Fremdzuschreibungen im Zusammenhang mit der Identität von Migrant_innen

Inwiefern können Fremdzuschreibungen Auswirkungen auf die Identität von Migrant_innen haben?


Essay, 2018

9 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

„Mein Vater hat irgendwann mal gesagt: ´Die Deutschen haben meine Kinder

türkisiert, nicht wir´“ (Spiegel Online 2013). Das aufgeführte Zitat entspringt dem Erfahrungsbericht einer türkeistämmigen Migrantin, die in Deutschland aufgewachsen ist. Sie beschreibt darin, inwiefern sie sich in ihrem Alltag mit (subtilen) Fremdzuschreibungen und dadurch auch mit ihrer eigenen Identität auseinandersetzen muss (vgl. Spiegel Online 2013). „Für mich war es Routine, dass ich in meiner Heimat Hamburg wieder Integrationsfragen von Deutschen beantworten musste“ (ebd.). Aufgrund solcher Aussagen möchte ich mich in meinem Essay mit dem Thema der Fremdzuschreibungen und der damit verknüpften Identitätsbildung beschäftigen. Hierbei stellt sich mir die Frage, inwiefern Fremdzuschreibungen Auswirkungen auf die Identität von Migrant_innen haben können. Ich stelle die These auf, dass sich Migrant_innen aufgrund von Fremdzuschreibungen ihrer Herkunftskultur zuwenden. Um dieser These nachzugehen, werde ich zu Beginn klären, worum es sich bei dem Begriff Ethnizität handelt und wie dieser mit der Identität zusammenhängt. Ich werde aufzeigen, inwiefern sich Migrant_innen mit Fremdzuschreibungen auseinandersetzen müssen. Anschließend werde ich erörtern, welche Auswirkungen Fremdzuschreibungen auf die Identitätsbildung von Migrant_innen haben können, um somit abschließend meine Ausgangsfrage beantworten und meine These widerlegen oder bestätigen zu können.

Um meine Ausgangsfrage beantworten zu können, muss ich zu Beginn klären, wie Ethnizität und Identität zusammenhängen. Der Begriff „Ethnizität“ erhielt in den Geisteswissenschaften erst seit den 80er Jahren größere Zuwendung. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Theorien über ihn und er ist Bestandteil wissenschaftlicher Diskussionen und Diskurse. Die Theorien sind sich in dem Punkt einig, dass er ein wichtiger Faktor im Zusammenhang der Identitätsbildung ist (vgl. Groenemeyer 2003: 12). Der Begriff Ethnizität hat die Aufgabe, die Unterschiede der verschiedenen Kulturen in ihren Handlungen zu erklären (vgl. ebd.: 14). Eine ethnische Gruppe ist eine Einheit von Individuen, die sich aufgrund verschiedener Aspekte wie zum Beispiel der Herkunft, Kultur, Geschichte oder Religion als solche definiert oder von anderen definiert wird (vgl. ebd.: 15). Ein Individuum kann also als Mitglied einer ethnischen Gruppe behandelt werden, ohne dieser wirklich verbunden zu sein oder sich selbst dieser verbunden zu fühlen (vgl. ebd.: 29). Ethnische Gruppen können demnach konstruierte aus Fremden bestehende Gruppen sein (vgl. ebd.: 27). Das eigentliche Thema, mit dem sich die Gesellschaft deshalb beschäftigen sollte, sind nicht die kulturellen Unterschiede (vgl. Groenemeyer 2003: 27), „vielmehr geht es um die sozialen Prozesse, die Abgrenzung zwischen Akteuren und Gruppen auf der Basis selbst- und fremdzugeschriebener Identitäten konstituieren, also um die soziale Organisation kultureller Unterschiede“ (Groenemeyer 2003: 27). Es geht also vor allem um das Konstrukt der ethnischen Zugehörigkeit, die durch Selbst- und Fremdkategorisierung zu Aus- und Abgrenzung führen kann (vgl. ebd.: 30). Dabei ist von großer Bedeutung, ob sich das Individuum selbst einer ethnischen Minderheit zuschreibt oder dies durch Fremdzuschreibung geschieht, da dies Einfluss auf die eigene Identität haben kann (vgl. ebd.: 16). Doch inwiefern müssen sich Migrant_innen in der sozialen Praxis mit Fremdzuschreibungen auseinandersetzen?

Migrant_innen der zweiten und dritten Generation werden in der Statistik als Ausländer_innen verzeichnet, unabhängig davon, ob sie in Deutschland aufgewachsen oder sogar geboren sind (vgl. Kasdanastassi 2001: 42). Viele sind in Deutschland sozialisiert und haben keine Migrationserfahrung, doch der Status als Ausländer_in wird über Generation weitervererbt (vgl. Yildiz 2016: 49). Aber auch außerhalb der statistischen Erfassung sehen sich Migrant_innen, beispielsweise aufgrund ihres Aussehens, mit Fremdzuschreibung konfrontiert, bei der ihnen eine ethnische Identität zu- oder abgeschrieben wird (vgl. Atabay 2011: 205f). Damit versucht die Mehrheitsgesellschaft, Identität anhand der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu begründen. Auf türkeistämmige Migrant_innen bezogen, fundiert ihre Identität dann auf der „türkischen Herkunft“. Außer Acht gelassen wird dabei, dass sich das Erlebte der Migrant_innen und ihre Erfahrungen voneinander unterscheiden und sehr individuell sein können (vgl. Keupp 2008: 172). Passend dazu formulierte der Soziologe Stuart Hall: „Die Vorstellung, Identität habe etwas mit Menschen zu tun, die alle gleich aussehen, auf dieselbe Weise fühlen und sich selbst als Gleiche wahrnehmen, ist Unsinn. Identität als Prozess, als Erzählung, als Diskurs wird immer von der Position des Anderen aus erzählt“ (Hall 1994: 74).

Diese äußeren Fremdzuschreibungen stehen oft nicht im Zusammenhang mit dem wahrgenommenen Selbstbild (vgl. Atabay 2011: 205). Unter anderem zeigt dies die Sozialwissenschaftlerin Miriam Yildiz in ihrem Buch „Hybride Alltagswelten, Lebensstrategien und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher der 2. und 3. Generation aus Migrationsfamilien“ (Yildiz 2016) auf. Dabei spricht sie von einer „Entfremdung“, die Migrant_innen der zweiten und dritten Generation durchmachen. Migrant_innen, die sich bislang zugehörig fühlten, wird ihre Fremdheit vor Augen geführt und ihnen wird bewusst, dass sie als Fremde empfunden werden und nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören (vgl. Yildiz 2016: 68). Erst durch die Zuschreibung müssen sie sich mit ihrer Fremdheit auseinandersetzen. Die Mehrheitsgesellschaft bestimmt dabei über ihre Differenz (vgl. Yildiz 2016: 69).

Im Alltag sehen sie sich beispielsweise mit Fragen der Herkunft konfrontiert. Es wird angenommen, sie kommen nicht aus Deutschland. Dieser Prozess endet erst, wenn ihre „richtige“ Herkunft erörtert wurde. Dies nennt Yildiz „Verweisung“, da Migrant_innen der zweiten und dritten Generation ihrer Fremdheit verwiesen werden (vgl. ebd.: 70). Auch in dem zu Beginn aufgeführten Erfahrungsbericht ist dies der Fall, was man an folgendem Zitat gut erkennen kann: „Wenn ich jetzt gefragt wurde: ´Wo kommst du her?´, sagte ich immer: Türkei. Mein Leben wurde einfacher“ (Spiegel Online 2013). Den nächsten Punkt, den Yildiz aufgreift, ist die „Entantwortung“. Dabei werden Eigenschaften nicht mehr dem eigenen Lebensstil zugeschrieben, sondern alles Handeln wird mit der ethischen Abstammung verknüpft (vgl. Yildiz 2016: 71). Als Beispiel möchte ich mich erneut auf den Erfahrungsbericht beziehen. In diesem beschreibt die türkeistämmige Migrantin, dass sie aus Geschmacksgründen kein Alkohol trinke. Allerdings muss sie sich immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, ob sie es von ihren Eltern aufgrund ihrer Religion verboten bekomme (vgl. Spiegel Online 2013). Mit der „Entgleichung“ beschreibt Yildiz, dass Migrant_innen die Gleichstellung zur Mehrheitsgesellschaft versagt wird und den Standpunkt eines Bewertenden einnimmt (vgl. Yildiz 2016: 72). Uslucan, ein Migrationsforscher und Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung, hat dazu am Beispiel der türkeistämmigen Migrant_innen treffend formuliert: „Denn die unterstellte Fremdheit der Türken ist ja kein unausweichliches Merkmal ihrer Existenz, keine natürliche Eigenschaft, sondern vielmehr die Definition einer Beziehung; festgehalten und ausgesprochen von jenen, die die Deutungsmacht innehaben und das Eigene als Standard ansetzen“ (Uslucan 2011: 9). So werden alle Migrant_innen für die Mehrheitsgesellschaft Repräsentanten ihres Herkunftslandes (vgl. Yildiz 2016: 72). Auch das lässt sich wiederum in dem Erfahrungsbericht erkennen: „´Özlem, was ist denn da los bei euch?´, fragte meine Klassenlehrerin jetzt. Mit "bei euch" meinte sie die türkisch-syrische Grenze. […] Ich war jetzt die Expertin. Eine Art diplomatische Vertretung der Türkei auf dem Klassenstuhl“ (Spiegel Online 2013). Doch wie wirken sich diese sozialen Handlungspraxen auf die Identität von Migrant_innen aus?

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Details

Titel
Fremdzuschreibungen im Zusammenhang mit der Identität von Migrant_innen
Untertitel
Inwiefern können Fremdzuschreibungen Auswirkungen auf die Identität von Migrant_innen haben?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V430982
ISBN (eBook)
9783668740785
ISBN (Buch)
9783668740792
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fremdzuschreibungen, zusammenhang, identität, migrant_innen, inwiefern, auswirkungen
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Fremdzuschreibungen im Zusammenhang mit der Identität von Migrant_innen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430982

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