Nach der Verordnung der EU-Kommission besteht für alle kapitalmarktorientierten Konzerne der EU ab dem 01.01.2005 die Verpflichtung, Konzernabschlüsse nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) aufzustellen. Für europäische Unternehmen, die nach US-GAAP bilanzieren, besteht noch ein zeitlicher Puffer bis 2007, bevor sie ihren Konzernabschluss nach den IFRS aufstellen müssen. [Art. 1 der EU-Verordnung (EG) Nr. 1725/2003 der EU-Kommission.] Für die Anwendung der IFRS für nichtkapitalmarktorientierte Unternehmen sieht die EU-Verordnung Wahlrechte für die Mitgliedstaaten der EU vor (Art. 5 der EU-Verordnung). In Deutschland können gem. § 315a HGB n.F. die Nicht-Kapitalmarktunternehmen freiwillig ihren Konzernabschluss nach IFRS aufstellen. [Pellens/Fülbier/Gassen, Rechnungslegung, 2004, S. 50.]
Die IFRS sind Standards, die von einem unabhängigen privaten Gremium, dem International Accounting Standards Board (IASB), aufgestellt werden. Sie umfassen die International Accounting Standards (IAS), die Interpretationen des International Financial Reporting Interpretations Committee (IFRIC) und die Interpretationen des Standing Interpretations Committee (SIC). [Vgl. Anhang A des IFRS 1.]
Am 31. März 2004 wurde IFRS 3 "Business Combinations" im Zuge der ersten Phase des gleichnamigen Projektes veröffentlicht [Vgl. Deloitte Touche Tohmatsu, IAS Plus, 2004.] und damit ein weiterer Schritt in Richtung Internationalisierung der Konzernabschlüsse vollzogen. Der Standard enthält umfassende Neuregelungen zur Behandlung von Unternehmenszusammenschlüssen im Konzernabschluss und führt zu einer starken Annäherung an bereits existierende Vorschriften nach US-GAAP. IFRS 3 ersetzt IAS 22 [IFRS 3.86] [Sämtliche IFRS/IAS-Angaben beziehen sich auf die Ausgabe: International Accounting Standards Board, IFRS, 2004.], der bisher die Bilanzierung von Unternehmenszusammenschlüssen regelte, und seine Interpretationen SIC-9, SIC-22 und SIC-28 [IFRS 3.87]. Darüber hinaus zieht der neue Standard auch Veränderungen der Standards IAS 36 "Wertminderung von Vermögenswerten" und IAS 38 "Immaterielle Vermögenswerte" nach sich [IFRS 3.85].
Im Folgenden sollen die Regelungen des IFRS 3 kritisch untersucht und auf eventuelle Probleme eingegangen werden. Anschließend wird ein Vergleich mit den entsprechenden Vorschriften des HGB gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeines zu IFRS 3
2.1 Aufbau
2.2 Zielsetzung
2.3 Anwendungsbereich
3. Erstkonsolidierung – Erwerbsmethode
3.1 Identifikation des Erwerbers
3.2 Ermittlung der Anschaffungskosten
3.3 Verteilung der Anschaffungskosten - Kaufpreisallokation
3.3.1 Identifikation der Vermögenswerte und Schulden – Bilanzierung dem Grunde nach
3.3.2 Bewertung der Vermögenswerte und Schulden – Bilanzierung der Höhe nach
3.4 Ermittlung des Unterschiedsbetrags
3.4.1 Positiver Unterschiedsbetrag
3.4.2 Negativer Unterschiedsbetrag
3.4.3 Minderheitenanteile
3.4.4 Unterschiedsbetrag bei Unternehmenszusammenschlüssen in Form von mutual entities und reporting entities
4. Folgekonsolidierung
4.1 Ablauf des Werthaltigkeitstests
4.1.1 Allokation der Vermögenswerte zu einer CGU
4.1.2 Bestimmung des Buchwerts einer CGU
4.1.3 Bestimmung des erzielbaren Betrags einer CGU
4.1.4 Erfassung des Wertminderungsbedarfs
4.1.5 Zeitpunkt des Werthaltigkeitstests
4.2 Folgebewertung des Goodwill
4.2.1 Verteilung des Goodwill auf CGUs
4.2.2 Erfassung des Wertminderungsbedarfs
4.2.3 Exkurs ins Steuerrecht
4.3 Folgebewertung immaterieller Vermögenswerte (ohne Goodwill)
4.3.1 Immaterielle Vermögenswerte mit bestimmter Nutzungsdauer
4.3.2 Immaterielle Vermögenswerte mit unbestimmter Nutzungsdauer
4.3.3 Bestimmung des erzielbaren Betrags
4.4 Folgebewertung von Eventualschulden
5. Angabepflichten
6. IFRS 3 und HGB im Vergleich
6.1 Aufdeckung stiller Reserven und Lasten – Methode der Kapitalkonsolidierung
6.2 Bilanzierung von Minderheiten
6.3 Erst- und Folgebilanzierung des erworbenen Goodwill
6.4 Negativer Geschäfts- oder Firmenwert
6.5 Eventualschulden
6.6 Bilanzpolitische Spielräume aufgrund von Wahlrechten
6.7 Ausweispflicht
7. Ausblick
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Bilanzierung von Unternehmenszusammenschlüssen gemäß dem Standard IFRS 3 und untersucht dessen Auswirkungen auf die Konzernrechnungslegung sowie den Vergleich zum deutschen HGB.
- Anwendung der Erwerbsmethode (Purchase Method) bei Unternehmenszusammenschlüssen.
- Durchführung der Kaufpreisallokation und Identifikation immaterieller Vermögenswerte.
- Folgebewertung des Goodwill mittels Impairment-Only-Approach.
- Vergleich der neuen IFRS-Regelungen mit den bisherigen HGB-Vorschriften.
- Herausforderungen bei der Ermittlung von beizulegenden Zeitwerten und erzielbaren Beträgen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Identifikation des Erwerbers
Das erwerbende Unternehmen ist jenes, das die Beherrschung (control) über das andere Unternehmen erlangt. Beherrschung ist die Möglichkeit, die Finanz- und Geschäftspolitik eines Unternehmens zu bestimmen, um aus dessen Tätigkeit Nutzen zu ziehen [IFRS 3.19]. Eine Beherrschung wird wie bei IAS 22.11 (rev. 1998) vermutet, wenn ein Unternehmen mehr als die Hälfte der stimmberechtigten Aktien eines anderen Unternehmens erwirbt. Ist das erwerbende Unternehmen nicht im Besitz von mehr als 50 % der Stimmrechte, werden in IFRS 3.20 darüber hinaus folgende Kriterien zur Identifizierung des Erwerbers aufgestellt:
• Verfügung über die Mehrheit der Stimmrechte durch Vereinbarung mit den anderen Investoren,
• Bestimmung der Finanz- und Geschäftspolitik kraft Satzung oder anderen Vereinbarungen,
• Ernennungs- oder Abberufungsrecht der Mehrheit der Mitglieder des Geschäftsführungs-, Leitungs- oder Aufsichtsgremiums,
• Ausübung der Mehrheit der Stimmrechte bei Sitzungen des Geschäftsführungs-, Leitungs- oder Aufsichtsgremiums.
Zur Identifizierung des Erwerbers können zusätzliche Indikatoren gem. IFRS 3.20 herangezogen werden:
• Bei Bestehen signifikanter Unterschiede des beizulegenden Werts (fair value) ist das Unternehmen mit dem höheren Wert das Erwerbende.
• Falls Zahlungsmittel oder andere Vermögenswerte für den Bezug von stimmberechtigten Stammaktien eines Unternehmens gewährt werden, geschieht dies durch das erwerbende Unternehmen.
• Das Unternehmen, dessen Management die Möglichkeit hat, die Zusammensetzung des Geschäftsführungsgremiums des Konzerns zu bestimmen, ist ebenfalls als das Erwerbende zu identifizieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt den Kontext der EU-Verordnung zur verpflichtenden Anwendung der IFRS für kapitalmarktorientierte Konzerne ab 2005 und die Einführung von IFRS 3.
2. Allgemeines zu IFRS 3: Erläutert Aufbau, Zielsetzung und Anwendungsbereich des Standards sowie die Rolle von Interpretationen und ergänzenden Anhängen.
3. Erstkonsolidierung – Erwerbsmethode: Detaillierte Darstellung der Erwerbsmethode, inklusive Identifikation des Erwerbers, Ermittlung der Anschaffungskosten und Kaufpreisallokation.
4. Folgekonsolidierung: Analysiert den Werthaltigkeitstest, die Folgebewertung von Goodwill, immateriellen Vermögenswerten sowie den Umgang mit Eventualschulden.
5. Angabepflichten: Übersicht der umfassenden Offenlegungspflichten, die IFRS 3 für erwerbende Unternehmen bei Unternehmenszusammenschlüssen vorsieht.
6. IFRS 3 und HGB im Vergleich: Kritische Gegenüberstellung der IFRS-Regelungen mit den handelsrechtlichen Vorschriften des HGB hinsichtlich Konsolidierung und Goodwill-Bilanzierung.
7. Ausblick: Diskussion des Wandels in der internationalen Rechnungslegung und der Herausforderungen für Unternehmen in Deutschland.
8. Zusammenfassung: Resümee der Anforderungen von IFRS 3 und Einschätzung des IASB-Ziels der Harmonisierung internationaler Konzernabschlüsse.
Schlüsselwörter
IFRS 3, Unternehmenszusammenschluss, Kaufpreisallokation, Erwerbsmethode, Goodwill, Impairment-Only-Approach, Werthaltigkeitstest, Kapitalkonsolidierung, Fair Value, Bilanzierung, HGB, Geschäfts- oder Firmenwert, Rechnungslegung, IASB, CGU
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Bilanzierung von Unternehmenszusammenschlüssen unter der Anwendung des Standards IFRS 3 und deren Einbettung in die internationale Konzernrechnungslegung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Erstkonsolidierung mittels Erwerbsmethode, die Kaufpreisallokation, die jährliche Werthaltigkeitsprüfung des Goodwill sowie der Vergleich der IFRS-Standards mit dem deutschen HGB.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Untersuchung der Regelungen von IFRS 3 sowie die Gegenüberstellung mit dem HGB, um Unterschiede in der bilanziellen Behandlung von Unternehmenskäufen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse der relevanten Standards, wie IFRS 3, IAS 36 und IAS 38, sowie einer vergleichenden Analyse der Fachliteratur und Stellungnahmen zum IFRS-Übergang.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erstkonsolidierung (Identifikation und Bewertung), die Folgekonsolidierung (Impairment-Tests), die Angabepflichten und einen umfassenden Vergleich der IFRS-Systematik zum HGB.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören IFRS 3, Erwerbsmethode, Kaufpreisallokation, Goodwill, Werthaltigkeitstest und Konzernrechnungslegung.
Wie unterscheidet sich die Goodwill-Behandlung unter IFRS 3 zum HGB?
Während unter HGB eine planmäßige Abschreibung des Goodwill zwingend vorgeschrieben ist, untersagt IFRS 3 diese und schreibt stattdessen einen jährlichen Werthaltigkeitstest (Impairment-Only-Approach) vor.
Was sind zahlungsmittelgenerierende Einheiten (CGU) im Kontext von IFRS 3?
Eine CGU ist die kleinste identifizierbare Gruppe von Vermögenswerten, die weitestgehend unabhängige Mittelzuflüsse generiert, an deren Ebene der Werthaltigkeitstest für zugeordnete Vermögenswerte und Goodwill durchgeführt wird.
Wie werden negative Unterschiedsbeträge nach IFRS 3 behandelt?
Nach IFRS 3 muss ein negativer Unterschiedsbetrag nach einer erneuten Überprüfung der Wertansätze sofort als Ertrag in der Gewinn- und Verlustrechnung erfasst werden.
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- Susann Volkmar (Author), 2004, Die Bilanzierung von Unternehmenszusammenschlüssen nach IFRS 3, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43050