Franz Kafkas Kurzgeschichte - Ein Hungerkünstler oder Die Isolation des Autors wie ein Tier hinter Gitter


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995
23 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS :

I. EINFÜHRUNG :
Das Verhältnis von Kafkas Biographie mit seiner literarischen Welt
1. Der Autor und seine Werke

II. Ein Hungerkünstler
1. Die Isolation des Autors wie ein Tier hinter Gitter

III. SCHLUSSFOLGERUNG

IV. Bibliographie

I. EINFÜHRUNG :

Das Verhältnis von Kafkas Biographie mit seiner literarischen Welt

1. Der Autor und seine Werke

Kein anderer Schriftsteller, in der deutschen Dichtkunst wird in seinen Werken so sehr vor dem eigenen biographischen Hintergrund gesehen, wie Franz Kafka. Auch in der übrigen Weltliteratur gibt es kaum Namen die man unter diesem Gesichtspunkt angeben könnte. Aber betrachtet man sich die beängstigende oftmals sogar absurd wirkende Atmosphäre, die in Kafkas Romanen und Erzählungen so dominant und eigentümlich ist, daß sie exklusiv das Adjektiv "kafkaesque" prägte, dann ist es legitim ihn besonders mit einem Autor in der anglo-amerikanischen Literatur zu vergleichen der in seinen Werken eine ganz ähnliche Welt geschaffen hat. Gemeint ist der mit seinen Horror Erzählungen bekannt gewordene Edgar Allan Poe.

Wenngleich Poe in seiner Dichtung den Leser auf einem viel direkteren Weg in dessen Reaktionen auf seine Geschichten beeinflußt, so ist dennoch nicht zu übersehen, daß beide Autoren auf eine ähnliche Weise die komplizierte Psychologie ihrer Protagonisten in den Vordergrund stellen. Trotzdem gibt es in der Interpretation von Poe nur sehr selten Stimmen, die behaupten in den Texten von ihm eindeutig biographischen Stoff direkt verarbeitet zu sehen.

Was ist so kennzeichnend an Kafkas literarischem Schaffen und an seiner Person, das Leser und Literaturwissenschaftler dazu veranlaßt so zweifellose Schlüsse zu ziehen, daß es sich hier um einen Menschen handelt, der versucht hat seine ganz privaten Probleme beim Schreiben zu bewältigen ?

Um eine Antwort auf diese Frage näher zu kommen, muß man sich beide Seiten zunächst einmal getrennt eingehend betrachten : die Welt des Autors in der er real lebte und die fiktionale Welt, die er in seinen Werken schuf. Dazu ist es hilfreich wieder zu dem eben gemachten Vergleich zwischen Kafka und Poe zurückzukehren.

Anhand dieser Gegenüberstellung wird dem Leser deutlich, daß es sich bei dem Deutschen nicht wie bei seinem amerikanischen Kollegen um einen Verfasser handelt, der die Annahme vertritt, das die grundliegend bösen

Eigenschaft eines Menschen die Oberhand über einen Charakter gewinnen und ihn zu schlechten Taten veranlassen können. Bei Kafka sind es vielmehr die Umstände, die es bewirken, daß eine Figur seine Schattenseiten verrät. Dies geschieht nicht auf dem Wege der physischen Gewaltausübung, sondern eher über die unterdrückenden und unterdrückten Kräfte der Psyche. So kann man in dieser Hinsicht zu beiden Autoren sagen, daß sie ihre Protagonisten als Instrumente ihrer psychischen Beschaffenheit agieren lassen.

Bei Kafka ist es allerdings auffallend, das er seinerseits seine Charakere mit Qualitäten ausstattet, die fast immer in seinen Werken eine Schuldfrage aufwerfen, auch wenn man nicht weiß auf was sich diese Schuld bezieht. Nicht nur als Leser, denn oft ist es nicht mal der Figur selbst klar, wessen sie bezichtigt wird. Dies trifft insbesondere auf Josef K. in 'Der Prozeß' zu, der sich nicht vorstellen kann, weswegen man ihn vor Gericht stellt. Aber auch sein Namensvetter mit dem Initial K. im Roman 'Das Schloß' kann als Beispiel für jemanden stehen, der in die Mächte des Schlosses gerät, weil er sich irgendetwas hat zu schulden kommen lassen.

Ein anderes Merkmal in der Kafka Literatur, das sich von Poes Erzählungen abgrenzt, ist die Ausarbeitung der Verbindung zwischen Realität und Fiktion. Das heißt, daß wir zwar durchaus unrealistischen Gegebenheiten und Prozessen in seinen Werken begegnen, wie etwa die Transformation eines Menschen in einen Käfer in 'Die Verwandlung' oder den akademischen Ambitionen eines Tieres in 'Forschungen eines Hundes', doch die Tatsache, das sich all diese unwirklichen Vorgänge in einem durchaus realistischen Rahmen abspielen machen sie für den Leser in dessen Vorstellung zugänglich. Während Poe eher mit stilistischen Mitteln arbeitet, die von vornherein die meist phantastische Atmosphäre in seinen Werken hervorheben. Zum Beispiel das Herz einer Leiche, das sein Mörder nach dessen Tat noch schlagen hört, nachdem er sein Opfer unter dem Fußboden des Hauses begraben hat.

Gregor Samsa hingegen in 'Die Verwandlung' ist der Sohn einer ganz gewöhnlichen durchschnittlichen Familie seiner Zeit. Er geht einem normalen Beruf nach und unterscheidet sich auch von seiner Persönlichkeit oder seinen Fähigkeiten nicht von seinen Mitmenschen. Sein Problem ist "nur" daß er sich eines Morgens in ein Insekt verwandelt sieht aber deswegen wird er nicht zu einem Insekten, sondern er bleibt in seinem Denken und in seiner Wahrnehmung ganz Mensch.

Auch die Erlebnisse, die Josef K. im 'Prozeß' widerfahren sind rein äußerlich betrachtet unwahrschenlich, aber sie werden unter dem Deckmantel der Alltäglichkeit dargestellt so daß man als Leser die Unwirklichkeit, wenn überhaupt nur unterbewußt wahrnimmt. Im Falle von Gregor Samsa, der etwas erlebt, was als solches rational überhaupt nicht möglich ist, werden die Entwicklungen hingegen so dargestellt, daß sie einen gewissen Realitätsgehalt doch zulassen. Diese sieht so aus, daß man sich fragt, ob es sich etwa um einen Alptraum handelt, denn in diesem Rahmen wird das Geschilderte wieder erdenklich.

Man kann also alles in allem in diesem Zusammenhang behaupten, daß Kafka durch den realen Rahmen der unrealen Geschehnisse die widerum echten psychischen Schrecken in einem Charakter nicht nur darstellt, sondern diese durch seine Erzählweise noch mehr hervorhebt. Das läßt den Schluß zu, daß der Autor das Tragische durch alltägliche Gegebenheiten und das Absurde durch das Logische thematisiert.

Erich Heller definiert diese Art zu schreiben in der englischen Übersetzung seines Aufsatzes The World of Franz Kafka folgendermaßen:

Despair is given a home of its own in Kafka's works, faithfully made in the image of customary life, but animated by the blast of the curse. This gives to Kafka's writings their unique quality. Never before has absolute darkness been represented with so much clarity, and the very madness of desperation with so much composure and sobriety. In his work an intolerable spiritual pride is expressed with the legitimate and convincing gesture of humility, disintegration finds its own level of integrity, and impenetrable complexity an all but sancta simplicitas.1

Heller spricht in diesem Zitat noch eine weitere Besonderheit in der Kunst Kafkas an die dazu beiträgt, daß das Unheimliche, welches die Werke des Autors dominiert, seinen Einfluß auf den Leser so wirksam geltend machen kann. Er meint damit die Nüchtenheit und Geradlinigkeit mit der das Absurde dargestellt wird; ganz wie ein neutraler Bericht der Geschehnisse mit dem Verzicht auf jegliche Wertung des Erzählers. Das hat schließlich zur Folge, daß jeder Leser frei ist, sich sein individuelles Bild von den Vorgängen in und um die Charaktere zu schaffen und zu entscheiden wie das Reale mit dem Absurden zusammenpaßt.

Er wird sich damit ständig einer Polarität bewußt, die der Spannung sowohl in der Handlung als auch in der Persönlichkeit des Charakters zugrunde liegt. Heller führt diese Feststellung noch weiter aus, wenn er schreibt :

Kafka's creations are at the opposite pole to the writings of that type of Romantic poet, the true poetical representative of the utilitarian age, who distills from a spiritually more and more sterile external reality those elements which are still of some use to the emotions, or else withdraws from its barren fields into the greenhouse vegetation of inwardness.2

"The greenhouse vegetation of inwardness", wie Heller es nennt ist eines der bedeutendsten Themenkomplexe in der Kafka-Literatur und findet in der Kafka-Rezeption eine große Bedeutung. Kafka selbst bezeichnet es in einem seiner Tagebücher als die Darstellung des traumhaften innern Lebens. Und da diese Besonderheit zum Charakteristikum in den Erzählungen und Romanen des Autors geworden ist, lohnt es sich den Begriff einer gründlicheren Untersuchung zu unterziehen, um dem Gesamtbild von Kafkas Werken näher zu kommen.

Dazu kann zunächst einmal als Ansatz festgehalten werden, daß sich dieser Terminus vor allem auf das bezieht, was in den Erzählungen und Romanen nicht als äußerliche Handlung zu erkennen ist. Sondern auf das was sich unter dieser Oberfläche befindet; und was man vereinfacht als den Geist oder Substanz der Erzählung bezeichnen kann.

Friedrich Beißner versucht dieses Thema folgendermaßen zu erklären anhand eines Briefes Kafkas an seine Verlobte Felice, worin die Rede von einer Geschichte ist, die der Dichter ihr gewidmet hat :

Das dürfen wir wohl so verstehen, daß diese Geschichte, nicht anders als die meisten andern Erzählungen Kafkas, nach ihrer äußerlich stofflichen Handlung banal und simpel, darunter aber in der traumhaften Erweiterung, die sich notwendig ein wenig wild und sinnlos gibt, das Eigentliche und Besondre ahnen läßt: hätte sie nicht innere Wahrheit . . . sie wäre nichts. Diese innere Wahrheit läßt sich nicht so einfach in genau definierte und artikulierte "Weltanschauung" ummünzen. Der Dichter selber vermag es nicht, und was reflektierende Philosophen darüber sagen, geht meistens von herangetragenen Voraussetzungen aus [. . .] Die innere Wahrheit aber müssen sie verfehlen.3

Beißner macht hier zwar die Bemühung zu zeigen worauf sich diese innere Wahrheit bezieht, aber er stellt auch heraus, daß eine genaue Definition dieser Besonderheit in Kafkas Texten nur schwer zu formen ist. Nicht nur das, er geht sogar davon aus, daß der Dichter selbst es nicht vermag zu formulieren, was die Quinessenz seiner eigenen Werke ist.

Diese Schwierigkeit ist im speziellem Falle Kafkas, was den interpretatorischen Versuch seiner Erzählungen und Romane betrifft weit verbreitet. Und eine solche Vermutung wie Beißner sie ausspricht, kompliziert wenn nicht verunsichert jeden Ansatz einer Analyse der Texte Kafkas. Deswegen, da man Autor und Werk nicht völlig unabhängig voneinander sehen möchte untersucht man, ob ein Anhaltspunkt auf die Frage was mit der inneren Wahrheit gemeint sein könnte nicht irgendwo in der Biographie des Dichters zu finden ist.

Auch in dieser Arbeit wird im Folgenden ein kurzer Überblick auf das Leben Franz Kafkas gegeben, aber dies geschieht nicht um die Theorien zu bestärken, der Dichter habe ausschließlich Aspekte seiner eigenen Biographie literarisch verarbeitet. Sondern um später darauf zurückgreifen zu können, wenn im nächsten Kapitel anhand der Kurzgeschichte Ein Hungerkünstler die allgemeine Problematik des Künstlerndaseins erörtert wird. Auch das Thema der inneren Wahrheit soll in diesem Zusammenhang herausgearbeitet werden.

[...]


1 Heller, Erich. "The World of Franz Kafka". in : Gray, Ronald (Edit.). Kafka A Collection of Critical Essays. Eaglewood Cliffs, New Jersey : Prentice Hall, 1962.

Seite: 101.

2 ibid Heller. Seite: 103.

3 Beißner, Friedrich. Kafkas Darstellung des "traumhaften innern Lebens". Bebenhausen : Lothar Rotsch, 1972. Seite: 24-25.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas Kurzgeschichte - Ein Hungerkünstler oder Die Isolation des Autors wie ein Tier hinter Gitter
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1995
Seiten
23
Katalognummer
V4300
ISBN (eBook)
9783638126649
ISBN (Buch)
9783638638562
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit analysiert Kafkas Isolation als Autor, u.a. anhand seiner Biographie und wie er Aspekte davon in seine Kurzgeschichte verwoben hat.
Schlagworte
Franz, Kafkas, Kurzgeschichte, Hungerkünstler, Isolation, Autors, Tier, Gitter
Arbeit zitieren
Didem Oktay (Autor), 1995, Franz Kafkas Kurzgeschichte - Ein Hungerkünstler oder Die Isolation des Autors wie ein Tier hinter Gitter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4300

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