Die Siedlung Römerstadt von Ernst May

Die kollektivistische Unterbringung des Menschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Lage

3. Beteiligte Personen

4. Entstehung

5. Bebauung

6. Freiraum und Landschaft

7. Gebäude- und Wohnungstypologien

8. Ausstattung

9. Gestaltung

10. Relation zu anderen Siedlungen

11. Soziale und gesellschaftliche Aspekte

12. Die Römerstadt heute

13. Fazit

14. Abbildungen

15. Abbildungsverzeichnis

16. Literaturverzeichnis

17. Verzeichnis benutzter Internetseiten

1. Einleitung

Im Zuge des Projektes „das Neue Frankfurt“ entstanden im Stadtraum Frankfurts ab 1925 Siedlungen mit insgesamt etwa 12.000 Wohnungen unter Ernst May, Stadtplaner und damaligem Leiter des Hochbauamtes, um bestehenden Missständen in großstädtischen Mietwohnungen entgegenzuwirken.

Mit funktionalem Design, serieller Fertigung und standardisierter Einrichtung wollte May die „Wohnung für das Existenzminimum“1 schaffen und gleichzeitig auch seine Interpretation einer Gartenstadt verwirklichen.2

Im Folgenden geht es um die Siedlung Römerstadt im Nordwesten Frankfurts, die heute als Paradebeispiel für das Neue Frankfurt gilt. Sie wurde 1927-29 auf den Überresten der römischen Siedlung Nida errichtet und liegt im Niddatal am gleichnamigen Fluss.3

2. Lage

Bei der Planung der Römerstadt hatte May - anders als bei den meisten anderen seiner Siedlungen - keinerlei Einschränkungen durch etwaige bestehende Strukturen, da es sich um ein unbebautes Gebiet handelte, das weit genug vom Stadtkern entfernt war, um eigenständig zu bestehen, jedoch nah genug, um durch eine gute Verkehrsanbindung Pendlern kurze Wege in die Innenstadt bieten zu können. Lediglich im Norden der Siedlungen wird an den Stadtteil Heddernheim angeschlossen. Als Anhaltspunkte für Mays Entwurf dienten der Verlauf der Nidda sowie die Topografie des Geländes, welches zum Fluss hin leicht abfällt.

Die großflächigen Wiesen und die Promenade am Fluss dienen als Überschwemmungsflächen. Zusätzlich finden sich dort Schrebergärten, die bevorzugt an Bewohner aus Mehrfamilienhäusern der Römerstadt vermietet wurden.

3. Beteiligte Personen

Initiiert wurde das Projekt durch den Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann, der Ernst May mit einer Einladung als zukünftigen Leiter des Hochbau- und Siedlungsamtes wieder in dessen Heimatstadt zurückholte. May hatte zuvor bereits in Raymond Unwins Büro in London Erfahrungen zur Gartenstadt gesammelt, sich als Leiter der „Schlesischen Heim“ mit typisiertem Wohnungsbau auseinandergesetzt sowie einen städtebaulichen Wettbewerb der Stadt Breslau gewonnen.4

Für die Landschaftsplanung, die besonders bei dieser Siedlung eine große Rolle spielt, setzte Ernst May den Landschaftsarchitekten und Autor Leberecht Migge ein (Abb.3). Carl-Hermann Rudloff assistierte May, er entwarf beispielsweise den Sonderbau „Rundling“.

Weitere Beteiligte waren unter anderem Martin Elsässer, Walter Schütte (Römerstadtschule) und Franz Schuster („Schusterblock“).5

4. Entstehung

Als Namensgeber für die Römerstadt diente die antike römische Siedlung Nida, die auf dem Gebiet der heutigen Siedlung gelegen war. Auch die Straßennamen der Römerstadt und des umliegenden Stadtteils Heddernheim erinnern oft noch an sie, so wie die Hadrianstraße, Hauptstraße der Römerstadt.6

Die Römerstadt wurde von May als Trabant konzipiert, als architektonisches Vorbild diente ihm hierbei das Modell der „Gartenstadt“7 nach Ebenezer Howard. May übernahm jedoch nur die gestalterischen Eigenschaften der Gartenstadt, wie den engen Landschaftsbezug, die Verkehrstrennung, nicht jedoch die sozialen Aspekte, da Howard eine Art genossenschaftliche Gemeinschaft der Gartenstadt erzielen wollte.8

5. Bebauung

Am Lageplan/in der Aufsicht lässt sich eine klare Einteilung der Siedlung in einen östlichen und einen westlichen Teil erkennen, zwischen den beiden Teilen schlängelt sich die Hadrianstraße als Hauptstraße hindurch (Abb.1). An ihr sind die öffentlichen Einrichtungen in den Erdgeschossen der anliegenden Mehrfamilienhäuser gelegen. Dort, wo Seitenstraßen zu den weiteren Mehrfamilienhäusern führen, finden sich hervorgehobene Eckbauten um die jeweilige Stelle zu betonen.9

Der östliche Teil besteht aus leicht gebogenen Zeilen, die, immer wieder unterbrochen durch schmale Achsen und Vorsprünge, fünf „Ringe“ um das Zentrum der Siedlung bilden. Im westlichen Teil gibt es eine klare Raumstruktur durch lange, gerade Zeilen, die eine deutliche Kante der Siedlung nach Norden, Westen und Süden hin bilden. Durch einheitliche Gebäudehöhen wird die Steigung der Hanglage unterstützt.10

Das klare Erkennungszeichen der Siedlung sind, abgesehen von der ringförmigen Struktur, die Bastionen. Entlang der Siedlungskante zur Nidda hin verläuft hier eine Mauer, die durch halbrunde Vorsprünge gegliedert wird. Diese Mauer hat eine hohe raumbildende Funktion: Sie trennt die Siedlung und deren Freiräume klar von den öffentlichen Spazierwegen und Wiesen der Nidda ab und schafft zwei Ebenen, da sie einen klaren Niveausprung von etwa drei bis vier Metern bildet.11 Unten an der Mauer führt ein Weg zur Niddapromenade und oben bieten die Bastionen einen Treffpunkt für die Anwohner der Siedlung mit Blick auf die Frankfurter Skyline. Zusätzlich werden diese Bastionen durch die tor-ähnlichen Mehrfamilienhäuser betont, welche neben den zweistöckigen

Reihenhäusern deutlich hervorspringen, diese von der Höhe her überragen und auch farblich durch eine dunkelrote Fassade betont werden (Abb.6).

Ein weiteres, sehr wichtiges Merkmal für die Siedlung ist die Trennung der Verkehrswege, welche ebenfalls typisch für die „Gartenstadt“ ist. Es gibt eine klare Hierarchisierung der Straßen und Wege: die Hadrianstraße dient als Hauptstraße für den motorisierten Verkehr, die ringförmigen Straßen als reine Erschließungsstraßen für die Anwohner der Siedlung. Zusätzlich gibt es quer zu diesen reine Fußgängerwege, die gepflastert und teils mit Stufen bestückt sind, um die Höhenunterschiede zu überwinden, und zu den Bastionen führen. Zwischen den Gärten verlaufen schmale, unbefestigte Wege, die zur Nidda führen.12

Als Sonderbaustein innerhalb der Siedlung gibt es, neben der Römerstadtschule von Martin Elsässer und Walter Schütte, den „Rundling“ (Abb.13-15). In diesem Gebäude findet sich eine Mischnutzung mit Läden im Erdgeschoss und Wohnungen in den darüber liegenden Stockwerken.13

Nie realisiert wurden der geplante Kindergarten, ein Kirchenzentrum sowie Gemeinschaftshäuser, wie es sie zum Beispiel in anderen Siedlungen des Neuen Frankfurts gibt.14

6. Freiraum und Landschaft

Der Freiraum spielt bei der Römerstadt eine sehr große Rolle, nicht nur wegen dem Bezug zur Gartenstadt. Wesentliche Freiraumelemente der Siedlung sind die drei Meter hohe Stützmauer mit ihren Bastionen, die an ihnen gelegenen öffentlichen Grünflächen, sowie ein am Niddaufer entlang laufender Kleingarten-Gürtel, dessen Gärten bevorzugt an die Bewohner der Mehrfamilienhäuser der Römerstadt vermietet wurden.15

Die Gestaltung des Freiraums zeichnet sich vor allem durch die Wiederholung und Reihung bestimmter Elemente wie Eingängen und Vorgärten aus. Durch die gebogen angelegten Straßen im östlichen Teil der Siedlung wirken diese nicht so lang und eintönig, wie es bei einer geraden Straße der Fall wäre. Im westlichen Teil wird der Raum vor allem durch die großen Mehrfamilienhäuser bestimmt, deren Kanten die Straßen begrenzen und welche, bedingt durch ihre Größe, Position, Anordnung und teilweise auch farbliche Gestaltung, „Tore“ zu den Straßen bilden.16

7. Gebäude- und Wohnungstypologien

Die Römerstadt besteht etwa zu gleichen Teilen aus

Einfamilienhäusern und Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Die Einfamilienhäuser finden sich in Form von Reihenhäusern vor allem in den ringförmigen Straßen im östlichen Teil der Siedlung, die Mehrfamilienhäuser im westlichen sowie als „Tore“ an den Bastionen (Abb.3). Durch Typisierung und Rationalisierung von Wohnungsgrundrissen sollten die Kosten gesenkt sowie allen Bevölkerungsschichten „gleich gute“ Wohnungen angeboten werden.17

Die Einfamilienhäuser sind zweistöckig und bilden eine leichte Abtreppung aufgrund ihrer topografischen Lage. Die Grundrisse sind jeweils gespiegelt, sodass sich immer zwei nebeneinanderliegende Häuser einen Eingang teilen. Auch an den Eingängen findet sich eine klare Hierarchisierung der einzelnen Zonen, wobei es unterschiedliche Formen gibt (Abb. 17).

Einige werden durch halbhohe Mauern vom Gehweg abgetrennt und schaffen somit einen Pufferbereich zwischen Haus und Straße, andere haben einen kleinen Vorgarten als Abstandshalter, Stufen zur Haustür oder sogar einen sechs Meter tiefen Grünstreifen. Dies ist abhängig von der Ausrichtung der Gebäude: Je nach Himmelsrichtung der Eingangsseite sollte so die Belichtung optimiert werden (Abb. 7).

Auch die Grundrisse unterscheiden sich aus selbigem Grund in Nord- und Südlagentypen (Abb.8 u. 9).

Die Häuser liegen Rücken an Rücken, wobei an jedem der Häuser hinten ein Garten anliegt, welcher zur Selbstversorgung und zur Erweiterung des Wohnraums dient (Abb.3). Die Wohnungsgrößen betragen 56-88 qm mit bis zu vier Zimmern.18

Die Mehrfamilienhäuser hingegen haben keinen eigenen

Garten. Es gibt einen gemeinsamen Erschließungskern, der meist von außen klar erkennbar ist, zum Beispiel durch vertikale Fensterbänder. Die Wohnungsgrößen betragen zwischen 48 und 66 qm, wobei es wie beim Einfamilienhaus auch verschiedene Grundrisstypen gibt (Abb.10-12). Besonders wären hier die 1,5-Zimmer-Appartements für Junggesellen zu nennen, welche im Obersten Geschoss des „Rundlings“ liegen und außerdem einen umlaufenden Balkon haben.19 Wie auch bei den Einfamilienhäusern wurden hier die Funktionsbereiche nach Norden und die Wohnbereiche nach Süden ausgerichtet.

8. Ausstattung

Eine Besonderheit der Siedlung war die technische

Ausstattung: Die Römerstadt gilt als die „erste vollelektrifizierte Siedlung Deutschlands“20. Jede der Wohnungen war mit einem Elektroherd, elektrischem Strom und einem Radioanschluss ausgestattet - damals revolutionär. Geheizt wurde über eine Zentralheizung. Das Kochen mit Strom statt Gas war damals so befremdlich, dass von den Elektrizitätswerken extra Kochkurse für Hausfrauen angeboten wurden, um diese mit der neuen Art des Kochens vertraut zu machen.21

Außerdem gab es in jeder der Wohnungen serienmäßig die Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky.22

9. Gestaltung

Ein weiteres architektonisches Mittel Mays zur Gestaltung der Römerstadt ist das Farbkonzept, mit dem er die Atmosphären der Siedlung unterstützen wollte.23

Hierbei wurde von außen nach innen, vom Städtebaulichen bis zur Innenraumgestaltung, alles durchgeplant.

Die straßenseitigen Fassaden waren einheitlich in hellen, kalten Farben wie weiß oder grau gestrichen, während die Fassaden zum Garten hin in warmen Farbtönen wie rot (für dominante Bauten), ocker, gelb gehalten waren. Dies diente dazu, zum öffentlichen Raum hin ein geschlossenes, strenges Gesicht der Siedlung abzubilden, sowie im privaten Raum eine warme, heimelige Atmosphäre mit einer breiteren Variation an Farben zu schaffen.24

Noch immer müssen sich die Bewohner der Siedlung im Sinne des Denkmalschutzes - zumindest für die Außenfassaden - an das Farbkonzeptes Mays halten.

Auch im Innenraum waren die Farben festgelegt: Holzwerk war in einem dunklen Blau gestrichen, vor allem in der Küche, da dies angeblich weniger Fliegen anzog als andere Farben;25 Treppenhaus- und Flurwände waren meist gelb und in den Wohnräumen fanden sich wieder wärmere Farbtöne. Das Reduzieren auf elementare Farben des Farbkreises galt als modern - ganz im Gegensatz zu den überladenen Wohnstuben des 19. Jahrhunderts.

Diese detaillierte Planung Mays und seine gestalterischen Vorgaben umfassten auch die Freiräume wie Vor- und Hausgärten.

Falls ein Hauseingang mit einem kleinen Vorgarten, einem Grünstreifen oder einem kleinen Beet ausgestattet war, war den Bewohnern genau vorgeschrieben, mit welchen Pflanzen diese bepflanzt werden durften (Abb.19).

[...]


1 siehe: Kuhn 1998, S.185f.

2 siehe: Prigge 1988, S.25; Kessler 2006, S.62f.

3 siehe: Lauer 1990, S.68 3

4 siehe: Homepage der Ernst-May-Gesellschaft (12.08.2014; vollständiger Link im Anhang) siehe: Barr und May 2007, S.29f.;

5 siehe: Kessler 2006,

6 siehe: Howard 1951 4

7 Insgesamt wurden in der Römerstadt 1180 Wohnungen realisiert, davon 580 als Einfamilienhäuser und 550 in Mehrfamilienhäusern.8

8 siehe: Lauer 1990, S.69

9 siehe: Kessler 2006, S.65f.

10 siehe: Kessler 2006, S.65f.

11 siehe: Lauer 1990, S.68; Kessler 2006, S.65 5

12 siehe: Prigge 1988, S.24; S.27 siehe: Kessler 2006, S.80-83

13 siehe: Kessler 2006, S.69; Lauer 1990,

14 siehe: Lauer 1990, S.70 6

15 eine gartenseitige Erschließung der Einfamilienhäuser ermöglicht (Abb.16).

16 siehe: Barr und May 2007,

17 siehe: Kessler 2006, S.71 7

18 siehe: Kessler 2006, S.76

19 siehe: Kessler 2006, S.80-83

20 siehe: Kessler 2006, S. 66

21 siehe: Kuhn 1998, S.178f.

22 siehe Barr und May 2007, S.33ff. 8

23 siehe: Lauer 1990, S.72

24 siehe: Barr und May 2007,

25 siehe Zitat von Margarete Schütte-Lihotzky aus: Kessler 2006, S.91 9

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Siedlung Römerstadt von Ernst May
Untertitel
Die kollektivistische Unterbringung des Menschen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V430043
ISBN (eBook)
9783668762695
ISBN (Buch)
9783668762701
Dateigröße
1942 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Römerstadt, Siedlung, Stadtplanung, Moderne, Ernst May, Frankfurt
Arbeit zitieren
Shirin Shi (Autor), 2014, Die Siedlung Römerstadt von Ernst May, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430043

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