Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützten Kommunikation bei konkreten Beeinträchtigungen


Bachelorarbeit, 2016

62 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Autobiographischer Roman „Christy Brown“
1.1 Autor und allgemeine Informationen zum Roman
1.2 Infantile Zerebralparese
1.3 Handlung

2. Kommunikation
2.1 Zum Begriff Kommunikation
2.2 Merkmale und Elemente der Kommunikation
2.3 Kommunikationsmodelle
2.4 Kommunikation innerhalb des Umfeldes von Christy Brown
2.5 Zwischenfazit

3. Sprach- und Kommunikationsentwicklung
3.1 Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen ohne Behinderung
3.2 Beobachtungsverfahren nach Rotter, Kane und Gallé
3.3 Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen mit Behinderung
3.4 Formen von Sprach- und Sprechstörungen
3.5 Kommunikationsentwicklung in Christy Browns „Mein linker Fuß“
3.6 Zwischenfazit

4. Unterstützte Kommunikation
4.1 Definitionen
4.2 Abgrenzung zur Gestützten Kommunikation
4.3 Entwicklung der Unterstützten Kommunikation
4.4 Zwischenfazit

5. Ziele der Unterstützten Kommunikation
5.1 Zielgruppen der Unterstützten Kommunikation
5.2 Intentionen
5.3 Bedeutung der Unterstützten Kommunikation für Menschen mit Behinderung
5.4 Institutionen und Beratung
5.5 Bedeutung der Kommunikationsmöglichkeiten für Christy Brown in „Mein linker Fuß“
5.6 Zwischenfazit

6. Methoden der Unterstützten Kommunikation
6.1 Kommunikationsformen ohne externe Hilfsmittel
6.2 Nicht-elektronische Hilfsmittel
6.3 Elektronische Hilfsmittel
6.4 Kommunikationsförderung von Menschen mit Behinderung in der Frühförderung und im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter
6.5 Methoden der Unterstützten Kommunikation im Unterricht
6.6 Kommunikation und Fördermethoden in Christy Browns „Mein linker Fuß“
6.7 Zwischenfazit

7. Grenzen der Unterstützten Kommunikation
7.1 Grenzen der Methoden und Hilfsmittel und deren Auswirkungen
7.2 Besonderheiten der Gesprächsführung
7.3 Grenzen der Kommunikationsweisen und deren Auswirkungen in „Mein linker Fuß“
7.4 Zwischenfazit

Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internetquellen

Einführung

„Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis und subjektiv für Lebensqualität von entscheidender Bedeutung. Sie ist eine wesentliche Bedingung für soziale Partizipation und Selbstbestimmung und zudem eine wichtige Grundlage jeder Entwicklung“ (WILKEN 2010, 1). Zahlreiche Menschen sind durch körperliche oder geistige Behinderungen in ihren lautsprachlichen Fähigkeiten so stark eingeschränkt, dass sie das bedeutendste Mittel der Kommunikation, das Sprechen, nicht oder nur eingeschränkt nutzen können, um zu kommunizieren. Da die Entwicklung des Fachbereichs der Unterstützten Kommunikation (UK) in Deutschland erst sehr spät eingesetzt hat und sich immer noch neue Methoden und Erkenntnisse etablieren, ist das Thema in der heutigen Zeit immer noch sehr aktuell.

In dieser Arbeit geht es um Methoden und Grenzen der UK mit Blick auf deren Bedeutung für das Leben der Betroffenen. Diese Aspekte werden anhand der Autobiographie „Mein linker Fuß“ von Christy Brown veranschaulicht.

In diesem Zusammenhang stelle ich die These auf, dass durch die Unterstützte Kommunikation Möglichkeiten eröffnet werden, die lautsprachlich beeinträchtigten Menschen zu einer erfolgreichen Kommunikation verhelfen, welche die oben genannten Grundbedürfnisse mit einschließt. Zudem wird die Frage behandelt, ob sich der autobiographische Roman dazu eignet, die Methoden und Grenzen der UK darzustellen und diese These zu belegen bzw. zu widerlegen.

Dazu wird zunächst der Autor Christy Brown und sein Roman „Mein linker Fuß“ vorgestellt. Im zweiten und dritten Kapitel werden theoretische Grundlagen in Bezug auf den Kommunikationsbegriff und die Kommunikations- und Sprachentwicklung aufgeführt, um ein Fundament für die nachfolgenden Ausarbeitungen zu schaffen. Im Anschluss daran wird der Begriff „Unterstützte Kommunikation“ definiert und abgegrenzt und es erfolgt die Untersuchung der Entwicklung von UK als Fachbereich. Im fünften Kapitel wird der Fokus auf die Intentionen und Zielgruppen der UK gelegt, sowie auf die Bedeutung, welche die UK für die Nutzer hat. Das darauffolgende Kapitel schafft einen Überblick über verschiedenste Kommunikationsmittel und stellt einen Bezug zum unterrichtlichen Einsatz von UK her. Das siebte Kapitel widmet sich einer kritischen Betrachtung der Kommunikationsmittel und führt allgemeine Grenzen und Grenzen bezüglich der Gesprächsführung auf. Um einen Bezug zu konkreten Beeinträchtigungen herzustellen, werden im Verlauf der Arbeit die herausgearbeiteten Aspekte jeweils auf den Roman „Mein linker Fuß“ bezogen und anhand mehrerer Beispiele verdeutlicht. Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Erkenntnisse und Sachverhalte zusammenfassend dargestellt und die zuvor aufgestellte These unter mehreren Gesichtspunkten diskutiert.

1. Autobiographischer Roman „Christy Brown“

Zu Beginn dieser Arbeit soll ein grober Überblick über die Person Christy Brown und dessen Leben, anhand seiner Autobiografie gegeben werden. Zudem wird die Thematik der Zerebralparese angerissen, um eine Grundlage für weitere Untersuchungsaspekte im Verlauf dieser Arbeit zu schaffen.

1.1 Autor und allgemeine Informationen zum Roman

Christy Brown war ein irischer Autor, Dichter und Künstler. Er wurde am 5. Juni 1932 in Dublin geboren und starb am 6. September 1981 mit 49 Jahren in Parbrook, England, infolge eines Erstickungsanfalls. Christy Brown war das zehnte von insgesamt 22 Kindern, von denen 13 überlebten und in ärmlichen Verhältnissen aufwuchsen. Von Geburt an litt er an infantiler Zerebralparese in Form einer Athetose und konnte bis auf die Ausnahme seines linken Fußes kein Körperteil kontrolliert bewegen. Aufgrund dessen diagnostizierten die Ärzte zusätzlich eine schwere geistige Behinderung und gaben ihm keine Hoffnung auf ein langes Leben. Im Laufe seiner Kindheit lernte er mithilfe seiner Mutter das Schreiben und begann zu malen. Mit 18 Jahren wurde er erstmals bezüglich seiner infantilen Zerebralparese behandelt und erzielte durch die Unterstützung des Ärzteehepaars Robert und Eirene Collis Verbesserungen hinsichtlich seiner Körperhaltung und Sprechfähigkeit. Robert Collis war ebenfalls Christys Mentor als es um das Verfassen seines Buches ging und assistierte ihm bezüglich Sprache und Ausdruck. Beim Aufschreiben seiner Lebensgeschichte halfen ihm zu Beginn zwei seiner Brüder und gegen Ende schrieb er die Seiten eigenständig mit seinem linken Fuß. Im Jahre 1972 heiratete er die Krankenschwester Mary Carr, die er nach der Veröffentlichung seines Romans kennenlernte (vgl. BROWN 1994).

Die Originalausgabe des irischen Romans mit dem Titel „My Left Foot“ erschien erstmals im Jahre 1954. Die deutsche Erstausgabe „Mein linker Fuß“ erschien im Jahre 1956. Neben „My Left Foot“ verfasste er weitere Romane wie „Down all the days“, „A Shadow of Summer“ und „Wild Grow the Lillies“, von denen jedoch nur „Down all the days“ mit dem Titel „Ein Fass voll Leben“ ins Deutsche übersetzt wurde. Weiterhin schrieb er die Gedichtbände „Come Softly To My Wake“ und „Background Music“. Die Lebensgeschichte von Christy Brown wurde im Jahre 1989 verfilmt und mehrmals ausgezeichnet (vgl. ebd.).

1.2 Infantile Zerebralparese

Der Begriff infantile Zerebralparese, auch cerebrale Bewegungsstörung genannt, bezeichnet die Folge einer nicht fortschreitenden Störung des Gehirns, die von Beginn der Schwangerschaft bis hin zum zweiten Lebensjahr auftreten kann. Die Störung ist bleibend, aber nicht unveränderbar und kann mittels frühzeitiger Behandlung und therapeutischer Betreuung Verbesserungen zeigen (vgl. STOTZ 1992, 422).

„Je nach Schwere […] der prä-, peri- oder postnatal entstandenen Schädigung kommt es zu unterschiedlichen Erscheinungsbildern. Am häufigsten sind die Störungen der Motorik“ (STOTZ 1992, 442). Da die infantile Zerebralparese die Haltung und willkürliche Bewegungen negativ beeinflusst, kommt es auch in anderen Bereichen zu Entwicklungsstörungen (vgl. FELDKAMP 1996, 13).

Es gibt verschiedene Formen und Ausprägungstypen der infantilen Zerebralparese. Die Spastik, wobei eine erhöhte Muskelspannung vorliegt, die Ataxie, bei der die Spannung der Muskeln erniedrigt ist und die Athetose, die im Folgenden genauer erklärt wird (vgl. STOTZ 1992, 442). Die Athetose „[…] ist eine unwillkürliche und unregelmäßige Schwankung der Muskelspannung mit unkontrollierten und ausfahrenden Bewegungen und einer Störung der Haltungs- und Bewegungskontrolle“ (ebd.). Davon sind ebenfalls die Gesichtsmuskeln und Muskeln der Mundpartie betroffen, diese können somit nicht kontrolliert werden, woraus eine Sprechbehinderung resultiert (vgl. HINUM 1995, 19). Dies tritt häufig im Falle einer Tetraplegie auf, bei der alle Gliedmaßen von der Bewegungsstörung betroffen sind (vgl. BRUNS 2003, 155).

1.3 Handlung

In Christy Browns Roman „Mein linker Fuß“ geht es um den Lebensalltag von Christy Brown bezüglich seiner Wünsche, Ängste und Vorstellungen. Er berichtet von seiner glücklichen Kindheit, depressiven Phasen und hoffnungsgebenden Ereignissen. Der autobiographische Roman ist in 16 Kapitel unterteilt.

Christy Brown beginnt seinen Roman mit dem Kapitel „Der Buchstabe -A-“. Er beschreibt die Zeit in der die ersten Anzeichen seiner Krankheit sichtbar werden. Mit vier Monaten hat er Probleme seinen Kopf gerade zu halten, etwas mit seinen Händen zu greifen und seinen Kiefer zu kontrollieren, weswegen seine Mutter zahlreiche Ärzte aufsucht. Die Diagnosen fallen alle ähnlich aus. Christy Brown sei schwachsinnig und ein hoffnungsloser Fall für den es keine Heilmethoden gäbe. Seine Mutter entscheidet, dass sie sich selbst um Christy kümmern wird, ihn nicht in eine Heimanstalt geben will und ihren Sohn so normal wie möglich aufziehen möchte ohne ihn vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Mit fünf Jahren findet Christy einen Weg mit seinem Umfeld zu kommunizieren indem er mit Kreide den Buchstaben „A“ auf den Küchenfußboden zeichnet.

Das zweite Kapitel „M-U-T-T-E-R“ beschreibt die Lernfortschritte und den Ehrgeiz von Christy. Seine Mutter hilft ihm dabei, die einzelnen Buchstaben zu lernen und sie zu schreiben, indem sie ihm die Buchstaben vorliest und vorschreibt. Christy lernt seinen eigenen Namen zu schreiben. Seine Mutter macht sich Sorgen darüber, wie man Christy eine angemessene Bildung geben könne. In dieser Zeit bringt Christy sich selber ein paar Wörter bei und präsentiert Mrs. Brown stolz das Wort “Mutter“, welches er mit Bleistift auf ein Blatt Papier schreibt.

Seine unbeschwerte Kindheit im Alter von sieben bis acht Jahren schildert Christy Brown im dritten Kapitel „Zu Hause“. Seine Geschwister nehmen ihn zu alltäglichen Aktivitäten mit und integrieren ihn. Auch der Umgang der Nachbarskinder mit Christy ist normal, da sie zusammen aufgewachsen sind und sich an die Behinderung gewöhnt haben. Christy besitzt einen alten Sportwagen, eine Art „Karre“, die es ihm ermöglicht überall teilzuhaben und mitgenommen zu werden. Ebenso beschreibt er sein familiäres Umfeld und die Zeit, die er mit seinen Geschwistern und seinen Eltern zu Hause verbringt. In diesem Kapitel hilft Christy seinem Bruder, der wegen einer Schlägerei in seinem Zimmer eingeschlossen ist. Christy klaut den Schlüssel aus der Schürzentasche seiner Mutter und schiebt ihn unter der Tür hindurch, sodass sein Bruder aus dem Zimmer hinaus kommt und zu seinen Freunden nach draußen gehen kann.

Der Titel des nächsten Kapitels „Henry“ bezieht sich auf den alten Sportwagen, den Christy so getauft hat. Mithilfe von Henry kann Christy mit ins Kino und zum Schwimmen genommen werden. Auf dem Rückweg des Schwimmausfluges klauen Christys Geschwister Äpfel und Birnen von einem Grundstück mit Obstbäumen. Als ein Polizist kommt verstecken sie das Obst unter Christy in der Karre, sodass der Diebstahl nicht auffliegt. Am nächsten Tag gehen die Geschwister und Freunde mit Christy wieder zum Schwimmen. Christy wagt den Versuch selber zu schwimmen und bittet seinen Bruder ihn ins Wasser zu werfen. Ein paar Tage später geht der alte Sportwagen „Henry“ kaputt, sodass Christy nicht mehr von seinen Geschwistern mitgenommen werden kann.

Im fünften Kapitel „Katriona Delahunt“ berichtet Christy von seiner geistigen Verwandlung im Alter von ca. zehn Jahren, nachdem er seine Zeit oft zu Hause verbringen muss. Christy beschäftigt sich in dieser Zeit zum ersten Mal bewusst mit sich selbst und nimmt seine körperliche Behinderung als sehr schlimm wahr. Zusätzlich beginnt er seinen Körper mit denen seiner Geschwister zu vergleichen und entwickelt eine Art Hass gegenüber seinem eigenen Körper. Auch nachdem er einen neuen Krankenstuhl bekommen hat und wieder an den Aktivitäten der anderen teilhaben kann, fühlt er sich im Geiste verändert und empfindet unter der Anwesenheit der anderen Unwohlsein. In dieser Zeitspanne begeistert Christy sich für das Malen und gestaltet zahlreiche Bilder mit einem Tuschkasten und seinem linken Fuß. Als seine Mutter sehr krank ins Krankenhaus eingeliefert wird, macht sie Bekanntschaft mit Katriona Delahunt, die sich sehr für Christy interessiert und ihn zu Hause besucht. Christy freut sich über die Besuche von Katriona Delahunt und schwärmt von ihr.

Welche Bedeutung das Malen von Bildern für Christy hat, bringt er im sechsten Kapitel „Der Künstler“ zum Ausdruck. Christy schaut den Besuchen von Katriona Delahunt voller Vorfreude entgegen und ist aufgeregt ihr seine Bilder zu präsentieren. Durch die Freude, die Katriona Delahunt ausstrahlt wenn sie seine Bilder sieht, fühlt Christy sich nützlich. Daraufhin nimmt Christy an einem Malwettbewerb der lokalen Zeitung teil und wird einige Tage später von einem Reporter besucht, der über Christy berichten möchte. Katriona Delahunt hatte zuvor die Zeitungsagentur informiert, dass das Bild nur mit dem linken Fuß des Jungen gemalt wurde. Christy gewinnt den Malwettbewerb und bekommt die Freude und den Stolz seiner Familie und seines Schwarms zu spüren.

Das siebte Kapitel „Ein mitleidiger Blick“ beinhaltet die Veränderung des Verhältnisses zwischen Christy und seiner Familie und die Bekanntschaft mit seinem neuen Schwarm Jenny. Christy ist dreizehn Jahre alt und malt sehr oft alleine oben im Schlafzimmer, um sich darauf zu konzentrieren. Von seinem Schlafzimmerfenster aus beobachtet er Jenny. Durch einen Zettel, der von Christys Bruder an Jenny überreicht wurde, kommen die beiden in Kontakt und treffen sich öfter im Hinterhof von Christys Elternhaus und betrachten gemeinsam seine gemalten Bilder. Nachdem sie sich eine zeitlang nicht gesehen haben, da Christys älterer Bruder die beiden im Hinterhof erwischt hatte, besucht Jenny Christy noch einmal im Hinterhof und schaut ihn mitleidig an. Dieses Ereignis verändert Christy und er verfällt in eine depressive Phase, da ihm klar geworden ist, dass seine unbeschwerte Kindheit ein Ende hat.

Im achten Kapitel „Gefängnismauern“ vergleicht Christy seinen Lebensalltag mit dem seiner Geschwister und stürzt verstärkt in die Depression. Mit ca. 16 Jahren verliert Christy die Lust und den Glauben an fast allem und beschließt Suizid zu begehen. Er schreibt einen Abschiedsbrief und nimmt sich vor, sich aus dem Fenster seines Schlafzimmers zu stürzen. Doch die Gedanken an seine glückliche Kindheit, seine Familie und Katriona Delahunt halten ihn von seinem Vorhaben ab. Im nächsten Jahr beginnt Christy mit dem Schreiben. Er besorgt sich ein Notizbuch und schreibt seine Gefühle und Gedanken, aber auch ausgedachte Geschichten nieder. Mittlerweile fühlt sich Christy in seiner Familie als Außenseiter und er ist traurig über die Verlobung und Hochzeit seines ersten Schwarms Katriona Delahunt.

Das neunte Kapitel „Lourdes“ beinhaltet die Reise nach Lourdes mit der Hoffnung auf eine Wunderheilung. Christys Mutter sammelt Geld und ermöglicht ihm so an der Reise teilzunehmen. Die Reise dauert eine Woche und Christy erkennt, dass es viele andere Menschen mit Beeinträchtigungen gibt, deren Leid viel größer ist als seines. Nach der Heilzeremonie schöpft Christy neuen Lebensmut.

Im zehnten Kapitel „Mutter baut ein Haus“ wird Christy von dem Arzt Dr. Collis besucht, der eine neue Heilmethode an Christy ausprobieren möchte. Christy stimmt zu, und einmal in der Woche kommt der Arzt Dr. Warnants und behandelt Christy in der Küche. Seine Mutter erkennt die schlechten Bedingungen während der Behandlung und beschließt, ein eigenes Zimmer für Christy zu bauen. Sein Vater und seine Brüder übernehmen die Aufgabe und stellen innerhalb von mehreren Monaten das kleine Haus fertig. Dr. Collis schlägt vor, dass Christy und seine Mutter nach London fliegen, um dort bei seiner Frau Mrs. Collis ein Gutachten aufstellen zu lassen, um den weiteren Verlauf der Behandlung zu klären und herauszufinden, ob die Therapie bei Christy anschlägt.

Das elfte Kapitel „Flugreise“ beinhaltet die Reise nach London um das Gutachten einzuholen. Nach mehreren Untersuchungen in der Londoner Klinik erklärt Mrs. Collis, dass es Chancen gibt Christy zu heilen, unter der Voraussetzung ,dass er nie wieder seinen linken Fuß benutzen darf. Christy stimmt Mrs. Collis zu.

Im zwölften Kapitel „Was hätte sein können, wenn…“ besucht Christy zum ersten Mal die Klinik in welcher er von Dr. Warnants nach dem Gutachten behandelt wird. Christy fühlt sich unwohl, da er mit Abstand der Älteste ist. Er beobachtet die jüngeren Kinder die in seiner Lage sind und empfindet eine Art Mitleid, was er jedoch nicht zum Ausdruck bringt. Als er eines Tages darauf wartet abgeholt zu werden, lernt er Sheila kennen und tritt mit ihr in Briefkontakt.

Den Drang, seine Lebensgeschichte nach außen zu tragen, verspürt er in Kapitel 13 „Die Schreibfeder“. Christy diktiert seinem jüngeren Bruder Eamen die Gedanken die er zum Ausdruck bringen möchte. Er beginnt die ersten Versuche seine Biografie festzuhalten und bittet nach einiger Zeit Dr. Collis, der auch Schriftsteller ist, um Hilfe.

Im 14. Kapitel „Stolz, nicht Mitleid“ geht es um den Wechsel der Klinik aufgrund von Platzmangel. Außerdem wird Christy nicht mehr von Dr. Warnants therapiert, da er eine Stelle im Ausland angenommen hat. Er beschreibt seine eigenen Fortschritte die er in der Klinik macht, aber auch die der anderen Kinder. Christy wird zusätzlich bezüglich seiner Sprachhindernisse behandelt und nimmt Veränderungen seines Sprachverhaltens wahr.

Im nächsten Kapitel „Klischees und Julius Cäsar“ präsentiert Christy Dr. Collis die zweite Fassung seiner Autobiografie, die er mit Hilfe seines Bruders Francis schrieb. Dr. Collis gibt ihm Tipps zur Verbesserung und kritisiert die hohe Anzahl an Klischees die Christy verwendet hat. Er gibt ihm Mut, dass der dritte Versuch gut werden wird. Christy schreibt die dritte Fassung selbstständig mit seinem linken Fuß, den er viele Jahre nicht benutzt hatte. Eine Privatlehrerin unterrichtet Christy, um ihm einen angemessenen Bildungsstand zu gewährleisten.

Im letzten Kapitel „Rote Rosen für sie“ findet eine Benefizveranstaltung zugunsten der Cerebral-Palsy-Clinic statt. Burl Ives singt auf dieser Veranstaltung und Dr. Collis liest das erste Kapitel von Christys Buch vor, während Christy neben ihm auf der Bühne sitzt. Im Anschluss bricht großer Beifall aus und die Blumen, die eigentlich für Dr. Collis bestimmt waren, erhält stattdessen Christys Mutter (vgl. BROWN 1994).

2. Kommunikation

Im Folgenden sollen grundlegende Informationen zum Begriff „Kommunikation“ aufgeführt werden, um eine Basis für die spezifische Thematik „Unterstützte Kommunikation“ aufzubauen. Dazu gilt es, den Begriff zunächst aus verschiedenen Blickwinkeln zu definieren und ihn anschließend, mittels mehrerer Kommunikationsmerkmale und –modelle, weiter auszuführen. Weiterhin wird die Kommunikation in Christy Browns „Mein linker Fuß“ untersucht und zuvor herausgearbeitete wissenschaftliche Aspekte in diesem Bezug aufgegriffen.
Da die Kommunikationswissenschaft, die hier untersucht und definiert wird, in den Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften fällt, werden lediglich humankommunikative Prozesse und Aspekte behandelt (vgl. BURKART 1995, 20).

2.1 Zum Begriff Kommunikation

Der Begriff „Kommunikation“ bedeutet im weiten Sinne „Verbindung“, „Mitteilung“ oder „Austausch“ und leitet sich von dem lateinischen Wort „communicare“ ab, welches übersetzt „gemeinsam machen“ oder „miteinander teilen“ bedeutet. Aufgrund der Tatsache, dass Kommunikation den Alltag eines jeden Menschen prägt und den Charakter der Selbstverständlichkeit trägt, ist es schwer eine allgemeine Definition aufzustellen. Vielmehr definiert sich der Begriff ‚Kommunikation‘ durch mehrere Aspekte (vgl. BECK 2007, 11ff.).

„Wortbedeutung und Alltagsverständnis tragen den Tatsachen Rechnung, dass es sich bei Kommunikation (1) um einen Prozess handelt und (2) mindestens zwei Seiten an der Kommunikation beteiligt sind, denn sonst könnte ja nichts Gemeinsames, keinen Austausch oder ein Miteinander-Teilen geben“ (ebd., 15).

Aufgrund der Bezeichnung „Miteinander-Teilen“ kann Kommunikation nicht als Übermittlung bzw. als Transport von Informationen, Gedanken, Gefühlen oder Aussagen verstanden werden. Der Kommunikationsprozess ist nicht vergleichbar mit dem Transport von Gütern, wobei der Sender die Ware, nachdem er sie zum Empfänger geschickt hat, nicht mehr besitzt. Bei der Kommunikation entsteht etwas Gemeinsames, da der Sender seine Gedanken mit dem Gegenüber teilt und sie anschließend trotzdem noch besitzt. Transport, Austausch und Übermittlung sind nur ein Teil des kommunikativen Prozesses und werden als notwendige aber nicht hinreichende Bedingungen gesehen (vgl. ebd., 16f.). „Wenn wir menschliche Kommunikation richtig verstehen möchten, dann müssen wir also zwischen Übermittlung (Transport, Tausch) und dem Miteinander-Teilen (Vermittlung, Mitteilung) unterscheiden“ (ebd., 16). Dieses Zitat verdeutlicht zwei Komponenten die den kommunikativen Prozess ausmachen und ermöglichen. Beck (2007, 16) wählt das Beispiel der Tageszeitung, wobei der Transport zum Empfänger notwendig, aber noch nicht hinreichend ist, „solange der Käufer nicht zum Leser wird“ (ebd.). Die Informationen werden dem Empfänger erst mitgeteilt, sobald er sie liest. Erst dann findet Kommunikation statt. Ein Nachteil dieses Transport- bzw. Transfermodells liegt darin, dass der Prozess durch fehlende Feedbackmöglichkeiten einseitig ist. Bei mündlicher Kommunikation wird keine Ware transportiert sondern Schallwellen bzw. Radiowellen, wobei deren Übertragung ebenfalls noch keine Kommunikation darstellt, sondern nur als Voraussetzung dafür dient (vgl. ebd., 16 f.). Diese Definitionsansätze Becks orientieren sich am mündlichen bzw. schriftlichen Sprachgebrauch, sei es mit oder ohne materiellen Träger. Hier steht ganz deutlich die Sprache im Fokus der Kommunikation.

Auch BURKART (1995, 405) definiert Kommunikation als wechselseitigen Prozess zwischen mindestens zwei Partnern. „Kommunikation erscheint als ein Prozeß, in dem Menschen mit Hilfe von Symbolen (verbaler und nonverbaler Natur) einander wechselseitig Bedeutungen ins Bewusstsein rufen“ (ebd.). Hier wird der Aspekt der „Verständigung“ hinzugezogen, unter der eine störungsfreie Nachrichtenübertragung verstanden wird (vgl. ebd.).

WATZLAWICK u.a. (2007, 53) betrachten Kommunikation aus einer anderen Perspektive und definieren den Prozess auf einer anderen Ebene. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (ebd.). Mit diesem Zitat wird der Bereich des Verhaltens angerissen. WATZLAWICK u.a. (2007, 51ff.) setzen Kommunikation mit Verhalten gleich und betonen, dass alles was ein Mensch tut, einen kommunikativen Charakter besitzt. Daraus resultiert, dass „[…] das ‚Material‘ jeglicher Kommunikation keineswegs nur Worte sind“ (ebd., 51). Hier stehen also nicht die Gespräche und der Austausch von Wörtern im Fokus, sondern das Handeln und das Verhalten eines jeden Menschen. „Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikation reagieren und kommunizieren damit selbst“ (ebd., 51).

Baacke (1973, 236) greift ebenfalls den Aspekt des kommunikativen Handelns auf und betont diesbezüglich die Notwendigkeit der Kommunikation für den Menschen selbst und dessen Leben in der Gesellschaft. Durch Kommunikation hat das Individuum die Möglichkeit sich auszudrücken, seine Meinung zu vertreten bzw. sie durchzusetzen und somit zu sich selbst zu finden (vgl. 324f.). „Wer in der Kommunikation unfrei ist, der bleibt es auch in seinen Kenntnissen, Meinungen, Erwartungen und Handlungen“ (Baacke 1973, 325).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kommunikation ein komplexer Prozess ist, der sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt und auch unbewusst stattfinden kann. Zudem hat die Kommunikation mit Blick auf Verständigung und Bedürfnisäußerung eine bedeutende Rolle im Bereich der sozialen Gesellschaft, aber auch der Persönlichkeitsentwicklung des Individuums.

2.2 Merkmale und Elemente der Kommunikation

Die menschliche Kommunikation zeichnet sich durch verschiedene Merkmale aus und setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Merkmale des kommunikativen Prozesses sind Profanität, Universalität, Flüchtigkeit, Relationalität und Selbstbezüglichkeit (vgl. Merten 1999, zit. n. Beck 2007, 13ff.). Unter Profanität versteht man die Alltäglichkeit der Kommunikation und, dass jeder Mensch in der Lage ist zu kommunizieren. Kommunikation findet in allen Bereichen des menschlichen Lebens statt und ist somit universal. Die Flüchtigkeit der Kommunikation resultiert daraus, dass ein Prozess stattfindet, der „nicht unbedingt ein „Endprodukt“ hinterlässt, […]“ (Beck 2007, 13). Der Begriff der Metakommunikation findet sich in dem Merkmal „Selbstbezüglichkeit“ wieder und beschreibt den Vorgang des Kommunizierens über Kommunikation, wie es in der Kommunikationswissenschaft der Fall ist. Unter Relationalität der Kommunikation versteht man die komplexe Verbindung mehrerer Elemente. Diese Kommunikationscharakteristika erschweren zusätzlich das deutliche Definieren des komplexen Begriffs (vgl. ebd., 13ff.).

Wie zuvor in der Begriffserklärung verdeutlicht, wird Kommunikation durch Vermittlung und Transport von Informationen, Gedanken oder Gefühlen, sowie das Verhalten und die Handlung des Menschen definiert. Nun wird geklärt, welche Elemente an der Vermittlung und kommunikativen Handlung beteiligt sind.

Die interpersonale Kommunikation, also Face-to-Face Situation, lässt sich in verbal, nonverbal und paraverbal unterteilen. Die verbale Kommunikation beinhaltet die gesprochene Botschaft in Form von Wörtern. Bei der direkten Kommunikation mit mindestens einem Kommunikationspartner sind nonverbale und paraverbale Aspekte der Sprache an die mündliche Botschaft gebunden und werden vom Gegenüber wahrgenommen und analysiert. Dies wird als Zeichenprozess bezeichnet und der Zuhörer deutet nonverbale Signale, wie zum Beispiel Mimik, Gestik, Augenkontakt und Körperhaltung des Sprechers. Unter die paraverbalen Zeichen fallen zum Beispiel Sprechtempo, Stimmhöhe, Stimmlautstärke und Sprechpausen. Diese stehen, im Gegensatz zu den nonverbalen Zeichen, unmittelbar mit der gesprochenen Botschaft in Verbindung. Das zentrale Element ‚Sprache‘ zählt zu den natürlichen Kommunikationsmitteln, während geschriebene Zeichen, Printmedien und telefonische Übertragung die technischen Kommunikationsmittel darstellen (vgl. Beck 2007, 38ff.).

WILKEN (2010, 4) versteht unter den basalen Elementen der Kommunikation neben Mimik, Gestik und Blickverhalten, auch sensorische Fähigkeiten wie „Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen, aber auch kinästhetische, propiozeptive [sic!] und vestibuläre Wahrnehmung“ (ebd.). Kinästhetisch bedeutet die Wahrnehmung über Körperbewegungen, propriozeptiv meint die Wahrnehmung aus dem Körperinneren heraus, auch Tiefensensibilität genannt (vgl. DUDEN). Vestibulär bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gleichgewichtswahrnehmung (vgl. ebd.).

Des Weiteren zeichnet sich die Kommunikation durch abwechselndes Handeln der Kommunikationspartner aus, bei dem durch nonverbale Mittel Einfluss geübt werden kann. Dieses wechselseitige Handeln in Interaktionssituationen wird als ‚turn-taking‘ bzw. Sprecherwechsel bezeichnet (vgl. WILKEN 2010, 5). „[…] Das Einhalten von alters- und kulturtypischem Kommunikationsabstand (Proxemik) […]“ (ebd.), beschreibt Wilken als soziale Kompetenz und sieht dies ebenfalls als grundlegendes Element von Kommunikation an.

2.3 Kommunikationsmodelle

Um einen Überblick zu geben und die zuvor aufgeführten Grundlagen und Definitionsansätze zu vertiefen, werden in diesem Teilkapitel mehrere Kommunikationsmodelle beschrieben.

Das einfachste Kommunikationsmodell stellt das klassische Sender-Empfänger-Modell dar, welches 1949 von den Nachrichtentechnikern Shannon und Weaver begründet wurde. Voraussetzungen für die Kommunikation sind das Vorhandensein eines Senders, eines Codierers (Sendegerät), eines Kommunikationsweges (Kanal), eines Decodierers (Empfangsgerät) und eines Empfängers. Zwischen diesen Aspekten befindet sich die Geräusch- oder Störquelle, welche sich auf den Prozess auswirken kann (vgl. TRAUT-MATTAUSCH/ FREY 2006, 536). „Damit ist der Umstand gemeint, daß im Zuge des Nachrichtenübertragungsprozesses dem Signal bestimmte Dinge hinzugefügt werden, die von der Nachrichtenquelle nicht beabsichtigt waren“ (BURKART 1995, 399). Dazu zählen zum Beispiel Tonverzerrungen bei technischer Übertragung oder störender Lärm. In diesem Zusammenhang entsteht der Kodierungsprozess, welcher die Umwandlung der Nachricht in Signale beinhaltet. Dabei werden die Nachrichten vom Sender verschlüsselt und vom Empfänger entschlüsselt (vgl. ebd., 400f.). Wenn der Empfänger auf die Nachricht des Senders reagiert, „[…] spricht man von Feedback, wobei die Rückmeldung nicht über denselben Kanal erfolgen muss“ (TRAUT-MATTAUSCH/ FREY 2006, 537). Verschiedene Kanäle können zum Beispiel Mimik, Gestik, Stimme und Körperbewegungen sein (vgl. KNAPP/ HALL 1997, 6).

Im Jahre 1934 entwickelt Karl Bühler das Organon-Modell, welches die Sprache bzw. das Zeichen als zentrales Werkzeug versteht (vgl. WAGNER 1999, 22). Das Zeichen oder Sprachzeichen (Z) steht im Zentrum des kommunikativen Prozesses und verbindet die beteiligten Elemente: Sender, Empfänger und Gegenstand bzw. Sachverhalt. Das Sprachzeichen kann in Form einer verbalen oder nonverbalen Äußerung vorliegen und weist drei verschiedene Funktionen auf, die den kommunikativen Prozess prägen: Ausdruck, Appell und Darstellung. (vgl. BÜHLER 1934, 28f.)

Meist sind Sachverhalte Auslöser für eine sprachliche Äußerung. Der Sprecher vermittelt seine momentane Stimmung und übt einen appellierenden Einfluss auf den Empfänger aus (vgl. WAGNER 1999, 22f.). „ Sprachliche Zeichen sind gleichzeitig Symbol für Gegenstände und Sachverhalte; Symptom für den Zustand der sprechenden Person und Signal für die angesprochene Person“ (ebd., 23). Karl Bühlers Organon-Modell beschreibt also die drei Grundfunktionen der Sprache und Kommunikation (vgl. ebd. 22f.).

Um die in Kapitel 2.1 aufgeführten Aussagen bezüglich des kommunikativen Handelns zu vertiefen, werden im Folgenden die fünf Axiome der Kommunikation nach Watzlawick beschrieben. Das erste Axiom lautet: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (WATZLAWICK u.a. 2007, 50) und beinhaltet, dass wie zuvor schon aufgegriffen, jedes Handeln, unter Einbezug von Gestik, Mimik und Körperbewegungen, Kommunikationscharakter besitzt. Auch wenn ein Mensch auf eine Äußerung nicht reagiert, teilt er mit diesem Verhalten trotzdem etwas mit (vgl. ebd., 50f.). Das zweite Axiom stellt den Inhalts- und Beziehungsaspekt des Kommunikationsprozesses in den Fokus. „Der Inhaltsaspekt enthält die Sachinformation, der Beziehungsaspekt weist darauf hin, wie die Information aufzufassen ist“ (TRAUT-MATTAUSCH / FREY 2006, 538f.). Ausschlaggebend ist dabei das Verhältnis von Sender und Empfänger (vgl. ebd., 539). Der dritte Grundsatz nach Watzlawick lautet: „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt“ (WATZLAWICK u.a. 2007, 61). Dies beinhaltet den Prozess des Reiz-Reaktions-Musters, der sich dadurch auszeichnet, dass die Kommunikation aus einer Ursache und entsprechender Wirkung besteht (vgl. ebd., 55f.). Daran anknüpfend werden mit dem vierten Axiom zwei Darstellungsweisen von Objekten aufgegriffen. „Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten“ (vgl. ebd., 68). Vereinfacht gesagt stellen die digitalen Modalitäten die verbalen Aspekte dar, während die analogen Modalitäten die nonverbalen Aspekte der Kommunikation zeigen (vgl. WAGNER 1999, 28). Mit dem letzten Grundsatz beschreibt WATZLAWICK (2007, 86ff.), dass Kommunikationsabläufe symmetrisch oder komplementär sein können. Bei der symmetrischen Kommunikation befinden sich die Partner auf gleicher Ebene, während bei der komplementären Kommunikation eine Art Hierarchie besteht, bei der ein schwächerer und ein stärkerer Gesprächspartner existieren (vgl. ebd.).

In Anlehnung an das Organon- Modell von Bühler und an die Aussagen Watzlawicks in Bezug auf das kommunikative Handeln, entwirft Schulz von Thun (1998) das Kommunikationsquadrat, auch bekannt als Vier-Ohren-Modell. Dieses beinhaltet, dass jede Äußerung vier Botschaften mit sich trägt und vom Empfänger mit „Vier Ohren“ aufgenommen wird (vgl. TRAUT-MATTAUSCH/ FREY, 539f.).

Die Sachebene vermittelt die Information und die Fakten. Die Selbstkundgabe beschreibt die Tatsache, dass der Mensch mit jeder Äußerung automatisch Informationen über sich preisgibt. Tonfall, Mimik und die Art der Formulierung fallen unter die Ebene der Beziehung und geben Informationen darüber, wie der Sprecher zu seinem Gesprächspartner steht. Weiterhin enthält die sprachliche Äußerung einen Appell, der auf den Empfänger Einfluss nehmen soll (vgl. ebd., 540). Aufgrund von Gewohnheiten, die ein Empfänger bei der Interpretation der Nachricht ausbilden kann, besteht die Gefahr von Kommunikationsstörungen und Konflikten. Hierbei ist die Rede vom übergroßen Sach-, Beziehungs-, Selbstoffenbarungs- oder Appellohr, welches das Fokussieren auf eine der vier Ebenen impliziert (vgl. ebd., 541).

2.4 Kommunikation innerhalb des Umfeldes von Christy Brown

In Christy Browns Autobiografie „Mein linker Fuß“ lassen sich an mehreren Punkten einige der in Kapitel 1 herausgearbeiteten Merkmale und Elemente erkennen. Die Kommunikation innerhalb der Familie zeichnet sich durch Profanität aus. Dies ist daran erkennbar, dass jedes Familienmitglied die Kommunikationsweise von Christy, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher analysiert wird, akzeptiert und als alltäglich hinnimmt. Vor allem seine Mutter behandelt ihn von Beginn an ganz normal und redet mit ihm und nicht, während seiner Anwesenheit, über ihn. Das Verhalten der Mutter hat einen kommunikativen Charakter und eine große Bedeutung für Christy, da sie ihm durch ihr Handeln und ihre Einstellung Hoffnung und Sicherheit gibt. Im Gegensatz zu mehreren Verwandten, die ihn als „Idioten“ bezeichnen, glaubt seine Mutter an die geistige Gesundheit von Christy. Die Art der Kommunikation mit ihrem gelähmten Sohn ist die Basis für seine Entwicklung und Förderung im körperlichen sowie im geistigen Kontext (vgl. BROWN 1994). „Und das ist der Grund, weshalb ihr Verhalten von Erfolg gekrönt wurde“ (ebd., 14).

Auch wenn Christy sich zunächst nicht durch die mündliche Sprache ausdrücken kann, ist es ihm dennoch möglich sich seiner Familie und seinen Freunden mitteilen. Da er dazu jedoch erst seit seinem fünften Lebensjahr befähigt ist, hatten seine Eltern und seine Geschwister oft Probleme seine Signale zu verstehen und eine Handlung dahinter zu sehen. Als seine Mutter ihn fragt, ob das Bilderbuch ihm gefallen hat, kann sich Christy nicht mit einem „Nicken“ ausdrücken, sondern durch eine andere Handlung, welche von der Mutter jedoch nicht verstanden wird und sie weinend den Raum verlässt. „Hoffnungsvoll war ihr Gesicht über das meine gebeugt. Plötzlich griff meine absonderliche Hand unwillkürlich nach oben und erfaßte eine der dunklen Locken, die in dichtem Gewirr in ihren Nacken fielen“ (ebd., 16). Dies verdeutlicht, dass viele Bewegungen bei Menschen mit Zerebralparese unwillkürlich sind und sie nicht so reagieren können wie sie es möchten.

Christy spricht in seinem Roman von einer glücklichen Kindheit, was hauptsächlich damit zusammenhängt, dass seine Geschwister sowie seine Freunde ihn wie ein normales Kind behandeln und ihn aufgrund seiner cerebralen Bewegungsstörung nicht ausschließen oder vernachlässigen. Sie finden einen Weg, sich mit Christy zu verständigen. Er sieht sich als einer von ihnen an und zieht zu dieser Zeit keine Vergleiche zwischen sich und den gesunden Kindern. Er entwickelt mehrere Methoden der Kommunikation, unter anderem eine Art Sprache die einem „Grunzen“ gleicht und es gelingt ihm, sich auf diese Weise einigermaßen verständlich zu machen (vgl. ebd.).

Die Tatsache, dass Christy sich in manchen Lebensphasen aufgrund seiner eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten eingeengt bzw. eingesperrt fühlt, spiegelt sich in der Aussage „Wer in der Kommunikation unfrei ist, bleibt es auch in seinen Kenntnissen, Meinungen und Handlungen“ (BAACKE 1973, 325), wider. Dies beinhaltet auch die Bedeutung die Kommunikation, zu sich selbst zu finden, eigene Meinungen auszudrücken und durchzusetzen, um das eigene Wohlbefinden zu gewährleisten (vgl. BURKART 1995, 444ff.).

Christys Kommunikationsfähigkeit kann an einem Anwendungsbeispiel in Bezug auf das Vier-Seiten-Modell von Schulz von Thun verdeutlicht werden. Als Katriona Delahunt Christy von ihrer Verlobung erzählt und ihm ihren Ring zeigt, wendet er rasch den Kopf zur Seite und äußert sich sprachlich nicht dazu. Durch diese Handlung macht er deutlich, dass er den Ring nicht sehen möchte, was der Sachebene entspricht. Weiterhin äußert er auf der Seite der Selbstoffenbarung, dass er eifersüchtig ist und appelliert, dass sie nicht heiraten soll. Auf der Beziehungsebene gibt er durch das Wegdrehen des Kopfes zu verstehen, dass er sie sehr mag und traurig über die Verlobung ist. Zusätzlich wird die Aussage Watzlawicks, dass jedes Handeln Mitteilungscharakter besitzt, durch dieses Situationsbeispiel belegt. Weiterhin wird deutlich, dass neben den verbalen Signalen auch nonverbale und paraverbale Signale, sowie deren Interpretation, wichtige Elemente des Kommunikationsprozesses sind (vgl. BROWN 1994; WATZLAWICK u.a. 2007; TRAUT-MATTAUSCH/ FREY 2006).

2.5 Zwischenfazit

In Anlehnung an die wissenschaftlichen Grundlagen stellt sich nach diesem Kapitel die Frage: Was muss ein Mensch können, um zu kommunizieren? In Anbetracht der Tatsache, dass sich Christy durch eine nonverbale Handlung auf vier Ebenen einer Nachricht ausdrücken kann, wird in diesem Kapitel der erste wichtige Aspekt sichtbar: Grundlegend braucht ein Mensch keine lautsprachlichen Fähigkeiten, um mit anderen Menschen zu kommunizieren. In welchem Maß die Kommunikation dadurch eingeschränkt ist und in welchen Situationen Schwierigkeiten oder Nachteile entstehen, ist eine andere Frage und wird im Verlauf dieser Arbeit behandelt.

3. Sprach- und Kommunikationsentwicklung

Das dritte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung der Kommunikation und Sprache unter normalen und erschwerten Bedingungen. Dabei werden die verschiedenen Entwicklungsstufen beschrieben und anhand von Beispielen verdeutlicht. Zudem wird ein Beobachtungsverfahren vorgestellt, mit dem die entsprechende Entwicklungsstufe ermittelt werden kann. Die Entwicklung unter erschwerten Bedingungen soll durch auftretende Störungen der Sprach- und Kommunikationsentwicklung von Menschen mit Behinderung dargestellt werden. Dabei ist zu sagen, dass sich die aufgezeigten Störungen vorrangig auf Menschen mit körperlicher Behinderung und Sprachschwierigkeiten, wie zum Beispiel bei einer Zerebralparese, beziehen. Außerdem soll dieses Kapitel Aufschluss über verschiedene Sprach- und Sprechstörungen geben und Abgrenzungen diesbezüglich darstellen. Abschließend werden die Störungen der Kommunikationsentwicklung auf Christy Brown bezogen und Parallelen beschrieben.

3.1 Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen ohne Behinderung

Die Verständigung eines Kindes mit der Außenwelt beginnt mit dem ersten Schreien nach der Geburt. Somit ist das Kind von Geburt an ein aktiver Interaktionspartner (vgl. KANE 2010, 11). „Doch in den ersten Lebenstagen teilt sich ein Kind nicht nur stimmlich mit, sondern auch durch Körpersignale, wie Anspannung und Entspannung, Ruhe oder Unruhe, Hin- oder Wegschauen, und Eltern verstehen diese Signale“ (ebd., 11f.).

Kinder erlernen kommunikative Kompetenzen in einer bestimmten Abfolge und durchlaufen verschiedene Stufen. Diese sind jedoch nicht klar voneinander getrennt, sondern überschneiden sich teilweise bzw. bauen aufeinander auf. Bei vorsprachlicher Kommunikationsentwicklung durchläuft das Kind fünf Entwicklungsstufen. Die erste Stufe zeichnet sich durch das ungezielte Verhalten aus. Der Säugling bringt durch ungezielte Verhaltensweisen seine Befindlichkeit zum Ausdruck, worauf die Eltern intuitiv reagieren. Zu dem ungezielten Verhalten zählen neben dem Schreien auch sensiblere Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Körperspannung und Mimik. Die zweite Entwicklungsstufe beinhaltet das gezielte Verhalten. In dieser Stufe handelt das Kind intentional und weiß um seine Interessen und Handlungsziele. Das Kind kann das Verhalten von Personen im eigenen Umfeld beeinflussen, ist sich dessen aber nicht bewusst. Ihr Verhalten bezieht sich in direkter Weise auf Gegenstände oder Personen (vgl. KANE 1992, 303-306). „Seine Aufmerksamkeit ist dabei ausschließlich auf das Ziel gerichtet, sei dies ein Gegenstand oder eine Person, es kann seine Aufmerksamkeit noch nicht zwischen zwei Zielen (Spielzeug und Person) teilen“ (KANE 2010, 16). Kommunikative Aktivitäten, wie zum Beispiel Augenkontakt mit dem Interaktionspartner und das Warten auf dessen Reaktion, sind in dieser Entwicklungsstufe noch nicht gegeben. Die nächste Entwicklungsstufe umfasst partnerbezogene Äußerungen und gilt als entscheidend in der Kommunikationsentwicklung und als Beginn des gezielten Kommunizierens (vgl. BATES 1979, zit. n. KANE 2010, 16). Durch unkonventionelle Kommunikationswege, wie zum Beispiel durch Ausstrecken des Arms in Richtung des Gegenstands in Kombination mit einem Blickwechsel zwischen Person und Gegenstand, kommuniziert das Kind intentional. Dadurch bezieht es Personen im näheren Umfeld mit ein, die beim Erreichen des Ziels Hilfe und Unterstützung geben können. Die konventionellen Äußerungen bilden die vierte Entwicklungsstufe des Modells. Hier zeigen Kinder erstmals Verhaltensweisen die auf Konventionen beruhen. Die Verhaltensweisen und Gesten sind abhängig von der jeweiligen Kultur. (vgl. KANE 2010, 16)

„Ein Kind zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ein interessantes Ereignis oder auf etwas, das es haben möchte, nickt bei Zustimmung oder äußert „ee“, um zu protestieren“ (ebd.).

Die letzte Stufe der frühkindlichen Kommunikationsentwicklung ist die symbolische Kommunikation. Diese beinhaltet hauptsächlich den Einsatz der gesprochenen Sprache. Kinder ohne Behinderung äußern in dieser Stufe die ersten gesprochenen Wörter, welche als Symbol für Dinge Handlungen oder Ereignisse stehen (vgl. ebd.).

Die parallel laufende Entwicklung der Sprache wird durch innere und äußere Faktoren beeinflusst. Das heißt, der Prozess zeichnet sich auf der einen Seite durch eine angeborene Sprachkompetenz aus und auf der anderen Seite durch die Interaktion mit der Umwelt. Der Zeitraum vom 9. bis zum 36. Lebensmonat gilt als bedeutender Abschnitt der Sprachentwicklung. Die präverbale Sprachentwicklung beginnt ab der Geburt und zeichnet sich durch Saugreflexe, erstes Plappern, den triangulären Blick mit Lautäußerung und verlängerten Ausatmungsphasen, die der Phonation dienen, aus. Zudem entwickeln sich in dieser Phase willkürliche Schluck- und Beißbewegungen, erste Lippenverschlusslaute wie „m“ und „b“ und Silbenverdopplungen wie „ma-ma“ oder „ba-ba“. Abgeschlossen wird die präverbale Sprachentwicklung mit der Nachahmung einfacher Lautmuster und mit dem Bilden von Einwortsätzen (vgl. BOENISCH 2009, 35f.).

Die verbale Sprachentwicklung beginnt ca. mit dem ersten Lebensjahr und endet ca. mit dem fünften Lebensjahr. Anfangs entwickeln sich eine Intonation für Fragen, Zweiwortsätze und erste Pluralbildungen. Im weiteren Verlauf der Phase entsteht ein größer werdendes Repertoire an Lauten und Wörtern und die Kinder sind in der Lage Drei- oder Mehrwortsätze zu bilden. Zudem kommt es im dritten bzw. vierten Lebensjahr zur Bildung von Haupt- und Nebensätzen und die Aussprache der Wörter verbessert sich. Ab dem fünften Lebensjahr sind Kinder dazu befähigt, komplexe Satzgebilde zu erstellen und sie entwickeln eine Vorstellung der verschiedenen Zeitformen. Außerdem werden sie in diesem Zeitraum sicherer im Gebrauch von Präpositionen und beim Artikulieren der Wörter. Die grammatischen Strukturen werden von den Kindern problemlos eingesetzt. Der Spracherwerb ist in dieser Hinsicht abgeschlossen (vgl. ebd., 38).

KANE (2010, 19) erläutert mit Verweis auf Piaget, dass die intellektuelle Entwicklung mit der Sprach- und Kommunikationsentwicklung zusammenhängt. Der Erwerb von Fähigkeiten resultiert aus dem „ Zusammenspiel von Wahrnehmung und eigenem Handeln “ (ebd.). Dieser Erwerb eröffnet die Möglichkeit, gezielt und funktionierend mit der Umwelt zu kommunizieren und umzugehen (vgl. ebd.).

3.2 Beobachtungsverfahren nach Rotter, Kane und Gallé

In Bezug auf die zuvor erläuterte Kommunikationsentwicklung kann durch eine Verhaltensbeobachtung festgestellt werden, in welcher Kommunikationsstufe sich das Kind befindet. Dieses Verfahren wurde von Rotter, Kane und Gallé (1992) entwickelt.

Hierbei werden die Kinder in kommunikationsauslösende Situationen gebracht, die sich auf die drei Grundfunktionen Fordern, Kommentieren und Protestieren beziehen, welche in der frühen Kindheit im Fokus der Kommunikation stehen (vgl. KANE 2010, 11f.). Das fordernde Verhalten kann durch einen beliebten Gegenstand ausgelöst werden, den das Kind nur mithilfe eines Erwachsenen erreichen kann (vgl. ebd., 12). Durch sein Verhalten drückt das Kind seine Wünsche aus. Weiterhin wird dieses Verhalten durch Gegenstände hervorgerufen, deren Benutzung nur durch Unterstützung eines Erwachsenen möglich ist. Das Kind möchte diese Erlebnisse mit anderen teilen und drückt dies durch Laute, Blickwechsel oder grobes Zeigen aus. Ein Protest entsteht durch das Anbieten unbeliebter Aktivitäten. Die jeweilige Reaktion gibt Aufschluss darüber, durch welche Verhaltensweisen Abneigung und Unbehagen geäußert werden. Zudem wird die Kompetenz des gezielten Verneinens stimuliert (vgl. ebd., 13). Es müssen mehrere Aspekte beachtet werden um eine Verhaltensbeobachtung durchführen zu können. Von großer Bedeutung ist, dass eine Bezugsperson anwesend ist, um einen Vergleich zu alltäglichem Verhalten zu ermöglichen und per Videoaufnahme abweichende Verhaltensweisen zu erkennen. Zusätzlich wird das Kind durch die Bezugsperson emotional unterstützt. Erfahrungen haben gezeigt, dass die Beobachtungssituation ausschließlich mit den benötigten Gegenständen stattfinden soll und sitzend an einem Tisch optimal ist. Weiterhin muss darauf geachtet werden, dass die Untersuchungseinheiten nicht zu lang sind, um Müdigkeit und Verwirrung zu vermeiden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Erwecken bzw. Erhalten der Motivation des Kindes (vgl. ebd.). „Die Vorgabe der Situationen ist nicht standardisiert. Ziel ist es, möglichst vielfältige Reaktionen auszulösen“ (ebd.). Dies kann durch überlegte Auswahl der Gegenstände bezüglich des Interesses des Kindes gewährleistet werden. Um viele Verhaltensweisen zu beobachten, sollten die Situationen mit verschiedenen Testmaterialien wiederholt werden. An diese Grundregeln der Verhaltensbeobachtung lehnen sich separate Regeln für die Beobachtung der Kommunikation an. Das Kind wird in seinem Verhalten und Handeln akzeptiert (vgl. ebd.). Um den Ausdruck der Verhaltensweise zu verstärken können „gezielte ‚Missverständnisse‘“ (ebd., 14) eingesetzt werden. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass keine emotionale Belastung entsteht (vgl. ebd.). Zusammenfassend wird gesagt, dass das Stufenmodell nicht grundlegend dazu dient die Kinder in verschiedene Stufen einzuordnen, sondern die Vielfalt der nicht sprachlichen Äußerungen darzustellen und häufig benutzte Kommunikationskanäle herauszufiltern, um eine bestmögliche Förderung zu erreichen (vgl. ebd., 18).

3.3 Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen mit Behinderung

Durch die körperlichen und sprachlichen Einschränkungen können behinderte Kinder die Stufen der Kommunikationsentwicklung nicht problemlos durchlaufen und weisen diesbezüglich Störungen in einigen Bereichen auf. Die Signale, die ein gesundes Kind nach der Geburt in der Stufe des ungezielten Verhaltens sendet, werden wie zuvor beschrieben, von den Eltern instinktiv verstanden. Bei behinderten Kindern sind diese Verhaltensweisen sehr uneindeutig und können von Bezugspersonen missverstanden werden (vgl. KRISTEN 2002, 36f.). Die Eltern passen ihre Verhaltensweisen, zum Beispiel durch langsames Sprechen, dem Entwicklungsstand des Kindes an (vgl. ebd., 34). Da das Kind durch die Behinderung jedoch weniger Rückmeldung geben kann, erhält es von den Eltern auch weniger Entwicklungsanreize (vgl. MAURER 1993, zit. n. KRISTEN 2002, 37).

In der zweiten und dritten Entwicklungsstufe sammeln Kinder wichtige Erfahrungen mit verschiedenen Gegenständen und erkunden ihre Funktion. Diese Exploration und Manipulation der Umwelt ist bei Kindern mit körperlicher Behinderung aufgrund enorm eingeschränkter Motorik erschwert. Daher machen Kinder mit Behinderung seltener Erfahrungen mit Dingen aus deren Umfeld und sind unerfahren in ihrem Umgang. Da behinderte Kinder oft Rückschläge in der Interaktion mit anderen Personen erleben und im Gegensatz zu gesunden Kindern keine Erfolge in der Beeinflussung und Manipulation ihrer Umwelt erfahren, verlieren sie oft die Motivation zu kommunizieren und entwickeln Ängste oder auch Aggressionen (vgl. KRISTEN 2002, 35ff.).

„Wir können uns weiter vorstellen, daß diese Kinder in geringerem Umfang die Erfahrungen von Sicherheit, Kontakt und Wertschätzung machen“ (ebd., 37f.). Nicht-sprechende Menschen sind in ihren Handlungs- und Mitteilungsmöglichkeiten eingeschränkt, da wichtige Elemente der Kommunikation durch die Behinderung nicht eingesetzt werden können. Die zentralen unkonventionellen Mittel der dritten Entwicklungsstufe, Blickkontakt und Gestik, können von einem behinderten Kind unter Umständen nicht gezielt gesteuert und somit nicht eingesetzt werden (vgl. ebd., 36). Auch die letzte Stufe der Kommunikationsentwicklung, in der die gesprochene Sprache erstmals zum Einsatz kommt, wird von beeinträchtigten Kindern nur erschwert erreicht, da die Muskulatur im orofazialen Bereich, also im Bereich des Mundes, nicht bewusst kontrolliert werden kann und sie „[…] oft auch nur über ein geringes Repertoire an Silben oder Lauten […]“ (ebd.) verfügen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Menschen, die aufgrund einer Behinderung nicht sprechen können und motorisch stark eingeschränkt sind, reduzierte Erfahrungen in folgenden Bereichen haben: Verstandenwerden, Umweltbeeinflussung, Lebensgestaltung, Selbstdarstellung. Dies verdeutlicht, dass Störungen die in der frühkindlichen und auch vorsprachlichen Entwicklung vorkommen, Auswirkungen auf das spätere Leben und den geistigen Zustand einer körperbehinderten Person haben (vgl. ebd., 37). Die „Kommunikationsstörungen der Eltern-Kind-Beziehung und die Erschwernisse im Kontakt mit der außerfamiliären Umwelt beeinflussen möglicherweise die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes […]“ (BRAUN 1994, 39).

Die Sprachentwicklung findet laut BOENISCH (2009, 29) in Verbindung mit der Entwicklung von Sensorik, Kognition, Motorik und Emotion statt. Die Entwicklung der sprachlichen Kompetenzen ist eingebettet in die Wahrnehmungsbereiche taktil, visuell, auditiv und gustatorisch (vgl. ebd.). „Gegenstände werden im ersten Lebensjahr erst gefühlt, geschmeckt, gesehen und gehört, bevor sie später auch sprachlich ausgedrückt werden können“ (ebd.). Kinder mit einer körperlichen Behinderung weisen Störungen der Sprachentwicklung auf, da die zuvor beschriebenen Wahrnehmungsbereiche, die auch zum Spracherwerb beitragen, nicht oder nur erschwert erlebt werden können. Durch die motorische Einschränkung ist es schwer einen aktiven Wortschatz aufzubauen und sprachlich mit der Umwelt zu interagieren. (vgl. RICHTER u.a. 2001, 31)

„Das ständige Zusammenspiel dieser motorischen und sensorischen Abläufe mit der sprachlichen Interaktion zwischen Kind und Eltern (bzw. sozialer Umwelt) prägt die frühkindliche Sprachentwicklung“ (BOENISCH 2009, 30). Aufgrund des geringen und erschwerten Sprachgebrauchs haben körperbehinderte Kinder folglich weniger Kenntnis in Bereichen wie Semantik, Pragmatik und Syntax. Aufgrund des geringen Repertoires an Wörtern, treten Schwierigkeiten im Grammatikerwerb auf. Die These, dass der Spracherwerb mit sensomotorischen Wahrnehmungsbereichen verknüpft ist, wird durch die Tatsache gestützt, dass auch körperbehinderte Kinder ohne Behinderung der Sprechmotorik in der sprachlichen Entwicklung zurückliegen (vgl. ebd., 33).

[...]

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützten Kommunikation bei konkreten Beeinträchtigungen
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
62
Katalognummer
V430901
ISBN (eBook)
9783668751941
ISBN (Buch)
9783668751958
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterstützte Kommunikation, Kommunikation, Kommunikationsentwicklung, Kommunikationsformen, Elektronische Hilfsmittel, Christy Brown
Arbeit zitieren
Annika Strobel (Autor), 2016, Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützten Kommunikation bei konkreten Beeinträchtigungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430901

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