Moralische Entscheidungen. Der Utilitarismus nach Jeremy Bentham


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung..

II. Das Nutzenprinzip nach Bentham

III. Problematiken und Kritik

IV. Kritik und Lösungsansatz nach Rawls

V. Steuerbarkeit des moralischen Handelns

VI. Zusammenfassung

VII. Quellen und Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

„ Die Natur hat die Menschheit der Gewalt zweier souver ä ner Gebieter unterstellt: Leid und Freude. Ihnen allein bleibt es vorbehalten uns aufzuzeigen, was wir tun sollten, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden. “ 1

Mit diesen Worten verdeutlicht Jeremy Bentham2 ein allgegenwärtiges Dilemma, das durch seine immanente Präsenz über die Jahrhunderte und Jahrtausende der Menschheitsgeschichte hinweg nicht an Komplexität verloren hat, sondern vielmehr ein stetig wachsendes Konfliktpotential birgt. Gemeint ist damit die immer wieder von neuem zu treffende Entscheidung, wie wir unser Handeln steuern und rechtfertigen. Die vorliegende Arbeit bietet einen Diskurs über eine der Möglichkeiten, eine Handlung als moralisch gut oder verwerflich anzusehen - dem Prinzip des Utilitarismus - und beschäftigt sich weiterführend mit der Frage, ob und mit welchen Mitteln sich moralische Handlungen effektiv steuern lassen.

Zu Beginn der Arbeit werden die Grundzüge des Utilitarismus anhand von Bent- hams Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung erörtert sowie kritisch hinterfragt. Die äquivalente Aufmerksamkeit wäre an dieser Stelle sicherlich den beiden anderen klassischen Utilitaristen Mill und Sidgwick zuzusprechen. Dies ist allerdings auf Grund des Umfangs der Arbeit nicht realisierbar und auch nicht im Sinne des Fokus der Arbeit. Einen weiteren Punkt bildet anschließend die Auseinan- dersetzung mit Rawls Kritik und Weiterentwicklung des utilitaristischen Systems.

Abschließend wird anhand eines Aufsatzes von Samuel Bowles über die mögliche Schwächung von ethischen Gefühlen durch Regeln, welche für eigennützige Bürger konzipiert worden sind, die Steuerbarkeit von moralischem Handeln, wie es nach Bentham klassifiziert wurde, untersucht. Dem vorgegeben Rahmen dieser Arbeit ge- schuldet besteht hierbei kein Anspruch auf Vollständigkeit, es soll vielmehr eine von vielen Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der Frage nach ethisch korrektem Handeln unter Berücksichtigung der theoretischen Grundlage des Utilitarismus, am Beispiel von Benthams Nutzenprinzip, und praxisorientierten Untersuchungen ver- deutlicht werden.

II. Das Nutzenprinzip nach Bentham

Dadurch, dass der Mensch naturgemäß nach dem größtmöglichen Glück strebt, be- steht die Notwendigkeit dieses Ziel durch „Vernunft und Recht“3 zu lenken. Zu die- sem Zweck wird von Bentham das Nutzenprinzip definiert. Dieses Prinzip beurteilt jede Handlung danach, inwieweit diese das Glück der betreffenden Person steigert oder vermindert.4 Er bezieht sich hierbei nicht nur auf Handlungen von Privatperso- nen, sondern auch auf „jede Maßnahme der Regierung“5. Zur Regierung äquivalent könnten allerdings ebenso übergeordnete Organe angesehen werden, welche die In- teressen mehrerer Personengruppen beeinflussen (Arbeitgeber, Schulleiter, Vor- stände etc.).

Problematisch wird das Handlungsprinzip an der Stelle, an der die Interessen bzw. das Glück eines Einzelnen oder eine Gruppe mit dem Glück bzw. den Interessen der Gemeinschaft kollidieren. Für einen Arbeitgeber kann der größtmögliche finanzielle Gewinn die Bestrebung zum höchsten Glück sein. Dies durch möglichst schlechte Be- zahlung oder eine für die Angestellten nachteilige Arbeitsstrukturierung wie etwa unbezahlte Mehrarbeit, gewinnorientierte Entlassungen oder Einsparungen an der Qualität des Arbeitsklimas vorzunehmen, ist nach dem Nutzenprinzip von Bentham aber als moralisch verwerflich anzusehen, da die Interessen der Gemeinschaft (der Arbeitnehmer) verschlechtert werden.

Eine eindeutige Zuordnung, ob eine Handlung nach dem Nutzenprinzip gut oder schlecht ist, erscheint allerdings nur möglich, wenn man den Nutzen bzw. das Leid einer jeden einzelnen von einer Handlung betroffenen Person aposteriorisch messen kann. Die Messung des Nutzens bzw. des Leids aller beteiligten Personen erscheint dahingehend schwierig, als dass eine empirische Messung, auf Grund der unendli- chen Fülle an zu berücksichtigten Faktoren, kaum umfassend durchzuführen ist (wo- rauf Bentham allerdings auch keinen Anspruch erhebt, er spricht durchweg von einer „Abschätzung“6 des Nutzens).7

Bentham nennt als ersten Wert die „Intensität“8 des Nutzens. So kann eine Lohnkür- zung für einen Arbeitnehmer ein größeres Leid bedeuten, weil er Alleinverdiener ist, als für einen Arbeitnehmer, der nur für sich Sorge tragen muss. An diesem Beispiel wäre dann noch weiter zu erörtern, ab welchem Betrag eine Lohnkürzung für die Arbeitnehmer überhaupt als Leid aufgefasst werden kann. Wäre also in einem Un- ternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern eine Lohnkürzung im einstelligen Eu- robereich zulässig, weil sich in der Summe der Gewinn für den Arbeitgeber deutlich abzeichnen würde, der Verlust für jeden Einzelnen hingegen gering bzw. kaum mess- bar ist?

Bei Bentham wird zudem kein zeitlicher Rahmen für die Nutzenmessung genannt, sondern nur darauf hingewiesen, dass die „Dauer“9 des Nutzens bzw. des Leids eine Rolle spielt.10 Ein kurzes Leid wäre demnach zu Gunsten eines länger andauernden Glücks zulässig.

Komplexer wird die Nutzenkalkulation bei dem Wert der „Nähe oder Ferne“11 des Glücks oder Leids. Ein Paradebeispiel bietet hier sicherlich die deutsche Umweltpo- litik. War es bis ins späte 20. Jahrhundert noch Usus ohne gro ß e R ü cksicht auf Verluste die Umwelt durch schmutzige Energiegewinnung und Verwertung zu belasten, findet nun ein bis heute anhaltendes Umdenken statt, welches zwar nicht ausschließlich, aber doch zum größten Teil aus moralischen Aspekten zu Gunsten der nachfolgen- den Generationen auf eine saubere Energiegewinnung setzt.12 Hierbei wird also der nahe Nutzen der jetzigen Generation teilweise minimiert (höhere Strompreise durch erneuerbare Energien, höhere Produktionskosten von Gütern durch höhere Strom- preise, Nachrüstkosten für PKWs usw.), um den fernen Nutzen von Generationen die in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten leben zu maximieren bzw. das ferne Leid das durch Umweltbelastungen entsteht zu minimieren. Bezieht man dies nun auf das Nutzenprinzip nach Bentham, bleibt allerdings offen welcher Zeitraum (sei es hin- sichtlich der Dauer oder der Nähe bzw. Ferne) für eine Nutzenmessung gegeben ist. Geht man nur vom unmittelbaren (wobei es diesem Begriff auch wieder an einer kon- kreten Definition mangelt) Nutzen aus oder bezieht man längerfristige Zeiträume (wenn ja bis zu welchem Zeitraum) in die Nutzen-Leid Bilanz mit ein.

Ein weiter Aspekt, der nach Bentham zu berücksichtigen ist, ist die der „Gewissheit oder Ungewissheit“13. Tritt durch eine Handlung nur sehr unwahrscheinlich ein Leid für eine andere Person ein, könnte diese Handlung eher als moralisch vertretbar gel- tend gemacht werden, als eine Handlung die mit hoher Wahrscheinlichkeit negative Auswirkungen für jemand anderen hat. Die bisher genannten Eigenschaften bezie- hen sich als Eigenschaften auf Freude oder Leid, wohingegen bei der Abschätzung der moralischen Wertigkeit einer Handlung zwei weitere Aspekte berücksichtigt werden müssen, die sich allerdings nicht direkt auf die Freude oder das Leid beziehen aber dennoch im Zusammenhang damit stehen.

Gemeint ist die „Fruchtbarkeit“14 und die „Reinheit“15 der durch eine Handlung ent- standenen Freude oder des entstandenen Leids. Die der Fruchtbarkeit einer Freude besteht darin, dass aus ihr weitere Freude entstehen wird und entgegengesetzt, dass Leid weiteres Leid nach sich ziehen wird. Die Reinheit bezeichnet hingegen das Leid, das aus der Freude und die Freude die aus einem Leid folgt bzw. damit einhergeht.16 Handelt man zum Beispiel stets hilfsbereit, könnte man vermuten, dass die Personen, denen man geholfen hat, selbst wiederrum Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Per- sonen aufbringen. Hierbei wäre die Fruchtbarkeit der Freude also gegeben.

Die Reinheit lässt sich auch an einem recht einfachen Beispiel aufzeigen. Sieht man etwas, das man unbedingt haben möchte, und lässt sich zu einem Kauf verleiten, ist die Freude im ersten Moment groß, allerdings kann der Kauf dann im Laufe des Monats Leid nach sich ziehen, wenn man kein Geld mehr für andere Dinge zur Verfügung hat. Ein weiterer Faktor ist zu beachten, wenn die Handlung mehrere Personen betrifft, nämlich das „Ausmaß der Freude oder des Leids“17. Gemeint ist also die Anzahl der Personen, die betroffen sind.

III. Problematiken und Kritik

Lässt man das bereits erwähnte Problem außer Acht, dass sich bei allen genannten Werten zur Nutzenmessung bestenfalls eine Tendenz, aber keinesfalls ein genauer Wert messen lässt, bleibt dennoch eine andere Problematik bestehen. Bentham gibt keinen Aufschluss darüber, in welcher Relation die Werte zu einander stehen. Wiegt die Intensität mehr als die Dauer, oder andersherum? Um es zu verdeutlichen: Wäre ein kurzfristiges starkes Leid für die längerfristige schwache Freude zu rechtfertigen. Ähnlich verhält es sich bei allen anderen Komponenten der Wertmessung. Wenn eine Handlung mit Ungewissheit Freude in naher Zukunft bringen würde, wäre sie dann einer Handlung, die mit Gewissheit Freude in ferner Zukunft bringen würde, vorzu- ziehen? Auf diese Fragen findet man keine Antworten, allerdings scheint das auch nicht der Anspruch der verschiedenen Wertetendenzen zu sein. Letztendlich bleibt es eine subjektive Entscheidung, in welcher Relation man die Werte zueinander misst. Nichts desto trotz, geben sie die entscheidenden Kriterien an, welche man be- rücksichtigen muss um eine Handlung moralisch zu beurteilen. Eine weitere Proble- matik besteht darin, dass nicht eindeutig geklärt ist, in welchem Umfang die von ei- ner Handlung betroffenen Parteien angesetzt werden müssen. Ist damit lediglich die unmittelbare Betroffenheit gemeint, oder bis zu welchem Grad werden Parteien als Betroffene angesehen? So sind Kettenreaktionen, die durch eine bestimmte Handlung ausgelöst werden und folglich immer mehr Personen betreffen, nicht von vornherein bestimmbar. Zudem kann es unbekannte Faktoren geben, die eine Einschätzung dar- über, ob die Handlung gut oder schlecht ist, kaum möglich machen. Wird eine Hand- lung dann noch aktiv durch äußere Faktoren beeinflusst (im schlimmsten Fall durch Arglist oder Täuschung anderer Personen), bleibt fraglich, in wie weit einem diese Handlung dann als moralisch verwerflich angerechnet werden kann. Im Gegensatz zu anderen Denkrichtungen (par excellence wäre an dieser Stelle sicherlich Kants Tu- gendethik zu nennen) wäre eine Handlung, die mit gutem Willen verfolgt wird, aber eine schlechte Folge nach sich zieht, folglich moralisch schlecht. Das schwerwie- gendste Problem, welches das Nutzenprinzip aufweist, dürfte allerdings darin beste- hen, dass in einer Gesellschaft, die streng utilitaristisch wäre, die Interessen von Minderheiten kaum umzusetzen wären. Im schlimmsten Fall würde dies zur Aus- beutung einiger weniger zu Gunsten der Bereicherung vieler führen. Durch die Grund- und Menschenrechte wird allerdings einer solchen Ausbeutung oder Benach- teiligung Einzelner entgegengewirkt. So ist es zum Beispiel nicht zulässig, einen ver- unglückten Motoradfahrer sterben zu lassen, nur weil durch seine Organe das Leben von fünf Menschen gerettet werden könnte.18 Dies wäre nach dem Nutzenprinzip zwar die moralisch richtige Handlung, allerdings verbietet es uns das Recht auf Le- ben eines jeden Einzelnen, eine solche Entscheidung überhaupt in Betracht zu ziehen. Selbst wenn durch die Zuführung von Leid ein noch größeres Leid verhindert wer- den könnte, wie zum Beispiel durch den Abschuss eines entführten Passagierflug- zeugs, welches in ein Gebäude mit hunderten Menschen fliegen will, darf der Staat sich in diesem Fall auf Grund der Menschenrechte keinem utilitaristischen Nutzen- prinzip beugen.

IV. Kritik und Lösungsansatz nach Rawls

John Rawls geht mit dem Nutzenprinzip insoweit konform, als dass er erläutert, dass es absolut richtig sei, wenn ein Mensch so weit wie möglich auf sein eigenes Bestes aus ist (soweit keine anderen Menschen betroffen sind). Die logische Schlussfolge- rung für den Staat ist demnach dieselbe Verhaltensweise - die Förderung des best- möglichen Wohls für die Gesamtheit der Gesellschaft.19 Kritik übt er allerdings an der Stelle, an der eine Verteilung des Wohls auf die einzelnen Menschen faktisch keine Rolle in den utilitaristischen Prinzipien findet.20

[...]


1 BENTHAM, Jeremy, Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung, in: Texte zum Utilitarismus, hrsg. v. Jörg, Schroth, Stuttgart 2016, S. 32. Im Folgenden mit dem Kurztitel „BENTHAM, 2016“ zitiert.

2 Jeremy Bentham (*1748, † 1832) war Jurist, politischer Reformer und Philosoph. Mit seinem Werk zur Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung prägte er „die erste ausdrückliche und systematische Exposition des Utilitarismus“. Vgl. hierzu: CRIMMINS, James E., Jeremy Bentham, in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy, hrsg. v. Edward N., Zalta, https://plato.stanford.edu/ar- chives/fall2017/entries/bentham/ Stand 26.02.2018. und HÖFFE, Otfried (Hrsg.), Einführung in die utilitaristische Ethik, Tübingen 42008, S. 13.

3 BENTHAM, 2016, S. 33.

4 Ibid., S. 33 f.

5 Ibid., S. 34.

6 Ibid., S. 45

7 Ibid.

8 Ibid.

9 Ibid.

10 Ibid.

11 Ibid.

12 VOGT, Markus, Die Moral der Energiewende. Eine Topographie ethischer Herausforderung, https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/jcsw/article/download/1542/1444 Stand: 26.02.2017.

13 BENTHAM, 2016, S. 45.

14 Ibid.

15 Ibid.

16 Ibid., S. 45 f.

17 Ibid., S. 46.

18 Vgl. hierzu: Die Grundrechte. Artikel 2.1, Aufgerufen unter: https://www.bundestag.de/parla- ment/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01/245122 Stand: 30.05.2018.

19 RAWLS, John, Eine Theorie der Gerechtigkeit, in: Texte zum Utilitarismus, hrsg. v. Jörg, Schroth, Stuttgart 2016, S. 238. Im Folgenden mit dem Kurztitel „Rawls, 2016“ zitiert.

20 Ibid. S. 241. außerdem hierzu: HÖFFE, 2008, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Moralische Entscheidungen. Der Utilitarismus nach Jeremy Bentham
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Cognitive Sciences, moralische Entscheidungen und philosophische Diskussion
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V430981
ISBN (eBook)
9783668751880
ISBN (Buch)
9783668751897
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bentham, Utilitarismus, Rawls, Bowles
Arbeit zitieren
Stefanie Zimmermann (Autor), 2018, Moralische Entscheidungen. Der Utilitarismus nach Jeremy Bentham, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430981

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