Täter-Opfer-Ausgleich als alternative Konfliktlösung


Essay, 2018
6 Seiten, Note: keine Bewertung
Anonym

Leseprobe

„Ein paar Jugendliche haben einige Bänke zerstört, die vor einem Altersheim stehen. Der Fall wird von der örtlichen Staatsanwaltschaft an die Schlichtungsstelle für Täter-Opfer-Ausgleich weitergeleitet. Eine Mediatorin der Stelle vereinbart mit beiden Parteien ein Gespräch vor Ort, direkt im Altersheim. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die Bänke für die alten Menschen den einzigen Kontakt zur Außenwelt darstellen. Die Senioren waren entsprechend über ihre Zerstörung entsetzt. Die Jugendlichen erfahren im Gespräch, wie es den Alten ging, und können ihrerseits erzählen, was aus ihrer Sicht passiert ist: Sie kamen aus einer Kneipe und hatten sozusagen in Bierlaune ohne tieferen Grund auf den Bänken geschaukelt, bis diese zusammenbrachen. Jetzt sind sie betroffen und schämen sich. Im Gespräch entschuldigen sie sich für das, was sie getan haben. Man einigt sich, dass sie in Raten 500 Euro für neue Bänke an das Altersheim zahlen.“ (unter: http://www.toa- bw.de/?fallbeispiele,66, letzter Zugriff: 30.01.2018) Immer häufiger werden bereits kleinere Delikte und Streitigkeiten - ohne vorhergehenden Versuch einer Streitbeilegung - vor Gericht ausgetragen. Auch wenn es dabei meist zu einem endgültigen Urteil kommt, ist die Beziehung der beiden Streitparteien auch noch nach den Verhandlungen lange oder für immer gestört. Es stellt sich demnach die Frage, ob nicht Gesprächsbereitschaft und ein wenig Entgegenkommen für die Beteiligten sinnvoller gewesen wäre. Das gezeigte Fallbeispiel zeigt genau diesen alternativen Weg des Täter-Opfer-Ausgleichs (TOA), um Vergehen einvernehmlich und manchmal auch außergerichtlich zu regeln.

Es stellt sich folglich die Frage, welche Vor- und Nachteile sich bei der Betrachtung des TOA finden lassen und inwiefern das Modell als alternative Konfliktlösung fungieren kann. Zentral ist dabei, inwiefern sich die Rolle der Beteiligten (Täter, Opfer und Mediatoren) in einem TOA beschreiben lässt. In Bezug auf die Rolle der Mediatoren in einem TOA werden die Sichtweisen aus Norwegen und Deutschland gegenübergestellt.

Wie in vorangegangen Fallbeispiel deutlich wurde, sind die Ziele des TOA einer- seits eine einvernehmliche Regelung zwischen Beschuldigten und Geschädigten, bei welcher beide Seiten ihre Anliegen als berücksichtigt ansehen und gegenseitig respektieren. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich beide Parteien bewusst dazu entscheiden am TOA teilzunehmen. Denn nur wenn Beide bereit sind, können gemeinsame Gespräche organisiert werden. Zu einer Aussprache gezwungen wird niemand. Eine weitere Voraussetzung für einen erfolgreichen TOA ist, dass der Tä- ter zu seiner Tat steht und diese nicht abstreitet. Sind beide Parteien mit einem Ge- spräch einverstanden, wird das Verfahren durch einen Antrag eingeleitet, welcher den Namen, Beruf, Familienstand, Geburtsdatum und Anschrift beider Parteien so- wie eine kurze Darstellung der Streitsache enthalten soll. Die Vermittlungsperson bestimmt im Folgenden einen Termin, zu dem die Streitparteien geladen werden. Schon vor dem Termin sollten sich sowohl Täter als auch Opfer überlegen, worauf es ihnen ankommt und inwieweit sie unter Berücksichtigung der Situation der an- deren Partei kompromissbereit sind. Kommt während der Gespräche keine Eini- gung zustande oder erscheint eine Streitpartei ohne Grund nicht zum Termin, haben sie trotzdem noch die Möglichkeit, das Gericht zu Rate zu ziehen.

Am Verfahren des TOA beteiligt sind, wie bereits erwähnt, einerseits die Geschä- digten und die Täter, andererseits die Mediatoren, welche als Vermittlerpersonen für das Verfahren dienen und die prozesshaften Gespräche als unparteiische Kraft leiten. Dabei begleiten sie die Personen von Anfang bis Ende und unterstützen sie bei der Findung einer einvernehmlichen Lösung. Solche Lösungen können, wie im Fallbeispiel gezeigt, beispielsweise Schadensersatz in Form einer bestimmten Geldsumme an die Opfer sein. Die Mediatoren können außerdem immer wieder Vorschläge geben oder versuchen, bestehende Spannungen abzubauen und eine Ei- nigung herbeizuführen. Allerdings können/sollten sie keine eigenen Entscheidun- gen treffen bzw. den Tätern und Opfern Ratschläge aufzwingen. Hierbei wird deut- lich, dass die Täter und Opfer die entscheidenden Rollen spielen. Die Mediatoren fungieren folglich nur als „Rahmen“ für die Konfliktlösung, sodass die Autonomie der Parteien gewähreistet ist.

Für die Arbeit als Mediator wird grundsätzlich zwischen Laien und professionellen Mediatoren unterschieden. Hierzu lässt sich das Modell des TOA anhand der gängigen Muster in Deutschland und Norwegen vergleichen.

In Norwegen ist es üblich, dass durch den National Mediation Service (2004) vor allem ehrenamtliche Laien-Mediatoren eingesetzt werden, die den TOA mitbegleiten. Basierend auf den Werten „Nähe, Partizipation, Empowerment sionalisiert werden. Außerdem soll das bürgerschaftliches Engagement und die Teilhabe vor Ort gestärkt werden und reintegrative Auswirkungen auf die Gemeinschaft haben. Die Erfahrungen in einem TOA können somit über restaurative Ansätze langfristig in der Gesellschaft verbreitet werden.

In Deutschland hingegen hielt der ehemalige Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft TOA fest: „ Nur ein fundiertes Studium und eine zertifizierte Grundausbil dung ist die Basis, um eine m ö glichst hohe Professionalit ä t zu gew ä hrleisten. “ Dies zeigt deutlich, dass in Deutschland die Arbeit der professionellen Mediatoren angesehener ist, als die der Laienmediatoren.

Die Frage, ob eher Laienmediatoren oder professionelle Mediatoren eingesetzt werden sollten, ist allerdings schwierig zu beantworten. Mangelndes Bewusstsein seitens des Laienmediators kann durchaus zu erneutem Stress und zur Retraumatisierung bei den Betroffenen führen und den Prozess folglich erschweren. Hinzu kommt, dass kompliziertere Fälle von ehrenamtlichen Laienmediatoren zeitlich schwer zu bewältigen sein könnten, da sie eventuell noch anderweitigen beruflichen Verpflichtungen nachgehen müssen. Dem könnte entgegengewirkt werden, indem die Laienmediatoren nur „kleinere“ Delikte betreuen, welche sie zeitlich gut planen können. Auf der anderen Seite könnten durch das Einsetzen von Laienmediatoren insgesamt mehr TOA durchgeführt werden.

Des Weiteren stellt sich die Frage, inwiefern sich die Einbeziehung der Täter und Opfer generell in einem TOA gestaltet (im Vergleich zu einem Strafprozess). In einem Strafprozess vor Gericht werden die Opfer zumeist „nur“ als Zeugen zur Aufklärung des Sachverhalts angehört. Denn im Staatsrecht wird davon ausgegan- gen, dass durch die Tat die Gemeinschaft und das Gesetz angegriffen wurde. Folg- lich muss der Staat für Alle Gerechtigkeit wiederherstellen. Die persönlichen Ge- fühle des Opfers werden dabei jedoch nicht berücksichtigt, sodass das Opfer keinen persönlichen Sinn im Verfahren hat, sondern nur als Mittel zum Zweck dient. Die Erfahrung, Opfer einer Straftat zu sein, stellt aber eine erhebliche Beeinträchtigung des Lebensgefühls für die Betroffenen dar. Verstärkt wird eine solche Beeinträchti- gung, wenn die Opfer den Ereignissen ohnmächtig gegenüberstehen und sie selbst nichts dagegen tun können. Die Folgen sind häufig Angst, Ärger und Zorn, welche während des Strafprozesses meist nur noch verstärkt, anstatt minimiert werden. Während gerichtliche Verfahren gegenüber solchen Beeinträchtigungen kaum Hilfe bringen können, haben die Opfer beim Täter-Opfer-Ausgleich im Wege der außer- gerichtlichen, kommunikativen Mediation die Möglichkeit, Angst und Ärger hinter sich zu lassen und ihre ganz persönlichen Interessen an Ausgleich und Wiedergut- machung einzubringen. Ein zentraler Vorteil des Täter-Opfer-Ausgleichs im Ver- gleich zu den staatlichen Verhandlungen ist deshalb die Anhörung der Opfer und Täter und, dass der Konflikt vorrangig zwischen Opfer und Täter und nicht in der Öffentlichkeit angesiedelt wird. Die Opfer von Straftaten haben im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs, begleitend zu einem Strafverfahren, die Möglichkeit, ge- genüber den Tätern persönlich die Folgen der erlittenen Tat darzustellen, Gefühle kundzutun, sowie ihre Erwartungen an eine Wiedergutmachung und Schadensersatz zu äußern.

Sie können dem Täter direkt zeigen, wie und warum er falsch gehandelt hat und warum er das in Zukunft nicht mehr tun sollte. Somit steht das Opfer im Zentrum der kommunikativen Einigung. Täter hingegen können ihre Einsicht in begangenes Unrecht dem Opfer unmittelbar zeigen und die geforderte Wiedergutmachung leis- ten. Sie haben folglich die Möglichkeit, sich den Konsequenzen ihrer Tat zu stellen. Dadurch können sie zur Bereinigung des Konflikts beitragen. Auch wenn die per- sönliche Begegnung mit dem Opfer ihnen zunächst Angst macht, können sie im Verlauf des Gesprächs Verantwortung für die Tat übernehmen. Möglicherweise be- einflusst diese Erfahrung auch das zukünftige Verhalten und verhindert so weitere Straftaten. Darüber hinaus hat der Täter-Opfer-Ausgleich einen Einfluss auf das weitere Gerichtsverfahren (Strafmilderung oder Verfahrenseinstellung). Der Täter- Opfer-Ausgleich dient somit der Prävention für mögliche Rückfälle in der Zukunft, da er die Reduzierung von Konfliktfolgen und Folgekonflikten fördert.

Trotzdem kann dieses alternative Verfahren auch Nachteile mit sich führen. Einerseits ist die eben genannte Einbeziehung der beiden Parteien als nachvollziehbar und hilfreich anzusehen, andererseits kann auch die Gefahr bestehen, dass der Täter sich beispielsweise durch den Täter-Opfer-Ausgleich nur eine Strafminderung erhofft und sich nicht vollkommen auf die Gespräche einlassen will bzw. ihn die Gefühle des Opfers nach wie vor nicht interessieren. Außerdem besteht die Gefahr der Retraumatisierung des Opfers, wenn es das erste Mal nach der Tat wieder auf den Täter trifft.

Es ist festzuhalten, dass der TOA eine durchaus kostengünstigere und schnellere Alternative zu den gängigen Strafverfahren anbietet. Er stellt eine Mischung aus der restaurativen und retributiven Gerechtigkeit dar. Die restaurative Gerechtigkeit fordert eben nicht direkt die Bestrafung krimineller Handlungen, sondern die Wiedergutmachung des Schadens. Retributiv ist der TOA, weil er auf die Tat zurückschaut, sie offen thematisiert und der Täter sich seiner Schuld bekennen muss. Der TOA bietet für alle Beteiligten einen Perspektivenwechsel auf die Tat, ohne dass ein Richter oder Anwälte an den Gesprächen beteiligt sind. Die Strafgerichte können somit entlastet werden, denn oftmals kann der TOA den Konflikt zwischen beiden Parteien lösen, eine Einstellung des Strafverfahrens oder zumindest eine Strafminderung bewirken. Opfer und Täter bekommen in den Gesprächen erstmals ein „Gesicht“ und können in den persönlichen Austausch treten. Besonders bei jugendlichen Straftätern kann schon ein kurzer Aufenthalt in der Jugendhaft ein deutlicher Einschnitt im Leben sein und nach dem Aufenthalt ist die Resozialisierung in der Gesellschaft oft schwer. Die erfolgreiche Teilnahme an einem TOA kann sich positiv auf die Dauer der folgenden Strafe auswirken oder sie sogar ganz aufheben, sodass keine Probleme bei der weiteren Lebensgestaltung bestehen. Somit bietet der TOA vor allem für Jugendliche, die kleinere oder einmalige Delikte ausgeübt haben, eine gute Möglichkeit sich bei dem Opfer zu entschuldigen und regt außerdem dazu an, die Tat zu reflektieren.

Trotz der „vereinfachten“ Konfliktlösung sollte jedoch der Staat als regulierende Instanz nicht außer Acht gelassen werden. Wird ein TOA durchgeführt und haben sich Täter und Opfer einvernehmlich geeignet, muss dies nicht zwangsweise die Einstellung des Strafverfahrens bedeuten. Vielmehr sollte der TOA, wie eben schon erwähnt, vorrangig bei kleineren Delikten in Erwägung gezogen werden, sodass das Strafgericht sich folglich noch intensiver mit den schweren Taten, wie Vergewaltigung und Mord beschäftigen kann.

Das Prinzip des TOA sollte außerdem in der Öffentlichkeit noch intensiver thematisiert und anerkannt werden, um das Bewusstsein dafür zu stärken und zu informieren, falls man selbst einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Es sollte grundsätzlich nicht immer nur ausschließlich auf die begangene Tat Fokus gelegt, sondern geklärt werden, warum ein Mensch überhaupt zum Täter wird und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Denn bei einem Verbrechen sind viele Einflüsse von Bedeutung oder manchmal passiert die Tat möglicherweise nur im Affekt. Dann lässt sich die Tat in gemeinsamen Gesprächen gut aufarbeiten. Der TOA setzt genau an diesem Punkt an und versucht die Gefühle der Beteiligten aufzudecken, die vor, während und nach einer Tat zentral sind.

Quellenverweise:

http://www.toa-bw.de/?fallbeispiele,66 (letzter Zugriff: 30.01.2018)

http://www.sta-muenster.nrw.de/infos/Formulare/Formulare/Merk- blatt_TOA.pdf (letzter Zugriff: 08.02.2018)

https://jm.rlp.de/fileadmin/mjv/Broschueren/Schlichten__V_6.endguel- tige_Druckvorlage2010.pdf (letzter Zugriff: 08.02.2018)

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Täter-Opfer-Ausgleich als alternative Konfliktlösung
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
keine Bewertung
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V429912
ISBN (eBook)
9783668739840
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
täter-opfer-ausgleich, konfliktlösung
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Täter-Opfer-Ausgleich als alternative Konfliktlösung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429912

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