"Du hast Hip-Hop nicht verstanden". Eine Untersuchung des Kulturtransfers und des Umgangs staatlicher Akteure mit der Jugendkultur des Hip-Hops in der DDR


Term Paper, 2018
20 Pages, Grade: 1,0
Anonymous

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entstehung der Hip-Hop-Kultur und ihre vier Grundsäulen

3 Der Kulturtransfer des Hip-Hops in die DDR

4 Beispiele des staatlichen Umgangs mit der Jugendkultur des Hip­Hops
4.1 Der Zulassungsprozess des Spielfilms Beat Street
4.2 Der Umgang staatlicher Akteure mit der Breakdance-Szene

5 Fazit

6 Glossar

7 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

״Du hast Hip-Hop nicht verstanden“1 - so ertönte es am 1. März 2018 im ausverkauf­ten Jenaer Club ״Kassabianca Gleis 1“ als der Rapper 3PİUSSS seinen auf YouTube bereits über 900,000 Mal abgespielten Hit performt,2 Doch trat er an diesem Abend in Jena nur als Vorgruppe des eigentlichen Künstlers des Abends auf, Martoria. Dessen aktuelles Album erhielt eine Goldene Schallplatte für über 100,000 verkaufte Exemplare und war über Wochen hinweg in den deutschen Albumcharts zu finden. Allgemein ist innerhalb der letzten Jahre eine Vielzahl an erfolgreichen Veröffent- heiningen zu finden, die dem Genre des Hip-Hops zugeordnet werden. Diese Musi- kriehtung scheint mittlerweile allgegenwärtig zu sein, so werden von den aktuellen deutschen Τορ-15-Singleeharts ganze 14 Songs mit dem Hip-Hop assoziiert,3 Im Anschluss an besagtes Konzert kam ich mit Freunden und Bekannten ins Ge- sprach über die Grundaussage des Songs, mit dem der Rapper 3PİUSSS die Veran­staltung eröffnet hat. Er thematisiert hierbei das seit Jahren aktuelle Ringen um die Deutungshoheit im Hip-Hop, Dieser ist nämlich nicht nur eine Musikrichtung, son­dern steht ebenfalls für eine jugendliche Subkultur, welche sich in den 1970er Jahren im urbanen Ghetto der Xew Yorker Bronx entwickelt hat und im Laufe der Jahre weltweit erfolgreich Fuß fassen konnte, Streitpunkt hierbei ist die zunehmende Kom­merzialisierung. Es gibt Hip-Hop Gruppierungen, wie die sogenanntenszenetypisehen Backpackrapper4, die Kommerz aktiv ablehnen und andere, die ihn begrüßen, Zwi- sehen diesen gibt es einen Streit über die Deutungshoheit des Konzepts Hip-Hop Die Gruppen werfen sieh also gegenseitig vor, den Hip-Hop nicht verstanden zu haben. Es ist allerdings kaum bekannt, dass es Zeiten und Orte gab, an dem der Hip-Hop ohne Verankerung in der Musikindustrie eine eigene Szene bilden konnte. Dies war mitunter der Fall in der Hip-Hop-Szene innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik, Dieser Teil der Geschichte ist in der Öffentlichkeit weniger bekannt, da darüber nur selten berichtet wird, ״Hip-Hop und DDR, kann das überhaupt zusammenpassen?“

Diese Frage soll im Verlauf dieser Hausarbeit betrachtet werden. Konkret ge­sagt, soll aufbauend auf den Forschungen Leonard Schmiedings, welcher durch die Veröffentlichung seiner Dissertation zum Hip-Hop in der DDR im Jahr 2014 eine Grundlage dieses Forschungsfeldes schuf, untersucht werden, inwiefern sieh der Kul­turtransfer des Hip-Hops über den Eisernen Vorhang hinweg gestaltete und wie die staatlichen Akteure der DDR auf diesen westlichen Kulturimport reagierten. Hierzu sollen Originaldokumente des Staatsapparats, sowie Quellen aus der Privatsamm- hing eines DDR-Hip-Hoppers einbezogen werden. Für den Begriff der Jugendkultur bzw, der jugendlichen Subkultur beziehe sieh diese Hausarbeit auf die Definition Die­ter Baakes: ״Jugendkulturen sind diejenigen Teile einer nationalen oder iibernationa- len jugendlichen Population, die für das Jugend-Selbstverständnis einer bestimmten Epoche oder eines ungefähr angebbaren Zeitraums Leitbilder setzen und auch von den Erwachsenen und Erziehungsberechtigten als diejenigen wahrgenommen wer­den, die aufgrund ihrer scharf konturierten Eigenarten mit oft herausforderndem Charakter für die ältere Generation in besonderer Weise Irritationen darstellen,“5

2 Die Entstehung der Hip-Hop-Kultur und ihre vier Grundsäulen

Für die Untersuchung dieser Thematik ist es wichtig, sieh zu Beginn mit der Ent- stehungsgesehiehte des Hip-Hops und seiner Funktion auseinanderzusetzen. Seine Ursprünge hat diese jugendliche Subkultur in den afroamerikanisch geprägten urba­nen Vororten Xew Yorks, In der Bronx, einem städtischen Ghetto nordöstlich von Harlem gelegen, hatte der Hip-Hop seine Geburtsstunde, Im Vergleich zu anderen Jugendkulturen lässt sieh diese sogar relativ genau datieren. Im Sommer 1973 vor- anstaltete der aus Jamaika immigrierte Clive Campeil unter dem Künstlernamen ״Kool DJ Here“ eine Geburtstagsparty für seine kleine Schwester in der 1520 Sedg- wiek Avenue,6 Er war einer der Discjockeys (DJs), welche durch mobile Diskotheken, sogenannte Soundsysteme, dem Wunsch nach Tanz, Unterhaltung und Freizeitbe- sehäftigung der Afroamerikaner, Puerto-Rieaner und anderer Immigranten dieser Ghettos naehkam. Da die Eintrittspreise für die etablierten Diskotheken Vergleichs­weise hoch waren, der Großteil der Bewohner der Bronx in Armut lebte und politisch sowie sozial marginalisiert wurde, erfreuten sieh die Soundsysteme und Bloek Par- tys zunehmender Beliebtheit,7 Kool DJ Here führte in diesem Zusammenhang das DJing ein. Gemeint ist hierbei das Abspielen zweier Platten auf verschiedenen Plat­tenspielern um im Wechsel lediglich die von Perkussion und Rhythmus geprägten Breaks der jeweiligen Lieder abzuspielen. Der ständige Wechsel zwischen den beiden Plattenspielern ermöglichte es ihm diese Breakbeats durchgängig abzuspielen und Z.B, durch Scratching kunstvoll zwischen den verschiedenen Breakbeats zu wechseln. Das DJing bildet eine der vier Grundsäulen des Hip-Hops, Einen weiteren Bestandteil dieser Jugendkultur ist das Graffiti, Hier wird auf eine Tradition :zurückgegriffen, die bereits vor der Etablierung des Hip-Hops in der Gesell­schaft Bestand hatte. Mit sogenannten Tags hinterließen die Sprayer ihre Kiinstlerp- seudonyme öffentlich sichtbar an Hausfassaden, Ursprünglich dienten die Tags zur Reviermarkierung innerhalb des großstädtischen Bandenmilieus, Erst durch einen Artikel der Xew York Times im Jahre 1971 über den Sprayer TAKI183 erhielt die Szene einen Aufschwung,8 Dieser animierte innerhalb Xew Yorks eine Vielzahl an Xaehahmern und durch die dadurch ausgelöste Graffitiinflation versuchten sieh die einzelnen Sprayer fortan durch künstlerische Inszenierung ihrer Pieces gegenseitig zu übertreffen. Dies hatte eine kontrovers diskutierte künstlerische Entwicklung zur Folge, welche zum einen in der Subkultur der Xew Yorker Ghettos, dem Hip-Hop, aufging und auch in der breiten Öffentlichkeit immer mehr als Kunst angesehen und eingestuft wurde. Deutlich wird diese fortlaufende Entwicklung um die kiinst- lerisehe Anerkennung der Graffitis an einem aktuellen Fallbeispiel, bei dem Graffiti Artists einen juristischen Streit gegen einen Immobilieninvestor gewannen. Dieser hatte zuvor die szeneiibergreifend berühmten Graffitiwerke an seiner Xew Yorker Industrieanlage ohne Vorwarnung entfernen lassen. In diesem Zusammenhang wur­den 45 der 49 Werke juristisch offiziell als Kunst anerkannt,9

Eine weitere Grundsäule bildet der Breakdance, Innerhalb der Szene wird er als B-Boying, bzw, im Falle weiblicher Tänzerinnen, als B-Girling, bezeichnet. Dieser Tanzstil entstand auf Basis der ryhthmuslastigen Breakbeats, welche auf den Block Partys von den DJs präsentiert wurden. Während, das im Anschluss erklärte, MCing der verbalen Auseinandersetzung des Hip-Hoppers mit seiner Umwelt diente, war der Breakdance eine körperliche Ausdrueksform, So wurde in den Ghettos auf ge­walttägige Auseinandersetzungen zwischen den Jugendbanden innerhalb der Szene verzichtet, da an deren Stelle nun Breakdaneebattles traten. Dies waren Wettkämp­fe bei denen eine hervorragende motorische Körperbeherrschung, sowie konditionelle Fähigkeiten ausschlaggebend waren.

Die vierte Säule bildet das MCing, welches auch als Rap bezeichnet wird. Bereits zu Zeiten der Pionierarbeit Kool DJ Hercs, wurde durch sogenanntes Toasting, welches aus dem call and response Muster der afro-amerikanisehen Musiktradition Übernom­men wurde, das Publikum durch kurze Aussagen im Takt angefeuert. Aus diesen kurzen Aufforderungen wurde im Laufe der 1970er Jahre zunehmend ein rhythmi­scher Spreehgesang, welcher meist einem Reimsehema folgte und vom MC, dem ״Master of Ceremony“ und nicht mehr vom DJ, dargeboten wurde. Spätestens seit dem ersten kommerziell erfolgreichen Hip-Hop-Release des Songs ״Rapper’s Delight“ der Sugarhill Gang im Jahre 1979 kam den MGs innerhalb der Subkultur ein gewisser Sonderstatus zum Teil, Sie erhielten einen Großteil der Aufmerksamkeit des Publi­kums. Auf der einen Seite dadurch, dass sie sieh in ihren Texten zunehmend politisch äußerten und die Lebensumstände in den afro-amerikaniseh geprägten Ghettos der Vereinigten Staaten thematisierten, auf der anderen Seite gerieten die MGs, zuneh­mend auch als Rapper bezeichnet, in den Mittelpunkt, da sie sieh gut als Ver mark- tungsobjekt und Aushängeschild für die Musikindustrie eigneten,10 Diese hatte seit den späten 1970er Jahren das wirtschaftliche Potential des Hip-Hops erkannt und in den USA zu einer zunehmenden Kommerzialisierung dieser Jugendkultur und des Musikstils beigetragen.

Zu den Ursprüngen des Hip-Hops als Jugendkultur lässt sieh demnach sagen, dass dieser eine Reaktion auf die wirtschaftliche und kulturelle Ausbeutung der margi- nalisierten afroamerikanischen Bevölkerungssehieht durch eine weiße Leitkultur ist und mit Hilfe der vier beschriebenen Grundsäulen eine Forderung nach Geltungsbe­darf und sozialer Gerechtigkeit der unterdrückten schwarzen Bevölkerungssehiehten geltend gemacht wird. Die Professorin für afro-amerikanisehe Studien an der Brown University Trieia Rose bezeichnet das kulturelle Zusammenspiel der Grundelemente des Hip-Hops als ״re-elaiming of blackness in the popular realm,“11

3 Der Kulturtransfer des Hip-Hops in die DDR

Durch den kommerziellen Erfolg der Single ״Rapper’s Delight“ wurde Hip-Hop auch über die Grenzen Xew Yorks und der USA hinaus bekannt. Angespornt durch den Erfolg der Sugarhill Gang kam es ab 1980 zu einer Vielzahl an Veröffentlichungen diverser DJs und MGs, was wiederum dazu führte, dass das Phänomen Hip-Hop zunehmend in den Medien thematisiert wurde. Da Hörfunk und Fernsehen der BRD auch über die innerdeutsche Grenze hinweg für einen Großteil der DDR-Bürger zu empfangen war, konnte Rapmusik Z.B, im Programm des ״Sender Freies Berlin“ gehört und Breakdancegruppen wie die Xew York City Breakers oder The Rock Steady Crew bei Auftritten in Thomas Gottschalks Sendung ״Xa sowas!“ im West­fernsehen betrachtet werden,12 Jugendliche bildeten, vor allem im städtischen Raum, erste Breakdancecrews und versuchten ihre Vorbilder aus dem Fernsehen zu imitie­ren. Die hohe Attraktivität dieses Tanzstils für die DDR-Jugend lässt sich dadurch erklären, dass das B-Boying für jeden frei zugänglich war. Denn neben einem ho­hen Maß an Koordination und Muskelkraft, sowie Platz und Zeit zum Tanzen, war nichts weiter nötig um diese Säule der Jugendkultur des Hip-Hops zu praktizieren. Außerdem ließ sich der Breakdance gut in die Turnertradition der DDR integrieren. So berichtet der Autor Wolfgang Seppelt mit szeneungebräuliehem Vokabular der älteren Generation für die DDR-Faehzeitsehrift ״Melodie & Rhythmus“ über einen Breakdance-Workshop, welcher am 6, Dezember 1984 im Haus der Jungen Talen­te (HdJT) in Ost-Berlin stattgefunden hat: ״Die eifrig ,popenden 1 und ,lockenden 1 sich am Boden ringelnden und windenden und gleitenden Akteure gehörten dem hauseigenen Pantomimenstudio an, das - dem Freizeitbedürfnis vieler Jugendlicher folgend - im September ’84 erweitert wurde. Unter Obhut des bisherigen Leiters Elia Saun trainieren nun regelmäßig auch zwei Breakdance Gruppen, |,,, I die Begeiste­rung einer großen Anzahl Jugendlicher für diese tanzsportliche Disziplin |kann| nicht übersehen werden, Anfänge wie die im HdJT oder Prater, sind getätigt |sie|,“13 Ob­wohl die anderen drei Grundsäulen der Hip-Hop Kultur für die DDR-Jugendliehen nicht minder attraktiv waren, wurden diese Elemente kaum praktiziert. Dies lag in den ökonomischen und sozialen Alltagsverhältnissen des Staates begründet.

[...]


1 https://gonius.con1/3plusss-ich-habo-hip-hop-nicht-vorstandon-lyncs (05.03.2018)

2 https://www.youtube.com/watchľv i22LCaGMG4c (05.03.2018)

3 http://www.mtv.do/charts/tjlyhaa/top-15-doutschsprachigo-singlo-charts (05.03.2018)

4 Kursiv gedruckte Begriffe des Hip-Hop-Jargons sind im anhängondon Glossar erläutert

5 Baacke, Dieter (1999): Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung. Weinheim und München: Juventa, 3. überarbeitete Auflage, s. 210

6 Vgl. Schmieding, Leonard: ״Das ist unsere Party“. HipHop in der DDR, Stuttgart 2014, S.14

7 Rose, Tiiria: Black noise. Rap music and black culture in contemporary America, Hanover (Xew Hampshire) 1994, s. 27-34

8 Unbekannter Autor: Taki 183’ Spawns Pen Pals, in: Xew York Times, 21. Juli 1971, s. 37

9 http://WWW.spiegel.de/panorama/Justiz/ópointz-in-new-york-graffiti-knenstler-erhalten- schadensersatz-a-l 193170.html (06.03.2018)

10 Vgl. Klein, Gabriclc/Maltc, Friedrich: Is this real? Die Kultur des Hip-Hop, Frankfurt a. M. 2003, s. 14.

11 Rose, Black noise, s. 6

12 Vgl. Müller, Siegfried: Kultur in Deutschland. Vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Stutt- gait 2017, S. 310

13 Seppelt, Wolfgang: Fünf Bruchstücke zum Break, in: Melodie & Rhythmus, 1985, S.8

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Details

Title
"Du hast Hip-Hop nicht verstanden". Eine Untersuchung des Kulturtransfers und des Umgangs staatlicher Akteure mit der Jugendkultur des Hip-Hops in der DDR
College
http://www.uni-jena.de/
Grade
1,0
Year
2018
Pages
20
Catalog Number
V431012
ISBN (eBook)
9783668740808
ISBN (Book)
9783668740815
File size
1294 KB
Language
German
Notes
Eine Untersuchung des Kulturtransfers und des Umgangs staatlicher Akteure mit der Jugendkultur des Hip-Hops in der DDR
Tags
hip-hop, eine, untersuchung, kulturtransfers, umgangs, akteure, jugendkultur, hip-hops, geschichte, subkultur
Quote paper
Anonymous, 2018, "Du hast Hip-Hop nicht verstanden". Eine Untersuchung des Kulturtransfers und des Umgangs staatlicher Akteure mit der Jugendkultur des Hip-Hops in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431012

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