Domänenverteilung im Gebrauch der drei Landessprachen Luxemburgs - Was ist der Status Quo und welche Tendenzen für die Zukunft sind auszumachen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenwärtige Domänenverteilung – eine Bestandsaufnahme
2.1 Der gesetzlich geregelte Bereich
2.1.1 Verwaltung und Behörden
2.1.2 Bildungswesen
2.2 Der nicht regulierte Bereich
2.2.1 Medien
2.2.2 Wirtschaft

3. Spezifik der Luxemburger Mehrsprachigkeit
3.1 Mono-, Di- oder Triglossie?
3.2 Das Nähe-Distanz-Modell

4. Zukunftstendenzen
4.1 Die Politik von Regierung und NGO’s
4.2 Der Faktor Migration

5. Zusammenfassung

6. Literatur

7. Bilder und Grafiken

1. Einleitung

Als einer der großen kulturellen Reichtümer Europas wird immer wieder die Sprachenvielfalt genannt. Und tatsächlich: Spätestens seit der letzten Erweiterung der Union am 1. Mai 2004 auf 25 Mitgliedstaaten gibt es in sprachlicher Hinsicht kein vergleichbar heterogenes Staatengebilde auf der Welt. Mit nicht weniger als 20 Nationalsprachen, die dem derzeitigen Vollsprachenregime der EU folgend zu 20 Amtsprachen führen würden[1], wäre die Gemeinschaft dann bald gesegnet (Ross 2005).

Eine dieser Sprachen, die schon seit rund 20 Jahren in der Union als „kleine Sprache“ besonderen Schutz genießt ist das Lëtzebuergesche (Luxemburgisch). Mit etwa einer halben Million Sprechern in Europa und in der Welt kommt dieser Sprache international kaum Gewicht zu. Ungleich bedeutender war und ist Lëtzebuergesch jedoch offensichtlich in symbolischer wie praktischer Hinsicht für die Luxemburger selbst. Dem kleinen Herzogtum, dessen Bevölkerung seit dem frühen Mittelalter die einzige Überlappung zwischen dem romanischen und germanischen Sprachraum darstellte, das unter Napoleon und in beiden Weltkriegen auf brutalste Weise seiner Souveränität beraubt wurde, und das sich selbst jedoch immer kulturellen Einflüssen von außen geöffnet hatte, erwuchs die eigene Sprooch zum konstitutiven Idiom der Nation[2]. Dies ist umso erstaunlicher, da das Lëtzebuergesch, das sprachgeschichtlich als moselfränkischer Dialekt bezeichnet werden kann, lange Zeit durch die Dominanz der französisch-deutschen Diglossie in Luxemburg marginalisiert zu werden drohte, und es noch 1896 vom luxemburger Parlament abgelehnt wurde, Lëtzebuergesch zu verwenden bzw. es überhaupt als Sprache anzuerkennen (Polenz 1999, 119).

Andererseits gab es schon früh mundartliche Dichtung und Dialektliteratur, sowie bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine „Lexikographie“ des Luxemburgischen, und auch während der stärksten Repressionen durch die deutschen Besetzer im ersten und zweiten Weltkrieg erfuhr das Lëtzebuergesche eine wahre Renaissance. Unterdrückung und Repression könnte aber gerade den Grundstein dafür gelegt haben, dass die Luxemburger ihre Sprache am 24. Februar 1984 zur Nationalsprache machten.[3] Was allerdings dahingestellt bleiben soll, denn diese Frage zu erörtern würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Sicher ist nur: Seit diesem Tage ist das Lëtzebuergesche gesetzlich dem Französischen und Deutschen gleichgesetzt – aus der Di- wurde eine Triglossie (Dreisprachigkeit).

Aus linguistischer Sicht ist solch eine Sprachensituation recht interessant, da sie nicht sehr häufig anzutreffen ist. Besonders, um nicht zu sagen einzigartig, erscheint das luxemburger Modell jedoch, wenn man die Spezifik seiner Triglossie berücksichtigt: Wir haben es hier nicht mit einer Mehrsprachigkeit zu tun, wie wir sie etwa in der Schweiz antreffen, wo die Sprachen (zumindest hauptsächlich) den jeweiligen Regionen zugeordnet werden können. In Luxemburg besteht eine Triglossie, die von Polenz treffend als „gesamtterritorial“ bezeichnet wird, in der also überall im Land alle drei Sprachen vorhanden sind oder sein können. Trotzdem ist es ganz und gar nicht beliebig, wer, wann, wie, wo und zu welchem Zweck, welche Sprache verwendet. Es bestehen (geschriebene wie auch ungeschriebene) Gesetze, die den Gebrauch der Sprachen weitgehend bestimmen. Viele dieser Konventionen, die oft auch historisch herzuleiten sind (wie beispelweise, dass das Gerichtswesen sich des Französischen bedient) bestehen schon seit Jahrhunderten und erscheinen deshalb starr und unveränderbar. An vielen Stellen wird aber sichtbar, dass die luxemburger Triglossie dynamisch ist, und sich verändert. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs sogar immer schneller.[4] Evident wird dies unter anderem durch Faktoren wie die wachsende Migration, Mediengebrauch und –angebot und politische Entscheidungen und Programme.

Aus diesem Umstand heraus – der ausgerpägten Domänenverteilung im Gebrauch der Landesprachen und der offensichtlichen Dynamik innerhalb dieses Modells – ergibt sich für meine Arbeit folgende Fragestellung: Erstens, wie ist der Status Quo des Sprachgebrauchs (hier soll aus Gründen des Umfangs nur teilweise auf historische Entwicklungen eingegangen werden, die zu der Enstehung der Domänen geführt haben)? Und zweitens, welche Tendenzen bestehen für die Zukunft? Eine umfassende Behandlung der Thematik kann diese Arbeit allerdings nicht bereitstellen, ich erhoffe mir jedoch, wichtige Sachverhalte aufzugreifen und damit einen Anhaltspunkt zum Verständnis der luxemburger Mehrsprachigkeit zu schaffen. Ein weiteres wichtiges Thema, der Standardisierungsprozess des schriftsprachlichen Lëtzebuergesch, kann aus dem genannten Grund ebenfalls nicht ausreichend behandelt werden, obwohl natürlich bestimmte Aspekte der Thematik in die vorliegende Analyse einfließen werden.

2. Gegenwärtige Domänenverteilung – eine Bestandsaufnahme

Bevor wir uns nun aber der Beschreibung der „sehr komplizierten“ (Polenz 1999, 168) Ausprägung der luxemburger Sprachendomänen zuwenden, soll ein meiner Meinung nach äußerst wichtiger Faktor innerhalb der Triglossie-Situation zumindest erwähnt werden. Wie wir anhand der Abbildung 1 erkennen können, trifft Polenz (1999, 168) bezüglich des Sprachgebrauchs eine kategoriale Unterscheidung in mündlich (also sprech-sprachlich) und schriftlich (schrift-sprachlich). Dies ist von grundsätzlicher Relevanz, da das Lëtzebuergesche nur sehr allmählich zu einer Koiné wurde (also zu einer Art von Hochsprache, die die unglaublich zahlreichen luxemburgischen Dialekte vereint) und erst in jüngster Zeit auf den Weg zu einer standardisierten Schriftsprache ist[5]. Davon, dass diese Entwicklung hin zur standardisierten Sprache abgeschlossen sei, kann man laut Gilles (2000, 5 ff.; 2002, 6) jedoch keinesfalls sprechen – doch dazu später mehr. Regelrecht forciert wurde dieser Prozess nach dem zweiten Weltkrieg von der luxemburger Regierung, die die symbolische und identitätsstiftende Kraft einer eigenen Sprache erkannt hatte[6]. Ausdruck fand diese Politik vor allem in dem Projekt, ein luxemburgisches Wörtbuch zu schaffen: Von 1950 an, als das erste Wörterbuch, das auch für den Sprachunterricht benutzt werden sollte, publiziert wurde, gab und gibt die luxemburger Regierung bis heute jährlich mehrfache Updates zu Orthografie und Tipps zu alltäglichem Sprachgebrauch über das Ministère de l’Éducation Nationale heraus. Offensichtlicher Grund für diese Politik ist der Umstand, dass eine Sprache, die nicht über eine ausreichende Schriftsprachlichkeit und Standardisierung verfügt, kaum als Nationalsprache fungieren kann. Beziehen wir diese Problematik in die Betrachtung der Grafik Polenz’ mit hinein, so wird klar, welchen Einfluss dies auf den Sprachgebrauch hat: Das Lëtzebuergesch dominiert eindeutig im mündlichen Bereich, ob nun privat oder öffentlich. Lediglich in der prestigeträchtigen Öffentlichkeit (Regierungs- und Justizwesen, Industrie und Handel) kann das Französische mithalten. Das Deutsche ist kaum im sprech-sprachlichen Bereich zu finden. Ganz anders in der Schriftsprachlichkeit: hier scheint Deutsch und Französisch dominant, sogar im (schriftlichen) halböffentlichen und privaten Bereich. Das Deutsche bildet nur im Bereich von Regierung und Parlament eine Ausnahme, da es seit Ende des zweiten Weltkrieges schriftlich wie mündlich aus dieser Domäne konsequent entfernt wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Polenz 1999, 167 „Sprechsprachliche und schriftsprachliche Verwendung der Landessprachen“

So treffend und brauchbar Polenz’ Grafik in Aufbau und Kategorisierung ist, in einer Hinsicht ist sie problematisch: Sie gibt keine quantitativen Verhältnisse innerhalb der einzelnen Domänen wider. So sind zwar beispielsweise in den Printmedien tatsächlich alle drei Sprachen, wie in der Übersicht verzeichnet, präsent und in Druckerzeugnissen zu finden. Tatsächlich ist das Deutsche hier aber (noch) sehr dominant, das Lëtzebuergesche verschwindend gering, und das Französische lediglich minderheitlich vorhanden.

2.1 Der gesetzlich geregelte Bereich

Wie bereits erwähnt, schuf das Nationalsprachengesetz aus dem Jahre 1984 die Grundlage für die in Luxemburg bestehende Triglossie. Doch es besagt nicht nur, dass das Lëtzebuergesche die Nationalsprache, und neben dem Deutschen und Französischen in den Rang der Amtssprache erhoben ist (Artikel 1), sondern es trifft auch Bestimmungen für den Gebrauch der Sprache.

So ist in Artikel 2 des Gesetzes festgelegt, dass Gesetzestexte und Ausführungsbestimmungen auf französisch zu verfassen sind, und das allein der französischen Version (und nicht etwaigen Übersetzungen) Gesetzeskraft zukomme. Dies geht auf den Umstand zurück, dass das luxemburger Justizsystem seit Ende des 18. Jahrhunderts auf dem napoleonischen Code Civil (auch Code Napoléon genannt) basiert (Muller 2001, 104).

2.1.1 Verwaltung und Behörden

Davon unberührt besagen Artikel 3 und 4 jedoch, dass das Französische, Deutsche und Lëtzebuergesche gleichberechtigt sind, und in Verwaltung und Justiz ohne Vorurteile gebraucht werden sollen („il peut être fait usage ... sans préjudice des dispositions spéciales concernant certaines matieres“). Dies schließt beispielsweise ein, dass eine Behörde – soweit möglich – in jeweils der Sprache antworten sollte, auf der Eingaben und Anfragen gestellt werden. Wie dies allerdings in der Praxis umgesetzt wird, dazu gibt es bis zum Jahre 2001 noch keine wissenschaftlich auswertbaren Quellen (Muller 2001, 106), für den Zeitraum danach habe ich ebenfalls keine gefunden.

Eine wichtige Ausnahme zur sprachlichen Gleichberechtigung ist jedoch gleichsam bekannt wie historisch begründbar: Die öffentliche Beschilderung (gleich ob Straßen-, Ämter- oder Verkehrsbeschilderungen) ist seit den Ende des zweiten Wetlkriegs ausschließlich zweisprachig in Französisch und Lëtzebuergesch gehalten. Grund: Die Nationalsozialisten hatten während der Besatzung jegliche öffentliche Beschriftung in einer anderen Sprache als dem Deutschen verboten und auf Zuwiderhandlungen mit empfindlichen Strafen reagiert (Polenz 1999, 150).

[...]


[1] Rechnet man den Beitritt Bulgariens und Rumäniens in 2007 bereits ein, kommt man sogar auf 23 Nationalsprachen. Rein rechnerisch scheint es aber kaum praktikabel die Nationalsprachen eins zu eins in Amtssprachen umzusetzen, da sich daraus 506 mögliche Übersetzungskombinationen (23x22) ergeben würden.

[2] Vgl. Polenz 1999, 118-119 und 150-153

[3] Polenz geht sogar soweit, dass er den „sprachpolitischen Entstehungsweg [des Lëtzebuergesch] als Beispiel für gegenläufige Wirkungen des einstigen deutschen Sprachimperialismus“ (1999, 118) sieht.

[4] Vgl. Muller 2001, 104

[5] Vgl. Muller 2001, 102

[6] Vgl. Muller 2001, 101 und Gilles 2000, 1, sowie Polenz 1999, 167

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Domänenverteilung im Gebrauch der drei Landessprachen Luxemburgs - Was ist der Status Quo und welche Tendenzen für die Zukunft sind auszumachen?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Sprachenpolitik in Mitteleuropa
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V43052
ISBN (eBook)
9783638409384
ISBN (Buch)
9783638656986
Dateigröße
1391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Domänenverteilung, Gebrauch, Landessprachen, Luxemburgs, Status, Tendenzen, Zukunft, Sprachenpolitik, Mitteleuropa
Arbeit zitieren
M.A. Florian Rosenbauer (Autor), 2005, Domänenverteilung im Gebrauch der drei Landessprachen Luxemburgs - Was ist der Status Quo und welche Tendenzen für die Zukunft sind auszumachen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43052

Kommentare

  • Gast am 12.6.2007

    Ziemlich gut und interessant....

    Hab mir die Arbeit für Recherche-Zwecke runtergeladen und habs nicht bereut.

    Positiv: Neben vielen interessanten linguistischen Aufdröselungen der Sprachsituation in Luxemburg auch ne Menge spannende aktuelle Beispiele wie ungewöhnlich die Mehrsprachigkeit in Luxemburg gestaltet ist.

    Negativ: Hatte ein paar Rechtschreibfehler entdeckt, die man von nem Linguisten vielleicht nicht erwarten sollte...

    Fazit: Viel fundierte Infos erhalten und auch noch Spaß am Lesen gehabt!

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