Die Widerspiegelung von Speisegesetzen in Tierknochenresten des mittelalterlichen jüdischen Quartiers in Erfurt

Eine interdisziplinäre Studie


Akademische Arbeit, 2010
25 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. JÜDISCHE SPEISEGESETZE

3. BEURTEILUNG DER TIERKNOCHENRESTE AUS SICHT DER SPEISEGESETZE
3.1. Koschere Tiere/ keine Fastenspeise
3.2. Treife Tiere, keine Fastenspeise
3.3. Treifes Tier, aber Fastenspeise

DANKSAGUNG

LITERATUR

Anhang 1: Datenmatrix zur Abundanzanalyse

Anhang 2: Verteilung der FWK-Indikatoren

ABSTRACT

Abstract: The animal bone remains (252+64 parts) from excavations in the Eastern part of Michaelis-street in medieval (11th to 17th century) Jewish quarter of Erfurt (site 252) are described and analyzed. Among the identifiable remains of the bones are present from the slaughtered animals and game animals pig, piglet, sheep and/ or goat, lamb, cattle, calf, horse, deer, moose, goose, duck, chicken and pond frog. A brief survey is given to the Jewish dietary laws. A cluster analysis attempts to reconstruct the former course of colonization the quarter.

Key words: Interpretive Anthropology, archaeozoological analysis, Jewish quarter of Erfurt, site 252, Thuringia, Middle Age, 11th to 17th century.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Tierknochenreste (252 + 64 Teile) aus Ausgrabungen im östlichen Teil der Michaelis-Straße im mittelalterlichen jüdischen Viertel Erfurt (Stätte 252) aus dem 11. bis 17. Jahrhundert, werden beschrieben und analysiert. Zu den identifizierbaren Knochenresten gehören die geschlachteten Tiere und die Wildtiere Schwein, Ferkel, Schaf und / oder Ziege, Lamm, Rind, Kalb, Pferd, Hirsch, Elch, Gans, Ente, Huhn und Teichfrosch. Eine kurze Übersicht über die jüdischen Speisegesetze wird gegeben. Eine Clusteranalyse versucht den früheren Kolonisationsverlauf des Quartals zu rekonstruieren.

Schlüsselbegriffe: Interpretierende Anthropologie, archäozoologische Analyse, Jüdisches Viertel Erfurt, Standort 252, Thüringen, Mittelalter, 11. bis 17. Jahrhundert.

1. EINLEITUNG

Die in großen Teilen intakte mittelalterliche Altstadt von Erfurt beherbergt einmalige bauliche Zeugnisse der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde seit dem ausgehenden 11. über die Mitte des 14. Jahrhunderts, bis in die frühe Neuzeit. Bekannt wurden weiterhin weltweit einzigartige Objekte und Gebrauchsgegenstände (Stürzebecher, 2010), die das jüdische Gemeinde- und Alltagsleben und auch die Koexistenz von Juden und Christen illustrieren. Die Alte Synagoge bildete seit ihrer Entstehung im späten 11. Jahrhundert den Mittelpunkt des Quartiers, wobei die erste Synagoge in Erfurt 1094 entstand. Das s.g. mittelalterliche jüdische Quartier befand sich im Bereich um das Erfurter Rathaus, besonders um Benedikt-Kirche und in der Michaelisstraße. Dort lebten etliche Juden und Christen gemeinsam, es war aber kein abgeschlossenes bzw. abgegrenztes Areal innerhalb der Stadt. Von insgesamt 17 Grabungsbefunden aus der Michaelisstraße-Ost (Fundstelle 252) wurden 252 bestimmbare und 64 unbestimmbare Tierknochenfragmente untersucht. Das Material wird insgesamt in die Zeit vom 11. bis 17. Jahrhundert datiert und ist bis auf die Mauernischenfüllung aus Befund 1/33 Bestandteil des parzellenintern entsorgten Abfalls, welcher in der Masse aus Keramikbruch, Knochenresten, Bauschutt, Eisen und Holzresten bestand Sczech (2010). Ziel der Untersuchung war neben der qualitativen und quantitativen Erfassung der Tierknochenreste, welche in einem Beitrag für die Monographienreihe Die mittelalterliche jüdische Kultur in Erfurt als Manuskript eingereicht sind (Karl (MS/2010). Darin sind auch die Fundliste, Maßtabellen, Widerristhöhenberechnung etc. enthalten. Hier wird lediglich der Versuch einer Beurteilung aus der Sicht von Speisegesetzen unternommen, was eine analytische Betrachtung nach Fleischwertklassen bedarf. Auch sollen computergestützte Auswerteverfahren auf ihre Brauchbarkeit zur chronologischen Darstellung von Nahrungsgewohnheiten überprüft werden.

Abkürzungen: GL= Gesamtlänge, GLl= Gesamtlänge lateral, Ll= Länge lateral, KD= kleinste Diaphysenbreite, Bp.= proximale Breite, Bd= distale Breite, dist.= distal= vom Körperzentrum weg orientiert, prox.= proximal= zum Körperzentrum hin orientiert, sin.= sinister/ links, dex.= dexter/ rechts, MW= Mittelwert, KHB= Knochen-Hackbruch, MIZ= Mindestindividuenzahl, WRH= Widerristhöhe, FWK= Fleischwertklasse, alle Maße nach der Terminologie in von den Driesch (1976).

2. JÜDISCHE SPEISEGESETZE

Nach Moses Maimonides (griech. Μαϊμονίδης, hebr. משה בן מימון Mosche ben Maimon oder ם"רמב RaMBaM: 1135/1138-1204) schaden alle in der Tora verbotenen Speisen dem menschlichen Körper in irgendeiner Form. Auf diese Erklärung mittels körperlicher Schädigungen entgegnete Rabbi Moses ben Nachman (Nachmanides, bekannt auch unter dem Akronym RaMBaN hebr. רמב"ן: 1194-1270), dass auch andere Völker welche die verbotenen Speisen essen, keinen Schaden daran leiden. Er schlußfolgert, das die verbotenen Speisen den Juden nicht körperlich, sondern seelisch schaden würden. Seiner Ansicht nach sei es kennzeichnend, dass alle in der Tora für den Verzehr verbotenen Vögel (Aves) Raubvögel seien, wie Adler, Falke oder Habicht (hinzu kommt noch der Wiedehopf und Straußenvögel), während die zum Verzehr erlaubten Hühner, Tauben, Enten oder Gänse (Lev 11,13-19 und Dt 14,12-18) dagegen friedlich wären. Das Wesen des Raubvogels übertrage sich auf den ihn Verspeisenden. Auf diese Weise wird auch das Verbot der Verwendung von Blut zur Speisenbereitung verständlich, da der Genuss von Blut an Grausamkeit gewöhne sowie mörderische und zerstörerische Gelüste hervorrufe. Gemäß der Tora welche jeglichen Genuss von Blut verbietet, hat auch der christliche, byzantinische Kaiser Leo VI., genannt der „Weise“ oder der „Philosoph“, der von 886-912 regierte, ein Blutwurst-Verbot verfügt: „ Es ist uns zu Ohren gekommen, dass man Blut in Gedärme, wie in Röcke, einpackt und so als ganz gewöhnliches Gericht dem Magen zuschickt. Es kann unsere kaiserliche Majestät nicht länger zusehen, dass die Ehre unseres Staates durch eine so frevelhafte Erfindung (…) fresslustiger Menschen geschändet werde. Wer Blut zu Speisen umschafft, der wird hart gegeißelt, bis auf die Haut geschoren und auf ewig aus dem Lande verbannt.“

Die Jüdischen Speisegesetze (hebr. כַּשְרוּת Kaschrut), sind religionsgesetzliche Vorschriften für die Herstellung von Speisen und Getränken. Das Einhalten dieser Vorschriften führte nach jüdischer wie überhaupt semitischer Vorstellung zur Harmonie zwischen Körper und Seele . Ernährung und seelisches Leben stehen in Wechselbeziehung, und ein reines Leben der Seele nach jüdischer Tradition bedingt eine reine Nahrung. Auch im Deutschen gibt es den Spruch: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“. Unter den 613 göttlichen Geboten, (תרי´ג מצות Tarjag Mizwot: 365 שס´ה Schessah = Verbote und 248 רמ´ח Remach = Gebote) gibt es mindestens 50 die sich mit Tischsitten beschäftigen. Nach diesen Vorschriften wurden Lebensmittel in solche unterschieden, die für den Verzehr geeignet sind, „koscher“ (רכש) genannt und Lebensmittel, die für den Verzehr nicht geeignet waren, welche als „treife“bzw. trehf (טרף) oder als tame (אטמ) bezeichnet werden. Koscher bedeutet "rein", "tauglich" oder auch "geeignet". Mit dieser Reinheit ist allerdings nicht die hygienische Sauberkeit oder die biologische Frische eines Lebensmittels, sondern die religiöse Aussage der Tora gemeint. Der Brauch von koscherem Essen entstand um die Heiligkeit von Körper und Seele zu bewahren und diente u. A. dem Volk Israel sich von anderen Religionen zu unterscheiden. Der jüdische Gelehrte Abraham ibn Esra, ca. 1100, behauptete zur Begründung der Unterteilung in reine und unreine Nahrung dass ,,Der Körper des verzehrten Tieres wieder Fleisch im Körper des verzehrenden Menschen wird” und ähnlich äußerte sich Ludwig Feuerbach (1804-1872) mit seinem Ausspruch: ,,Der Mensch ist, was er ißt” auf den Punkt. Die wichtigsten Aspekte dieser Vorschriften regelten das Verbot des Blutgenusses, die Unterscheidung von „fleischig“ (בשרי = basari) und „milchig“ (חלבי = chalawi), die Benennung der neutralen Lebensmittel (פרווה = parve) sowie die Unterscheidung von erlaubten und nicht erlaubten Tieren[1]. Für die archäozoologische Beurteilung ist hier nur der letzte Aspekt von Bedeutung, koscheren und treifen Tiere.

Die ersten Hinweise zu koscheren (hebräisch כשר = kascher) und treifen (gesprochen trehf) Tieren finden sich bereits in der Tora im Schemini (Lev 9,1-11,47)[2] bzw. im 3. Buch Mose (Kap. 11) [3]. Nach dieser Quelle sind von den großen Säugetieren (Mammalia) nur solche als koscher zu betrachten, die zweigespaltene Hufe haben und Wiederkäuer (Ruminantia) sind, wie Schafe, Ziegen, Rinder, Damwild u.a. Damit scheidet das treife Schweinefleisch aus, da Schweine zwar gespaltene Hufe haben, aber nicht wiederkäuen, z.B. Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen. (Schemini, Lev 11,3). Fehlt eines der Merkmale so ist der Verzehr des Fleisches verboten. Das Schwein hat zwar gespaltene Hufe, aber es ist kein Wiederkäuer und ist deshalb ausdrücklich verboten, ebenso wie Hase und Kaninchen. In der Makkabäerzeit galt das Essen von Schweinefleisch schon als Zeichen des Verfalls des Judentums. Auch Kamele galten dabei als nicht koscher, weil sie zwar wiederkäuen, aber keine vollständig gespaltenen Hufe besitzen. Von den im Wasser lebenden Tieren sind die mit Flossen und Schuppen koscher. Entsprechend sind die meisten Süßwasser- und Meeresfische erlaubt, während hingegen der Aal, Neunaugen oder der Stör treife sind, da sie keine Schuppen besitzen. Ebenfalls treife sind alle Krusten- und Schalentiere, wie Hummer, Langusten, Muscheln, Tintenfische und Schnecken (Lev 11,9-12). Weiterhin gelten sämtliche Amphibien und Reptilien als treife. Heuschrecken galten dagegen nach der Tora als koscher, wurden aber später vom rabbinischen Judentum verboten. Entsprechend den allgemeinen Speise-Vorschriften gilt auch, dass alle Produkte von koscheren Tieren ebenfalls wieder koschere Lebensmittel sind. So ist die Milch einer koscheren Kuh oder Ziege selbst koscher, während die eines nichtkoscheren Tieres, wie eines Pferdes treife ist. Ebenso ist der Kaviar vom Stör nicht erlaubt, da der Stör selbst nicht koscher ist. Eine Ausnahme bildet der Bienenhonig, der zwar selbst als koscher gilt, dennoch aber von der treifen Honigbiene erzeugt wird.

Das Verbot des Blutgenusses fand bereits in die sogenannten noachidischen Gesetze Eingang und wird schon sehr früh erwähnt, z.B. Iß nicht das Blut, denn das Blut ist die Seele, und du sollst nicht die Seele mit dem Fleische essen (Noach, Gen 9, 4; Achare Mot, Lev 17, 10-14; Reéh, Dtn 12, 23). Hiernach wurden weitreichende Vorschriften für die Zubereitung des koscheren Fleisches abgeleitet. So muss das Schlachttier prinzipiell geschächtet werden, um ein möglichst vollständiges Ausbluten des Schlachtkörpers zu erreichen, ohne dabei Knochen zu verletzen oder zu brechen. Eine ausdrückliche Vorschrift über das Betäuben vor dem Schächten (Schechita, hebr. שחט = geschlachtet) war im Talmud nicht zu finden, da zur Zeit der Niederschrift eine der mittelalterlichen Form vergleichbare Betäubung vor dem Schlachtvorgang noch nicht bekannt war, zumal durch die extrem strenge Regelung des Schächtens selbst schon die äußerste Schmerzminimierung der Schlachttiere angestrebt und gewährleistet war. Bei der Schechita darf kein Knochen verletzt werden, wobei das Messer sehr scharf sein muss und keinerlei Scharten oder Kerben aufweisen darf. Auch muss es gerade und lang genug sein um mit einem einzigen Zug den Blut- und Luftkreislauf zu unterbrechen. Prinzipielle Angaben zum Schächten sind im Talmud und im Schulchan Aruch festgehalten. Siehe auch Mordekai (1874).

Schächten darf nur ein sogenannter "Schochet" mit jahrelanger Ausbildung ausführen. Darauf folgt die Bedikah (rituelle Fleischbeschau), bei der das Fleisch auf Makel untersucht wird. Zuletzt werden Nerven und bestimmte Sehnen am Hüftgelenk abgetrennt und das "Chelev" (חֵלֶב: Fett- und Talgschicht) entfernt, da all dieses nicht mitgegessen werden darf (Leviticus 7:23-25; Mishneh Torah: Maachalot Assurot 7:5; Sefer ha-Chinuch mitzvah 147). Das Verbot von Chelev bezieht sich nur auf jene Tierarten, die als Korban (Opfergabe) verwendet wurden: Rinder, Lamm und Ziege, welche die einzigen koscheren Nutztiere sind. Fette von Vögeln und Rehen können gegessen werden. Ebenfalls erlaubt ist das Essen von Schwanzfett der Fettschwanzschafe, auf Hebräisch "Alyah" genannt. Die Tora verwendet dafür den Ausdruck "Cheilev"

Bevor man das Fleisch kocht muss man es mehrmals spülen und salzen, einmalig eine halbe Stunde in Wasser einweichen lassen und auf ein Gestell mit Löchern legen damit das restliche Blut herauslaufen kann.

Beim Braten muss es zuvor wie auch danach gespült werden.

Die Tora bietet lediglich einen kleinen Hinweis auf das Schächten, so im Dewarim, Dtn 12,21: Du sollst von Deinem Großvieh und Kleinvieh schlachten, so wie ich Dir befohlen habe. Weiterhin ist das Fleisch vor der Zubereitung zu salzen und zu wässern, um auch letzte Blutreste im Fleisch aufzulösen. Nach biblischer Vorstellung ist der Sitz der Seele im Blut und das darf daher weder verzehrt noch unnütz vergossen werden. Wenn schon Tiere ihr Leben dafür hergeben müssen, dass der Mensch von ihrem Fleisch sich ernähren kann (Noach, Gen 9, 2ff), so müssen sie in einer Weise getötet werden, die ihnen so wenig wie möglich Leid verursacht. Der Respekt vor dem Tier, dessen Fleisch gegessen werden sollte, gebot die Rückgabe seines Blutes und somit seiner Seele an Gott. Mit der Seele des Tieres soll man sich nicht vereinigen. Nur das Fleisch geschächteter Tiere darf gegessen werden. Lebende Tiere oder Teile lebender Tiere durfte ebenfalls nicht gegessen werden laut Noach (Gen 9, 4). Muttertiere und ihre Jungen durften nicht am selben Tag geschlachtet werden nach Emor (Lev 22, 28; vgl. auch 2. Makk 7). Jungtiere durften nicht in der Milch ihrer Mutter gekocht werden (Mischpatim, Ex 23, 19), was letztendlich zur generellen Trennung von Milchigem und Fleischigem führte, welche bei einer Mahlzeit nicht zusammen gegessen werden durften.

Diesbezüglich „neutrale“ Speisen, die also weder Milch noch Fleisch enthielten, wurden als „parwe“ bezeichnet. Das Fleisch der Fische, deren Junge aus Eiern schlüpfen und nicht gesäugt werden, galt als „neutral“ und konnte mit Milchigem oder Fleischigem kombiniert werden. Das Fleisch der Vögel, die ja ihre Jungen auch nicht säugen, wurde dagegen dem Säugetierfleisch gleichgesetzt, da die warmblütigen Vögel eher als die kaltblütigen Fische als seelisch leidfähig angesehen wurden (Abb. 1, hinten). Auch Fische wurden nicht geschächtet, daher musste ihr Fleisch gewässert und gesalzen werden um das Blut zu entziehen.

Die Methode des Schächtens gewährleistete das stärkst mögliche ausbluten der geschlachteten Tiere. Der ausgebildete Schächter (Schochet) durchschnitt dabei mit einem scharfen Messer in einem Zug die Halsschlagader, Luftröhre und Speiseröhre, so konnte das Blut ablaufen (Abb. 1, vorn links[4] ), andererseits konnte das Blut auch aufgefangen und weiter verwendet werden, wie im christlichen Kulturkreis meist üblich (Abb. 2[5] ).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Schächtung, Handschrift aus dem15. Jahrhundert, Norditalien. Open Source.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 : Schlachtung, Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Open Source.

Der Menaker stand dem Schochet zur Seite und entfernte die nicht koscheren Fettstücke (Chelev), Blutgefäße, die Hüftsehnen sowie den Ischiasnerv (Gid Hanasheh). Dieser chirurgische Entfernung wird Nikkur (ניקור = "Traibering" auf Jiddisch) genannt. Die Grundlage dieser Praxis ist Leviticus 7:23 (Abb. 1, vorn rechts) deren Genuss seit dem Kampf zwischen Jakob mit dem Engel verboten war. Bei ber Auseinandersetzung bekam Jakob einen Schlages auf die Hüftpfanne und hinkte infolgedessen. "Daher essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil er auf den Muskel am Gelenk der Hüfte Jaakows (Jakobs) geschlagen hatte“ (Wajischlach, Gen 32, 33 bzw. 1. Mos 32, 33). Der Schochet (שוחט) und der Menaker unterstanden der Aufsicht des Rabbiners. Das allerletzte Blut wurde von der Hausfrau entfernt. Sie koscherte das Fleisch, indem sie es eine halbe Stunde lauwarm wässerte, abtupfte, allseitig einsalzte und auf ein Abtropfbrett legte, damit das noch vorhandene Blut ungehindert auslaufen konnte. Nach einer Stunde wurde das gesalzene Fleischstück dreimal in Wasser gespült.

Das Fleisch gerissener, d.h. auf grausame Weise umgekommener Tiere ist verboten. Der Begriff „Trefah“ bedeutet „Gerissenes“ und wurde im erweiterten Sinn für alles zum Verzehr ungeeignete Fleisch verwendet. Auch das Essen vom Fleisch kranker oder verendeter Tiere (Aas) war verboten, denn jede Berührung mit Krankmachendem oder Totem bedingte rituelle Unreinheit, die überwunden werden muss (Schemini, Lev 11, 13, 15-25, 24, 27, 31,39; Re´eh, Dtn 14, 21). Ebenso tame ist das Fleisch von Schalentieren oder von schuppenlosen Fischen und deren Produkte (Stör und Kaviar, Aal etc.).

"Die Speisegsetze erziehen uns dazu unsere Lust zu meistern."(Maimonides)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Fleischbank, Metzger-Verkaufsstand mit Flucht nach Ägypten (1551), Öl auf Holz, 124 × 169 cm, © Kunstsammlung der Universität Uppsala (Schweden) von Pieter Aertsen (von um 1509 bis 1575 in Amsterdam)

Bereits im Mittelalter gab es reichhaltige Marktangebote an tierischen Lebensmitteln (Abb. 3), wobei diese nicht allen Bevölkerungskreisen und allen Regionen gleich zur Verfügung standen. Über die Bedeutung des Fleischkonsums im Nahrungsspektrum der Erfurter bis 1848 vermerkt Horn (1843)[6], dass die Fleischspeisen[7] zwar sehr beliebt waren, aber von den Ärmeren nicht regelmäßig genossen werden konnten. Deshalb wurden in Ermangelung von Muskelfleisch (Abb. 3-1 und 6), die Eingeweide (Abb. 3-3 und 4), Kopffleisch (Abb. 3-2 und 5) und Füße (Abb. 3-7) verwendet, daneben Talg und Fett (Abb. 5-10) zur Bereitung von Gemüsespeisen. Die zünftigen Fleischer hatten Schlachtrecht, die Hausschlachter hingegen nicht[8]. Hausschlachterei kam selten vor, da Schweinemast beim städtischen Bürger wenig verbreitet war. Sogenannte Hakenkrämer verkauften neben anderen Nahrungsmitteln auch Würste, Sulzen u.a. verarbeitete tierische Stoffe (Abb. 3). Da in Erfurt Schlachthäuser fehlten, waren die Fleischer gezwungen in z.T. sehr engen Häusern zu arbeiten, wodurch es in der wärmeren Jahreszeit zu starken Geruchsbelästigungen kam. Wegen der Gewohnheit das Fleisch direkt aus den Häusern der Metzger zu holen, haben sich hier Fleischbänke nicht lange durchsetzen können. Eine Auflistung von 1737-1743 beinhaltet für die Stadt Erfurt Einträge über die Anzahl der Fleischbänke, wie 14 vor der Krämerbrücke, 22 auf der Langen Brücke, 23 am Falloch (heute Amtsgerichtsgebäude) und 85 unter den Schildern und vor den Graden[9]. Eine mittelalterliche Fleischbank wurde nach Menachem ben Aaron, Richter am jüdischen Gericht in Erfurt für das Jahr 1443 bescheinigt. Als jüdische Fleischer sind namentlich Endegúd, Eidam des Isaak (1398-99) und Gumprecht, Sohn des Isaak (1383-98) bekannt (Maimon, 1987: Fn. 321). Der Erfurter Rat erließ im Jahre 1366 Kleidervorschriften, die er 1373 und 1389 erneuerte und erweiterte. Er verbot den Juden zur Fastenzeit auf dem Markt Fische zu kaufen (1373) und an Sonn- und Feiertagen mußten sie ihre Häuser und Fenster geschlossen halten und durften weder kaufen noch verkaufen (Maimon, 1987; Jaraczewsky, 1868).

Bereits während der Pestepidemie 1348/ 49 gab es schwere Repräsalien gegen die Erfurter Juden, besonders im Sommer 1349, wodurch die große Gemeinde verfiel (Dubnow, 1929).

3. BEURTEILUNG DER TIERKNOCHENRESTE AUS SICHT DER SPEISEGESETZE

Die Einzelknochen verteilen sich auf die einzelnen Tierarten wie folgt (Abb. 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Auch Halal oder Hellal (ḥalāl, arab. ‏حلال‎, rein, erlaubt) verpflichtet zu rituellen Handlungen während der Speisezubereitung im Islam. Der Koran sagt dazu in Sure 5, Vers 3: „Verboten ist euch das von selbst Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name angerufen ward als der Allahs; das Erdrosselte; das zu Tode Geschlagene; das zu Tode Gestürzte oder Gestoßene und das, was reißende Tiere angefressen haben, außer dem, was ihr geschlachtet habt; und das, was auf einem Altar (als Opfer) geschlachtet wurde sowie weiterhin in Sure 5, Vers 5: „Heute sind euch alle guten Dinge erlaubt. Und die Speise derer, denen die Schrift gegeben wurde, ist euch erlaubt, wie auch eure Speise ihnen erlaubt ist.“ Siehe auch Der Koran.- Henning, M. (Übers.) & Schimmel, A. (Anm. u. Einl.), 631 S.; Reclam. ISBN: 978-3-15-004206-9.

[2] Alle Zitate nach Böckler (2005).

[3] Alle Zitate nach Küng (2005).

[4] Anonymus (14. Jh.): Tacuinum sanitatis in medicina. Codex Vindobonensis Series nova 2644 der Österreichischen Nationalbibliothek, Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 2004 ISBN 3-201-01831-7. Eine umfangreiche Übersicht zur Fleischwirtschaft in der Kunst gibt Doll (2003).

[5] Tacuinum sanitatis (in medicina) ist der Name mehrerer mittelalterlicher Bilderkodizes in Wien, Paris, Rom und Lüttich. Ihre Grundlage ist das Werk Taqwim es-sihha / ‏تقويم الصحة‎ / taqwīm eṣ-ṣiḥḥa aus dem 11. Jahrhundert des nestorianisch-christlichen Arztes Ibn Butlan. Taqwim (ins Lateinische als Tacuinum übernommen) bedeutet „tabellarische Übersicht“, da die Seiten im arabischen Original in regelmäßige Felder aufgeteilt sind. Da dies an ein Schachbrett erinnert, erhielt die erste deutsche Ausgabe den Titel Schachtafelen der Gesuntheyt.

[6] Die Entwicklung der Stadt Erfurt stagnierte seit dem ausgehenden Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit infolge des Zusammenbruches des Färberwaidmonopols. Erst nach dem siebenjährigen Krieg (1756–1763) begannen sich die Sitten zu verfeinern, 1768 wurde der erste Maskenball gegeben, 1770 das erste Mal von einer Theaterbühne gesprochen. Die Hälfte der Bürger war arm (4/8), 3/8 war relativ wohlhabend und 1/8 war relativ reich.

[7] Der Erfurter verwendete bei der Herstellung der Fleischgerichte und Brühen reichliche Gewürze, welche die Magentätigkeit derart anregten, daß von starken Essern erstaunliche Portionen verschlungen werden konnten. Als Zukost dienten vorwiegend Brot, dann Rüben und Kraut, frisch und eingelegt (Beyer, 1900).

[8] Die mittelalterliche Arbeit umfasste ursprünglich alle gewerblichen Tätigkeiten, soweit sie für den Haushalt in Betracht kamen, auch im städtischen Handwerk entwickelte sich aus den ursprünglichen Hausarbeiten Erwerbstätigkeit, so auch das Hausschlachten. Im Wesentlichen blieb das im ganzen Mittelalter bestehen. Dieses Hausschlachten aber, wie es im Mittelalter eben auch in den Städten verbreitet war, stellte eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz zum Berufsstand des Fleischers dar. 1966 wurde die Berufsbezeichnung Fleischer zur einzigen für dieses Handwerk in Deutschland und Österreich festgelegt. Es gibt jedoch historisch etablierte Namen wie Metzger, Schlachter und Fleischhacker, die regional noch gebräuchlich sind. Besonders in S-und SW-Deutschlands, in der Schweiz und in Westösterreich spricht man noch heute vom Metzger, in Norddeutschland hingegen vom Schlachter oder Schlächter, in Ostösterreich vom Fleischhacker oder Fleischhauer, währen alte Namen wie Knochenhauer oder Metzler beinahe ausgestorben sind.

[9] Tabula der Fleischbänke 1737-43. Stadtarchiv Erfurt, Inv.-nr. 1-1/XVIg-14a

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Details

Titel
Die Widerspiegelung von Speisegesetzen in Tierknochenresten des mittelalterlichen jüdischen Quartiers in Erfurt
Untertitel
Eine interdisziplinäre Studie
Hochschule
Universität Salzburg  (Abteilung für Paläontologie)
Veranstaltung
Interdisziplinäre Studien
Autoren
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V429974
ISBN (eBook)
9783668735811
ISBN (Buch)
9783668735828
Dateigröße
1478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judaistik, Speisegesetze, naturwissenschaftliche Rekonstruktion, Archäozoologie
Arbeit zitieren
Dr. Hans-Volker Karl (Autor)Dr. Dr. Gottfried Tichy (Autor), 2010, Die Widerspiegelung von Speisegesetzen in Tierknochenresten des mittelalterlichen jüdischen Quartiers in Erfurt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429974

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