Die Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein

Mit einem Exkurs zum Begriff der Protoindustrialisierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

33 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Person Wallerstein
1.1. Zur Verortung der wallersteinschen Weltsystemtheorie
1.2. Hauptkritiken am Weltsystemkonzept

2. Das Moderne Weltsystem
2.1. Das Moderne Weltsystem als historisches System
2.1.1. Die Konsequenzen des Systembegriffs und die Unterschiede zur modernisierungstheoretischen Epistemologie: ‚ZeitRäume‘ und Entwicklung
2.1.2. Die kapitalistische Produktionsweise: Entwicklung und Unterentwicklung
2.1.3. Zentrum, Semiperipherie, Peripherie und das internationale Staatensystem
2.2. Zwischenfazit
2.3. Die zwei Arten historischer Systeme: Weltsysteme und Minisysteme
2.4. Evolution des Weltsystems in vier Stadien

3. Zur Rezeption des Begriffs Proto-Industrialisierung durch Wallerstein

Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Darstellung des wallersteinschen Weltsystemkonzeptes.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird zunächst biographisch auf die Person Wallerstein eingegangen und in einem weiteren Schritt eine theoretische Verortung des Modernen Weltsystems vorgenommen. Anschließend werden einige der wichtigsten Kritikpunkte an der wallersteinschen Theorie zusammengefaßt.

Die Darstellung des Weltsystem-Ansatzes und des Begriffsapparates, die Grundannahmen und die Periodisierung der Evolution des Modernen Weltsystems, sind Gegenstand des zweiten Kapitels.

Im dritten Kapitel wird schließlich Bezug nehmend auf den Begriff der Proto-Industrialisierung, die Rezeption des Begriffs durch Wallerstein erörtert.

1. Zur Person Wallerstein

Immanuel Maurice Wallerstein, 1930 in New York geboren, promovierte 1959 an der Columbia Universität und erhielt 1971 eine Soziologie-Professur an der McGill-Universität in Montreal/Kanada. 1976 wechselte Wallerstein an die State University of New York (SUNY) in Binghamton, wo er der Direktor des 1976 dort gegründeten Fernand Braudel Centers wurde.[1] Seit 1993 ist Wallerstein zudem der Vorsitzende der Gulbenkian-Kommission zur Neustrukturierung der Sozialwissenschaften[2]. Ferner wurde er 1994 in Bielefeld zum Präsidenten des Weltsoziologenbundes gewählt.

Für die Entwicklung der Weltsystemtheorie ist Wallersteins Forschungsschwerpunkt am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere in den Jahren 1955 bis 1970 im sich dekolonisierenden Afrika maßgeblich, wo er zwischen 1955 und 1957 im Rahmen der area studies vor Ort forschte. Er engagierte sich politisch für den Dekolonisationsprozeß und bildete seine Sympathie für die antikolonialen und nationalistischen Befreiungsbewegungen heraus. Wallerstein engagierte sich darüber hinaus im Kontext der 1968er ‚Revolution‘ in den USA. Das Engagement für den Dekolonisationsprozeß und die ‚68er‘ Bewegung spiegelt sich in den ersten (Buch-)Veröffentlichungen und der Gründung bzw. Mitherausgeberschaft verschiedener wissenschaftlicher Zeitschriften.

Diese biographischen Stationen bilden den Hintergrund für die Entwicklung der wallersteinschen Weltsystemtheorie. Im 1974 erschienenen ersten Band des Modernen Weltsystems[3] – die Basis und Richtung seiner weiteren Forschungen bis heute - entwickelte Wallerstein auf der Grundlage verschiedener theoretischer Stränge ( siehe hierfür das nächste Unterkapitel dieser Arbeit ) seine Kritik an der vorherrschenden Modernisierungstheorie und den daraus resultierenden entwicklungstheoretischen Konzepten. Das wallersteinsche Konzept des Weltsystems gilt bis heute als das erfolgreichste Gegenmodell zu den modernisierungstheoretischen Ansätzen. Wallerstein selbst ist der wichtigste Vertreter eines weltsystemtheoretischen Paradigmas, welches er mit einer enormen Fülle von Veröffentlichungen und Herausgeberschaften bis heute verfechtet.[4]

Die Rezeption des wallersteinschen Modernen Weltsystems in Deutschland erfolgte mit erheblicher Verzögerung im Vergleich zum anglo-amerikanischen und französisch-sprachigen Raum. Eine deutsche Übersetzung des bereits 1974 erschienen ersten Bandes des Modernen Weltsystems erfolgte erst 1986[5], obwohl das Weltsystemkonzept seit der ersten Veröffentlichung eine große Resonanz erfuhr und eine breite theoretische Diskussion auslöste. Nolte führt für die späte Rezeption der Weltsystemtheorie in Deutschland u. a. folgende Gründe an: eine gewisse Selbstbezogenheit, die ideographische Tradition des deutschen Historismus und Schwierigkeiten, außereuropäische Geschichte (im Sinne der amerikanischen area studies) zu institutionalisieren[6]. Die mangelnde Weltoffenheit der deutschen Forschung führt Nolte ferner auf die „(...)Abwesenheit der jüdischen Komponente im deutschen Geistesleben der Nachkriegszeit“[7] zurück[8].

Abschließend sei darauf verwiesen, daß die Rezeption Wallersteins in Deutschland besonders von dem in Hannover lehrenden Historiker H.-H. Nolte gefördert wurde. Nolte ist nicht nur der Herausgeber der ersten Wallerstein-Übersetzung auf deutsch in Form eines Buches[9], sondern auch der Mitherausgeber der auf deutsch übersetzten ersten beiden Bände des Modernen Weltsystems. Ferner zählt Nolte selbst die Teilnahme Wallersteins 1979 an einem Symposium am Historischen Seminar der Universität Hannover zu eines der wichtigsten Auftritte des US-amerikanischen Wissenschaftlers in Deutschland.[10]

1.1. Zur Verortung der wallersteinschen Weltsystemtheorie

Die wallersteinsche Weltsystemtheorie baut u. a. auf drei Quellen auf. Erstens steht Wallerstein in der Tradition marxistischer Theorie. Zweitens ist der Autor von der französischen Schule der Annales – hier besonders von F. Braudel – beeinflußt. Drittens ist der weltsystemtheoretische Ansatz in gewisser Weise eine Weiterentwicklung der aus der lateinamerikanischen Forschung hervorgegangenen Dependencia-Theorie, wobei A.G. Franks Arbeiten und dessen Formel der „Entwicklung der Unterentwicklung“ im Mittelpunkt stehen[11]. Die Strukturbegriffe Peripherie und Zentrum, welche besonders durch die Dependencia-Ansätze systematisiert wurden, werden von Wallerstein durch einen dritten erweitert, dem Begriff der Semiperipherie (siehe hierzu Kapitel 2.1.3. und Fußnote 56).

Das wallersteinsche Weltsystemkonzept ist eines der erfolgreichsten Kritiken an der Modernisierungstheorie (d. h. dem entwicklungstheoretischen Paradigma), welche in den 1950er und 1960er Jahren Hochkonjunktur hatte.[12] Zwar ist die Modernisierungstheorie seit den 1970er Jahren zunehmend kritisiert worden, aber dies hat nicht zu einer grundlegenden Veränderung der Epistemologie und der damit verbundenen Konzepte geführt. Ausdruck hierfür ist im Bereich der Ökonomie zum Beispiel der Begriff der dualistischen Volkswirtschaft[13] innerhalb von (peripheren) Staaten. Das Weltsystem-Konzept zeichnet sich nicht so sehr durch Einführung völlig neuer Begriffe aus, sondern durch eine radikal andere Interpretation der (europäischen) Weltgeschichte auf der Grundlage einer konkurrierenden Epistemologie. Der Erfolg der wallersteinschen Variante eines Weltsystem-Ansatzes basiert auf der Inkorporation der weiter oben genannten drei Quellen und dem Ausbau zu einem globalen Erklärungsschema für die letzten fünf Jahrhunderte Weltgeschichte. Ferner ist es Wallerstein gelungen, die ‚Weltsystem-Schule‘ einerseits mittels des Fernand Braudel Centers und einiger einschlägiger Zeitschriften zu institutionalisieren. Schließlich ist auf die Leistung Wallersteins zu verweisen, mit dem 1974 erschienenen ersten Band des Modernen Weltsystems[14], zentrale und strittige Fragen[15] der Geistes- und Sozialwissenschaften (wieder) aufgegriffen zu haben. Nach Diskussion der Hauptvertreter dieser Kontroversen, hat Wallerstein vermittels seiner umfassenden Analyse-Ebene des Weltsystems eine Lösung anzubieten. Entweder lösen sich Widersprüche und Probleme, wenn sie aus der Interdependenz des Gesamtsystems beleuchtet werden und/oder, wenn die Analyse-Zeiträume auf die longue durée Braudels ausgeweitet werden. Der erste Band des Modernen Weltsystems und nachfolgende Veröffentlichungen haben auch deshalb eine Fachgebiete übergreifende und zum Teil heftige Diskussion bewirkt, weil die von Wallerstein offensiv vertretenen Positionen auch das institutionelle Gefüge der Fachdisziplinen in Frage stellt, zumal er einen unidiziplinären Ansatz - nicht multi- oder interdisziplinär - befürwortet.[16] Schließlich ist noch ein weiterer Grund für den Erfolg der wallersteinschen Weltsystemtheorie anzuführen. Wallerstein war einer der ersten Wissenschaftler, der konsequent auf die grundlegende globale Interdependenz in der Entwicklung von Regionen und des internationalen Staatensystems bestanden hat und die Publikation des Modernen Weltsystems in der Zeit erfolgte, als die Akzeptanz der gängigen Entwicklungstheorie durch zahlreiche Kritiken bereits rückläufig war.

1.2. Hauptkritiken am Weltsystemkonzept

Da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Darstellung der Weltsystemtheorie von Wallerstein liegt, werden im folgenden einige der wichtigsten Kritiken an diesem Konzept zusammengefaßt. Kritiken an der Weltsystemtheorie beziehen sich[17]:

- Auf den Ansatz als solchen – d.h. ein einziges System zu unterstellen und damit die Komplexität zu reduzieren.
- Auf die Frage, wann, wie und wo sich das Weltsystem entwickelt hat, d.h. zeitliche und geographische Einteilungen.
- Auf den Reduktionismus bzw. Ökonomismus des Ansatzes – das Primat der Ökonomie läßt einerseits eigenständige Faktoren wie z. B. Kultur nicht gelten und andererseits wird dadurch der Mensch als homo oeconomicus definiert.
- Auf den Eurozentrismus des Ansatzes, welcher Europa als das handelnde Subjekt und die restliche Welt als reagierendes Objekt darstellt.
- Auf den weit gefaßten Begriff des Kapitalismus, was zur Folge hat, daß qualitative Unterschiede nicht hervorgehoben werden können. Denn nach Wallerstein gibt es nur zwei qualitativ unterschiedliche kapitalistische Phasen: Agrar- und Industriekapitalismus.
- Dem Anspruch, der Historizität von Entwicklungen Geltung zu verschaffen, tatsächlich aber teleologisch zu argumentieren.

2. Das Moderne Weltsystem

Um den Bedeutungen des Modernes Weltsystem näherzukommen, wird in diesem Kapitel zunächst der Begriff selbst beleuchtet. Um diesen zu klären ist es notwendig, Wallersteins Systembegriff darzulegen und auf einige wichtige Implikationen zu verweisen.

Das Moderne Weltsystem hat sich nach Wallerstein im sogenannten langen 16. Jahrhundert (1450-1640) als europazentrierte Weltwirtschaft herausgebildet. Die Evolution dieses Systems erfolgte bislang in vier Stadien (siehe hierfür Unterkapitel 2.4.) und umfaßt seit dem späten 19. Jahrhundert geographisch die gesamte Erde.[18] Das Moderne Weltsystem ist eine Weltökonomie.

„It is a world-economy, to be sure not the first ever, but the only one that survived long enough to institutionalize a capitalist mode of production, and as a result the only world-economy (indeed the only world-system) that has ever succeeded in expanding its outer bounderies to encompass the entire globe. It has transformed itself from being a [kursiv im Original, C.T.] world to becoming the historical system of the [kursiv im Original, C.T.] world.“[19]

Das Moderne Weltsystem ist modern in dem Sinne, daß es sich von allen vorangegangenen Weltsystemen unterscheidet. Das Moderne Weltsystem ist eine kapitalistische Weltökonomie, dessen Einzigartigkeit darin besteht, daß die kapitalistische Produktionsweise und somit die Kapitalakkumulation das „primum mobile“[20] des Systems ist. Alle vorherigen Weltsysteme akkumulierten zwar auch Kapital, jedoch scheiterte eine Institutionalisierung der kapitalistischen Produktionsweise.[21] Kapitalismus ist nach Wallerstein ein Prozeß, in dem alle Dinge (und Tätigkeiten) in Waren umgewandelt werden.[22] So wie der Kapitalismus den Drang hat, ausnahmslos alle Dinge in Waren zu verwandeln, zeichnet er sich ferner dadurch aus, das Kapitalakkumulation als Selbstzweck betrieben wird, und zwar, um noch mehr Kapital zu akkumulieren. Sinn und Zweck des Kapitalismus ist somit die endlose Akkumulation von Kapital und bildet die Funktionsweise der Weltökonomie.

“Our modern world-system is a capitalist world-economy. It functions by giving priority to the ceaseless accumulation of capital, and this is optimized by the creation of a geographically very wide division of labor, today a division of labor that is worldwide.“[23]

[...]


[1] Vgl. Hans-Heinrich Nolte: Zur Biographie und Rezeption Wallersteins in Deutschland, in: I. Wallerstein: Die Sozialwissenschaft „kaputtdenken“ – Die Grenzen der Paradigmen des 19. Jahrhunderts, Weinheim 1995, S. 340-341. Siehe auch an derselben Stelle den Hinweis Noltes zum jüdischen und familienhistorischen Hintergrund der Wallersteins. Vgl. auch die biographische Note in I. Wallerstein: Der historische Kapitalismus, Berlin 1984 und das dortige Nachwort von H.-H. Nolte, S. 99.

[2] Diese Kommission hat 1996 einen Bericht herausgebracht, der im gleichen Jahr auch auf deutsch erschien: Immanuel Wallerstein u.a.: Die Sozialwissenschaften öffnen – Ein Bericht der Gulbenkian Kommission zur Neustrukturierung der Sozialwissenschaften, Frankfurt/New York, 1996.

[3] Wallerstein, I.: Das Moderne Weltsystem. Die Anfänge kapitalistischer Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert, Frankfurt/Main, 1986 (im Original: Wallerstein, I.: The Modern World-System. Capitalist Agriculture and the Origins of the European World-Economy in the Sixteenth Century, New York, 1974).

[4] Vgl. hierfür H.-H. Nolte: Zur Biographie ... a.a.O., S. 341. Für den Stand der Veröffentlichungen Wallersteins bis 1999 und seinen wissenschaftlichen Werdegang siehe I. Wallerstein: Curriculum Vitae, September 1999, in: http:\\www.fbc.binghampton.edu/iwcv.htm.

[5] Der zweite Band des Weltsystems liegt erst seit 1998 in deutscher Übersetzung vor, 18 Jahre nach Erscheinen des englischen Originals 1980. Wallerstein, I.: Das moderne Weltsystem II – Der Merkantilismus. Europa zwischen 1600 und 1750, Wien 1998 (im Original: Wallerstein, I.: The Modern World-System II. Mercantilism and the Consolidation of the European World-Economy, 1600-1750, New York, 1980).

[6] Vgl. H.-H. Nolte: Zur Biographie...a.a.O., S. 342-347.

[7] Ebd., S. 343.

[8] Siehe auch den Forschungsüberblick von H. Bley. Helmut Bley: Die Geschichte der europäischen Expansion: ein Überblick über die deutschsprachige Forschung seit dem 2. Weltkrieg, in: H.-H. Nolte (Hg.): Zur Kritik der Geschichtsschreibung Band 3: Weltsystem und Geschichte, Göttingen 1985, S. 94-125.

[9] I. Wallerstein: Der historische Kapitalismus, Berlin 1984.

Die ersten beiden deutschen Übersetzungen von Wallerstein-Texten sind 1979 erscheinen: Dieter Senghaas (Hg.): Kapitalistische Weltökonomie. Kontroversen über ihren Ursprung und ihre Entwicklungsdynamik, Frankfurt/Main, 1979. Dort: I. Wallerstein: Aufstieg und künftiger Niedergang des kapitalistischen Weltsystems. Zur Grundlegung vergleichender Analyse, S. 31-67 und T. K. Hopkins und I. Wallerstein: Grundzüge der Entwicklung des modernen Weltsystems. Entwurf für ein Forschungsvorhaben, S. 151-200.

[10] Siehe H.-H. Nolte: Zur Biographie ...a.a.O., S. 341.

[11] Wallerstein selbst sieht sich in der marxistischen Tradition stehend, kritisiert allerdings ‚orthodoxe‘ Ansätze und dogmatische Positionen sowie marxistische Ansätze, welche nicht von der ‚Totalität‘ des Weltsystem ausgehen. Das Primat der Ökonomie, die Kritik des Kapitalismus als weltumspannendes System, die Aussicht des Untergangs dieses Systems und die Totalität des Systems als die einzig adäquate Analyse-Ebene bilden Wallersteins marxistisches Erbe. Ferner sieht er übereinstimmend mit der maoistischen Interpretation den Sozialismus als ‚permanente Revolution‘ innerhalb des Weltsystems. Die Sichtweise der Verwirklichung des Sozialismus ‚in einem Land‘ steht im Gegensatz zu seinem Weltsystemansatz, d.h. eine wirkliche Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus kann nach Wallerstein nur global geschehen, kurz: es bedarf einer sozialistischen Weltregierung. Somit stellt Wallerstein ebenfalls den ambivalenten Charakter der Eroberung von Staatsapparaten durch systemfeindliche Bewegungen heraus. Denn einerseits würden diese Bewegungen auf dem Weg zur Erlangung der Staatsmacht kooptiert, zumal sie auch nach Erlangung der Macht innerhalb der kapitalistischen Spielregeln (im Rahmen des internationalen Staatensystems) agieren müßten. Andererseits tragen jedoch systemfeindliche Bewegungen dazu bei, daß die Kooptationskosten für die ‚Superakkumulatoren‘ stetig steigen, was letztlich zum Niedergang des kapitalistischen Weltsystems beiträgt. Vgl. für diese Ausführungen Wallerstein: Niedergang..., S. 31-44, Wallerstein: „kaputtdenken“, besonders Kapitel IV, S. 182-222 und ebd., S. 34ff.

[12] Vgl. für einen Überblick über die kontroversen Ansätze das Vorwort von D. Senghaas in: D. Senghaas (Hg.): kapitalistische Weltökonomie...S, 7-27 und an gleicher Stelle Hopkins/Wallerstein: Grundzüge, S. 151ff.

[13] Der Begriff der dualen Volkswirtschaft koppelt die sogenannte Subsistenzwirtschaft mit lokalem Charakter von der weltmarktorientierten kapitalistischen Exportwirtschaft (z.B. cash-cropping im landwirtschaftlichen Sektor, aber auch Rohstoffabbau in Minen und Bergwerken) ab und unterstellt somit zwei voneinander weitgehend unabhängige ‚Wirtschaften‘ innerhalb eines Staates. Vgl. zur Kritik an diesem Begriff Wallerstein: Niedergang..., S. 33.

[14] Das monumentale Werk des Modernen Weltsystems ist auf vier Bände angelegt, wovon bislang drei Bände erschienen sind. Siehe hierfür das Literaturverzeichnis dieser Arbeit.

[15] Hierzu zählt vor allem die Frage des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus und die Frage nach den Gründen sowohl für die europäische Expansion als auch die Frage wie eng die Entwicklung Europas und die Unterentwicklung der Dritten Welt verzahnt ist bzw. ob ein kausaler Zusammenhang besteht. Letzteres richtet sich auf die Frage, ob es primär endogene Prozesse waren oder exogene Inputs durch Ausbeutung/Surplusextraktion und Ausrichtung der Peripherien nach den Bedürfnissen der Zentren, die eine derartige Industrialisierung des (nordwestlichen) Europas ermöglichten.

[16] Vgl. Wallerstein: Modernes Weltsystem, Bd. I, S. 24. Wallerstein bewertet die Aufsplitterung der Geistes- und Sozialwissenschaften (bzw. der historischen Sozialwissenschaft) ebenfalls als Folge der Ideologieproduktion des Modernen Weltsystems. Die großen drei Ideologien der Normalität des Wandels sind der Konservatismus, Liberalismus und Marxismus. Vgl. I. Wallerstein: ‚Kaputtdenken‘, S. 22ff. Das nach Wallerstein dauerhafteste und irreführendste Vermächtnis der Sozialwissenschaft ist die Trennung von sozio-kultureller, politischer und ökonomischer Ebene der Gesellschaftsanalyse. „Diese Dreifaltigkeit versperrt den Weg wie ein Granitblock, der unsere intellektuelle Weiterentwicklung blockiert.“ Ebd., S. 9.

[17] Siehe für Kritiken H.-H. Nolte: Die eine Welt. Abriß der Geschichte des internationalen Systems, Hannover 1982; H.-H. Nolte: Nachwort, in I. Wallerstein: Der historische Kapitalismus, Berlin 1984, S. 99-110; R. Robertson: Globalization –Social Theory and Global Culture, London 1992 und P. Imbusch: ‚Das moderne Weltsystem‘. Eine Kritik der Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins, Marburg 1990.

[18] Vgl. I. Wallerstein: historische Kapitalismus, S. 14.

[19] I. Wallerstein: Evolution of the Modern World-System, in: Gerhard Preyer (Hg.): Strukturelle Evolution und das Weltsystem – Theorien, Sozialstruktur und evolutionäre Entwicklungen, Frankfurt a.M. 1998, S. 306.

[20] Ebd., S. 307.

[21] Vgl. I. Wallerstein: historische Kapitalismus, S. 10ff.

[22] Vgl. Ebd. Kapitel I, S. 9-38. Der Umwandlungsprozeß aller Dinge in Waren wird von Wallerstein als ‚commodification‘ bezeichnet. „To take only a particularly aberant example, we have entered into the era of the commodification of childbirth.“ Wallerstein: Evolution..., S. 308.

[23] I. Wallerstein: The National and the Universal: Can There Be Such a Thing as World Culture?, in: Anthony D. King: Culture, Globalization an the World-System, New York 1991, S. 98.

Für den Stellenwert der Arbeitsteilung siehe Kapitel 2.1.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein
Untertitel
Mit einem Exkurs zum Begriff der Protoindustrialisierung
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Protoindustrialisierung
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
33
Katalognummer
V43002
ISBN (eBook)
9783638408998
ISBN (Buch)
9783638684361
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weltsystemtheorie, Immanuel, Wallerstein, Exkurs, Begriff, Protoindustrialisierung
Arbeit zitieren
Coskun Tözen (Autor), 2002, Die Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43002

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