Wenn Schüler auf Reisen gehen. Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht

Forschungsbericht einer ethnografischen Studie


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

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1. Eine Reise in die Welt der Regeln und Rituale der Grundschule
Für die Dauer von zwei Wochen führte ich im Rahmen meines Forschungsprojekts in der
Soziologie eine ethnografische Studie an einer Grundschule in Rheinland-Pfalz durch.
Befassen soll sich die im folgenden präsentierte Studie mit Regeln und Ritualen im
Grundschulunterricht. Regeln und Rituale gehören in vielen Klassengemeinschaften zu einem
festen Bestandteil des Schulalltags. Dementsprechend wird ihnen in vielerlei Hinsicht eine
große Bedeutung zugeschrieben.
Klare Regeln und Rituale und deren konsequente Einhaltung sind notwendig zum
Aufbau von Sozialkompetenz, aber auch eine wichtige Voraussetzung für erfolgreichen
Unterricht, da sie sowohl dazu dienen den Unterricht zu strukturieren, als auch dem
Zusammenleben eine verlässliche Orientierung zugrunde legen. Auch können sie die
Schulzeit gliedern und mit Spannung erfüllen und darüber hinaus dem Individuum im
Idealfall sicheren Halt geben beziehungsweise das Gefühl vermitteln, Teil einer Gemeinschaft
zu sein, denn Regeln und Rituale verbinden.
Des Weiteren geht man zunächst davon aus, dass Regeln und Rituale den Grad der
Komplexität im Unterricht reduzieren und Struktur und Ordnung schaffen. Doch was
geschieht, wenn der gegenteilige Effekt erzielt wird?
Immer wieder haben Lehrer ihre eigenen Regeln und Rituale oder verschiedene
Variationen einer Regel oder eines Ritual, hinter welchen sich letztlich dieselbe Intention
verbirgt
1
. So können Regeln und Rituale den Grad der Komplexität auch erhöhen, wodurch
die Struktur des eigentlichen Unterrichts aufgebrochen wird.
An vielen Grundschulen ist es mittlerweile gängig geworden, neben dem
Religionsunterricht, auch Deutsch- und Mathematikförderkurse für die Schüler anzubieten.
Hierbei werden die Schülerinnen und Schüler je nach Leistungsstand in unterschiedlichen
Gruppen/Konstellationen zusammengesetzt.
Die betroffenen Schüler und Schülerinnen reisen von Klasse zu Klasse und stehen
immer wieder neuen Lehrern in deren Hoheitsgebieten, in welchen ihre eigenen Regeln und
Rituale gelten, gegenüber. Hierbei lässt sich nicht immer davon ausgehen, dass die
Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage sind, die Masse an Regeln und Ritualen, die von
den betroffenen Lehrern bereitgestellt wird, zu differenzieren und zu verarbeiten. Diese Art
der Reizüberflutung kann bei Schülern verschiedene Reaktionen hervorrufen, worauf ich im
weiteren Verlauf meines Forschungsberichts genauer eingehen werde.
1 Für eine genauere Ausführung dieses Aspektes und einem dazugehörigen Beispiel siehe Kapitel 3.

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Im Rahmen meiner ethnografischen Reise
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war es Ziel sich dieser Problematik zu
nähern und anhand von Beobachtungen, die in Form von kurzen Protokollen festgehalten
wurden, ein konkretes Bild der Gesamtsituation zu zeichnen. Durch die starke Präsenz von
Regeln und Ritualen im Grundschulunterricht und dem damit verbundenen Interesse, waren
Regeln und Rituale und werden sicherlich auch in Zukunft ein viel diskutiertes Thema in der
Forschung bleiben. Aus diesem Grund habe ich mich ­ auch in Bezug auf meinen
bevorstehenden Beruf als Lehrer - dazu entschieden, mich dieser Thematik im Rahmen
meines Forschungsprojekts zu widmen.
2. Der Beginn meiner Reise
2.1 Beschreibung des Forschungsfeldes
Bei der Grundschule handelt es sich um eine Ganztagsschule mit Förderschwerpunkt Sprache
und Integration. Bei Bedarf können die Schüler das Ganztagsangebot der Schule wahrnehmen
und so mittags in der dort befindlichen Mensa essen und im Anschluss unter Betreuung ihre
Hausaufgaben erledigen. Das Kollegium besteht neben einigen PES und GTS Kräften
zunächst aus 23 Lehrkräften, der Direktorin und deren Stellvertretung, der Sekretärin und
zwei pädagogischen Fachkräften. Das Schulgelände besteht aus dem zweistöckigen
Schulhaus, dem Pausenhof, einer Turnhalle, einem Sportplatz ­ den sich die Grundschule mit
der angrenzenden Gesamtschule teilt ­ und einem Spielplatz.
Die betroffene Grundschule hat aufgrund ihrer Lage
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einen hohen Anteil an Schülern
mit Migrationshintergrund. Viele dieser Schüler können nur eingeschränkt Deutsch sprechen,
weshalb man ihnen besondere Aufmerksamkeit widmen muss. Aus diesem Grund hat die
Grundschule ­ neben anderen Maßnahmen - Integrationshilfen eingestellt, die die Schüler
dabei unterstützen sollen ihren Schulalltag zu strukturieren und die deutsche Sprache zu
erlernen.
2 Die Ethnografie lässt sich zunächst durch einen bestimmten Erkenntnisstil kennzeichnen: dem Entdecken.
,,Diese Haltung entstammt der Herkunftsdisziplin der Ethnografie, der Ethnologie [...]"
(Breidenstein/Hirschauer 2013:13). Im 19. Jahrhundert blieben die meisten Ethnologen zu Hause und stellten
zum Beispiel über Reiseberichte anderer, Theorien über fremde Kulturen auf (,,Lehnstuhl-Anthropologie").
Es kam jedoch zu einem Bruch mit zwei früheren Formen der ethnologischen Forschung, eben der
,,Lehnstuhl-Anthropologie" und ,,dem Liegestuhl auf der Veranda" (aus einer sicheren Position zivilisierter
Nischen Durchführung von Befragungen und Anhörungen) (vgl. Breidenstein/Hirschauer 2013:17). Die
Grundbedingung der ethnografischen Forschung war die Anwesenheit im Forschungsfeld über längere Zeit;
man unternahm zum Teil lang andauernde Expeditionen und begab sich dafür auf Reisen. In Anbetracht des
Ursprungs der Ethnografie spreche ich hier daher von meiner ethnografischen Forschung als Reise ins Feld.
3 Die Grundschule befindet sich in der Nähe eines Stadtteils, in dem fast ausschließlich Familien mit
Migrationshintergrund leben. Dementsprechend besuchen die Kinder dieser Familien die in der Nähe
befindliche Grundschule.

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2.2 Der Feldzugang als Beginn meiner Reise
Vor der eigentlichen Durchführung der ethnografischen Studie gilt es zunächst einen Zugang
zum betroffenen Feld zu finden. ,,Hierbei geht es um die Sicherung und Gestaltung eines
sozialen Kontextes, in dem die Forschung überhaupt stattfinden kann"
(Breidenstein/Hirschauer 2013:53). Oft trifft der Ethnograf bei seinem Versuch, einen Zugang
zum Feld zu finden, auf Widerstände gegen das ,,Beforscht-Werden" (Breidenstein/Hirschauer
2013:51), was aber laut Breidenstein und Hirschauer den Ethnografen nicht verwundern,
sondern ihm vielmehr als Herausforderung dienen soll (vgl. Breidenstein/Hirschauer
2013:51). Auch muss der Ethnograf bereits im Vorfeld darüber reflektieren, wie und über wen
er einen Zugang zum betroffenen Feld findet.
Erleichtert wird der Zugang zum Feld über persönliche Beziehungen, da man letztlich
auch auf spezifische Personen angewiesen ist, die einem das Feld öffnen können. Zu dem
Zeitpunkt der Durchführung meiner ethnografischen Studie an der betroffenen Grundschule in
Rheinland-Pfalz war ich selbst dort als Vertretungslehrer im Rahmen eines PES Vertrags
angestellt, wodurch mir der Zugang zum Feld deutlich erleichtert wurde. Darüber hinaus hatte
ich bereits im Vorfeld meiner ethnografischen Studie zu der Direktorin der Grundschule eine
gute Beziehung. Sie als Gatekeeper (vgl. Breidenstein/Hirschauer 2013:52) konnte mir das
Feld ohne Weiteres öffnen und mir die offizielle Erlaubnis erteilen, an der betroffenen
Grundschule eine ethnografische Studie durchzuführen.
Der Feldzugang selbst ist bereits Teil meiner Reise in die Welt der Regeln und Rituale
und der damit verbundenen ethnografischen Studie. Breidenstein und Hirschauer nehmen
hierbei an, dass ,,[...] in [der] Beobachtung und Analyse [...] bereits eine reichhaltige
Erkenntnisquelle über ein Feld [liegt] [...]" (2013:59). Aufgrund der Offenheit gegenüber
meines Forschungsprojekts ­ sowohl von Seiten der Direktorin, als auch von Seiten der dort
angestellten Lehrkräfte ­ nahm ich das Feld bereits zu Beginn meiner Studie als sehr
kontaktfreudig wahr, welches mich mit offenen Armen willkommen hieß.
2.3 Die Gestaltung meiner Reise ­ Durchführung der Studie
Charakteristisch für die ethnografische Forschung ist zunächst ihre Einbettung in den Kontext
einer andauernden teilnehmenden Beobachtung. Hierbei bewegt sich der Ethnograf 'auf
Augenhöhe' mit dem Feld und ist mitunter als Beobachter nicht auszumachen (vgl.
Breidenstein/Hirschauer 2013:73). Für die Dauer meines zweiwöchigen Aufenthalts in der
Schule wählte ich die Methode des teilnehmenden Beobachtens, obgleich mir bewusst war,

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dass dies durchaus zu einem Zugangsproblem hätte führen können, da das Geschehen nicht
mehr ungestört beobachtet werden konnte. Diese Art des Perspektivenwechsels ermöglicht es
jedoch mitunter zu lernen, wie die Teilnehmer selbst ,,[...] Gebrauch von ihren Augen
machen" (Breidenstein/Hirschauer 2013:73). Generell aber hielt ich mich weitestgehend im
Hintergrund auf, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mich zu ziehen. Eine
Interaktion mit den Schülern fand nur bedingt statt ­ Schüler zeigten wenig Interesse an mir
und an dem was ich tat-, so konnte ich ungestört meine Beobachtungen machen und Notizen,
so genannte Fieldnotes anfertigen.
Ergänzend zu der teilnehmenden Beobachtung führte ich kurze Gespräche mit den
betroffenen Lehrkräften, die meine ethnografische Feldforschung begleiteten. Hierbei
handelte es sich um informelle Gespräche, die sich in verschiedenen Situationen der
teilnehmenden Beobachtung ereigneten, um auf bestimmte Aspekte meiner Beobachtungen,
die sich mir bis dato noch nicht erschlossen haben, näher einzugehen. Hierbei kann das
ethnografische Interview ,,[...] Eindrücke stiften oder verdichten [...]"
(Breidenstein/Hirschauer S. 82). Darüber hinaus war das geäußerte Teilnehmerwissen dazu in
der Lage, meine Beobachtungsfähigkeit zu verbessern. Da ich auf möglichst spontane
Aussagen der Teilnehmer zielte, schloss ich isolierte Interviews in erster Linie aufgrund ihrer
rationalisierten Darstellung aus. Zudem hätten die natürlichen Darstellungen aus der
Perspektive eines spezifischen Teilnehmers Variationen, je nach dessen sozialer Platzierung
im Feld, aufweisen können (vgl. Breidenstein/Hirschauer 2013:83).
Neben der teilnehmenden Beobachtung und dem Führen von kurzen Gesprächen galt
es das Geschehene zu dokumentieren. Derartige Daten entstehen in der Ethnografie im
Prinzip auf drei Wegen: (1) durch das Sammeln von vorhandenen Textdokumenten des
Feldes, (2) durch technische Aufzeichnungen (Ton- und Bildmitschnitte) von
Ereignisabläufen (Gespräche und andere Interaktionen) und deren Verschriftlichung, sowie
(3) durch Aufschreiben, das selektive Notieren von Eindrücken, Äußerungen, Abläufen und
Anordnung (vgl. Breidenstein/Hirschauer 2013:94). Hierbei wählte ich letzteres als
Möglichkeit Daten zu gewinnen, um sie im Anschluss für eine spätere Selektion zu ordnen.
Darüber hinaus ist mir zu Beginn während meiner Beobachtungen aufgefallen, dass
man seine Notizen im Idealfall direkt in ganzen Sätzen anfertigt und diese nach Möglichkeit
noch während der Beobachtung selbst miteinander verknüpft, um so möglichst viele wichtige
Details einzufangen, die im Nachhinein verloren gehen würden. Zudem habe ich ­ vor allem
sobald ich mein Thema weiter eingegrenzt hatte - bei der Anfertigung meiner Notizen darauf
Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Wenn Schüler auf Reisen gehen. Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht
Untertitel
Forschungsbericht einer ethnografischen Studie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Fachbereich 02 Sozialwissenschaften, Medien und Sport)
Veranstaltung
Forschungswerkstatt Soziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V431046
ISBN (eBook)
9783668743182
ISBN (Buch)
9783668743199
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rituale, Regeln, Grundschule, Soziologie, Forschungsbericht, Bildungswissenschaften
Arbeit zitieren
M.Ed. Christopher Domke (Autor:in), 2016, Wenn Schüler auf Reisen gehen. Überregulierung und Überritualisierung im Grundschulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431046

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