Die Historien des Herodot Buch V. 92-94. Die Rede des Sokles

Zur herodoteischen Technik der digressiven Narration


Hausarbeit, 2014
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Narrative Strukturen in der Soklesrede

3 Die Soklesrede als zeitgenössischer Kommentar

4 Quellenverzeichnis

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Innerhalb der literarischen Konzeption des herodotischen Geschichtswerkes nimmt die genuine Gestaltung der Reden in narrativer ebenso wie in stilistischer Hinsicht eine Sonderstellung ein. Als dramaturgisches Mittel zur Belebung des mündlichen Vortrages gewährleistet die Konzeption der Reden, deren thematisches Spektrum sowohl situationsgebundene Äußerungen zu konkret historischen Anlässen sowie allgemeingültige Aussagen zu universellen Fragestellungen umfasst, die Einbeziehung eines historisch nicht versierten Publikums in die wissenschaftlich-historiographische Rahmenerzählung[1]. Die einzigartige Verfassersituation Herodots als Begründer einer literarischen Gattung[2] ermöglichte dem Autor die Ausprägung eines spezifisch-individuellen Verständnisses der Rede als literarisches Stilmittel[3] ebenso wie als narratologisches Instrument. Mithilfe der narrativen Ausgestaltung[4] der Reden durchbricht der Autor den objektiv-berichtenden Gestus seines Werkes. Demgemäßgalten die ursprünglich als literarisches Dekor verstandenen Reden im Geschichtswerk Herodots lange Zeit als paradigmatisch für die erzählerischen Tendenzen[5] im historiographischen Werk Herodots, dessen Interesse an anekdotischer Geschichtenerzählung eine elaborierte Argumentation auf der Basis eines fundierten Weltbildesüberwogen habe[6]. Innerhalb des Spektrums der herodotischen Reden betraf diese Kritik insbesondere die als digressive Narrationen klassifizierten paradigmatischen Reden[7].

Die Ursprünge dieser Redegattung liegen in der epischen Literaturtradition begründet, welcher in der Ausprägung des historiographischen Genres eine prägende Vorbildfunktion zukam[8]. Insbesondere in den homerischen Epen begegnen Reden gehäuft in der Gestalt eines narrativen Exkurses[9], dessen Thematik zumeist der Mythologie entstammt[10]. Die grundlegende Funktion dieser oftmals der Figur eines weisen Ratgebers in den Mund gelegten story-telling speeches[11] besteht in der epischen Literatur in der darstellenden Vermittlung allgemeingültiger Konstanten menschlichen Handelns, deren moralischer Grundgehalt durch die Exemplifizierung anhand einer individuellen Fallstudie seine Veranschaulichung erfährt. Auf der Grundlage dieser Artikulation der zugrundeliegenden,überindividuellen Grundprinzipien gelingt dem Autor so die Konstruktion eines ideologisch motivierten, metahistorisch fundierten Weltbildes[12]. Als anspruchsvollste Individualerzählung innerhalb der Historien stellt die Rede des Sokles das prominenteste Beispiel einer derartigen paradigmatischen Rede im Werk des Herodot dar[13]. Ähnlich wie ihre epischen Vorgänger dient sie als Vehikel der Übermittelung grundlegender moralischer und ideologischer Informationen[14], welche im Munde der individuellen Charaktere erst ihren Wahrheitsgehalt zur Geltung bringen können[15]. Als zentrale Thematik der Soklesrede, welcher innerhalb des herodotischen Werkes eine zentrale Funktion als Medium der Debatte gesellschaftstheoretischer Reflektionen zukommt[16], erweist sich dabei die Darstellung und Beurteilung der Institution der Tyrannis als politisches ebenso wie gesellschaftliches Phänomen.

Anstelle einer theoretisierenden Diskussion dieser politischen Institution, wie sie in der etatistischen Argumentation der im dritten Buch geschilderten „Verfassungsdebatte“ enthalten ist, wählt Herodot hier einen narrativen Ansatz, welcher die von ihm abstrahierten Gesetzmäßigkeiten menschlichen Zusammenlebens auf der Ebene des historischen Individuums exemplifizieren und das ursprünglich abstrakte Konzept der Tyrannis anhand einer spezifischen historischen Konstellation veranschaulichen soll. Als historischer Kontext der vorliegenden Episode fungiert die umfassende chronologische Berichterstattungüber die attische Frühgeschichte, welche ihrerseits in den im fünften herodotischen Logosübergeordneten Narrativ des Ionischen Aufstandes eingebettet ist[17]. Die elaborierte Struktur der herodotischen Erzählungen mit ihren steten kontextuellen Rückbezügen sowie Verweisen und Analogien bildet insbesondere in Hinblick auf die Konstruktion der herodotischen Reden dabei einen Referenzrahmen[18]. Diese zentriert sich zumeist um einen narrativen Kern, welcher um diverse Digressionen sowie Parallelerzählungen erweitert wird[19]. Als definierendes strukturelles Element treten dabei die mannigfaltigen Digressionen[20] in Erscheinung, deren grundlegende Funktion in der Verknüpfung der individuellenübergeordneten Logoi besteht[21]. Im vorliegenden Kontext bewirkt der Hinweis auf die Invasionspläne der spartanischen Heeresversammlung die logische Verknüpfung der vorliegenden Episode mit der vorangegangenen Schilderung des athenischen Verhältnisses zu Ägina[22]. Mithilfe dieses chronologischen wie thematischen Bezugspunktes bewerkstelligt der Autor die Synchronisierung parallel verlaufender Erzählstränge. Weiterhin ermöglicht die Verschiebung des narrativen Fokus Herodot die Einbindung einer in sich geschlossenen Digression, deren Beginn durch die expositorische Rede der Spartaner an ihre Bundesgenossen zur Wiederrichtung der Tyrannis im aufstrebenden kleisthenischen Athen markiert ist[23]. Der in obliquer Rede formulierte Appell der Spartaner, welcher innerhalb der triadischen Komposition die eröffnende Proposition bildet[24], weist im Wesentlichen einen resümierenden Charakter auf, insofern sie die in den Kapiteln bis geschilderten Ereignisse rekapituliert[25]. Innerhalb dieser Epanalepse liegt der Fokus der Erzählung jedoch auf der genuin spartanischen Perspektive der geschilderten Begebenheiten, welche aus emotional-subjektivem Blickwinkel kommentiert werden[26]. Die spartanische Proposition nimmt der Autor zum Ausgangspunkt der Formulierung einer fiktiven, der historisch anderweitig nicht greifbaren Figur des korinthischen Abgesandten Sokles[27] attribuierten Gegenrede[28], welche durch den Übergang von der in obliquer Rede wiedergegebenen Proposition der Spartaner hin zur direkt formulierten Rede eine gesteigerte Signifikanz ihrer Argumentationsstruktur anzeigt[29]. Im polemisch-diskursiv formulierten Proöm der Soklesrede verwendet der Autor eine Metapher, welche die zentrale Aussage der Rede anschaulich einführen soll[30]. Das gnomisch formulierte Gleichnis stellt die Tyrannis als Umkehr der natürlichen Ordnung dar und dient damit analog der Charakterisierung der Institution der Tyrannis als „widernatürliche“ Verkehrung der politischen Ordnung[31]. Die zentrale Thematik der machttheoretischen Debatteüber die Legitimität und Auswirkungen der Herrschaftsform der Tyrannis wird im nachfolgenden, narrativen Teil der Rede vom Autor mit der Einbettung eines digressiven Logos verbunden, welche ihm die umfangreiche Darstellung seiner Erkenntnisse bezüglich der Frühgeschichte Korinths gestattet[32]. Hierzu wählt der Autor als Paradigma seiner metahistorisch fundierten Darstellungsabsicht die Schilderung der Viten der korinthischen Tyrannendynastie der Kypseliden, deren legendhaft-mythische Erzählweise der Gewährleistung einer emotionalen Anteilnahme der Hörerschaft dienen soll[33]. Innerhalb der epideiktischen Narration[34] Herodots bezüglich des Charakters dieser Herrschaftsform erscheint insbesondere dieätiologische Erzählung der Kypselos-Sage das Augenmerk des Autors inngehabt zu haben[35].

2 Narrative Strukturen in der Soklesrede

Die fiktive Narration des Sokles setzt mit der Schilderung der Ereignisse ein, welche die Machtübernahme der Kypselidendynastie[36] begründen. Dieätiologische Darstellung weist einen stark legendenhaften Charakter auf[37], welcher durch die Einführung diverser Orakel intensiviert wird[38]. Diesen von homerischem Sprachgebrauch geprägten[39] χρησμοί kommt eine wichtige Funktion in der Typisierung der Wesenszüge der kypselidischen Tyrannis zu. Auffällig in deren Wiedergabe erscheint dabei insbesondere die Inkonsistenz und Ambiguität der als ἀμφιδέξιον charakterisierten Orakel[40]. So kündigt die erste Weissagung die Machtübernahme des Kypselos in figurativer Sprache als Befreiung Korinths von der oligarchischen Herrschaft an[41], während das nachfolgende Orakel die Regentschaft des Kypselos als blutig beschreibt (πολλῶν δ᾽ ὑπὸ γούνατα λύσει[42] ). Im abschließenden dritten Orakelspruch wird der Dynastie des Kypselos schließlich der Untergang in der dritten Generation prophezeit. Die scheinbare Widersprüchlichkeit des Gehaltes der drei Orakel wird erst aus deren synoptische Betrachtung als Repräsentanten einer zeitlichen Abfolge bzw. Abstufung in der Herrschaft des Kypselos verständlich[43]. Die in den abfolgenden Orakeln getroffenen Modifizierungen der Aussage vollziehen eine zeitliche wie qualitative Entwicklung vor dem Hintergrund des graduellen Wandels der Erzählabsicht des Redners nach und bezeugen somit ein kohärentes Verständnis des Schicksals der Kypselidendynastie, welches mit den in der Konzeption der Kypselosvita angelegten divergenten Bewertungen der Herrschaft ihres Gründers reflektiert[44]. Darüber hinaus dienen die in den Orakeln enthaltenen etymologisierenden Anspielungen als metanarrative Qualifizierung der inhaltlichen wie narratologischen Funktion der Figuren[45]. So wird der zukünftige Tyrann beispielsweise als „rollender Stein“ umschrieben[46], welcher den Zustand des Gemeinwesens „berichtigen“ solle[47]. Mithilfe dieser Charakterisierungen attestiert der Autor der Tyrannis zu ihren Anfängen eine heilsame „Schockwirkung“[48].

Auch die zu Beginn der Narration konstruierte Genealogie des Kypselos enthält Hinweise auf das herodotische Verständnis der Tyrannis[49]. Beispielhaft hierfür referenziert die Symbolik der physischen Beeinträchtigung der Mutter eines zukünftigen Tyrannen in der griechischen Vorstellungswelt auf den Themenkomplex der Illegitimität und zeigt eine soziale Marginalisierung der Person an[50]. Gemäßzeitgenössischer Denkmuster imaginiert der Autor die Person des Tyrannen als eine dem sozialen Gefüge entrückte gesellschaftliche Randfigur, deren fehlende Verortung ihr die ambivalente Stellung einesüberparteilichen Korrektives der Gesellschaft ermöglicht, ihr jedoch gleichzeitig die unentrinnbar perpetuierte Rolle eines Außenseiters zuschreibt[51]. Durch das Referenzieren dieses in der griechischen Mythologie verbreiteten Topos[52] stellt er eine Verbindung zur sozialen Verortung der Tyrannis her, welche in Analogie zu diesem physischen Makel als „lahme“ beziehungsweise entstellte Form einer legitimen Herrschaft charakterisiert wird[53]. Eine weitere Grundkonstante des herodotischen Weltbildes repräsentiert die Korrelation dieses Motives in Gestalt der Verbindung der sozial privilegierten, jedoch physisch beeinträchtigten Figur der Mutter mit der sozial marginalisierten Person des Vaters. Dieses als Zyklus von Aufstieg und Niedergang der Macht verstandene Prinzip[54] gelangt durch die Beigabe eines bislang unverbrauchten, volkstümlichen Elementes zu einer Erneuerung[55]. Als umfangreichster Teil der Kypselosvita besitzt die Narration der Errettung des zukünftigen Tyrannen eine hohe Signifikanz für dessen Beurteilung durch Herodot. Das Motiv der Aussetzung eines zukünftigen Herrschers stellt eine Konstante sukzessionsbezogener Mythen in verschiedenen Kulturkreisen dar[56] und erfuhr in der griechischen Literatur eine umfangreiche Rezeption[57]. Dort erfüllt sie meist eine legitimatorische Funktion, indem sie eine dynastische Verbindung des Protagonisten mit der traditionellen Herrscherelite herstellt, diesen jedoch gleichzeitig aus derüberkommenen Ordnung herauslöst[58]. Wenngleich sich Herodot in seinem Werk um die Rationalisierung dieser volkstümlichen Erzählungen bemüht zeigt[59], verwendet er den ursprünglich vorderorientalischen Mythenkern des gefährdeten Kind-Herrschers mit geringfügigen Abwandlungen mehrfach in verschiedenen Kontexten[60]. Die hierbei oft unklare Trennung zwischen dem Rückgriff auf mythologische Erzählstrukturen sowie dem Anspruch auf Vermittlung einer historisch fundierten ἱστορία ermöglicht dem Autor die metahistorische Konnotierung der vorliegenden Episode[61]. Dabei stellt insbesondere die Betonung derübernatürlichen Bestimmung der zukünftigen Tyrannen durch das Schicksal eine Gemeinsamkeit dieser mythenhaften Erzählung dar. Beispielsweise parallelisiert das tradierte Element des wundersamen Überlebens eines zukünftigen Herrschers, welches in der vorliegenden Episode durch die temporäre „Aussetzung“ des Kypselos in der eponymen Kiste realisiert wird, mit der Schilderung der Aussetzung des Kyros[62]. Die ständige Gefährdung der Protagonisten im Prozess der Machterringung reflektiert in diesem Kontext die anfänglich unsichere Basis der Tyrannenherrschaft. Jedoch verstärkt die Schilderung der wundersamen Errettung des Kypselos durch sein enigmatisches Lächeln, welche die vermeintliche Attraktivität der Tyrannis in der Anfangsphase der Rebellion gegenüberkommene Strukturen symbolisieren soll[63], zugleich deren beinahe numinose Aura[64]. Demgegenüber legt der im Vergleich mit der hypertrophen Schilderung der Rettung des Kypselos[65] geraffte Bericht der Machtübernahme und Herrschaft des Kypselos eine Verlagerung der narrativen Fokussierung nahe. Die kursorische Behandlung dieser für die spezifische Beurteilung der Regentschaft eines Tyrannen charakteristischen Aspekte zeigt eine Entwicklung des Erzählschemas der Kypselosvita auf, welches die schlussendliche Perversion der Herrschaft des Kypselos in Umfang und Bedeutung reduziert[66]. Demgemäßist die Darstellung der Verbrechen des Kypselos im Vergleich zum Katalog der Laster seiner Nachfolger auf einen allgemein formulierten apodiktischen Nachsatz beschränkt[67], welcher wiederum durch den Hinweis auf das friedfertige Ende des Tyrannen relativiert wird[68]. Indem der Autor den quantitativen Fokus auf den positiv gedeuteten Sieg[69] des bislang unschuldigen Protagonistenüber die Kräfte des Ancien Régimes der Bacchiaden[70] legt, suggeriert er eine differenzierte Darstellungsabsicht jenseits einer generalisierten Abqualifizierung jeglicher Tyrannenherrschaft[71]. Wurde die Rede in der forschungsgeschichtlichen Beurteilung zumeist in Übereinstimmung mit der explizit formulierten Kritik des Sokles als analoger Versuch des Autors zur Portraitierung der Tyrannis als institutionalisiertes Unrechtsregime per definitionem beurteilt, so zeigt eine detaillierte Analyse der Motivik der Soklesrede im Kontext der ein differenzierteres Bild, welche sich in den werkübergreifenden kritischen Diskurs einreiht. Vielmehr scheint die Metamorphose in der Schilderung des Kypselos den korrumpierenden Einfluss der Macht auf die menschliche Existenz sowie die unausweichlich mit dieser verbundenen individuellen wie gesellschaftlichen Degradation aufzeigen zu wollen[72]. Erst der graduelle Fortschritt der moralischen Korruption der nachfolgenden Glieder der Kypselidendynastie bewirkt deren konsequenten Untergang[73]. Das Verständnis einer Aufzehrung der Lebenskraft der Tyrannis in Gestalt fortschreitender gesellschaftlicher wie moralischer Degradation bzw. Dekomposition bildet folglich das ideologische Fundament der Soklesnarration. Diese herodotische Auffassung steht in einem weiteren gesellschaftstheoretisch fundierten Kontext des Diskurses griechischer Intellektueller bezüglich der Phänomenologie spezifischer Staatsformen, sie wird insbesondere in den sozialtheoretischen Schriften des Aristoteles reflektiert[74].

[...]


[1] Pelling, Speech and narrative in the Histories, S. 103 u. Waters, Purpose of Dramatisation in Herodotos, S. 171.

[2] Wenngleich die ionische ethnographische Tradition unzweifelhaft einen Referenzrahmen für das Geschichtswerk darstellt, so wird die innovative Leistung der narrativen Struktur der Historien erst vor dem Hintergrund der grundlegenden Verschiedenheit der logographischen Vorgängertradition erfahrbar. Das herodotische Geschichtswerk stellt vielmehr die Synthese der proto-historiographischen Tradition der Logographen mit den narrativen Techniken und Motiven der epischen Heldensagen her. So bedeutet die Übernahme von Reden in das Genre der Historiographie eine Referenz auf die epische Tradition, vgl. De Bakker, Speech and authority in Herodotus' Histories, S. 14-15.

[3] Marincola, Herodotus and the poetry of the past, S. 13.

[4] Lateiner, The Historical Method of Herodotus, S. 21 sowie Scardino, Gestaltung und Funktion der Reden bei Herodot, S. 17.

[5] Die rhetorisierende Grundtendenz der herodotischen Reden deutet auf eine Beeinflussung des Autors auf die Lehrsätze der zeitgenössischen sophistischen Rhetorik hin, vgl. Zali, The Shape of Herodotean Rhetoric, S. 24.

[6] Waters 1966, S. 158. Vgl. Griffiths, Stories and storytelling in the Histories, S. 134 sowie Gray, Herodotus and Images of Tyranny: The Tyrants of Corinth, S. 363.

[7] Innerhalb des Spektrums der paränetischen Reden in den Historien unterscheiden sich die paradigmatischen Reden von anderen protreptisch verstandenen Narrationen (etwa die Episode von Kleobis und Biton, 1.30-33) durch den Einsatz genuin mythischer Erzählmuster als Vehikel der Vermittlung moralischer Grundwerte, vgl. Baragwah, Myth, Truth, and Narrative in Herodotus, S. 278.

[8] Parallelen zu Anlage und Narration der homerischen Epen lassen sich insbesondere in der analogen alternierenden Komposition der Historien ausmachen, in welchen narrativ-berichtender Episoden mit durch Reden charakterisierte Passagen in ein Wechselspiel der Beziehungsgeflechte treten, vgl. Marincola 2006, S. 13.

[9] Waters 1966, S. 160. Exemplarisch hierfür steht die Meleagerrede des Phoinix in der Ilias (9.529-99), deren paränetischer Gehalt Achilles zum Handeln bewegen soll, vgl. Gray 1996, S. 363.

[10] Grethlein, Time and Narrative in Ancient Historiography, S. 44. Wenngleich Herodot in seinem Werk eine kritische Distanz zum Mythos wahrt (vgl. Wesselmann, Mythische Erzählstrukturen in Herodots Historien, S. 1) und die Sphäre des Religiös-Übernatürlichen durch rationalisierende Erklärungen einzudämmen sucht (vgl. Marincola 2006, S. 22), bedeutet der gelegentliche Rückgriff auf mythische Erzählstrukturen zumeist eine Anleihe an deren psychologisch-menschlichen Grundgehalt, vgl. Wesselmann 2011, S. 6.

[11] Lattimore, The Wise Adviser in Herodotus, S. 24.

[12] Marincola, Herodotus and the poetry of the past, S. 24.

[13] Greenwood/Irwin, Reading Herodotus: A Study of the Logoi in Book 5 of Herodotus' Histories, S. 245 sowie Stahl, Tyrannis und das Problem der Macht: Die Geschichten Herodotsüber Kypselos und Periander von Korinth, S. 210 sowie Johnson, Herodotus' Storytelling Speeches: Socles (5.92) and Leotychides (6.86), S. 2.

[14] Lang, Herodotean Narrative and Discourse, S. 5. Diese Prinzipien erscheinen in den Historien als eigentliche Verursacher historischer Prozesse, vgl. Immerwahr, Aspects of historical causation in Herodotus, S. 244.

[15] Scardino, Gestaltung und Funktion der Reden bei Herodot, S. 18 sowie Waters 1966, S. 162.

[16] Zali 2014, S. 311. Insbesondere das fünfte Buch der Historien dient als Medium der Diskussionüber die Dichotomie von Tyrannis und Demokratie in Gestalt einer zentralen Antithese, vgl. Greenwood/Irwin 2007, S. 258.

[17] Greenwood/Irwin 2007, S. 255.

[18] Dewald/Marincola, The Cambridge Companion to Herodotus, S. 2.

[19] Bowie/De Jong, Narrators, Narratees, and Narratives in Ancient Greek Literature, S. 112.

[20] Griffiths 2006, S. 134.

[21] Bakker, The syntax of historie: How Herodotus writes, S. 94.

[22] Bichler, Herodot, S. 51.

[23] Catenacci, Tra eversione e fondazione, La tirannide nella Grecia arcaica e classica, S. 19.

[24] Hornblower, Histories Book V, S. 242.

[25] Zali, The Shape of Herodotean Rhetoric, S. 30.

[26] Johnson 2001, S. 6.

[27] Die Figur des Sokles repräsentiert einen stereotypischen Vertreter des herodotischen wise advisor (vgl. Lattimore 1939, S. 30) welcher die Freiheit der Rede als entscheidendes Distinktionsmerkmal freier und despotischer Gesellschaften symbolisieren soll, vgl. Pelling, Speech and narrative in the Histories, S. 107.

[28] Zali 2014, S. 49 sowie Pelling 2006, S. 104. Das kompositorische Schema der Rede folgt zeitgenössischen rhetorischen Konventionen, vgl. Scardino 2007, S. 381.

[29] Pelling 2006, S. 104.

[30] Romm, Herodotus, S. 121.

[31] Catenacci 2009, S. 23. Die Symbolik präsentiert die Tyrannis als Gegenentwurf zu den metahistorischen Prinzipien der natürlichen Ordnung des κόσμος.

[32] Johnson 2001, S. 5 sowie Gray 1996, S. 362.

[33] Stahl 1983, S. 212.

[34] Grethlein 2012, S. 46.

[35] Hornblower 2014, S. 259. Die Häufigkeit und Prominenzätiologischer Diskurse bei Herodot reflektiert dessen im Proöm formulierte Zielsetzung, die αἰτίαι historischer Prozesse zu beleuchten um mythische Erzählstrukturen zu rationalisieren, vgl. Van Seters, In Search of History: Historiography in the Ancient World, S. 24.

[36] Die korinthischen Tyrannen werden von Herodot bereits in früheren Logoi in die Narration eingeführt (z.B. 1.20; 23-24). Die Kypseliden werden jedoch mitunter gegensätzlich charakterisiert, etwa im Falle Perianders als weiser Berater und Schiedsrichter (Hist. 5.95). Eine mögliche Ursache der Inkonsistenz der Darstellung der korinthischen Tyrannen mit der von Sokles explizit deklarierten Konzeption der Rede als antityrannisches Paradigma liegt im vermuteten Rückgriff Herodots auf panegyrisches Quellenmaterial aus dem Umfeld der Kypselidendynastie begründet (vgl. Johnson 2001, S. 4), welches den kypselidischen Umsturz als Befreiung vom unpopulären Regime der Bacchiaden beurteilt, vgl. Andrewes, The Greek Tyrants, S. 43.

[37] Greenwood/Irwin 2007, S. 247 sowie Waters, The Purpose of Dramatisation in Herodotos, S. 159.

[38] Oost, Cypselus the Bacchiad, S. 17.

[39] Hornblower 2014, S. 256.

[40] Vgl. Stahl 1983, S. 214. Die Ambiguität der Metaphorik der Orakel hat unterschiedliche Interpretationen zu deren Verständnis der kypselidischen Machtübernahme hervorgerufen. Während die Charakterisierung des Kypselos mithilfe der homerischen Vokabel ὀλοοίτροχος eine Anspielung auf den verderblichen Zorn Achills darstellt und als anti-kypselidisch interpretiert wurde (vgl. McGlew, Tyranny and Political Culture in Ancient Greece, S. 65), kann die in der Metapher des Löwen referenzierte königliche Symbolik sie ebenfalls als panegyrische Propaganda der Kypseliden ausweisen, vgl. Catenacci 2009, S. 21.

[41] Die Darstellung der Bacchiaden als ἄνδρες μουναρχοι dient hier der Charakterisierung desüberkommenen Regimes als defunkte Oligarchie, vgl. Johnson 2001, S. 14. Herodots anachronistische Deutung der Kypselidenherrschaft als Konflikt zwischen Tyrannis und dem Demos (vgl. Oost 1972, S. 19) missachtet deren historischen Kontext innerhalb der intra-aristokratischen Rivalitäten der archaischen Poleis des 7. Und 6. Jahrhunderts v.Chr. Das historische Exempel stellt somit vielmehr einen Beitrag zu den zeitgenössischen Diskursen des 5. Jahrhunderts v. Chr. dar, vgl. De Libero, Die archaische Tyrannis, S. 141.

[42] Hist. 92. β.3.

[43] Den Boer, The Delphic Oracle concering Cypselus, S. 339.

[44] Stahl 1983, S. 214.

[45] Die etymologische Korrelationen von Eigenname und narrativer Funktion, etwa im Falle der Stadt Petra (vgl. ἐν πέτρῃσι) verleiht der Erzählung zusätzlich einen naiv-märchenhaften Charakter (vgl. Greenwood/Irwin 2007, S. 247). Ebenfalls (volks-)etymologisch motiviert ist die Analogie des Namens Kypselos zur κυψέλη, vgl. Oost 1972, S. 17.

[46] Die Metapher soll die Unausweichlichkeit der Machtübernahme des Usurpators Kypselos belegen, vgl. Johnson 2001, S. 16. Gray 1996, S. 374.

[47] Der ambivalente Term δικαιώσει deutet die Machtübernahme des Kypselos als gerechtfertigte „Berichtigung“ der korinthischen Politik bzw. als Bestrafung der moralischen Perversion des Bacchiadenregimes, vgl. Oost 1972, S. 17. Der Usurpator erscheint als Vollstrecker einerüberindividuellen δίκη, vgl. McGlew, Tyranny and Political Culture in Ancient Greece, S. 67.

[48] Vernant/Vidal-Naquet, Myth and Tragedy in Ancient Greece, S. 222.

[49] Die Anlage der Soklesrede als Generationenabfolge betont die Bedeutung des temporalen Elementes für das Konzept des schrittweisen Verfalls durch den korrumpierenden Einfluss der Tyrannis. Diese These wird durch die Schilderung des Aussterbens der Kypselidendynastie in der dritten Generation zu einem kohärenten Abschluss gebracht.

[50] Wesselmann 2011, S. 203.

[51] Vernant/Vidal-Naquet 1990, S. 228.

[52] Wesselmann 2011, S. 203.

[53] Vernant/Vidal-Naquet, Myth and Tragedy in Ancient Greece, S. 222.

[54] Greenwood/Irwin 2007, S. 258. Zu den Grundlagen der herodotischen Konzeption des Zyklus von Werden und Vergehen s. Harrison, Herodotus and the origins of history, S. 246.

[55] Catenacci, Tra eversione e fondazione, S. 23.

[56] Die Exposition des zukünftigen Königskindes begegnet als Topos bereits im vorderorientalischen Sargon-Epos. Griechische Adaptionen stellen unter anderem die Mythen von Ödipus, Perseus und Paris dar, vgl. Dewald/Marincola, The Cambridge Companion to Herodotus, S. 5.

[57] Der Mythos wurde insbesondere in der griechischen Tragödie rezipiert. Das spiegelbildliche Schicksal des Ödipus mit seinen Motiven der Lahmheit und der Erringung der Tyrannis verdeutlicht die Nähe der Kypselosfigur zu den Protagonisten der griechischen Tragödie, vgl. Griffin, Herodotus and tragedy, S. 48.

[58] Johnson 2001, S. 12.

[59] Die Entmystifizierung volkstümlicher Legenden bewerkstelligte Herodot mithilfe pseudorealistischer Erklärungsansätze, vgl. Griffiths 2006, S. 131.

[60] Luraghi, The Historian's Craft in the Age of Herodotus, S. 33.

[61] Marincola, Herodotus and the poetry of the past, S. 16.

[62] Griffin 2006, S. 49.

[63] Stadter, Herodotus and the cities of mainland Greece, S. 252 sowie Greenwood/Irwin 2007, S. 259.

[64] Johnson 2001, S. 13. Die Figur des Tyrannen wird im größeren Kontext der griechischen Geisteswelt dichotomisch zwischen einem auserwählten göttlichen Werkzeug u. einem frevlerischem Ausgestoßenen verortet, vgl. Wesselmann 2011, S. 145.

[65] Gray, Herodotus and Images of Tyranny: The Tyrants of Corinth, S. 363.

[66] Wesselmann 2011, S. 255.

[67] Hornblower, Histories Book V, S. 260.

[68] Waters, Herodotos and Politics, S. 142.

[69] Hart, Herodotus and Greek History, S. 78.

[70] Andrewes, The Greek Tyrants, S. 43.

[71] Strasburger, Herodot und das perikleische Athen, S. 14.

[72] Stahl 1983, S. 215 sowie Morgan, Popular Tyranny: Sovereignty and Its Discontents in Ancient Greece, S. 30.

[73] Lateiner 1989, S. 141.

[74] Catenacci 2009, S. 34. Aristoteles verwendete das Beispiel der Kypseliden zur Klassifizierung der Tyrannis als demagogische Verfallsform der Monarchie (Arist. Pol. 1310 b13). Auch dort wird das zyklische Element des Verfalls der korinthischen Tyrannis betont.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Historien des Herodot Buch V. 92-94. Die Rede des Sokles
Untertitel
Zur herodoteischen Technik der digressiven Narration
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V429875
ISBN (eBook)
9783668732438
ISBN (Buch)
9783668732445
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historien, herodot, buch, rede, sokles, technik, narration
Arbeit zitieren
Paul Sommer-Weisel (Autor), 2014, Die Historien des Herodot Buch V. 92-94. Die Rede des Sokles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429875

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