Die Erzählstruktur in "Die Amsel" von Robert Musil


Essay, 2016

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2.Zur Erzählstruktur

3.Erzählstruktur und Inhalt

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erzählung Die Amsel wurde 1936 zusammen mit Satiren, kleinen Feuilletons und Essays in Robert Musils Nachlass zu Lebzeiten veröffentlicht. Neben seinen großen Erfolgen wie den Verwirrungen des Zögling Törless und dem Mann ohne Eigenschaften wurde dem Nachlass zu Lebzeiten zunächst wenig Beachtung geschenkt. Aber auch Die Amsel bietet neben den bekannteren Werken einen überaus interessanten Ansatz in Bezug auf eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit den Problematiken der Zeit der klassischen Moderne, sowie der Frage nach der Rolle und Legitimation des Schreibens. Aus diesem Grund sollte und wird der längsten Erzählung aus Musils Nachlass zu Lebzeiten in der aktuellen Forschung ein bedeutenderer Platz eingeräumt. Zunächst scheint die Erzählung vielleicht wenig spektakulär, eine klassische Novelle mit nur bedingt aufregendem und für die Epoche nicht untypischem Inhalt. Wenn man sich aber mit moderner Literatur beschäftigt, stellt man immer wieder fest, dass Musil einer der bedeutendsten Autoren dieser Zeit war. „Für viele Aspekte und Probleme der modernen Welt [hat er] bereits überzeugende künstlerische Lösungen gefunden[hat]“[1] und vor allem seine Erzählweise ist bei weitem „nicht so harmlos ist, wie sie auf der Oberfläche erscheint“, dies gilt ebenso für die Werke des Nachlass zu Lebzeiten. Die Geschichten des Nachlass zeichnen sich, so Luserke, besonders durch ihr narratives Muster aus[2]. Ihre vielschichtige Erzählstruktur beeinflusst in höchstem Maße die Handlung und die Bedeutungsgenerierung des Inhaltes. Besonders die Eigenart der Amsel gründet weniger in den erzählten Inhalten, als vielmehr in der Erzählstruktur, aus der diese erst ihren Stellenwert und ihre ohne Berücksichtigung des Inhalts kaum zu ermittelnde Bedeutung erhalten.[3]

Basiert auf selbiger Annahme, soll in dieser Arbeit der These nachgegangen werden, dass die Erzählstruktur der Amsel einen bedeutenden Einfluss auf den Inhalt der Erzählung hat und dadurch eine intensive Auseinandersetzung mit den Thematiken, sowie den Problematiken der Erzählung ermöglicht. Zur Bearbeitung der These soll zunächst die Erzählstruktur für sich alleinstehend, also mehr oder weniger vom Inhalt losgelöst, beschrieben und analysiert werden. Im nächsten Schritt wird dann darauf eingegangen wie die Erzählstruktur eben mit dem Inhalt der Erzählung verknüpft ist. Inhalt und Struktur generieren nur im Zusammenspiel die aussagekräftige Bedeutung der Handlung der Amsel. Anschließend soll sich kurz die Frage gestellt werden, welche Auswirkungen dieser Erzählansatz auf die Aufgabe des Dichters ist.

2. Zur Erzählstruktur

Auf den ersten Blick scheint es sich bei der Amsel um eine typische Novelle zu handeln. Es gibt eine Rahmenerzählung und mindestens eine, je nach Argumentation aber sogar drei Binnenerzählungen. Der Rahmenerzähler stellt den Binnenerzähler und dessen Zuhörer vor.[4] Aeins und Azwei[5] befinden sich auf einem Balkon in der Stadt, sie sind alte Schulfreunde und Azwei nimmt das Wiedersehen zum Anlass Aeins von einigen Geschenissen, die sich in der letzten Zeit ereignet haben, zu berichten. Ob Aeins‘ Anwesenheit für Azwei dabei eine große Rolle spielt, soll erst einmal dahingestellt bleiben. Dass Azwei keinerlei Reaktion von Aeins erwartet und die Funktion des Erzählens hier anscheinend gänzlich beim Erzähler liegt und ob Aeins lediglich die Rolle eines passiven Zuhörers erfüllt, wird im Anschluss diskutiert. Beschäftigt man sich nun mit der Frage nach der Gattung der Amsel und geht aufgrund der Aufteilung in Rahmen- und Binnenerzählung davon aus, dass es sich um eine klassische Novelle handelt, muss man allerdings schon ziemlich zu Beginn der Erzählung stutzig werden. Der Erzähler leitet zwar die Erzählung und deren Notwendigkeit ein („Die beiden Männer, deren ich erwähnen muß [sic!], um drei kleine Geschichten zu erzählen […], waren Jugendfreunde, nennen wir sie Aeins und Azwei.“[6] ) zieht sich dann aber sehr schnell gänzlich als Ich-Erzähler aus der Erzählung zurück (ca. ab Seite 523). Der Ich-Erzähler der Rahmenerzählung lenkt nicht mehr, er springt nicht in der Vita der Protagonisten und leitet auch am Ende kein Fazit ein.[7] Durch den Rückzug des Rahmenerzählers fällt auch der klassische Rahmen der Novelle weg. Ein solch offener Aufbau kann durchaus als Adressierung der Problematik vom Wegfall von Richtlinien in Bezug auf Dichtung angesehen werden. Gleichzeitig spiegelt es aber auch die Bedürfnisse der Zeit wieder. Die Epoche der Moderne ist durch eine gravierende Verunsicherung gekennzeichnet, bisherige Richtlinien greifen nicht mehr und können demnach nicht mehr als Bezugspunkte genutzt werden. Auch Künstler sehen sich unter Druck immer neue Kunstformen zu entwickeln. Der klassische Aufbau einer Novelle könnte diesem Anspruch nicht gerecht werden. Zieht man nun auch noch Musils Essays über Literatur mit ein, darf also durchaus davon ausgegangen werden, dass die klassische Form bewusst aufgebrochen wurde. So können zum Einen Problematiken aufgezeigt und dabei gleichzeitig auch über die Rolle des Erzählens an sich reflektiert werden. Durch den bewussten Aufbruch der Form werden Grenzen aufgelöst; dadurch, dass die Form offen bleibt, bleibt auch die Geschichte offen - sie hat keine richtige Grenze nach hinten. Dieser Effekt wird auch durch das Verschwinden des Rahmenerzählers unterstützt. Es kann also behauptet werden, dass die Grenzen der klassischen Narrationsstrukturen überschritten werden, indem Strukturen gänzlich aufgelöst werden. Schon ohne den Inhalt zu betrachten kann und muss man sich hier die Frage stellen, was dies für das Ende der Geschichte zu bedeuten hat. Kann sie trotzdem in sich abgeschlossen sein? Immerhin ist Azwei am Ende der Erzählung auch mit seiner Geschichte fertig, aber kann sie als beendet gewertet werden? Allein durch die Tatsache, dass es sich bei dem erzählerischen Ende der Geschichte um ein offenes handelt, muss diese Frage verneint werden. Wenn später der Inhalt zur Analyse herangezogen wird, wird sich darüber hinaus zeigen, dass Azweis Geschichte niemals nach einem Ende verlangen konnte. Die Erzählung ist also im klassischen Sinne nicht zu einem Resultat gekommen, was, wie bereits erwähnt, auch schon durch die offene Erzählform vorweg genommen wird. Wie bereits im vorherigen Absatz erläutert, wird die geschlossene Rahmenerzählung einer Novelle durch den Wegfall des Rahmenerzählers schon früh aufgelöst. Dass dieser sich erst als ein Ich zu erkennen gibt, um sich dann gänzlich zurückzieht kreiert eine verwirrende Wandlung im Erzählablauf. Der Ich-Erzähler, der zunächst seine Wichtigkeit betont, scheint seine Verantwortung gänzlich an den Erzähler Azwei abgegeben zu haben. Was ist aber nun die Funktion des Eingangserzählers? Wieso muss dieser sich zunächst als ein Ich hervorheben, nur um dann wieder zu verschwinden?

Der Erzähler leitet nicht nur die Notwendigkeit der Erzählung ein[8], sondern ist auch funktional nicht zu unterschätzen. Als Eingangserzähler tritt er nämlich mit eben dem Anspruch auf der Erzähler aller Handlungen zu sein, so sagt er explizit, dass er erzählen will. Azwei dagegen hebt sich, wenn er den Rahmenerzähler ablöst, selbst nicht explizit als Erzähler hervor. So könnte nach Pickerodt davon ausgegangen werden, dass Azwei im Gegensatz zum Erzähler berichtet. Zwischen den beiden Begriffen erzählen und berichten gibt es einen eindeutigen Unterschied[9]. Geschichten beispielsweise werden erzählt, sie sind mit großer Wahrscheinlichkeit fiktiv und ausgeschmückt, wohingegen Tatsachen berichtet werden, es handelt sich also um Erlebnisse, die tatsächlich stattgefunden haben. Wenn nun die Erlebnisse aus Azweis Leben von Azwei berichtet und vom Eingangserzähler erzählt werden, ergibt sich dadurch ein ganz neuer Ansatz für das Wahrheitsverständnis der Geschichte bzw. Wahrheitsgenerierung im Prozess des Erzählens. Pickerodt schreibt dazu, dass sich der Inhalt der Geschichte[10] durch die Kombination von Erzählung und Bericht nun sowohl den von Musil definierten Bereich des Ratoiden abdeckt, als auch den des Nichtratoiden.[11] Tatsachen und deren rationale Erfassung und dass Gebiet der Werte und Bewertungen werden miteinander verschmolzen, wodurch sich die Möglichkeit ergibt eine mehr oder weniger eindeutige Bedeutung zu finden. Diese wäre dann allgemeingültig für die Gesamtheit der Welt, in der es ja auch nicht nur das Eine (rationale Wahrheit) oder das Andere (irrationale Bewertung) gibt, sondern die beides in sich vereint. Wie später noch im Detail aufgezeigt werden soll, ist es auch für Azwei ein starker Beweggrund die Geschichten zu erzählen, „um zu erfahren, ob sie wahr sind“[12], und erläutert weiter dass keine Notwendigkeit bestünde die Geschichte zu erzählen, wenn er schon wüsste, was sie bedeutet.[13] Durch das Erzählen der Geschichte gelangt sie erneut wieder zur Aktualität. Sie formt sich neu im Ablauf des Erzählens.

Das Erzählen der Geschichte bedeutet dies, daß [sic] die Geschichte nicht etwas abstrakt Identisches darstellt, sondern als lebendiges Gebilde mit jedem Schritt ihres erzählerischen Vollzugs eine neue Gesamtkonstellation hervorbringt. [14]

In der Erzählung bzw. besser gesagt der Erzählung des Berichts von Azwei liegt also der Schlüssel zur Sinngebung der Geschehnisse. Damit ist auch klar, warum der Rahmenerzähler funktional so wichtig ist und auch die Wichtigkeit der Erzählung betont, indem er explizit hervorhebt, dass er erzählen muss. Durch das Hervorheben des Erzählvorgangs wird aber gleichzeitig auch die Fiktionalität der Geschichte betont, weswegen Eibl davon ausgeht, dass die Fiktionalität als ein Problem der Geschichte hervorgehoben wird. Er geht davon aus, dass „der Hinweis auf die Wichtigkeit des Erzählers [wird] zur Aufforderung wird diese Fiktionalität genau zu untersuchen.“[15] Diese Aufforderung kann zwar auf den ersten Blick hinderlich zur Fähigkeit der Erzählung Wahrheit zu generieren gewertet werden, es kann aber genauso gut bedeuten, dass es notwendig ist die Fiktionalität der Welt zu hinterfragen und dabei aber anzunehmen, dass sie genauso wahr ist wie vermeintliche Tatsachen bzw. dass viele Dinge auf der Welt mehr Schein als Sein sind, und damit genauso fiktiv, wie vielleicht eine Erzählung. Zu dieser Einsicht kommt auch Azwei immer wieder und genau hier treffen sich auch wieder Erzählstruktur und Inhalt der Geschichten.

3.Erzählstruktur und Inhalt

Nach der Einleitung durch den Eingangserzähler beginnt Azwei mit seiner Geschichte. Er erzählt von seinem Leben in der Stadt, in der alle Menschen gleich sind und das gleiche Leben führen.[16] Trotzdem denkt er immer wieder an seine Eltern, die ihm das Leben geschenkt haben.[17] Zwar wird diese Redensart von ihm direkt als Lüge enttarnt, dennoch bleibt ein wahrer Kern, der, so Eibl, in Azwei weiterwirkt.[18] Wortlaut und genauer Kontext scheinen unwichtig zu werden, was bleibt ist ein Verweisen auf eine tiefere Bedeutung und eine grundlegende Wahrheit -ähnlich wie bei der Fiktion. Als Kontrast zum Geschenktem, dem Leben, steht das gekaufte Leben in Form einer Wohnung in der Stadt. Diese gilt es zu verlassen. Der Kreis des Scheinheiligkeit kann an dieser Stelle aufgebrochen werden, der wahre Kern erscheint greifbarer. Azwei hat dies zwar schon länger im Gefühl, wartet aber auf ein Zeichen von außen. Er braucht einen Anstoß. Genau wie den meisten anderen Menschen in Musils Erzählungen fehlt es Azwei an einer antreibenden inneren Motivation. Zeller schreibt dazu, dass Musil eine innere Antriebslosigkeit der Figuren zum Prinzip macht.[19] Zufälle werden zu Auslösern von einschneidenden Erlebnissen im Leben der Protagonisten und Wendepunkte werden dadurch zu Zufällen. Eben diese Zufälligkeit der Ereignisse hält die einzelnen Bestandteile des Textes beweglich, was ein Betrachten der Dinge von unterschiedlichsten Seiten und aus verschiedenen Perspektiven ermöglicht. Dieser Perspektivwechsel wird in der Geschichte zum Einen ganz buchstäblich thematisiert, indem Azwei für eine wichtige Unterhaltung auf einen Schrank klettert und diese eben aus einem neuen Blickwinkel führt[20], aber eben auch durch neue Erzählstrukturen, wie den Perspektivwechsel vom Rahmen- zum Binnenerzähler.

[...]


[1] Zeller, Rosmarie: Musil im Kontext der Poetik, S.21

[2] Ebd.. S.20 f.

[3] Eibl, Karl: Die dritte Geschichte. Hinweise zur Struktur von Robert Musils Erzählung die Amsel S.455

[4] Vgl. ebd.

[5] Zur Bedeutung der Namensgebung allein könnte ein komplettes Essay verfasst werden, weswegen darauf an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll.

[6] Musil, Robert: Die Amsel, S.521

[7] Vgl. Pickerodt, Gerhart: Robert Musils die Amsel als narratives Modell Model

[8] Vgl. Musil, Robert: Die Amsel, S.521

[9] Die Unterscheidung von berichten und erzählen soll nur an dieser Stelle vorgenommen werden, um die unterschiedlichen Ansprüche der beiden Erzähler hervorzuheben. Im Verlauf der Arbeit sollen die Begriffe dann aber wieder als Synonyme benutzt werden, um einen angenehmeren Lesefluss zu erzeugen.

[10] Der Begriff Geschichte soll hier sowohl die Erzählung an sich, als auch die Ereignisse aus Azweis Leben beschreiben

[11] Vgl. Pickerodt, Gerhart: Robert Musils die Amsel als narratives Modell, S.62

[12] Musil, Robert: Die Amsel, S.526

[13] Musil, Robert: Die Amsel, S.534

[14] Pickerodt, Gerhart: Robert Musils die Amsel als narratives Modell, S.65

[15] Eibl, Karl, Die dritte Geschichte. Hinweise zur Struktur von Robert Musils Erzählung Die Amsel, S.456

[16] Musil, Robert: Die Amsel, S.523 ff.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Eibl, Karl, Die dritte Geschichte. Hinweise zur Struktur von Robert Musils Erzählung Die Amsel, S. 459

[19] Zeller, Rosmarie: Musil im Kontext der Poetik des modernen Romans, S.34

[20] Musil, Robert: Die Amsel, S.523

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Erzählstruktur in "Die Amsel" von Robert Musil
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur 1 (IDSL1))
Veranstaltung
Klassische Moderne, Proseminar im Aufbaumodul
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V431383
ISBN (eBook)
9783668742284
ISBN (Buch)
9783668742291
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novelle, Klassische Moderne, Deutsche Literatur, Germanistik, Die Amsel, Deutsche Novelle, Erzählstruktur, Musil, Robert Musil, Neuere deutsche Literatur, Amsel, Krieg, Dichtung, Erzählung, Narratives Muster, Literatur, deutschsprachige Literatur, Moderne, Deutsche Moderne
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Jana Wienken (Autor), 2016, Die Erzählstruktur in "Die Amsel" von Robert Musil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431383

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