Der Einfluss der Säkularisierung auf die Formen moderner Religiosität

Eine theoriegeleitete exemplarische Annäherung


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

1 Auf der Suche nach Antworten

2 Vorüberlegungen und Erläuterungen zu zentralen Begriffen
2.1 Säkularisierung
2.2 Religion
2.3 Religiosität
2.4 Moderne

3 Säkularisierung und ihr Einfluss auf moderne Religiosität
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Zentrale Erklärungsansätze zur Einflussnahme der Säkularisierung auf Religion und Religiosität
3.2.1 Die Säkularisierungsthese
3.2.2 Die Individualisierungsthese
3.2.3 Das ökonomische Marktmodell
3.2.4 Die Tauglichkeit der diskutierten Theoriemodelle zur Beschreibung des Zusammenhangs von Säkularisierung und moderner Religiosität
3.3 Formen moderner Religiosität
3.3.1 Vorbemerkungen
3.3.2 Rückkehr der Religion bzw. Rückkehr des Religiösen?
3.3.3 Transformation von Religion

4 Diskussion der Untersuchungsergebnisse

5 Die unbeendbare Debatte

Literaturverzeichnis

1 Auf der Suche nach Antworten

Säkularisierung und Religiosität, so könnte man annehmen, sind Begriffe, die sich in einer modernen Gesellschaft gegenseitig ausschließen. Dass dem aber nicht so ist, beweist nicht zuletzt das jüngere Zeitgeschehen. Insbesondere das säkulare Europa ist just mit Phänomenen wie Islamismus, Migration, islamistischem Terrorismus und ähnlichem konfrontiert, die Themen um die Ausübung von Religion und Religiosität wieder verstärkt in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit zurückgebracht haben. Die neuere religionssoziologische Forschung belegt jedoch, dass keine Extreme zur Untersuchung dieses Zusammenhangs nötig sind. Soziologen suchen bereits seit Beginn ihrer Disziplin als eigenständiger Teilbereich der Sozialwissenschaften nach Antworten auf diesen Zusammenhang, nicht zuletzt deswegen, weil die Betrachtung und Kritik von Religion zu den Klassikern des soziologischen Wirkens zählt. Wie stehen also die Begriffe Säkularisierung und Religiosität in einer säkularen Gesellschaft zueinander? „Modernisiert“ die Säkularisierung Religion und Religiosität in einer modernen Gesellschaft? Oder ist das Verhältnis gar umgekehrt, dass moderne Religiosität die säkulare Gesellschaft umgestaltet?

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Fragestellung, inwieweit die Säkularisierung moderne Religiosität beeinflusst respektive beeinflusst hat. Hierzu werden beide Begriffe und ihre Beziehung zueinander zunächst unter Zuhilfenahme anerkannter religionssoziologischer Theoriekonzepte betrachtet, bevor auf dem so gelegten Theoriefundament der Zusammenhang exemplarisch an Formen moderner Religiosität veranschaulicht wird.

Die zum Einsatz kommende Fachliteratur ist unter folgenden Gesichtspunkten ausgewählt worden: Zum einen wird die theoretische Grundlage der Arbeit mittels Standardwerken und Grundsatzliteratur gelegt, die vor allem die Säkularisierung aus religionssoziologischer Perspektive charakterisieren und deren Auswirkungen auf Religion und Religiosität mittels unterschiedlicher Theorieansätze beschreiben. Zum anderen kommen Fachaufsätze zur Untersuchung zum Einsatz, die die vorgenannten Theorieansätze diskutieren und deren Gültigkeit empirisch untersuchen. Abgerundet wird die Untersuchung mit Beiträgen, die sich mit Formen moderner Religiosität befassen.

Der Fokus auf eine Untersuchung der Einflussnahme der Säkularisierung auf Formen moderner Religiosität erscheint sinnvoll, da beide Phänomene in der westlichen Welt eng miteinander verknüpft zu sein scheinen. Auch wird dem Untersuchungsgegenstand in der religionssoziologischen Forschung seit den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet, nicht nur in Deutschland. Da der Begriff der Säkularisierung und vor allem die Begriffe der Religion und des Religiösen indefiniten Charakter haben, lassen diese eine Vielzahl von theoretischen Näherungen mit kontroversem Diskussionspotenzial zu, was dieses Thema interessant für eine Aufarbeitung in der hier vorliegenden Form macht.

Die Arbeit selbst gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil umfasst Vorüberlegungen und Erläuterungen zu zentralen Begriffen der untersuchten Fragestellung. Im Hauptteil wird der Einfluss der Säkularisierung auf Formen moderner Religiosität untersucht. Dazu werden zunächst einige Vorüberlegungen vorgenommen, die das weitere Vorgehen einleiten. Im Anschluss werden zentrale religionssoziologische Theorieansätze erläutert, die elementare Erklärungsansätze zum Begriffsverständnis und zu den Auswirkungen der Säkularisierung auf Religion und Religiosität diskutieren. Im Einzelnen sind dies die Säkularisierungstheorie, die Individualisierungstheorie sowie das ökonomische Marktmodell. Im Folgenden wird die Tauglichkeit der vorgestellten Theorien für die untersuchte Fragestellung diskutiert. Der Hauptteil endet mit einem Überblick über Formen moderner Religiosität, bei dem die Frage nach der Rückkehr des Religiösen bzw. der Religion sowie die Transformation von Religion maßgeblich sind. Der letzte Teil der Arbeit diskutiert die Untersuchungsergebnisse.

2 Vorüberlegungen und Erläuterungen zu zentralen Begriffen

Für das Verständnis des weiteren Vorgehens ist es zunächst sinnvoll, sich mit den wichtigsten Begriffen der untersuchten Fragestellung auseinanderzusetzen. Im Folgenden erfolgen daher einige Vorüberlegungen und Erläuterungen[1] zu elementaren Begriffen, die eine Ausgangsbasis für den Hauptteil der Untersuchung bereitstellen.

2.1 Säkularisierung

Der Begriff der Säkularisierung hat unterschiedliche Bedeutungsfacetten. Knoblauch (1999, S. 20 f.) unterscheidet drei zentrale Bedeutungen: Säkularisierung bezeichnet einerseits „die Säkularisation, die Auflösung des Kirchengutes“ (ebda., S. 20) seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Andererseits bezeichnet der Begriff die „zunehmende Ablösung einer weltlichen Lebensführung von religiösen Ordnungssystemen und Vorlagen“ (ebda.). Ferner umfasst der Begriff auch eine „Umorientierung der Handelnden von religiösen auf andere Deutungssysteme“ (ebda., S. 21).

Gabriel (2003, S. 14-19) gibt einen Überblick über die Definition von José Casanova: Casanova spaltet den Begriff der Säkularisierung in verschiedene Teilaspekte auf. Einerseits als Teilaspekt der funktionalen gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, also beispielsweise der Loslösung gesellschaftlicher Sphären wie Politik, Wirtschaft und anderer, die unabhängig von religiöser Legitimation sind. Casanova sieht einen weiteren zu unterscheidenden Teilaspekt der Säkularisierung, nämlich als „Rückgang bzw. […] Erosion religiöser Überzeugungen und der Schwächung bzw. dem verschwinden religiöser Praktiken“ (ebda., S. 16). Als letzten Teilaspekt des Begriffs unterscheidet Casanova Säkularisierung als generellen Prozess der Privatisierung von Religion, der eng mit den beiden vorgenannten Teilaspekten verknüpft ist.

Die Anwendung des Säkularisationsbegriffs ist in der Religionssoziologie umstritten. So weist Casanova (2009, S. 19) darauf hin, dass der Begriff bzw. dessen Aspekte auf westliche Religionen und die westliche Gesellschaft zugeschnitten ist. Säkularisierung muss demnach „»eurozentrisch«“ (ebda.) definiert bzw. betrachtet werden, ist also überwiegend ein eher westlich-europäisches Konzept, dass nicht auf alle Weltgesellschaften respektive -religionen anwendbar ist. Gabriel (2003, S. 13 f.) sieht den Begriff aber selbst in der westlichen Welt als fragwürdig an, was seine generelle Nützlichkeit im wissenschaftlichen Diskurs angeht, denn so muss beispielsweise die amerikanische Gesellschaft als Ausnahme betrachtet werden, weil auf sie der Säkularisierungsbegriff im oben genannten Sinne in vielerlei Hinsicht nicht anwendbar ist. Umstritten ist auch, ab welchem Zeitpunkt Säkularisierungsprozesse stattgefunden haben und welche Prozesse überhaupt als Auslöser für Säkularisierungstendenzen verstanden werden können. Berger (1967/1973, S. 105 f.) sieht den Ursprung von Säkularisierungsprozessen in der westlichen Welt zwar auch im modernen Industriekapitalismus und den damit einhergehenden Lebensformen und gesellschaftlichen Veränderungen[2]. Andererseits weist er aber noch darauf hin, dass die Säkularisierung oder Tendenzen dazu seiner Auffassung nach viel ältere Wurzeln hat, die mitunter sogar in den okzidentalen Weltreligionen und deren zugrundeliegenden heiligen Schriften selbst begründet liegen (ebda., S. 109-121).

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird Säkularisierung vor allem als der Prozess verstanden, der sowohl für die Privatisierung und Individualisierung, als auch für generelle Transformationsprozesse von Religion – mitunter auch erodierenden Prozessen – als treibende Kraft fungiert. Kontextabhängig sind aber auch einzelne Teilaspekte der von Knoblauch oder Casanova vorgeschlagenen Facetten relevant. Zunächst aber erfolgt eine kurze Auseinandersetzung mit dem Begriff der Religion.

2.2 Religion

Religion ist in den Sozial- und Geisteswissenschaften ein indefiniter Begriff. Eine allgemein anerkannte Definition existiert aufgrund der Komplexität und des Facettenreichtums des Begriffs sowie dessen oft theoriegeleiteter Auslegung nicht.

Wilke (2013, S. 73) merkt dazu an: „Es ist nicht zuletzt die wissenschaftliche Konstruktion selbst, die durch ihren überhellen Scheinwerfer Religion produziert oder ausschließt. […] Mit der Theorie etablierte man zugleich einen Blick auf das, was als Religion zu gelten hat[] und was nicht“. Damit erfasst sie das elementare Problem in den Sozial- und Religionswissenschaften, wenn man sich dem Begriff nähern möchte. Die Definition oder Sichtweise dessen, was Religion ist, ist stark kontextabhängig und von der Perspektive der Untersuchung sowie/oder einer angewendeten Theorie abhängig.

Pollack (1990, S. 110 f.) hat dazu in einer seiner früheren Arbeiten konstatiert: „Der Versuch einer Beantwortung dieser Frage[, was Religion sei,] führt zwangsläufig ins Uferlose. […] Es scheint, dass die Erörterung des Religionsbegriffs zu jenen Fragestellungen gehört, deren Diskussion prinzipiell unbeendbar ist“. Gerade aber Pollack versucht sich immer wieder daran, den Religionsbegriff im religionssoziologisch zugänglichen Sinne einzuhegen.[3] Ihm geht es dabei um die „Erstellung einer brauchbaren Arbeitshypothese, mit der sich empirisch und historisch arbeiten lässt und die es erlaubt, mehr zu sehen, als man ohne sie sieht“ (Pollack 2012, S. 30). Letztendlich gelingt es ihm aber nicht, eine überzeugende Lösung des Definitionsproblems zu finden, da auch Pollack sich den Komplexitäten verschiedener Problemstellungen nur annähern kann (ebda., S. 46-55). In einer seiner neueren Arbeiten räumt Pollack weiter das Problem der Definition von Religion ein, indem er unter anderem einige Ansätze dritter Autoren diskutiert (Pollack 2016, S. 54 ff.).

Wie sich noch zeigen wird, ist für den weiteren Verlauf der Arbeit das Religionsverständnis von Thomas Luckmann wesentlich. Knoblauch (2016, S. 12) fasst dieses wie folgt zusammen: Luckmann vertritt eine „funktionalistische, anthropologische Definition der Religion. […] Religion ist nicht nur ein Komplex von Jenseitsvorstellungen; das Religiöse zeigt sich schon in der Vergesellschaftung des Einzelnen, in der Objektivierung subjektiver Erfahrungen und in der Individuation zum einzelnen“. „[Luckmanns Definition von Religion] verfolgt die Absicht,“, führt Knoblauch weiter aus, „ein möglichst breites Spektrum von Glaubensinhalten und sozialen Formen zu erfassen, die »religiöse« Funktionen erfüllen“ (ebda.). Luckmann vertritt damit eine sehr breit auslegbare Definition von Religion. Eng verbunden mit Religion ist der Begriff der Religiosität, der im Folgenden kurz vorgestellt wird.

2.3 Religiosität

Religiosität, ebenfalls ein Kernbegriff für den weiteren Verlauf der Arbeit, ist nicht nur eng mit Religion, sondern auch mit dem Begriff der Säkularisierung verknüpft. Reder und Finkelde (2014, S. 258 f.) charakterisieren Religiosität wie folgt: Religiosität bezeichnet einerseits „die subjektive Seite der Religion und erweist sich als enorm heterogen, was ihre Form und ihren Inhalt angeht“, andererseits kann Religiosität „sich entweder auf die rein individuelle Erfahrung des Transzendenten beziehen, oder aber [auf] neue soziale Praktiken im ausdifferenzierten religiösen Feld“. Der Begriff hat also eine individuelle und eine soziale Komponente. Letztere kommt vor allem dann zur Geltung, wenn „die traditionelle und objektiv erfassbare Religion, verstanden als Dogmatik oder Institution, [im Zuge der Säkularisierung] an Bedeutung verliert“ (ebda., S. 259).

Religiosität wird hier einerseits als Grundlage der Religionsausübung verstanden, andererseits auch als eigenständig und unabhängig von Religion betrachtet. Im letzten Unterkapitel des Kapitels 2 erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Moderne.

2.4 Moderne

Der Begriff der Moderne oder eine abgewandelte Form dessen kommt in fast allen der in dieser Arbeit verwendeten Literatur in unterschiedlichen Ausprägungen vor. Doch was ist darunter zu verstehen?

Es ist zunächst naheliegend, die Moderne als historischen Zeitraum zu begreifen. Eng damit verbunden sind häufig entscheidende gesellschaftliche Ereignisse oder Prozesse, die einen solchen Zeitraum konturieren. Doch hier enden bereits etwaige interdisziplinäre Gemeinsamkeiten, denn einzelne Fachbereiche wie Geschichtswissenschaften, Philosophie oder Sozialwissenschaften setzen unterschiedliche Schwerpunkte oder bevorzugen andere Ereignisse oder Prozesse (Winandy 2014, S. 217). In der Soziologie besteht allerdings ein latenter Konsens dahingehend, dass die Moderne mit der aufkommenden Industrialisierung in Europa und den damit einhergehenden neuen Produktions- und Wirtschaftsformen sowie den dadurch angestoßenen gesellschaftlichen Veränderungen charakterisiert wird. Dies entspricht in etwa dem Zeitraum Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Für diese Annahme spricht, dass diese Periode auch die Geburtsstunde der Soziologie markiert, zum anderen wurden wichtige soziologische Werke, die als Klassiker der Soziologie gelten[4], in diesem Zeitrahmen verfasst (ebda.). Die ab dato ebenfalls aufkommende Religionskritik in der Soziologie sowie die generell einsetzende Auseinandersetzung mit dem Platz der Religion in einer modernen industrialisierten Gesellschaft sind ebenfalls Indikatoren für die vorgenannte Korrelation (ebda., S. 221 f.).

Die Moderne wird hier also im Sinne einer modernen Industriegesellschaft[5] verstanden, in der Aspekte wie Religion oder Religiosität und deren Wechselwirkungen untersucht werden. Die zur Untersuchung verwendete Fachliteratur spiegelt überwiegend das moderne religionssoziologische Wirken ab ca. 1950 bis heute wieder. Im nächsten Kapitel wird die eigentliche Untersuchung zur Themenfragestellung vorgenommen.

3 Säkularisierung und ihr Einfluss auf moderne Religiosität

Dieses Kapitel hat die Untersuchung des Einflusses der Säkularisierung auf Formen moderner Religiosität zum Gegenstand. Dazu erfolgen zunächst einige Vorbemerkungen zum weiteren Vorgehen.

3.1 Vorbemerkungen

Wie bereits in Kapitel 2 angedeutet, sind die im Folgenden behandelten Phänomene in ihren Ausprägungen und Interpretationsmöglichkeiten umfangreich und vielfältig. Einzelne Aspekte können daher nur partiell angesprochen und aufgearbeitet werden. Die weitere Untersuchung kann infolge dessen weder den gesamten wissenschaftlichen Diskurs zu einzelnen Aspekten der untersuchten Fragestellung wiedergeben, noch kann sie als vollständig oder gar erschöpfend gelten.

3.2 Zentrale Erklärungsansätze zur Einflussnahme der Säkularisierung auf Religion und Religiosität

Die Art und Weise, wie die Säkularisierung Einfluss auf Religion und Religiosität in einer modernen Gesellschaft nimmt, ist ein viel diskutierter Untersuchungsgegenstand in der Religionssoziologie. Die Erklärungsansätze, die Vorgehensweisen von Untersuchungen sowie die Ergebnisse zu diesem Thema sind dabei so vielfältig wie verschieden. Um sich dem Untersuchungsgegenstand dennoch in adäquater und strukturierter Form nähern zu können, werden im weiteren Verlauf drei populäre Theorien vorgestellt, die sich im Laufe der neueren religionssoziologischen Forschung zur Untersuchung der Auswirkungen der Säkularisierung in der modernen Gesellschaft etabliert haben: die Säkularisierungsthese, die Individualisierungsthese[6] und das ökonomische Marktmodell (siehe Pickel 2010, S. 221 ff.; Pickel und Gladkich 2010, S. 129 f.).[7]

3.2.1 Die Säkularisierungsthese

Pollack (2016, S. 69) erläutert die Kernthese der Säkularisierungstheorie, die lautet, „dass Prozesse der Modernisierung einen letztlich negativen Einfluss auf die Stabilität und Vitalität von Religionsgemeinschaften, religiösen Praktiken und Überzeugungen haben“. Die Theorie behauptet weder, dass Modernisierung unausweichlich zu Säkularisierung führt, noch dass der Bedeutungsrückgang von Religion bzw. des Religiösen unumkehrbar respektive sich deterministisch im Zuge der Säkularisierung vollzieht. Auch behauptet die These nicht, dass Religion im traditionellen Sinn durch Säkularisierungsprozesse generell verschwindet (ebda., S. 69 und S. 225). Sie behauptet lediglich, dass „der die gesamte Sozialstruktur umwälzende Prozess der Modernisierung an den Beständen religiöser Traditionen und Institutionen nicht folgenlos vorübergeht“ (ebda., S. 225).

Wie und in welcher Form sich diese Umwälzungsprozesse konkret äußern ist Gegenstand des wissenschaftlichen Diskurses und häufig umstritten. Dieser Diskurs kann hier nur in Ausschnitten wiedergegeben werden. Häufig wird z. B. der Rückgang der kirchlichen Integration[8], vor allem in Deutschland, als Indiz für die Richtigkeit des Säkularisierungstheorems gedeutet. Empirische Untersuchungen dazu belegen jedoch, dass selbst für Europa keine einheitlichen und klaren Tendenzen konstatiert werden können (Pickel 2010, S. 224-230; Pickel und Gladkich 2010, S. 132 f.). Auch die generelle religiöse Pluralisierung, ausgelöst unter andrem durch die Zuwanderung von Angehörigen andersgläubiger Religionsgemeinschaften wird in diesem Zusammenhang thematisiert (Pickel und Gladkich 2010, S. 133).

[...]


[1] Hier wurde bewusst vermieden, den Terminus der Definition zu verwenden. Die in den Unterkapiteln erläuterten Begriffe sind entweder indefinit, deren Auslegung und Verwendung umstritten oder können allgemein in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht allgemeingültig anerkannt definiert oder verwendet werden, da sie stark theorie- und/oder kontextabhängig sind.

[2] Also letztendlich mit dem Beginn der Industrialisierung in der westlichen Welt.

[3] Siehe Pollack 2009 und Pollack 2012

[4] Winandy erwähnt Karl Mark, Max Weber und Émile Durkheim.

[5] oder einer Folgeform wie z. B. die Dienstleistungsgesellschaft; etwaige andere Ansätze wie beispielsweise den der Post-Moderne werden hier nicht weiter aufgegriffen, da kein Mehrwert durch die Einführung solcher Begriffe im Rahmen dieser Untersuchung erkennbar ist.

[6] Alternative Bezeichnungen für die Säkularisierungs- bzw. Individualisierungsthese sind häufig Säkularisierungs- bzw. Individualisierungstheorie. Beide Formen werden im weiteren Verlauf synonym benutzt.

[7] Im vorliegenden Rahmen werden lediglich zentrale Thesen und Ansätze in zusammenfassender Form kurz vorgestellt, um einen Überblick darüber zu ermöglichen.

[8] Beispielsweise in Form von Gottesdienstbesuchen aller christlichen Kirchen

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Säkularisierung auf die Formen moderner Religiosität
Untertitel
Eine theoriegeleitete exemplarische Annäherung
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V429897
ISBN (eBook)
9783668737235
ISBN (Buch)
9783668737242
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religionssoziologie, Säkularisierung, Religiosität, moderne Religiosität
Arbeit zitieren
Florian Schlereth (Autor), 2017, Der Einfluss der Säkularisierung auf die Formen moderner Religiosität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429897

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