„Die Grünen sind ein neuartiges Phänomen in der Geschichte des Parteiensystems der Bun-desrepublik. Von 1961 bis 1983 gab es nur mehr drei Fraktionen im Deutschen Bundestag (CDU/CSU, SPD, FDP). Die Partei der Grünen hat bewiesen, daß auch einer neugegründeten Partei die Überwindung der Fünfprozenthürde auf Bundesebene gelingen kann.“
Wie dieser Erfolg der Grünen zustande kam, möchte ich in meiner hier vorliegenden Magisterzwischenprüfungsarbeit untersuchen. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestel-lung, wie aus einer sozialen Bewegung eine Partei entsteht. Dies soll am Beispiel der in Deutschland aufgetretenen neuen sozialen Bewegungen (insbesondere an der Ökologiebe-wegung) und dem Entstehen der bundesdeutschen Grünen als politischer Partei verdeutlicht werden. Meine Arbeit soll dabei auch auf die Fragen eingehen, woher die Akteure der Par-tei kamen und aus welchen Gründen und Motiven aus der Ökologiebewegung eine Partei entstanden ist, die sich in der Gesellschaft und im politischen System durchsetzen konnte. Die Ökologiebewegung institutionalisierte sich auf der einen Seite zu Umwelt-organisationen wie z. B. Greenpeace und auf der anderen Seite zu Umweltparteien wie den Grünen. Gegenstand der Arbeit ist aber die Parteikonstituierung, weshalb auf andere Orga-nisationsformen nicht eingegangen werden soll. Um den Rahmen meiner Arbeit nicht zu sprengen, werde ich die Parteibildung nur in Hamburg, Bremen und Niedersachsen unter-suchen. Aus demselben Grund gehe ich auf die Entwicklung der Grünen lediglich bis zu ihrer erfolgreichen Teilnahme an der Bundestagswahl 1983 ein, da die Partei zu diesem Zeitpunkt ihren eigentlichen Durchbruch erlebte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesellschaftliche und politische Entstehungsbedingungen der Grünen
3. Die Herkunft der Grünen: Neue soziale Bewegungen und andere Einflüsse
3.1 Die Studentenbewegung und ihr Aufgehen in anderen Organisationen
3.2 Ehemalige Mitglieder etablierter (Klein-)Parteien
3.3 Die neue Friedens- und die neue Frauenbewegung
3.4 Von den Bürgerinitiativen zur Ökologiebewegung
4. Die Konstituierung zur Bundespartei „Die Grünen“
4.1 Grüne, Bunte und Alternative Listen in ausgewählten Bundesländern
4.2 „Sonstige Politische Vereinigung (SPV) - Die Grünen“: Das Wahlbündnis zur Europawahl 1979
4.3 Die Bundespartei „Die Grünen“
5. Schlußbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Transformationsprozess von neuen sozialen Bewegungen hin zur Etablierung als politische Partei am Beispiel der Grünen in der Bundesrepublik Deutschland bis zur Bundestagswahl 1983. Dabei wird analysiert, welche gesellschaftlichen Faktoren den Aufstieg begünstigten und welche Akteure aus der Ökologie- und Friedensbewegung maßgeblich an der Parteikonstituierung beteiligt waren.
- Gesellschaftlicher Wertewandel und Postmaterialismus in den 1970er Jahren.
- Die Rolle neuer sozialer Bewegungen als personelle Basis der Parteigründung.
- Strukturelle Institutionalisierung von lokalen Bürgerinitiativen zu landesweiten Wahllisten.
- Herausforderungen der parteiinternen Konsensfindung zwischen verschiedenen politischen Flügeln.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Studentenbewegung und ihr Aufgehen in anderen Organisationen
Eine Wurzel der Grünen war der kleinere Teil der Studentenbewegung und der APO, der nicht von den etablierten Parteien ‚geschluckt’ oder unpolitisch geworden war. Diese Studenten beteiligten sich zum einen an verschiedenen Bürgerinitiativen auf der lokalen und regionalen Ebene. Zum anderen partizipierten sie sich zu Beginn der 70er Jahre in den sogenannten K-Gruppen oder Organisationen der undogmatischen Neuen Linken wie dem Sozialistischen Büro (SB). Beide stellten später etwa ein Drittel der Parteielite der Grünen.
In den 70er Jahren kam es zu einem Mitgliederverlust in den K-Gruppen, dem die meisten unter ihnen mit einem organisatorischen und ideologischen Rückzug begegneten. Dagegen fanden sich der Kommunistische Bund (KB) und die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) zu einer begrenzten Öffnung gegenüber den neuen sozialen Bewegungen bereit. Sie nahmen besonders an den Demonstrationen der Anti-Atomkraftbewegung teil. Denn beide „(...) sahen in den politisch heterogenen, organisatorisch fragmentierten und damit leicht zugänglichen und zu beeinflussenden Antikernkraft-Initiativen das geeignete Betätigungsfeld, um aus ihrer politischen und gesellschaftlichen Isolation herauszukommen und der eigenen Anhängerschaft neue Perspektiven aufzuzeigen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie aus sozialen Bewegungen eine politische Partei entsteht, und begrenzt den Untersuchungsrahmen auf den Zeitraum bis 1983.
2. Gesellschaftliche und politische Entstehungsbedingungen der Grünen: Dieses Kapitel beleuchtet den postmaterialistischen Wertewandel und die Krise der klassischen Parteien als Nährboden für eine neue politische Kraft.
3. Die Herkunft der Grünen: Neue soziale Bewegungen und andere Einflüsse: Hier werden die Ursprünge der Grünen in der Studentenbewegung, den K-Gruppen, der Friedensbewegung, der Frauenbewegung und der Ökologiebewegung analysiert.
4. Die Konstituierung zur Bundespartei „Die Grünen“: Die Entwicklung von lokalen Initiativen über die Europawahl 1979 bis hin zur Gründung der Bundespartei 1980 wird detailliert nachgezeichnet.
5. Schlußbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass die Parteigründung ein komplexer, durch externe Ereignisse und interne Heterogenität geprägter Prozess war, der letztlich durch einen gemeinsamen Willen zum Systemwandel gelang.
Schlüsselwörter
Grüne, soziale Bewegungen, Parteikonstituierung, Ökologiebewegung, Studentenbewegung, Wertewandel, Postmaterialismus, Parteiensystem, Friedensbewegung, Frauenbewegung, Bürgerinitiativen, Bundestagswahl 1983, Institutionalisierung, Realos, Fundis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht den historischen Entstehungsprozess der Partei "Die Grünen" aus dem Umfeld der neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der gesellschaftliche Wertewandel der 1970er Jahre, die Rolle der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung sowie die organisatorische Transformation von der Protestbewegung zur parlamentarischen Partei.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist zu klären, wie aus sozialen Protestbewegungen eine erfolgreiche politische Partei entstehen konnte, welche Motive die Akteure antrieben und wie sich die Partei trotz interner Heterogenität etablieren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Analyse, die auf einer fundierten Auswertung von Fachliteratur und historischen Quellen basiert, um die Entwicklungsstufen der Parteibildung nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Vorstellung der verschiedenen Quellbewegungen (Studentenbewegung, K-Gruppen, Friedensbewegung) und die detaillierte Beschreibung der Parteikonstituierung auf Landes- und Bundesebene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den zentralen Begriffen zählen "Neue soziale Bewegungen", "Parteikonstituierung", "Ökologiebewegung", "Wertewandel" und "Institutionalisierung".
Welche Bedeutung kommt der "Schlacht von Grohnde" für die Parteibildung zu?
Sie markiert einen Wendepunkt in der Anti-Atomkraft-Bewegung, der die Notwendigkeit einer parlamentarischen Vertretung verdeutlichte und den Druck auf die Entwicklung landesweiter Wahllisten erhöhte.
Warum war die "Sonstige Politische Vereinigung" (SPV) so wichtig für den Erfolg?
Die SPV diente als erster erfolgreicher bundesweiter Zusammenschluss zur Europawahl 1979, was der Bewegung Legitimität verlieh, finanzielle Mittel durch die Wahlkampfkostenerstattung sicherte und die Basis für die spätere Bundesparteigründung legte.
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- Maren Reyelt (Author), 2000, Von der Bewegung zur Partei: Das Beispiel der Grünen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4312