Der Panther auf dem Markusplatz - Eine Aufführungsanalyse von Jürgen Kruses "Tryin´Othello" Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin 2004


Seminararbeit, 2005
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil 1
Venedig: Die Raubkatze auf dem Markusplatz
1.1. Vor den Toren der Stadt
1.2. Beim Dogen
1.3. Der Panther auf dem Markusplatz

Teil 2
Von ganz weit Draußen nach Innen - "Zypern"
2.1. Das Reich ist fern: Urlaub auf Zypern
2.2. Nach der Pause: Ein Gesandter trifft ein - Was ist hier geschehen?
Exkurs: Der subjektive Blick im Film am Beispiel des Regisseurs David Lynch
2.3. Von Außen nach Innen: Othellos Träume
Jürgen Kruses "Tryin´ Othello" Inszenierung - Zusammenfassung und Ausblick

Einleitung

Für den Großteil von Shakespeares Zuschauern erschien Zypern so weit von London entfernt wie Verona, ein Besuch in Venedig so unwahrscheinlich wie ein Ausflug nach Schloß Helsingör in Dänemark. Böhmen konnte am Ufer desselben Meeres liegen wie Sizilien[1]. Die Orte waren Chiffren nur, die nicht wirklich als originalgetreue Beschreibung zu verstehen waren, im Sinne von "Othello- eine venezianische Legende". Eine heutige Inszenierung muß trotz der vagen Shakespeareschen Ortsbeschreibungen eine Haltung finden zu dem plötzlichen Bruch im Drama "Othello". Der erste Akt spielt in Venedig, die folgenden vier in Zypern. Was bedeutet Venedig, was bedeutet Zypern, wie wirkt sich dieser Ortswechsel auf die Entwicklung der Menschen aus, wie beeinflussen die Orte die Menschen und umgekehrt. Auf diese und ähnlich Fragen wird eine "Othello" - Inszenierung immer Antworten bieten müssen, zumal eine von einem Regisseur wie Jürgen Kruse, der für seine düsteren Halbwelten hinlänglich bekannt ist.

Die vorliegende Aufführungsanalyse will diese Orte in "Tryin´ Othello" entdecken, sich einlassen auf die Gestaltung des Bühnenraumes und analysieren, welche Bezüge zwischen Ort und Handlung entstehen, und wie dadurch die Handlung beeinflusst wird. Die Rede ist hier bewusst nicht von einer schlichten Untersuchung des Bühnenbildes. Denn nicht die nüchterne Beschreibung dessen, was wir objektiv sehen (ein rundes Gestell, auf dem z.B. eine Pumaattrappe installiert ist), sondern die imaginären Bildwelten und Orte, die durch das Zusammenspiel der Theatermittel entstehen, sollen Gegenstand dieser Untersuchung sein. Natürlich wird dabei auch die Phantasie desjenigen, der diese Arbeit schreibt, mit eine Rollen spielen, um eine Interpretation der Bildwelten dieser Inszenierung anzubieten

Teil 1 Venedig: Die Raubkatze auf dem Markusplatz

1.1. Vor den Toren der Stadt

In den Regieanweisungen des Shakespearetextes wird Venedig nur als Ort des 1. Aktes genannt, aber nicht näher beschrieben: "Scene: Venice and Cyprus" heißt es lapidar in der Ortsangabe[2]. Der erste Akt ist in drei Szenen unterteilt (und Kruse übernimmt für seine Inszenierung fast durchgehend die Szenenfolge Shakespeares): Die ersten beiden Szenen spielen im Freien, die dritte im Palast des Dogen.

Der Zuschauer, der in Kruses "Othello"-Welt eintritt, sieht zunächst einmal gar nichts. Der Zuschauerraum der Kammerspiele liegt im Dunkeln und es dauert einige Zeit, bis man seinen Platz gefunden hat und sich die Augen an des Dämmerlicht gewöhnen können. Vor dem Bühnenportal hängt ein durchsichtiger Vorhang mit einer Michelangelo-Zeichnung. Die überdimensionalen Hände dieses Bildes setzen sich auch in den realen Gegenständen auf der Bühne fort: An der rechten Portalseite ist eine ca. 1 1/2 m hohe Gipshand befestigt worden, die mit dem Zeigefinger nach oben weist. Vor der linken Portalseite steht ein ganz heutiges Requisit, eine gelbe Wertstoffmülltonne.

Durch den Vorhang hindurch, nur spärlich beleuchtet, sieht der Zuschauer schemenhaft eine Szenerie, die eine im Dunkeln liegende Stadt darstellen könnte. Der Bühnenraum ist bis zu den Brandwänden leergeräumt, in der Mitte steht eine runde, ca. 1 Meter hohe Scheibe (im folgenden Torte genannt), auf der schemenhaft allerhand Gegenstände zu erkennen sind, die jedoch aus dieser Entfernung und in der Dunkelheit nur schwer zu identifizieren sind. In der Mitte der Torte lenkt eine von innen beleuchtete blaue "Weltkugel" die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich. Die "Weltkugel" ist jedoch beim näheren Hinsehen gar keine, viel zu viel blau wird nur durch zahlreiche zerstreute Inseln unterbrochen, Symbol für die Seemacht Venedig (?) oder gar eine magische Kugel, auf der etwaige türkische Flotten schon frühzeitig erspäht werden können (?) - der Zuschauer weiß es (noch) nicht. Die Inszenierung beginnt musikalisch, zu Klängen von Marschmusik fährt langsam und "feierlich" der Vorhang nach oben, während die Musik in das Geräusch des Blubbern und Schlürfen der Lagune übergeht, die jetzt imaginär vor uns liegt. Das "Zentrum Venedigs", die Torte, liegt immer noch einige "Meilen" (auf der Bühne Meter) entfernt, die handelnden Akteure, zunächst Jago und Rodrigo, müssen die Nacht mit Fackeln erhellen. Als Jago Feueralarm ruft, um Brabantio, den Vater der ent-(ver-)führten Desdemona, zu wecken, wird die Restmülltonne von innen beleuchtet und bleibt auch den ganzen Abend in diesem Zustand. Was zunächst vielleicht nur ein Feuer in der Mülltonne ist, wird zu einem beständigen Zeichen der Inszenierung, was nicht paßt wird hier entsorgt, Kalauer, Textpassagen oder schwer entsorgbare Emotionen. Brabantio, der zürnende Vater, trohnt hoch über der Stadt (der Torte) hinter einer eisernen Tür in ca. 5 Meter Höhe in der Bühnenrückwand. Aus dieser Behausung betritt er den davor liegenden Balkon, tobend, in seiner Wut über allem stehend, auch über dem vor ihm liegenden Zentrum der Stadt, dem noch schlafenden "Dogenpalast".

1.2. Beim Dogen

"How? The Duke in council? In this time of the night? Bring him away"[3] ruft bei Shakespeare (und bei seinem Co-Regisseur Kruse) der zürnende Vater, dessen Vaterrolle er wenigstens staturmäßig in dieser Inszenierung voll ausfüllt, und die ganze Meute, eben noch draußen, befindet sich in der folgenden Dritten Szene des ersten Aktes beim Dogen: "The Duke and Senators sitting at a table, with lights and attendants" lautet die Shakespeare-Regieanweisung.[4] Bei Kruse wird Musik gespielt, während die Torte langsam aus der Mitte der Bühne nach vorne zur Rampe rollt. Dabei dreht sie sich um sich selbst, so daß die Gegenstände auf ihr deutlich erkennbar werden. In der Mitte steht ein alter Mann sinnend über die "Weltkugel" gebeugt, der Doge, ein Jahrhunderte altes Reich verwaltend. Venedig kommt in dieser wunderbaren Szene dem Zuschauer greifbar nahe, während das Zentrum des Reichs, die Weltkugel, den Weltenmittelpunkt darstellt, erschließt sich ihm im Betrachten der Gegenstände an dem Rand der Torte die ganze Vielfalt dieser Zivilisation. Im folgenden soll jeder Gegenstand auf der Torte einzelnd betrachtet und mit einer Assoziation belegt werden, die freilich nur eine von vielen sein kann, nämlich die des Autors dieser Analyse.

Der Rand der Torte ist belegt mit:

[...]


[1] In Shakespeares "Wintermärchen" liegen sowohl das Land Böhmen, als auch die Insel Sizilien am Mittelmeer.

[2] zitiert nach: William Shakespeare, Othello. Zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Frank Günther. Mit einem Essay von Dieter Mehl, München 1995.

[3] ders. S.28.

[4] ders. S.30.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Panther auf dem Markusplatz - Eine Aufführungsanalyse von Jürgen Kruses "Tryin´Othello" Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin 2004
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Einfführung in die Aufführungsanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V43100
ISBN (eBook)
9783638409735
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Aufführungsanalyse über eine Inszenierung des Kult-Regisseurs Jürgen Kruse, "dessen Inszenierungen das Dunkle nicht scheuen" - ohne Sekundärliteratur
Schlagworte
Panther, Markusplatz, Eine, Aufführungsanalyse, Jürgen, Kruses, Tryin´Othello, Inszenierung, Deutschen, Theater, Berlin, Einfführung
Arbeit zitieren
Alexander Kohlmann (Autor), 2005, Der Panther auf dem Markusplatz - Eine Aufführungsanalyse von Jürgen Kruses "Tryin´Othello" Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin 2004, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43100

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