewertet. Trotz dieser Bewertung musste der Konsum aus Geldmangel aufgegeben werden, es folgte das Verschreibenlassen von Codein – einem Ersatzstoff für Heroin – durch einen Arzt. Auch dieser Konsum musste beendet werden, da Codein verboten wurde. Daher entschloss sich die Interviewte für die Substitution. Mit dieser ist sie sehr zufrieden, obwohl sie das Polamidon spritzt und nicht wie vorgesehen oral einnimmt. Ein Ansporn, die Substitution ohne weiteren Beikonsum abzuschließen, ist die Wochenmitgabe. Dementsprechend muss sie nicht jeden Tag zur Substitutionsambulanz, sondern kann ihr Leben freier gestalten. Daher will sie den aktuellen Konsum von Alkohol und Cannabis unterbinden. Des Weiteren hat sie eine Tochter, welche nicht bei ihr aufwuchs, da sie sich als Drogenabhängige nicht in der Lage sah, das Kind aufzuziehen. Die Schwangerschaft entstand, da die Probandin der Fehldiagnose der Unfruchtbarkeit unterlag, und wurde erst so spät bemerkt, dass eine Abtreibung nicht mehr möglich war. Zu dem Erzeuger hat sie keinen Kontakt, er zahlt auch nicht für das Kind. In der Schwangerschaft wurde der Drogenkonsum weiterhin ausgeübt, da sie Angst vor einem Entzug und den daraus resultierenden Gefahren für das ungeborene Kind hatte. Im Übrigen war es nach ihrer Einschätzung sowieso zu spät, um aufzuhören. Daher war dies keine Motivation, den Konsum zu beenden. Das Kind wurde zunächst gesund geboren, wurde dann aber schwer krank, was sowohl dem Entzug als auch einem Virus zuzuschreiben sein kann. Die Tochter überlebte, die Pflege übernahm die Tante der Probandin, da die Großeltern zwischenzeitlich verstarben, was von der Interviewten als sehr belastend bewertet wurde. Die Tante lehnt den Kontakt zwischen Tochter und leiblicher Mutter ab, was dazu führte, dass die inzwischen substituierte Mutter keinen Kontakt zu ihrem Kind hat. Sie weiß lediglich, dass die Tochter eine gute Schülerin trotz der ADHS-Diagnose ist und keineBerührung mit Drogen hat. Darauf ist die Probandin sehr stolz. Seit der Geburt des Kindes ist sie aus gesundheitlichen Gründen arbeitslos. Die Finanzierung der Drogensucht erfolgte nach Verlust der Arbeit durch Dealen; Prostitution wird von der Probandin indes rigoros abgelehnt. Die Konsequenz des Dealens war ein siebenmonatiger Gefängnisaufenthalt, welcher als positiv bezeichnet wurde. Das Strafmaß wird im Vergleich zu den begangenen Taten als fair angesehen. Nach der Haft war Probandin 2 clean, begann jedoch erneut mit den Drogen, dies schätzt sie als enorme Schwäche und sehr prägend für den weiteren Verlauf ihres Lebens ein, wofür sie aber nicht verantwortlich sei, da die Droge sie im Griff hatte. Es folgten mehrere nicht erfolgreiche Entzugs- und Entgiftungsversuche. Diese wurden sehr negativ bewertet, da die Interviewte nicht an die Wirksamkeit von Therapien glaubt und ein Entzug nur aus eigener Kraft und aus eigenem Willen möglich sei. Weiterhin fühlt sie sich zu gesund für eine Therapie und erachtet diese als konsumfördernd. Die Probandin leidet seit ihrer Kindheit unter psychischen Problemen, insbesondere an Depressionen. Daher musste sie viele Medikamente einnehmen, zurzeit ist sie jedoch stabil. Sie ist glücklich mit einem drogenfreien Partner, welcher nur gelegentlich Alkohol konsumiert. In dieser stabilen Beziehung sieht sie eine Art Rückfallprävention. Einen Partner, welcher konsumiert, hält sie aus persönlicher Erfahrung für untragbar. Die Gründe für ihre Sucht sieht sie in ihrer eigenen Dummheit,ihrer anerzogenen Naivität, gepaart mit Neugier, aber ebenso Vergangenheitsbewältigung. Sie wollte ihre Kindheitvergessen und verdrängen und hat den Ausweg daraus über die Drogen gefunden. Sie bezeichnet sich als ein Mensch, der immer Katastrophen erlebt hat, für die er nichts konnte, und permanent die falschen Leute anzieht. Die Stadt stellt sie als suchtfördernd dar, was sie erst zu spät erkannte. Sie sieht sich als nicht normalen Menschen und ist sich bewusst, ihr Leben an die Drogen verschwendet zu haben.Sie ist bis heute unglücklich mit diesem Zustand, war aber nicht in der Lage, diesen zu ändern. Für sie ist ein Leben ohne Drogen nicht mehr möglich, sie wird Ihrer Ansicht nach immer eine Drogenabhängige bleiben, obwohl mittlerweile durch die Substitution „trocken“. Mit den Drogen wurden Höhen und Tiefen erlebt, der eigentliche Konsum wird nach wie vor als positiv bewertet, solange man nicht süchtig ist. Wäre der erste Konsum nicht so überwältigend gewesen, wäre ihr Leben anders verlaufen. Denn nach ihrer Einschätzung ist es unmöglich, nach einem so positiven Konsumerlebnis wieder aufzuhören.

[...]


[1] Im Rahmen der Diplomarbeit wurde der Name der Institution, an welcher die Interviews durchgeführt wurden, zum Schutz der Anonymität der Probanden geändert. Er ist frei erfunden.

[2] Als unwichtig wurden beispielsweise sich wiederholende, überdetaillierte Schilderungen von Drogenflashs gewertet.

Ende der Leseprobe aus 154 Seiten

Details

Titel
Drogensucht. Subjektive Bedeutung biographischer Faktoren für die Entwicklung eines Suchtverhaltens
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
154
Katalognummer
V429873
ISBN (eBook)
9783668806719
ISBN (Buch)
9783668806726
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drogensucht, Biografie, Heroin, Sucht, Suchtentwicklung
Arbeit zitieren
Franziska Marie Lea Beck (Autor), 2011, Drogensucht. Subjektive Bedeutung biographischer Faktoren für die Entwicklung eines Suchtverhaltens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429873

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