Die Aufladung der Hysterie als Bedeutungsepidemie


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Die vielfältige Verwendung des Begriffes der Hysterie

2. Die Geschichte der Hysterie
2.1 Von der Antike bis in die Renaissance – Von einer göttlichen Strafe zur Selbstverantwortung
2.2 Die Epoche der Aufklärung
2.3 Das 18. Jahrhundert – Neue moralische Ansichten
2.4 Das 19. und 20. Jahrhundert – Hysterie als Massenepidemie

3. Im Wandel der Zeit – Hysterie als epidemische Metapher

4. Ansteckende Krankheit? Die Virulenz psychologischer Erkrankungen wie die der Hysterie

5. Metaphern der modernen Hysterie im Film am Beispiel von The Uninvited

6. Fazit – Das Überleben der Hysterie als Metapher

7. Literatur- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung – Die vielfältige Verwendung des Begriffes der Hysterie

Während im 19. und 20. Jahrhundert mit „hysterisch“ noch ein kranker Patient – meist weiblich[1] – bezeichnet wurde, findet der Begriff in der heutigen Zeit seine Verwendung auch außerhalb des medizinischen Gebrauchs; laut Duden etwa als Synonym zu „aufbrausend“ oder „reizbar“.[2] Was damals als durchaus ernste Diagnose aufgenommen wurde, ist heute kaum mehr ein Grund zur Beunruhigung. Zwar kennzeichnet sich die Geschichte der Hysterie schon immer durch einen vorwiegend diffusen, weit verbreiteten, und inflationären Einsatz dieses Terminus, dennoch erfuhr er einen Bedeutungswandel im Laufe der Zeit. Im Duden findet man neben der derzeitigen Bedeutung auch die frühere:

1. (Medizin veraltet) abnorme Verhaltensweise mit vielfachen physischen und psychischen Symptomen ohne klar umschriebenes Krankheitsbild
2. (abwertend) [allgemeine] nervöse Aufgeregtheit, Erregtheit, Erregung, Überspanntheit[3]

Der Eintrag lässt schon vermuten, dass es nicht einfach ist, ein klares Bild dessen zu zeichnen, was die Ärzte und Menschen noch bis zum 21. Jahrhundert unter Hysterie verstanden.

Diese Arbeit verfolgt das Ziel aufzuzeigen, wie es zu einer sozialen und medialen Aufladung der Hysterie mit Bedeutungen kam, die der Krankheit anfangs nicht innewohnten. Sie untersucht deren systematische Konstruktion und beleuchtet den öffentlichen Diskurs und die allgemein vorherrschende Meinung. Dabei muss stets eine Antwort auf die Frage gesucht werden, worin die besondere Anfälligkeit der Hysterie besteht, sie als Metapher zu verstehen. Die Beschäftigung mit der Hysterie im 19. und 20. Jahrhundert offenbart sich weniger als rationale Untersuchung einer Krankheit als vielmehr als Austragungsort von gesellschaftlichen Abhandlungen, die weit über die einer Krankheit anhaftenden Symptome hinausgehen. Die Diagnose Hysterie erwies sich allzu oft als willkommene Begründung für die Eigenarten und die psychische wie auch physische Minderwertigkeit der Frau und erfüllte somit jedwede Voraussetzungen für eine epidemische Verbreitung.

Um eine ausreichende Einsicht in das Thema zu erlangen, muss zunächst ein Blick auf die Genese und Weiterentwicklung des Begriffes geworfen werden. Ausgehend von der Antike, in der die Hysterie ihren Ursprung hat, werden die einzelnen Epochen und Strömungen mit ihren führenden Ärzten und Theoretikern betrachtet, um im weiteren Verlauf schließlich auf den Wandel des Begriffes einzugehen. Ende des 20. Jahrhunderts schien die Hysterie von der Bildfläche verschwunden zu sein: Nach Elaine Showalter findet sie sich aber noch heute. Sie führt aus, welche hysterischen Epidemien es in der heutigen Zeit gibt und was sie ausmacht. Susan Sontags Thesen werden beleuchtet, um zu ergründen, welche Metaphern der Hysterie zugeschrieben wurden. Da eine Krankheit erst durch Ansteckung zu einer Epidemie werden kann, widmet sich diese Ausarbeitung danach der Frage, ob es sich bei der Hysterie um eine ansteckende Krankheit handelt. Eine Lösung soll gefunden werden, indem virale und psychologische Ansteckung miteinander verglichen werden. Die Medien spielen bei der Aufladung des Begriffes seit Jahrhunderten eine große Rolle, bestimmen sie doch die tägliche Agenda und die Informationen, die den Menschen zugänglich gemacht werden. Neben wissenschaftlichen Essays über die Hysterie, die zu ihrer Blütezeit im 19. und 20. Jahrhundert kulminierten, wurden auch zahlreiche Romane darüber geschrieben – oftmals als Ausdruck des Strebens nach mehr Achtung und Rechten.[4] Gegenwärtige Filme, die eine moderne Form der Hysterie zum Thema haben, stehen unter dem Verdacht, die Klischees der Vergangenheit abzubilden. Kann es folglich sein, dass sie das historische Paradigma fortführen? All diese Erkenntnisse sollen in einem letzten Schritt in einem Fazit zusammengefasst und bewertet werden, um nochmals auf den Punkt zu bringen, wie die Hysterie zu einer Bedeutungsepidemie werden konnte.

2. Die Geschichte der Hysterie

2.1 Von der Antike bis in die Renaissance – Von einer göttlichen Strafe zur Selbstverantwortung

Wahnsinn[5] wurde in der Antike für ein Zeichen der Götter gehalten, wenn sie jemanden entweder bestrafen oder aber auserwählen wollten.[6] Die Menschen gingen davon aus, dass sie sich bei Wahnsinnigen anstecken konnten, weshalb Verrückte oft ein Leben in der Isolation führten.[7] Zwar glaubten die Ärzte Hippokrates und Galen nicht an eine göttliche Bestimmung, aber sie irrten sich trotzdem: Ausschließlich physische Beschwerden wie ein Ungleichgewicht der Körpersäfte konnten ihrer Meinung nach Auslöser des Wahnsinns sein.[8] Therapiert wurden die Kranken mal mit Medikamenten, mal indem sie darüber sprachen und mal mit roher Gewalt wie mit elektrischen Aalen.[9] Wohingegen Uneinigkeit in Bezug auf Ursachen und Therapiemöglichkeiten herrschte, waren die Ärzte sich darüber einig, dass Wahnsinn hauptsächlich Frauen betraf, weil die Natur sie aufgrund ihrer Fortpflanzungsorgane dafür anfällig mache. Damit die Gebärmutter aufhöre, im Körper umherzuwandern, rieten die Ärzte den Patientinnen, zu heiraten und sich zu reproduzieren.[10]

Im Mittelalter verwarfen die Leute den Glauben daran, Wahnsinnige seien Auserwählte der Götter und legten die Krankheit nur negativ aus. Nun waren sie überzeugt, Betroffene müssten vom Teufel besessen sein. Besonders Frauen liefen dem so genannten „Hexenhammer“[11] zufolge Gefahr, wahnsinnig zu werden, was für viele ein Tod auf dem Scheiterhaufen bedeuten konnte.

Auch in der Renaissance gingen die Menschen nicht verständnisvoller mit Hysterikern[12] um: Da der Wahnsinn aus einem Verlust der Vernunft resultiere, sei jeder selbst für seinen psychischen Zustand verantwortlich. Nicht etwa die Götter trügen die Schuld, sondern diejenigen, die ihre Leidenschaft nicht kontrollieren könnten.[13] So wurden Kranke weiterhin aus den Städten vertrieben – eine Praxis, die schon bei Leprakranken angewandt worden war. Michel Foucault ist der Meinung, dass an Lepra Erkrankte und Wahnsinnige im Bewusstsein der Gesunden auf einer Stufe standen und somit gleich behandelt wurden.[14] Wie schon in der Antike schwingt hier die haltlose Angst vor Ansteckung mit, die in den gesunden Leuten den Wunsch nach Schutz weckte.

2.2 Die Epoche der Aufklärung

Schließlich wurde die Vernunft zum höchsten Gut des Menschen erkoren, eine Gabe, die jeder von Geburt an in sich trage und die nur aktiviert werden müsse. Auch im Hinblick auf den aufkommenden Merkantilismus, der Arbeitskräfte forderte, kam es dazu, dass die ganze Gesellschaft vom Vernunftgedanken beherrscht wurde und danach erzogen werden sollte.[15] Und wieder wurden diejenigen, die sich als nicht erziehbar im Sinne der Vernunft erwiesen, weggesperrt. Diesmal wurde ihnen allerdings Arbeit gegeben, wollte doch der Staat immer noch von den Hysterikern profitieren.[16] Da man schnell als unvernünftig gelten konnte, waren 1662 denn auch ein Prozent der Pariser Bevölkerung im hôpital général interniert.[17] Der Rest der Bevölkerung erfreute sich an dem Elend der „Gefangenen“, besuchte sie zur Bestätigung der eigenen Normalität und schikanierte sie, um Anfälle oder Ähnliches als Beweis für deren Wahnsinn zu sehen. Das geringe Ansehen der sich in solchen Anstalten und Zuchthäusern befindenden Menschen rührte von dem Glauben, dass erst Vernunft aus einem Wesen einen Menschen mache. Genau so unglaublich wie diese These muteten auch die damaligen Behandlungsmethoden an: Glühend heiße Eisen oder ätzende Salben wurden beispielsweise auf die Köpfe der Kranken gepresst, um vermeintlich giftige Dämpfe zu vertreiben.[18] Nicht einmal im Winter bekamen sie Decken, weil sie als Tiere angesehen wurden.[19]

Zwar ging man weiterhin davon aus, dass die Psyche durch organische Probleme angegriffen wird, dennoch änderte sich vor allem dank Thomas Hobbes und John Locke im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts die Annahme, dass Wahnsinnige per se böse sind. Nichtsdestotrotz warnte Hobbes vor zu viel Fantasie, die zum Realitätsverlust und letztendlich zum Wahnsinn führe.[20] Im Gegensatz zum Großteil seiner Zeitgenossen verteufelte Locke Leidenschaft und Fantasie nicht. Er ging sogar so weit zu sagen, dass Betroffene nicht für ihre Krankheit verantwortlich gemacht werden könnten.[21]

2.3 Das 18. Jahrhundert – Neue moralische Ansichten

Im 18. Jahrhundert wurde der Vernunftbegriff noch weiter ökonomisiert, als es schon in der Epoche der Aufklärung der Fall gewesen war. Als vernünftiger Bürger galt, wer im Sinne der Industrialisierung für die Produktion einsetzbar war. Diejenigen, die unbrauchbar, also wahnsinnig, waren, sollten in speziellen Einrichtungen behandelt werden. Diese markieren die Entstehung der Psychiatrie, vorangetrieben durch den Wunsch der Menschen, soziale Angelegenheiten zu klären und natürlich wirtschaftlich effizient arbeiten zu können. Die romantische Strömung erhob den Wahnsinnigen zu einer außergewöhnlichen Person, bewunderte seine Eigenschaften, die ein normaler Bürger nicht besaß. Der Wahnsinn war nicht länger eine verteufelte Krankheit, sondern erfuhr eine unglaubliche Romantisierung, die dem Willen, Kranke zu behandeln und zu heilen, zuträglich war.[22]

Diese neuen moralischen Anschauungen Ende des 18. Jahrhunderts verkörperte auch Philippe Pinel, der Wahnsinnige – im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen – als echte Menschen, die sich allerdings fremd geworden seien, akzeptierte. Sie sollten nicht länger mit Gewalt behandelt werden: Traitement moral sei der Schlüssel zur geistigen Rehabilitierung, d.h. die Wahnsinnigen sollten lernen, wie sie sich entsprechend der gesellschaftlichen Konventionen verhalten sollten.[23]

2.4 Das 19. und 20. Jahrhundert – Hysterie als Massenepidemie

Elaine Showalter spricht auch von einer „Domestizierung des Wahnsinns“[24], womit sie ausdrücken will, dass die psychische Forschung immer mehr thematisiert und damit schon fast gesellschaftsfähig wurde. Die Rollenzuweisung von Mann und Frau, die mit der Industrialisierung begonnen hatte und wonach der Mann als Familienoberhaupt das Geld verdienen und die Frau sich um den Haushalt und die Erziehung kümmern sollte, führte auch zu einer geschlechtsspezifischen Zuschreibung des Wahnsinns. Da Frauen wegen natürlicher, körperlicher Vorgänge wie der Menstruation als minderwertig angesehen wurden, nahm man an, dass sich dies auch auf die Psyche auswirken muss. Demnach sei die Frau eher als unvernünftig zu betiteln, der Mann hingegen als vernünftig, weil er keine dieser körperlichen Defizite habe. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Patienten ab Mitte des 19. Jahrhunderts weiblich war.[25] Die Romantisierung des Wahnsinns, die zur Glorifizierung der geheimnisvollen Art der hysterischen Frau beitrug, machte die Diagnose jedoch auch nicht erstrebenswerter.[26]

Schließlich fand Charles Darwins Theorie großen Anklang, nach der Wahnsinn und Maßlosigkeit erblich bedingt seien und äußerlich sogar sichtbar. Die Minderwertigkeit der Frau sei auch ein Ergebnis der natürlichen Auslese. Zwar wurde in Bezug auf die Anfälligkeit der Frau für psychische Krankheiten noch einmal zwischen gut bürgerlichen Frauen und Frauen aus der Arbeiterklasse unterschieden, trotzdem stellte die erste Gruppe die Mehrheit der Patientinnen, was darauf zurückzuführen ist, dass sie sich vermehrt gegen die ihnen aufgedrängte Rolle zur Wehr setzte. Um 1900 war es dann so weit: Die am häufigsten festgestellte Krankheit bei Frauen war die Hysterie, sodass Weiblichkeit und Hysterie in den Köpfen der Menschen eng miteinander verbunden waren.[27]

Hysteria was linked with the essence of the 'feminine' in a number of ways. Its vast unstable repertoir of emotional and physical symptoms – fits, fainting, vomiting, choking, sobbing, laughing, paralysis – and the rapid passage from one to another suggested the lability and capriciousness traditionally associated with the feminine nature.[28]

Als Begründung dafür, dass fast nur Frauen von Hysterie betroffen seien, musste vor allem die weibliche Natur herhalten: Nach darwinistischen Regeln war schließlich schon die Erbanlage der Frau unzulänglich. Auch mutmaßten Ärzte, dass eine der Frau innewohnende sexuelle Leidenschaft ein Auslöser sein könne. Einige gaben sogar zu, dass die sozialen Umstände, d.h. die Tatsache, dass sich die Frau nicht verwirklichen kann, eine Rolle spielen könne.[29] Dieser Annahme war auch Jean-Martin Charcot auf der Spur, der zu beweisen versuchte, dass die Hysterie nicht immer aus organischen Ursachen resultiert. Vielmehr könne auch ein Trauma im Nervensystem Auslöser sein. Die Symptome waren ihm zufolge sehr weit gefächert: Die betroffene Frau könne sowohl überempfindliche Eierstöcke haben als auch Sehstörungen, taube Körperpartien oder Anfälle.[30]

Dem Vorbild Charcots nacheifernd, begab sich auch Sigmund Freud auf die Suche nach den Gründen für die Hysterie, die er im sexuellen Verdrängen verankert sah, wodurch er allerdings den sozialen Aspekt vernachlässigte. Im Gegensatz zu Charcot aber hörten Joseph Breuer und Sigmund Freud ihren Patientinnen während ihrer so genannten Psychoanalyse zu und waren ernsthaft an der Heilung interessiert. Ein hysterisches Verhalten resultierte ihrer Meinung nach aus der ständigen (insbesondere sexuellen) Einschränkung und Unterordnung der Frau und war ein Ausdruck ihrer Unzufriedenheit.[31] Nachdem Freud zunächst davon ausgegangen war, dass die Hysterie auf einen sexuellen Missbrauch schließen lasse, kam er auf den Gedanken, dass die Erzählungen seiner Patientinnen bloß ihrer Fantasie entstammten und mit unterbewussten, ödipalen Wünschen in Verbindung gebracht werden müssten.[32]

Mit dem Ersten Weltkrieg gerieten auch psychische Erkrankungen der Männer wie Kriegsneurosen stärker in das Blickfeld der Psychologen, die deshalb eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Mann und Frau nicht länger verleugnen konnten. Traumatische Erfahrungen wurden als Auslöser für wahnsinniges Verhalten eher akzeptiert, weil die Schrecken des Krieges eine unbestreitbare Wahrheit darstellten – im Gegensatz zu den Problemen der Frauen, die oftmals nicht ernst genommen wurden.[33] Erstmals sanken die Zahlen der psychisch kranken Frauen, was auch damit zusammenhängen könnte, dass sie Arbeit bekamen, weil sie händeringend gebraucht wurden und sich deshalb nützlich fühlten.[34] Im Laufe des 20. Jahrhunderts war schließlich immer seltener von Hysterie die Rede, sodass sich Wissenschaftler über das Verschwinden dieser Krankheit wunderten und sich folglich fragten, ob sie vielleicht doch nur aus einer „Tendenz der Medikalisierung und Psychiatrisierung weiblicher Widerspenstigkeit“[35] heraus entstanden und damit keine Krankheit im eigentlichen Sinne war. Stattdessen nahmen andere Krankheiten den Platz der Hysterie ein: Obwohl das Krankheitsbild der Schizophrenie zum Beispiel in gleichem Maße bei Männern und Frauen festgestellt wurde, galten psychische Störungen weiterhin als weiblich.[36]

3. Im Wandel der Zeit – Hysterie als epidemische Metapher

Showalter geht dem vermeintlichen Aussterben der Hysterie auf den Grund und stellt fest, dass sie in Form von anderen Krankheiten, gesellschaftlichen Phänomen und kulturellen Narrationen weiterlebt. Sie ist zu einer epidemischen Metapher geworden, bezeichnet also eine Vielzahl von Gegebenheiten als hysterisch, um diesen zusätzliche Bedeutungen zu verleihen. Showalter lehnt die Annahme ab, dass die Hysterie lediglich dem viktorianischen Zeitalter vorbehalten und auf rein sexuelle Ursachen zurückzuführen ist. Lieber untersucht sie die Einflüsse des noch immer bestehenden Patriarchats auf die psychische Gesundheit der Menschen und sowohl dessen Verbreitung als auch die der Neurosen durch die Medien.[37]

Zuerst einmal benötige die Hysterie eine Person, die sie feststelle und ihr bestimmte Eigenschaften zuschreibe. Allerdings müsse der Patient auch die erwarteten Symptome zeigen. Das, was Showalter hier beschreibt, ist also nicht ein rein iatrogenes Verhältnis, d.h. eine Krankheit, die allein vom Arzt gemacht ist, sondern ein Dialog zwischen Arzt und Patient.[38] Hysterische Störungen bestünden heute immer noch, weil sie nicht eine Krankheit seien, sondern eher eine Form des gefühlsmäßigen Ausdrucks. Ausdruck davon, dass der Betroffene große Furcht oder ungeheuren Stress verspüre.[39] Mit dieser Definition lässt sich quasi jede Angststörung als Hysterie verstehen, sodass es nicht verwunderlich ist, wieso die Hysterie zu einer Epidemie erklärt wurde und wird, eignet sie sich doch so gut als Metapher für alle möglichen Bereiche, in denen man eine enorme emotionale Erregung zum Ausdruck bringen will. Darin besteht aber laut Stavros Mentzos die Gefahr, denn obwohl hysterische Phänomene scheinbar mit starken Emotionen einhergingen, dürfe man nicht hinter allem eine Hysterie vermuten.[40] Nichtsdestotrotz hat sich ein inflationärer Gebrauch bereits etabliert, der sich auch im alltäglichen Gespräch deutlich macht: Jemand wird lapidar als hysterisch bezeichnet, sobald er außerordentlich affektiv reagiert und zudem meist weiblich ist. Oft wird Hysterie auch mit einem nicht berechtigten Zweifel und einer unbesonnen Reaktion in Zusammenhang gebracht, wie ein Artikel in der Welt zum Thema „Bio-Boom“ in Deutschland zeigt: „Und im Jahr 2003, zehn Jahre nachdem wissenschaftlich nachgewiesen war, dass es sich beim Waldsterben um Hysterie gehandelt hat [...]“.[41] „Hysterisch“ ist eine Metapher, die sich auch in der Politik großer Beliebtheit erfreut, weil man dem politischen Gegner so den rationalen Verstand absprechen kann, also ein Attribut, das von Politikern erwartet wird. Erst kürzlich warf der Geschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Grosse-Brömer, der SPD in der BND-Spionageaffäre vor, die Probleme zu „hysterisieren“, um so Stimmen in der Bevölkerung zu gewinnen.[42] Dieses Benutzungsverhältnis könnte sich schon aus der Vergangenheit der Hysterie ableiten, da – wie bereits ausgeführt – nahezu jede Krankheit der Frau mit unerklärlichen Ursachen als Hysterie galt und die Frauen in vielen Fällen nicht ernst genommen wurden. Bezeichnet man jemanden als hysterisch, bewertet man folglich sein Verhalten als irrational und jeder Grundlage entbehrend, sodass eine weitere Gegenargumentation nicht nötig ist.

[...]


[1] Vgl. Bettina Plesch: Die Heldin als Verrückte. Frauen und Wahnsinn im englischsprachigen Roman von der Gothic Novel bis zur Gegenwart. Pfaffenweiler 1995, S. 34.

[2] Hysterisch. In: Duden Online, URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/hysterisch (15.08.2015).

[3] Hysterie. In: ebd., URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Hysterie (15.08.2015).

[4] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 100f.

[5] Wahnsinn soll in dieser Arbeit als Synonym zu Hysterie verwendet werden.

[6] Vgl. ebd., S. 16.

[7] Vgl. David Allen Kronfeld: The Mad Character in American Literature. Providence 1978, S.11.

[8] Vgl. Klaus Dörner/Ursula Plog: Irren ist menschlich. Bonn 1984, S. 462.

[9] Vgl. Judith S. Neaman: Suggestion of the Devil. The Origins of Madness. Garden City, New York 1975, S. 12.

[10] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 17.

[11] Bei dem Hexenhammer handelt es sich um ein ca. 700 Seiten umfassendes Werk, das der Dominikanermönch Heinrich Kramer 1486 verfasste. In drei Teilen versucht er, die Hexenverfolgung zu legitimieren und führt rechtspraktische Maßnahmen gegen Hexen auf. (Vgl. Tobias Aufmkolk: Der „Hexenhammer“. In: Planet Wissen, 01.11.2012, URL: http://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/hexenverfolgung/pwiederhexenhammer100.html (18.08.2015).

[12] Die maskulinen Formen sollen auch immer die femininen inkludieren.

[13] Vgl. Michael DePorte: Nightmares and Hobbyhorses. San Marino 1974, S. 12-14.

[14] Vgl. Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt 1961, S. 19-25.

[15] Vgl. Dörner/Plog: Irren ist menschlich, S. 464.

[16] Vgl. Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft, S. 85.

[17] Vgl. ebd., S. 79/S. 83.

[18] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 22f.

[19] Vgl. Florian Langegger: Doktor, Tod und Teufel. Frankfurt 1983, S. 81.

[20] Vgl. DePorte: Nightmares and Hobbyhorses, S. 15-19.

[21] Vgl. ebd., S. 23.

[22] Vgl. Dörner/Plog: Irren ist menschlich, S. 466-468.

[23] Vgl. Anonymus: Philippe Pinel. In: Pinel School, URL: http://www.pinelschool.org/pp.htm (26.08.2015).

[24] Elaine Showalter: The Female Malady, New York 1985, S. 28.

[25] Vgl. ebd., S. 52.

[26] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 34-38.

[27] Vgl. ebd., S. 46-52.

[28] Vgl. Showalter: The Female Malady, S. 129.

[29] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 52.

[30] Vgl. Elaine Showalter: Hystorien. Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien. Berlin 1999, S. 49-53.

[31] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 56-58.

[32] Vgl. Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Werke aus den Jahren 1925-1931, hrsg. v. Anna Freud u.a. Frankfurt/M. 1999, S. 21-28.

[33] Vgl. Showalter: The Female Malady, S. 167f.

[34] Vgl. Plesch: Die Heldin als Verrückte, S. 60.

[35] Bettina Heintz/Claudia Honegger: Zum Strukturwandel weiblicher Widerstandsformen im 19. Jahrhundert. In: dies. (Hrsg.): Listen der Ohnmacht. Zur Sozialgeschichte weiblicher Widerstandsformen. Hamburg 1984, S. 7-68, S. 43.

[36] Vgl. Showalter: The Female Malady, S. 204.

[37] Vgl. Showalter: Hystorien, S. 11-21.

[38] Vgl. ebd., S. 22.

[39] Vgl. ebd., S. 17-19.

[40] Vgl. Stavros Mentzos: Hysterie. Zur Psychodynamik unbewusster Inszenierungen. München 1980, S. 74.

[41] Dirk Maxeiner/Michael Miersch: Die grüne Hysterie. In: Die Welt vom 25.01.2015.

[42] Vgl. Paul Zinken: „Hysterisierung und Skandalisierung“: BND-Affäre entzweit die Koalition. In: Focus Online, 05.05.2015, URL: http://www.focus.de/politik/deutschland/geheimdienste-union-ruft-spd-zur-sachlichkeit-in-bnd-nsa-affaere-auf_id_4659023.html (05.09.2015).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Aufladung der Hysterie als Bedeutungsepidemie
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Medienkultur und Theater)
Veranstaltung
Inter- und Transmedialität
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V430904
ISBN (eBook)
9783668738034
ISBN (Buch)
9783668738041
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hysterie, Medien, Epidemie
Arbeit zitieren
Viktoria Schulte (Autor), 2015, Die Aufladung der Hysterie als Bedeutungsepidemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430904

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