Die Erzählung „Der Bau“ von Franz Kafka, die zwischen 1923 und 1924 entstanden ist, gehört zu den späten Erzählungen Kafkas und bietet wie seine sämtlichen Texte eine Menge an Deutungs- und Interpretationsraum. Der Begriff des Raums ist diesbezüglich überaus passend, da der Raum ein zentraler Begriff dieser Arbeit ist.
Die Forschungsliteratur zu dieser Erzählung geht in unterschiedlichste Richtungen und umfasst die verschiedensten Deutungsansätze. „Die Mannigfaltigkeit des Baues gibt […] mannigfaltigere Möglichkeiten“, wie es in dem Text selbst heißt. Im Verlauf dieser Arbeit wird der Fokus auf den formanalytischen und den allegorischen Ansatz gelegt.
Den Handlungsraum in der Erzählung bildet der Bau, der von einem tierähnlichen Wesen, das gleichzeitig der Erzähler ist, bewohnt wird. Es ist ein komplexer imaginärer Raum, der sehr detailliert beschrieben wird. Die Beschreibungen sind zumeist jedoch verwirrend und widersprüchlich und die Erzählung entzieht sich dem Verständnis des Lesers. Aufgrund der bildhaften Sprache und der innigen Verbundenheit des Wesens mit seinem Bau kann man den Bau allegorisch als ein Abbild des Erzählerbewusstseins deuten. Somit besagt die Hauptthese dieser Arbeit, dass die Konstruktion und die Gestaltung des Raums die Bewusstseinszustände des Erzählers widerspiegeln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Narratologische Analyse
2.1 Beschreibung
2.1.1 Lokale und temporale Distanz?
2.2 Bewusstseinsdarstellung
2.3 Bildlichkeit
3. Raumkonstruktion und Erzählerbewusstsein
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Raumkonstruktion und Bewusstseinszuständen in Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, inwiefern die detaillierte Gestaltung des imaginierten Handlungsraums als Spiegelbild der komplexen psychischen Verfassung des Ich-Erzählers gedeutet werden kann.
- Narratologische Analyse von Raumdarstellungen
- Untersuchung von Bewusstseinsdarstellung und Erzählperspektive
- Analyse der Bildlichkeit und sprachlicher Strukturen
- Erörterung der Korrelation zwischen Architektur und Psyche
- Klärung der Subjektivität und Zuverlässigkeit des Erzählens
Auszug aus dem Buch
2.2 Bewusstseinsdarstellung
Die Bewusstseinsdarstellung befasst sich mit der Darstellung des Bewusstseins und Verhaltens des Erzählers und dessen Auswirkung auf die räumliche Darstellung.
Es wurde schon mehrmals erwähnt, dass es sich bei der Erzählung um einen Ich-Erzähler handelt. Der Text beginnt mit einem Ich – „Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen.“ (BA, 576) Dieses Ich bleibt in dem Text jedoch unbenannt und wird nicht von außen beschrieben, da die interne Fokalisierung nur die subjektive Perspektive ermöglicht. Der Erzähler nimmt in dem ganzen Text den Blickwinkel der Figur ein. Die Handlungen werden in einer Art inneren reflexiven Monologs dargestellt. Einmal wird die Perspektive jedoch gewechselt und eine zweite Instanz spricht zu der Figur. Dieser kurze Perspektivenwechsel findet statt, als das tierähnliche Wesen aus dem Bau, nach Draußen gelangen muss.
Dein Haus ist geschützt, in sich abgeschlossen, Du lebst in Frieden, warm, gut genährt, Herr, alleiniger Herr über eine Vielzahl von Gängen und Plätzen, und alles dieses willst DU, hoffentlich nicht opfern, aber doch gewissermaßen preisgeben, hast zwar die Zuversicht es zurückzugewinnen, aber läßt Dich doch darauf ein, ein hohes, ein allzuhohes Spiel zu spielen? Es gäbe vernünftige Gründe dafür? Nein, für etwas derartiges kann es keine vernünftigen Gründe geben. (BA, 589 f.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Erzählung „Der Bau“ von Franz Kafka ein, definiert den Raum als zentralen Untersuchungsgegenstand und formuliert die These der wechselseitigen Abhängigkeit von Raumgestaltung und Erzählerbewusstsein.
2. Narratologische Analyse: Dieses Kapitel widmet sich den narrativen Verfahren wie Beschreibung, Bewusstseinsdarstellung und Bildlichkeit, um das Zusammenspiel zwischen Erzähltechnik und Raumdarstellung zu entschlüsseln.
2.1 Beschreibung: Es wird analysiert, wie die Beschreibung des Baus als Labyrinth aus Wahrnehmung des Ich-Erzählers konstruiert ist und welche Bedeutung die Trennung von Innen- und Außenwelt einnimmt.
2.1.1 Lokale und temporale Distanz?: Der Abschnitt untersucht die fehlende epische Distanz und das Zusammenfallen von Erzählzeit und erzählter Zeit, was die Unmittelbarkeit der psychischen Belastung unterstreicht.
2.2 Bewusstseinsdarstellung: Hier wird der Fokus auf die homodiegetische Erzählsituation und die interne Fokalisierung gelegt, die den subjektiven und bisweilen unzuverlässigen Charakter der Erzählung begründen.
2.3 Bildlichkeit: Dieses Kapitel betrachtet sprachliche Besonderheiten wie hypotaktische Satzstrukturen und rhetorische Figuren, die die komplexe Gedankenwelt des Erzählers im Text spiegeln.
3. Raumkonstruktion und Erzählerbewusstsein: Die Erkenntnisse der vorherigen Kapitel werden zusammengeführt, um die allegorische Parallelität zwischen den architektonischen Gegebenheiten des Baus und der Psyche des Wesens aufzuzeigen.
4. Fazit: Das Fazit bestätigt die These der Wechselwirkung, indem es festhält, dass Raum und Bewusstsein einen sich gegenseitig bedingenden Kreislauf bilden.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Der Bau, Raumkonstruktion, Erzählerbewusstsein, Narratologie, Ich-Erzähler, Bewusstseinsdarstellung, Allegorie, Subjektivität, Raumdarstellung, Literaturwissenschaft, Homodiegetik, Psychologie, Erzähltechnik, Raumtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Erzählung „Der Bau“ von Franz Kafka unter narratologischen Gesichtspunkten und untersucht, wie der literarische Raum die psychische Verfassung des Erzählers widerspiegelt.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Zentrale Themen sind die narratologische Raumdarstellung, das Verhältnis zwischen Erzählerbewusstsein und Architektur, die Untersuchung von unzuverlässigem Erzählen sowie die sprachliche Gestaltung des Textes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Hauptthese zu belegen, dass die Konstruktion und Gestaltung des Baus ein direktes Abbild der Bewusstseinszustände des Ich-Erzählers sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein formanalytischer und allegorischer Ansatz verfolgt, der auf narratologischen Kriterien wie Beschreibung, Bewusstseinsdarstellung und Bildlichkeit basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine narratologische Analyse, die technische Aspekte der Raumdarstellung beleuchtet, sowie eine Synthese, welche diese Erkenntnisse mit dem Bewusstsein des Erzählers verknüpft.
Welche Schlüsselwörter beschreiben die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Kafka, Raumkonstruktion, Erzählerbewusstsein, Narratologie, Subjektivität und Allegorie charakterisieren.
Warum wird der Erzähler im Text als unzuverlässig eingestuft?
Die Unzuverlässigkeit ergibt sich aus der internen Fokalisierung, ständigen Widersprüchen in den Aussagen der Figur und der permanenten Änderung ihrer Meinung über das Gelingen ihres Baus.
Welche Rolle spielt die Trennung zwischen Innen- und Außenwelt?
Die Trennung zwischen dem Schutzraum des Baus und der bedrohlichen „Oberwelt“ symbolisiert die Abgrenzung des eigenen Bewusstseins gegenüber einer Fremdwahrnehmung, die der Erzähler nicht kontrollieren kann.
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- Zoya Bachynska (Author), 2016, Raumkonstruktion und Erzählerbewusstsein in "Der Bau" von Franz Kafka, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430212