Die Vorbildfunktion christlicher Legenden. Der Typus der Königin Ester


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nacherzahlung der Legende

3. Historischer Kontext

4. Der Vorbildcharakter der Konigin Ester
4.1. Analyse des Typus
4.2. Relevanz fur die Jetztzeit

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Menschheit hat schon immer danach gestrebt, sich Vorbilder zu suchen. In jedem Gebiet gibt es sie, werden zur Inspiration und regen zur Nachahmung an. Ob im Fernsehen, in der Wissenschaft oder beim Sport: Jeder Bereich hat seinen eigenen James Dean, Albert Einstein oder Manuel Neuer. In Glaubensdingen ist dies nicht anders. Auch hier gibt es unzahlige Figuren, die ihren inspirierenden Glauben verbreiten, verteidigen und fur ihn bis in den Tod gehen wurden. Dadurch werden sie zu vorbildlich religiosen Leitbildern.

So wurde Ester, eine biblische Konigin, die ihr judisches Volk durch ihre Bitte beim Konig vor dem Tod rettete, zur idealisierenden Ikone. Sie war ein Madchen aus dem Volk. Ein Mensch wie du und ich, die mit ihren Taten und Ansichten zu einem Vorbildcharakter fur viele Christen und Juden wurde, da sie ihr Leben fur das ihres Volkes in Gefahr brachte. Dieser Vorbildcharakter ist in der Jetztzeit immer noch aktuell.

Doch warum brauchen wir diese uns leitenden Figuren, denen wir gerne ahnlich waren? Brauchen wir sie wirklich oder kamen wir ohne sie zurecht? Christliche Legenden arbeiten mit Charakteren, durch die ein bestimmter Typus verlauft. An diesem soll etwas fur die Allgemeinheit Zugangliches aufgezeigt werden wie z.B. altruistische Verhaltensweisen, die Rettung von Personen in Not oder die Unerschutterlichkeit des eigenen Glaubens. Dies soll zur Nachahmung anregen und Menschen inspirieren. Die alttestamentliche Legende aus dem Buch Ester arbeitet mit solch einem Typus, der einer Analyse unterzogen werden soll und Antworten auf die obigen Fragen gibt.

Zunachst wird die Legende aus dem Alten Testament nacherzahlt, um sich einen groben Uberblick uber den Ausgangstext zu verschaffen. Zur Erleichterung des Textverstandnisses werden Erklarungen zum historischen Hintergrund und zur Entstehung geliefert. Im nachsten Schritt wird die Vorbildfunktion der Figur Ester untersucht. Erfasst werden hierbei ihre Tugenden und Eigenschaften, die sie selbst und ihren Vorbildcharakter ausmachen. Im nachsten Schritt wird erlautert, warum Ester als Leitfigur fur viele Juden und Christen in der Jetztzeit noch hochst aktuell ist. Hierbei wird besonders auf das judische Purimfest eingegangen. Das Fazit zentriert sich auf das Resumee der herausgearbeiteten Aussagen. Vor allem wird Bezug auf die Vorbildfunktion christlicher Legenden anhand des Ester-Beispiels genommen.

2. Nacherzahlung der Legende

Das Buch Ester aus dem Alten Testament der Heiligen Schrift dreht sich um die gleichnamige Waise Ester, die von Konig Xerxes zu seiner Gemahlin erwahlt wird. Zusammen mit ihrem Cousin Mordechai bewahrte sie ihr Volk vor dem intriganten Plan des ersten Ministers Haman. Standort der Legende ist das damalige Persien.

Um seine Macht und seinen Reichtum zu demonstrieren, veranstaltete der Konig des Perserreichs ein prunkvolles mehrtagiges Fest in der Stadt Susa. Er hatte eine schone Frau, die er seinen Gasten prasentieren wollte. Jedoch hielt die Konigin ein eigenes kleines Fest ab und weigerte sich, dem Befehl ihres Mannes nachzukommen. Wutentbrannt verstieB er sie nach Absprache mit seinen Beratern. An ihrer statt sollte eine neue Konigin aus dem Konigreich ernannt werden. Jede schone Jungfrau, egal welchem Stand sie angehorte, bekam die Anordnung, sich in den Harem des Konigs fuhren zu lassen und sich einer Schonheitsbehandlung zu unterziehen. Das Madchen, das dem Konig am meisten zusprach, sollte seine neue Gemahlin werden.

Der Jude Mordechai, der zu einer Gruppe verbannter Judaer gehorte, lebte zusammen mit seiner Cousine Ester im Palastbezirk in Susa. Ihre Eltern waren verstorben und so hatte Mordechai deren Platz eingenommen. Ester war ein wunderschones Madchen und war somit auch unter denjenigen, die in den koniglichen Harem gefuhrt wurden. Dort fiel sie sofort durch ihre Schonheit auf. Jedoch gehorchte sie ihrem Pflegevater und gab nichts uber ihre judische Herkunft preis. Die Madchen wurden ein ganzes Jahr darauf vorbereitet, auf den Konig Xerxes zu treffen. Auch Ester war eines Tages an der Reihe. Sie verzichtete auf Schmuck und teure Kleidung und nahm nur das, was ihr empfohlen worden war. Der Konig erwahlte sie als seine neue Konigin, da sie seine Gunst erlangt hatte und alle anderen an Schonheit und Anmut ubertraf.

Einige Zeit verging. Mordechai war inzwischen im Konigsdienst tatig und bewahrte den Konig vor einem Anschlag, indem er den Gesprachen zweier Wachen lauschte, die vorhatten, Xerxes umzubringen.

Haman wurde in dieser Zeit zum ersten Minister ernannt. Deshalb sollten sich alle vor ihm verneigen. Mordechai richtete sich nicht danach, mit der Begrundung, dass er dem judischen Volk angehore. Er verneige sich nur vor seinem Gott. So plante Haman die Ausloschung der gesamten Juden in Perserreich. Er schwarzte die Juden beim Konig an. Der Konig konnte es sich nicht bieten lassen, dass es Personen gab, die sich den koniglichen Ministern widersetzten und gab seine Zustimmung fur die Vernichtung aller Juden in seinem Konigreich.

Mordechai erfuhr, was mit den Juden des Landes geschehen sollte, betete im Sackgewand, streute sich Asche auf seinen Kopf und ging so durch die Stadt. Die Juden waren besorgt. So fasteten sie und taten es Mordechai gleich.

Ester erlangte ebenfalls Kenntnis daruber. Sie wollte den Konig um Einhalt bitten. Sie veranlasste eine Fastenzeit von drei weiteren Tagen. Die Konigin setzte fur ihr Volk ihr Leben aufs Spiel. Denn wer ungerufen zum Konig vortrat, wurde umgebracht, es sei denn, er streckt demjenigen sein Zepter entgegen. So geschah es aber, dass er seiner Gemahlin das Zepter entgegenstreckte. Er war bereit, ihr jeden Wunsch zu erfullen. Ester lud ihn zusammen mit Haman zum Essen ein.

Der Konig erfuhr, dass es Mordechai war, der ihn vor dem Anschlag gerettet hatte und lieB ihm besondere Ehren zuteilwerden. Nachdem das erste Mahl abgehalten war, lud Ester den Konig und Haman zu einem zweiten ein. Ester eroffnete ihrem Gemahl ihre Herkunft und flehte um das Leben ihres Volkes und somit um ihr eigenes, da es durch Haman dem Tode geweiht war. SchlieBlich erfuhr Konig Xerxes durch Ester, dass es sein erster Minister gewesen war, der ihr Volk zu vernichten versuchte. Der zornige Konig befahl, Haman an den Galgen zu hangen, der vorher fur Mordechai bestimmt war.

Ein neues Gesetz wurde durch eine weitere Bitte Esters erlassen: Alle Juden im Reich hatten die konigliche Erlaubnis, sich gegen diejenigen zu richten, die ihnen Schaden zufugen wollen. Er herrschte groBer Jubel unter ihnen. Das judische Volk ging gegen seine Peiniger vor. Viele von ihnen konvertierten sogar zum Judentum. An diesem Tage wird seither das Purimfest gefeiert, das die Rettung der Juden zelebriert.[1]

3. Historischer Kontext

Christliche Legenden haben stets einen wahren Kern und berichten von vorbildhaften Taten. In der Regel sind sie mit realen Schauplatzen und Zeitangaben verknupft und beruhen auf Biographien namentlich genannter historischer Personen. GroBtenteils entspringen diese Legenden verschiedener Quellen. So gibt es beispielsweise Unterschiede bei den Namen der Personen, die je nach Uberlieferung und Ubersetzung variieren. Dies hat zur Folge, dass es verschiedene Etymologien gibt und es zu vielen Widerspruchen in der Historie kommt, bei dem Versuch, die Charaktere in Ort und Zeit geschichtlich zu belegen.

Das Buch Ester aus dem Alten Testament stellt keine Ausnahme dar. Auch hier gibt es verschiedene Namensherkunfte und widerspruchliche historische Einordnungen. Mit Ausnahme des Konig Xerxes ist die Existenz der anderen Personen nicht belegbar. Ebenso wenig wie der Verfasser der Legende. Moglicherweise ist sie aus Mordechais Berichten zustande gekommen oder wurde erst spater verfasst. Fest steht allerdings, dass die erste Fassung bald nach den beschriebenen Ereignissen verfasst worden sein muss, da das Purimfest ein fester Bestandteil der Legende war.[2]

Den Beschreibungen uber die Zustande und Sitten im Perserreich lassen sich entnehmen, dass die Abhandlung vor dem Untergang des Reiches durch Alexander dem GroBen (um 330 v. Chr.) stattgefunden haben muss. Die erzahlte Zeit fallt in das funfte Jahrhundert, und zwar in die Regierungszeit des Konig Xerxes I. in den Jahren 486-465 v. Chr.[3] Die Etymologie des Namens bedeutet „herrschend uber Helden“ und wird in der „Gute Nachricht Bibel“ benutzt, anhand derer die Legende im vorherigen Abschnitt nacherzahlt wurde. Der altpersische Name Ahasveros[4] wird allerdings ebenso in vielen Bibelubersetzungen gebraucht, weil er als Transliteration des persischen Xerxes angesehen wird. Wiederum lasst sich in der Einheitsubersetzung der Name Artaxerxes I. finden, welcher historisch nachweisbar der Sohn von Konig Xerxes I. war.

Obwohl es unzahlige Kontradiktionen und Unklarheiten in Hinsicht auf die historische Belegbarkeit gibt, wirkt die Legende als literarisches Werk in sich geschlossen und klar strukturiert. Der Verfasser und dessen Lebenszeit lassen sich nicht zuruckverfolgen. Allerdings beschreibt dieser einen genauen Bericht uber die stattgefundenen Ereignisse und schildert die Vorgange mit vielen Einzelheiten.[5] Seine Kenntnisse uber persische Sitten und Gegebenheiten lassen darauf schlieBen, dass er ein Jude war, der in der persischen Diaspora lebte.[6] Die Schilderungen uber die damaligen Zeit- und Lebensumstande, wie zum Beispiel die.

[...]


[1] Vgl. BIBELLESEBUND; DEUTSCHER EC-VERBAND (Hrsg.) (2000): Gute Nachricht Bibel - Die Bibel in heutigem Deutsch. S. 473 - 480.

[2] Vgl. Lexikon zur Bibel (1985): RIENECKER, Fritz (Hrsg.). S. 378 f.

[3] Vgl. Ebenda.

[4] Vgl. http://www.beliebte-vornamen.de/16841-xerxes.htm, letzter Zugriff am 10.06.15, 14:33 Uhr.

[5] Vgl. Lexikon zur Bibel (1985): RIENECKER, Fritz (Hrsg.). S. 378 f.

[6] Vgl. Handbuch zur Bibel (1986): ALEXANDER, David und Pat (Hrsg.). S.313 ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Vorbildfunktion christlicher Legenden. Der Typus der Königin Ester
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Ritter, Jungfrau, Drache – Die wunderbare Welt der Legenden
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V429979
ISBN (eBook)
9783668738201
ISBN (Buch)
9783668738218
Dateigröße
891 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Legenden Bibel Ester Typus Vorbildfunktion
Arbeit zitieren
Laura Müller (Autor), 2015, Die Vorbildfunktion christlicher Legenden. Der Typus der Königin Ester, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429979

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