Schon immer wurde die Korrektur von Schüleraufsätzen kritisiert. Etliche Kinder und Jugendliche fühlen sich ungerecht behandelt. Das Schreiben von Aufsätzen macht ihnen keinen Spaß, weil sie nicht über die Themen schreiben dürfen, sie bewegt. Und wenn doch, dann gibt es genügend andere Mängel, welche die Lehrkräfte ihnen negativ anrechnen. Damit die Schulkinder wieder mehr Freude am Schreiben haben, versucht man seit einiger Zeit eine andere Schreibdidaktik anzuwenden. Diese hat aber das Problem, dass etliche Lehrer und Lehrerinnen nicht recht wissen, wie sie die Aufsätze ihrer Schützlinge korrigieren sollen.
Der „klassische“ Aufsatzunterricht wurde in den 20er-Jahren entwickelt und im Dritten Reich eingeführt. In den 50er und 60er-Jahren wurde das Konzept zur Grundlage des Schreib- und Aufsatzunterrichts in der Bundesrepublik Deutschland.
Demzufolge werden den Schülern und Schülerinnen die fünf Aufsatzgrundformen vorgestellt, welche von der Textorganisation so unterschiedlich sind, dass sich die Kinder jeweils auf die neuen Besonderheiten und Anforderungen einstellen müssen. „Bericht und Erzählung beziehen sich auf zeitliche Vorgänge, Beschreibung und Schilderung auf räumliche Verhältnisse, die Erörterung schließlich hat Gedanken zu ihrem Gegenstand“ (Baurmann/ Ludwig 1990, S. 11). Anschließend gibt die Lehrkraft ein Thema zu einer bestimmten Aufsatzart vor, welche die Kinder und Jugendlichen nach dem vorgegebenen Schema bearbeiten sollen. Dabei sollen die Schulkinder auch die stilistischen Normen – wie beispielsweise der Vermeidung von Wiederholungen und Floskeln – vertraut gemacht. Dies alles hat zur Folge, dass die Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf die Schreibproduktivität nur wenig Raum für kreatives Schreiben haben. In der Grundschule gilt es meist Bildergeschichten zu beschriften, wortgetreue Nacherzählungen oder sogenannte Reizwortgeschichten zu schreiben. Das bei dieser Aufsatzdidaktik auftretende Paradoxon beschreibt Bremerich-Vos im Jahr 1989 so: „Einerseits werde an den Schüler appelliert, seinen Aufsatz als Ausdruck unverwechselbarer Identität zu gestalten, andererseits sei das Beurteilungskriterium die ’uniformierte’ Mittelmäßigkeit. Originalität werde zugleich verlangt und verworfen.“
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Klassischer Aufsatzunterricht
3 Kritik am traditionellen Aufsatzunterricht
3.1 Verlust der eigenen Identität
3.2 Bewertung des Aufsatzes
4 Alternative Konzepte
5 Das Textschreiben
5.1 Der Schreibprozess
5.2 Entwicklung von Schreibkompetenz
5.3 Das Textprofil
6 Textanalyse anhand eines Beispiels
6.1 Die Textanalyse als Beobachtungselement
6.2 Textkompetenzen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritischen Defizite des traditionellen Aufsatzunterrichts hinsichtlich der Korrekturpraxis und stellt diesem die Ansätze einer modernen, kind- und prozessorientierten Schreibdidaktik gegenüber, um Wege zu einer konstruktiven Textüberarbeitung aufzuzeigen.
- Kritik an den Auswirkungen des klassischen Aufsatzunterrichts auf die Identitätsentwicklung von Schülern.
- Die Rolle des Schreibprozesses und die Förderung individueller Schreibkompetenz.
- Methodik zur Erstellung von Textprofilen statt defizitorientierter Notengebung.
- Praktische Anwendung der Textanalyse anhand eines Beispieltextes aus dem Grundschulbereich.
- Vergleich zwischen lehrerzentrierter Fehlerkorrektur und schülerzentriertem Textverständnis.
Auszug aus dem Buch
3.1 Verlust der eigenen Identität
Die Kinder lernen früh, dass es hauptsächlich darum geht, den Lehrkräften zu gefallen. Das bedeutet, dass die Authentizität jedes einzelnen Schreibers nicht gegeben ist. Statt dessen versuchen die Schülerinnen und Schüler den Lehrerinnen und Lehrern zu gefallen und somit gute Zensuren zu erhalten. Das heißt, sie versuchen zu schreiben, was die Lehrkräfte lesen und wie sie es wohl formuliert haben wollen. Dies hat zur Folge, dass die Kinder und Jugendlichen schnell die Lust am Aufsatzschreiben verlieren. Denn sie dürfen nicht schreiben was sie möchten, sondern sie haben sich an vorgegebene Regeln zu halten.
Des weiteren geben sich die Schüler und Schülerinnen im Laufe ihrer Schullaufbahn immer distanzierter. Sie geben dank der schulischen Schreibsozialisation immer weniger Persönliches von sich preis (vgl. Spitta 1999, S. 213). In der Grundschule berichten die Schulkinder z.B. noch von ihren Ferienerlebnissen und was für Träume sie haben. Später versuchen sie sich allgemein zu halten, um nicht unangenehm aufzufallen. Dies macht sich vor allem in Erörterungen bemerkbar.
Des weiteren müssen sich die Kinder oftmals mit Themen beschäftigen, die sie nicht interessieren. Oder aber sie wissen, dass ihre Argumente nicht die Auffassung der Lehrkraft vertreten und somit inhaltlich kein positives Licht auf die Notenvergabe hätten. Demnach lernen die Schülerinnen und Schüler nicht sich selbst in den Aufsatz einzubringen, sondern wie man sich den Einstellungen anderer anpasst.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige Kritik an der Aufsatzkorrektur und das daraus resultierende Problem mangelnder Schreibfreude bei Schülern.
2 Klassischer Aufsatzunterricht: Dieses Kapitel erläutert die historisch gewachsenen Strukturen und die starren Vorgaben des traditionellen Aufsatzunterrichts in der Bundesrepublik.
3 Kritik am traditionellen Aufsatzunterricht: Hier wird analysiert, wie durch normierte Korrekturen die Identität der Schüler unterdrückt und das Schreiben als rein klassifizierender Akt missverstanden wird.
4 Alternative Konzepte: Das Kapitel stellt Ansätze des personalen Schreibens vor, die den Fokus von Defiziten auf die Stärken und die Ich-Identität des Schreibers verschieben.
5 Das Textschreiben: Die theoretischen Grundlagen des Schreibprozesses, der Schreibkompetenz und der Erstellung von Textprofilen werden hier systematisch dargelegt.
6 Textanalyse anhand eines Beispiels: Anhand eines Erstklässler-Textes wird praktisch demonstriert, wie unterschiedlich die Wahrnehmung eines Textes je nach zugrunde liegender Erwartungshaltung ausfällt.
Schlüsselwörter
Aufsatzunterricht, Schreibdidaktik, Textüberarbeitung, Schreibprozess, Schreibkompetenz, Identitätsverlust, Schülertexte, Leistungsbewertung, Freies Schreiben, Textanalyse, Schreibhaltung, Schreibanregung, Lernpsychologie, Grundschulpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation der Schreibdidaktik, weg von einer fehlerorientierten Aufsatzkorrektur hin zu einer prozessorientierten Begleitung von Schreibprozessen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Kritik am klassischen Aufsatzunterricht, die Entwicklung von Schreibkompetenz, das Konzept des personalen Schreibens und die subjektive Textanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schüler durch eine andere Form der Didaktik und Korrektur ihre Freude am Schreiben behalten und ihre individuelle Identität in Texten entfalten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturgestützte Analyse der Schreibdidaktik vorgenommen, ergänzt durch eine kontrastive Fallanalyse eines Beispieltextes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der Kritik am traditionellen Unterricht, die Darstellung alternativer Konzepte und die detaillierte Analyse von Schreibprozessen und Textprofilen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Schreibdidaktik, Schreibprozess, Identität, Textprofil und Schülerorientierung geprägt.
Wie unterscheidet sich die neue Schreibdidaktik von der traditionellen?
Während die traditionelle Didaktik auf normierte Fehlerkorrektur setzt, fokussiert die neue Didaktik auf die Stärken und die individuelle Ausdrucksfähigkeit der Schreibenden.
Welche Erkenntnisse bringt das Beispiel "Wir haben Kälber"?
Das Beispiel zeigt eindrücklich, dass das, was Lehrer oft als "schülerhafte Mängel" kritisieren, bei literarischer Betrachtung als stilistisches und ausdrucksstarkes Merkmal gewürdigt werden kann.
- Quote paper
- Mareike Böhler (Author), 2003, Aufsatzkorrektur im traditionellen Aufsatzunterricht vs. Textüberarbeitung in der aktuellen kind- und prozessorientierten Schreibdidaktik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42995