Diese Arbeit verfolgt das Ziel aufzuzeigen, wie es zu einer sozialen und medialen Aufladung der Hysterie mit Bedeutungen kam, die der Krankheit anfangs nicht innewohnten. Sie untersucht deren systematische Konstruktion und beleuchtet den öffentlichen Diskurs und die allgemein vorherrschende Meinung. Dabei muss stets eine Antwort auf die Frage gesucht werden, worin die besondere Anfälligkeit der Hysterie besteht, sie als Metapher zu verstehen. Die Beschäftigung mit der Hysterie im letzten und vorletzten Jahrhundert offenbart sich weniger als rationale Untersuchung einer Krankheit als vielmehr als Austragungsort von gesellschaftlichen Abhandlungen, die weit über die einer Krankheit anhaftenden Symptome hinausgehen. Die Diagnose Hysterie erwies sich allzu oft als willkommene Begründung für die Eigenarten und die psychische wie auch physische Minderwertigkeit der Frau und erfüllte somit jedwede Voraussetzungen für eine epidemische Verbreitung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Die vielfältige Verwendung des Begriffes der Hysterie
2. Die Geschichte der Hysterie
2.1 Von der Antike bis in die Renaissance – Von einer göttlichen Strafe zur Selbstverantwortung
2.2 Die Epoche der Aufklärung
2.3 Das 18. Jahrhundert – Neue moralische Ansichten
2.4 Das 19. und 20. Jahrhundert – Hysterie als Massenepidemie
3. Im Wandel der Zeit – Hysterie als epidemische Metapher
4. Ansteckende Krankheit? Die Virulenz psychologischer Erkrankungen wie die der Hysterie
5. Metaphern der modernen Hysterie im Film am Beispiel von THE UNINVITED
6. Fazit – Das Überleben der Hysterie als Metapher
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die soziale und mediale Konstruktion der Hysterie als Bedeutungsepidemie und analysiert, warum der Begriff trotz seines medizinischen Bedeutungsverlusts als Metapher für emotionale Ausbrüche und gesellschaftliche Widerstände fortbesteht.
- Historische Genese des Hysteriebegriffs von der Antike bis zur Moderne
- Die Rolle gesellschaftlicher Normen und Geschlechterrollen bei der Diagnosestellung
- Vergleich von biologischer und psychologischer Ansteckung (Virulenz)
- Mediale und politische Instrumentalisierung des Hysteriebegriffs
- Filmanalyse zur Darstellung moderner Hysterieformen und deren Paradigmen
Auszug aus dem Buch
4. Ansteckende Krankheit? Die Virulenz psychologischer Erkrankungen wie die der Hysterie
Dass nicht nur Viren ansteckend sein können, beweist die Geschichte der Hysterie. Gingen die Menschen in der Antike noch davon aus, dass man sich bei Wahnsinnigen körperlich anstecken könne, so befürchtete man dies zur Zeit der höchsten Inzidenz nicht mehr. Doch obwohl man wusste, dass die Krankheit psychische Ursachen haben musste, war eine Höchstzahl an Menschen an ihr erkrankt. Wie erfolgt eine Ansteckung bei psychologischen Erkrankungen wie die der Hysterie und wie ist ihre Virulenz zu bewerten, d.h. die Übertragungsgefahr? Um diese Fragen zu klären, bietet sich ein Vergleich zwischen biologischer und psychologischer Ansteckung an.
In der Medizin teilt man Thomas Brudermann zufolge eine „normal verlaufende“ Infektion in vier Phasen ein: Ansteckung, Inkubationszeit, Ausbruch, Genesung. Zuerst komme der Wirt entweder direkt oder indirekt über Vektoren wie Mücken in Kontakt mit dem Virus. Die Phase, in der sich noch keine Symptome einer Krankheit zeigten, nenne sich Inkubations- oder Latenzzeit. Die Dauer dieser Phase sei nicht pauschal festlegbar und hänge von Faktoren wie dem Immunsystem, der Aggressivität des Virus und der Menge der Krankheitserreger ab. Der Eintritt in die dritte Phase kennzeichne sich durch den Ausbruch der Krankheit, den man an den jeweiligen Symptomen erkenne. Der Erkrankte könne nun andere Menschen infizieren. Letzten Endes besiegten die Antikörper das Virus und der Wirt sei für eine gewisse Zeit gegenüber den Erregern immun.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Die vielfältige Verwendung des Begriffes der Hysterie: Die Einleitung beleuchtet den Bedeutungswandel des Hysteriebegriffs und definiert das Ziel der Arbeit, die systematische soziale und mediale Aufladung des Begriffs zu untersuchen.
2. Die Geschichte der Hysterie: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Hysterie von der göttlichen Strafe der Antike über die Stigmatisierung im Mittelalter bis hin zur geschlechtsspezifischen Massenepidemie des 19. und 20. Jahrhunderts nach.
3. Im Wandel der Zeit – Hysterie als epidemische Metapher: Hier wird analysiert, wie Hysterie ihre medizinische Bedeutung verlor, aber als Metapher für unkontrollierte Emotionen und gesellschaftliche Konflikte in Politik und Alltag überdauerte.
4. Ansteckende Krankheit? Die Virulenz psychologischer Erkrankungen wie die der Hysterie: Das Kapitel vergleicht biologische Infektionswege mit der psychologischen Ansteckung durch Medien und soziale Umfelder, um die Virulenz hysterischer Phänomene zu erklären.
5. Metaphern der modernen Hysterie im Film am Beispiel von THE UNINVITED: Anhand einer Filmanalyse wird untersucht, wie moderne Psychosen filmisch dargestellt werden und ob diese Darstellungen historische Paradigmen der Hysterie fortschreiben.
6. Fazit – Das Überleben der Hysterie als Metapher: Das Fazit fasst zusammen, dass die Hysterie zwar aus dem medizinischen Vokabular weitgehend verschwunden ist, aber als kulturelle Metapher zur Ausgrenzung und zur Aufrechterhaltung patriarchaler Machtstrukturen fortbesteht.
Schlüsselwörter
Hysterie, Bedeutungsepidemie, Metapher, Psychologie, Massenepidemie, Geschlechterrollen, Virulenz, psychologische Ansteckung, Patriarchat, Film, Medialität, soziale Konstruktion, Psychiatrisierung, Identität, Stigmatisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische und gegenwärtige Verwendung des Begriffs „Hysterie“ und analysiert, wie sich der Begriff von einer medizinischen Diagnose zu einer gesellschaftlichen Metapher entwickelt hat.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen die Medizingeschichte, soziologische Aspekte von Geschlechterrollen, die Dynamik von psychologischer Ansteckung sowie die filmische Repräsentation psychischer Erkrankungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie soziale und mediale Prozesse den Hysteriebegriff mit Bedeutungen aufluden, die dazu dienten, gesellschaftliche Verhältnisse, insbesondere das Patriarchat, zu stabilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische Herangehensweise, verknüpft historische Forschung mit psychologischen Ansteckungstheorien und führt eine beispielhafte Filmanalyse durch.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Hysterie, einen Vergleich zwischen biologischen Viren und psychologischer „Ansteckung“ sowie eine Fallstudie zum Film „The Uninvited“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Hysterie, Bedeutungsepidemie, Metapher, psychologische Ansteckung, Virulenz und gesellschaftliche Normen.
Welche Rolle spielt der Film „The Uninvited“ in der Argumentation?
Der Film dient als konkretes Beispiel, um zu untersuchen, ob moderne filmische Darstellungen von psychischen Störungen die alten Klischees und Paradigmen der klassischen Hysterie-Diagnose reproduzieren.
Warum wird die Hysterie als „Bedeutungsepidemie“ bezeichnet?
Der Begriff wird verwendet, um zu beschreiben, wie die Hysterie als Metapher inflationär in verschiedenste gesellschaftliche Bereiche eingedrungen ist, um emotionale Ausbrüche oder abweichendes Verhalten abzuwerten.
Wie unterscheidet sich die „psychologische Ansteckung“ von einer biologischen?
Während biologische Viren physische Infektionen verursachen, erfolgt die psychologische Ansteckung über Meinungen, Medienberichte und gesellschaftliche Stimmungen, wobei die „Infektionsdosis“ von individuellen Reizschwellen abhängt.
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- Viktoria Schulte (Author), 2015, Die Aufladung der Hysterie als Bedeutungsepidemie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430904