Papstkritik in den Sangsprüchen des Mittelalters. "Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet"


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Papstkritik in den Sangsprüchen des Mittelalters
2.1 Die Erste Opferstockstrophe Walthers von der Vogelweide
2.1.1 Präsentation des Textes: Mhd. Text und Nhd. Übersetzung
2.1.2 Walthers Kritik an den Papst: Interpretation der Ersten Opferstockstrophe
2.2 Bruder Wemhers Weckruf an den Papst
2.2.1 Präsentation des Textes: Mhd. Text und Nhd. Übersetzung
2.2.2 Bruder Wemhers Kritik an Papst Gregor
2.3 Meister Sigehers Strophe: Der Papst als Puppenspieler
2.3.1 Präsentation des Textes: Mhd. Text und Nhd. Übersetzung
2.3.2 Meister Sigehers Kritik an Papst Innozenz

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Sangspruchdichtung ist neben dem Minnesang die zweite, wenn auch heute etwas unbekanntere, große Gattung der mittelhochdeutschen Lyrik. Sie beeindruckt vor allem durch die große Vielfalt an Themen: Religion, Politik, Tugend- und Hoflehre, Kunst, Minne, Frau und Ehe, Naturkundliches und Rätsel. Es gibt kaum einen thematischen Gegenstand, der der Sangspruchdichtung fremd wäre.

Die vorliegende Arbeit, die im Rahmen des Seminars zur älteren deutschen Literatur, mit Blick auf die Sangspruchdichtung des Mittelalters verfasst wurde, befasst sich mit der Papstkritik in ausgewählten Sangsprüchen. Die sogenannte ,Papstkritik‘ ist allgegenwärtig und weder orts- noch zeitgebunden. So übt zum Beispiel einer der wohl bekanntesten Lyriker des Mittelalters, Walther von der Vogelweide, im ersten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts starke Kritik an Papst Innozenz III., der sich durch das Aufstellen von Opferstöcken im Reich die Güter der Deutschen aneignete, unter dem Vorwand, er würde diese für die Finanzierung von Kreuzzügen einsetzen. Neben der ersten Opferstockstrophe von Walther von der Vogelweide, bilden zwei weitere Sangsprüche von Bruder Wemher: Weckruf an den Papst und Meister Sigeher: Der Papst als Puppenspieler, die sich beide am Stil Walthers orientiert zu haben scheinen, die Grundlage meiner hier vorliegenden Arbeit. Auch sie üben starke Kritik an dem Oberhaupt der katholischen Kirche aus.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, anhand der ausgewählten Sprüche, zu untersuchen auf welche Art und Weise die drei exemplarisch ausgewählten Dichter Kritik am Papst üben; wie setzen sie ihre Kritik inhaltlich und sprachlich um? Darüber hinaus gilt es herauszuarbeiten, was die Dichter zum Hauptgegenstand ihrer Kritik machen und was sie dem Papst folglich vorwerfen. Was sind ihre Motive und Absichten?

Vorab lässt sich festhalten, dass alle drei Dichter auf unterschiedliche Art und Weise Kritik am Papst üben, dabei jedoch alle strukturiert und bedacht Vorgehen, um so ihrem Publikum ihre Sicht auf den Papst aufzuzeigen und um darüber hinaus die wahren Absichten des Papstes zu entlarven.

Da alle drei Dichter zu unterschiedlichen Zeiten lebten und zudem Kritik an drei unterschiedlichen Päpsten übten, bieten sich die von mir ausgewählten Sprüche dazu an, die Papstkritik aus diachroner Perspektive zu betrachten und zu untersuchen, ob und inwiefern man von einer Entwicklung bezüglich der Kritik am Papst sprechen kann. Hierfür gilt es nach einer ausführlichen Analyse der drei Sangsprüche, vorliegende Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Da Dichter im Allgemeinen jedoch immer auf eine bestimmte Situation reagieren, dementsprechend durchaus pragmatisch denken, sollte - sofern man an dieser Stelle von einer Entwicklung sprechen möchte - dies differenzierend diskutiert werden.

2. Papstkritik in den Sangsprüchen des Mittelalters

Im folgenden Teil meiner Arbeit befasse ich mit der Analyse der von mir ausgewählten Sangsprüche von Walther von der Vogelweide, Bruder Wernher und Meister Sigeher. Dabei gilt es, wie bereits angeklungen, darauf einzugehen, auf welche Art und Weise die Dichter ihre Kritik am Papst üben. Weiterhin gilt es auch zu untersuchen, was sie zum Hauptgegenstand ihrer Kritik machen.

Für ein besseres Verständnis der Analyse findet sich im Vorfeld der Interpretation des jeweiligen Sangspruchs der mittelhochdeutsche Text und die dazugehörige neuhochdeutsche Übersetzung wieder, die weitgehend aus dem Werk 'Mitttelhochdeutsche Sangspruchdichtung des dreizehnten Jahrhunderts' von Schupp/Nolte übernommen wurde; Abweichungen der Übersetzung von Schupp/Nolte sind durch Fußnoten kenntlich gemacht. Hierbei sei darauf hinzuweisen, dass die neuhochdeutsche Übersetzung die Analyse der Sangsprüche durchaus beeinflussen kann.

2.1 Die Erste Opferstockstrophe Walthers von der Vogelweide

Walther von der Vogelweide gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des Mittelalters. Von ihm sind 500 Strophen in über 110 Tönen überliefert. Von 150 überlieferten Sangsprüchen sind 18 Sprüche im Unmutston beziehungsweise Ottenton verfasst. Auch Walthers so genannte Opferstockstrophen sind im Unmutston verfasst.

In diesen Strophen übt Walther zwar eine harsche, jedoch trotzdem humorvolle Kritik an Papst Innozenz III. aus; sie handeln in erster Linie vom Kreuzzugsaufruf des Papstes. In diesem Zusammenhang hatte der Papst die Aufstellung von Opferstöcken in allen größeren Kirchen zur Finanzierung der Kreuzzüge aufstellen lassen. Walthers Versuch, die wahren Absichten und Motive des Papst Innozenz III. aufzudecken, wird vor allem in der ersten seiner beiden Opferstockstrophen deutlich.1 2 3 4

2.1.1 Präsentation des Textes: Mhd. Text und Nhd. Übersetzung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.2 Walthers Kritik an den Papst: Interpretation der Ersten Opferstockstrophe

Zunächst fällt deutlich auf, dass Walther von der Vogelweide im Rahmen der ersten Opferstockstrophe die Rolle des Papst Innozenz III. übernimmt, indem er ihn fiktiv sprechen lässt. Bei diesem durch Walther gezielt eingesetzten Stilmittel handelt es sich um eine sermocinatio. Wie Birkhan anschaulich erläutert, werden die Vorwürfe Walthers gegen Papst Innozenz III. ״[...] ungemein wirkungsvoll inszeniert [und] er entlarvt seine schlechten Absichten mit seinen eigenen [...] Worten.“5 Zudem lässt sich vermuten, dass er innerhalb einer Performanz-Situation sowohl die Mimik und Gestik, als auch das äußere Erscheinungsbild des Papstes mimte; sich dementsprechend wie der Papst kleidete, um somit ein höheres Maß an Authentizität zu erlangen. Damit möchte Walther in erster Linie die wahren Absichten und Motive des Papstes aufdecken und durch eine authentische Darbietung seiner Opferstockstrophe ist er in der Lage sein Publikum davon zu überzeugen, dass Papst Innozenz III. sich durch das Aufstellen der Opferstöcke selbst bereicherte und das eingenommene Gut der Deutschen nun ihm gehöre: Ich hân sie an minen stok gemennet, ir gli ot ist allez min, ir tiııtschez siiber vert in minen welschen şehrin.

Zu Beginn der ersten Opferstockstrophe leitet Walther sein Publikum in die Thematik ein, indem er in der Rolle des Papstes einführend darauf verweist, dass er etwas angestellt hat: Ich hänz alsó gemachet. Bereits zu Beginn dieser Strophe werden die wahren Absichten und Motive des Papstes im Ansatz deutlich, indem Walther auf das christliche Lachen des Papstes verweist, welches man als falsches und hämisches Lachen klassifizieren könnte: Ahi wie kristenliche mi der habest lachet, SW anne er sinen Walhen seit.

Mit den weiterführenden Worten: daz er dá seit, des solt er nie mér hân gedâht möchte Walther von der Vogelweide seinem Publikum verdeutlichen, dass die Worte des Papstes Innozenz III. nicht der Wahrheit entsprechen und dass er selbst diesen Worten keinen Glauben schenken kann. Darauf aufbauend erklärt er erneut in der Rolle des Papstes, dass er zwei Deutschen eine einzige Krone aufgesetzt hat, damit diese die Ordnung des Reiches durcheinander bringen und das Land verwüsten: Ich hân zw éne Allaman linder eine kröne bräht. Hierbei sei zusätzlich auf den historischen Kontext hinzuweisen: Walther nimmt in dieser Strophe auf die Doppelwahl des Staufers Philipps von Schwaben und des Welfen Ottos von Braunschweig (Otto IV.) zu römischen Königen Bezug, wodurch sich nun - wie es auch Walther in der ersten Opferstockstrophe verdeutlicht - zwei Deutsche bildlich gesprochen eine Krone teilen mussten. Dadurch wiederum entstand ein blutiger Streit um den Thron und das deutsche Reich wurde weitgehend zerstört und verwüstet: daz si riche Sillen stoeren linde wasten. Diese Situation nutzte Papst Innozenz III. schamlos aus und bereicherte sich an der Misslage der Deutschen: ie därunder wiielen in ir kästen. Er schlug aus den römisch­deutschen Streitigkeiten zwischen den Welfen und den Staufen Kapital und sicherte sich Ländereien für den Kirchenstaat, was von Walther stark kritisiert wird. Zudem bestand Innozenz III. darauf, dass der Papst darüber entscheide, wer zum Kaiser gekrönt wird und ihm daher auch ein Mitwirkungs- und im Fall des Thronstreits ein Entscheidungsrecht bei der Königswahl zukäme. Der Papst könne nur jemanden zum Kaiser krönen, den er als würdig erachtet; dementsprechend könne auch nur derjenige König werden, den er für das Amt des Kaisers als würdig empfindet (Päpstliche Approbation).

Zudem weist Walther auf die Schwere der Ausbeutung der Deutschen durch Papst Innozenz III. hin, indem er gegen Ende der ersten Opferstockstrophe seinem Publikum die Situation der Deutschen verdeutlicht und diese mit der der Pfaffen, der Entourage des Papstes, vergleicht: ir pfaffen ezzent hiiener und trinkent wín unde lånt die Hutschen vasten. Hier spricht ebenfalls Walther in der Rolle des Papstes, der sich an sein Gefolge wendet und von ihnen verlangt, sich an dem Gut der Deutschen zu bereichern; Hühner zu essen und Wein zu trinken, während es den Deutschen an allem fehlt; sie haben zu fasten und abzumagem.

Abschließend lässt sich sagen, dass Walther von der Vogelweide seine harsche und stark polemische Kritik an den Papst trotz allem in ein humoristisches Gewand kleidet, um so sein deutsches Publikum einerseits über die wahren Absichten und Motive des Papstes aufzuklären, sie aber andererseits zu unterhalten. Im Sinne des Konzepts 'prodesse et delectare' vermochten viele Dichter ihr Publikum über bestimmte Missstände aufzuklären, gestalteten dies aber auf unterhaltsamer Art und Weise, um so unter anderem das Interesse des Publikums zu wecken und aufrecht zu erhalten. Zudem bleibt der Schluss ״[...] der Provokation Vorbehalten, aber nicht der Papst oder der Opferstock werden provoziert, sondern die Zuhörer. Walther skizziert die beleidigende Meinung des Papstes von den Deutschen.“6 Ferner charakterisiert Walther von der Vogelweide ausgehend von der ersten Opferstockstrophe Papst Innozenz III. als habgieriges und Unrechtes Oberhaupt der katholischen Kirche, welches sich am Leid und der Misslage der Deutschen bereichert. Auch wird Walther mit seinen stark polemischen Vorwürfen an Papst Innozenz III. ״[...] deutlich in die Nähe der Ketzer gerückt, seine Opferstockstrophen erscheinen als ketzerisches Lied.“7

[...]


1 In der nhd. Übersetzung von Schupp/Nolte wird der mild. Ausdruck 'dá' mit dem nhd. Ausdruck 'dort' übersetzt; diesen Ausdrück würde ich allerdings mit dem nhd. Ausdruck 'da' übersetzen; dies basiert jedoch lediglich auf meinem persönlichen Sprachverständnis und ist nicht inhaltlich begründet.

2 In der nhd. Übersetzung von Schupp/Nolte wird der Ausdruck 'einzige' hinzugefügt; dieser lässt sich alternativ auch ausklammem, da man liier auch olme diesen zusätzlichen Ausdruck von einer Krone ausgehen kann; allerdings möchte man bei dieser Übersetzung mit dem Ausdruck 'einzige' vermutlich den Sachverhalt hervorheben, weshalb dieser zusätzliche Ausdmck wiederum gerechtfertigt ist.

3 In der nhd. Übersetzung von Schupp/Nolte wird der mild. Ausdmck 'stoeren' mit dem nhd. Ausdmck 'durcheinander bringen' übersetzt. Hier allerdings würde ich den mild. Ausdmck mit 'zerstören' übersetzen, da dieser die Schwere des Vergehens des Papstes definitiv besser erfasst als der nhd. Ausdmck 'durcheinander bringen'.

4 In der nhd. Übersetzung von Schupp/Nolte wird durch den zusätzlichen Ausdmck 'nun' betont, dass das Gut, welches nun dem Papst gehört sich aus der Konsequenz ergibt, dass er die Deutschen an seine Opferstöcke getrieben hat. Alternativ ließe sich der nhd. Ausdmck nun - sofern man den Vers wörtlich übersetzen möchte - auch ausklammem. Um den gegebenen Sachverhalt allerdings zu betonen, bietet sich der zusätzliche Ausdmck 'nun' im Rahmen einer Übersetzung an.

5 Birkhan 2005, s. 354

6 Padberg 1997, s. 157

7 Frenz 2000, s. 80

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Papstkritik in den Sangsprüchen des Mittelalters. "Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Fachbereich 05: Philosophie und Philologie – Deutsches Institut)
Veranstaltung
SFAL I-IV. – Sangspruchdichtung
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V431050
ISBN (eBook)
9783668739826
ISBN (Buch)
9783668739833
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Papstkritik, Sangspruchdichtung, Mittelalter
Arbeit zitieren
Christopher Domke (Autor), 2015, Papstkritik in den Sangsprüchen des Mittelalters. "Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431050

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