Sozialraumorientierung: Die stadtteilbezogene Arbeit und das Stuttgarter Modell


Hausarbeit, 2004

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Theorie der Sozialraumorientierung am Beispiel der Gemeinwesenarbeit nach Wolfgang Hinte

3. Wie Sozialraumorientierung umgesetzt werden soll? Beispiele aus dem Stuttgarter Modell

4. Aufbruch zu neuen Ufern? Kritische Sicht auf die Sozialraumorientierung

5. Die rechtlichen Grundanforderungen an die Sozialraumbudgetierung nach Albert Krölls

6. Fazit

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Thema der Sozialraumorientierung. Im ersten Teil stelle ich den Begriff der Stadtteilbezogenen Arbeit nach Wolfgang Hinte vor. Ich habe mich an einem älteren Text von ihm orientiert, der den Stadtteilbezug hauptsächlich auf die Gemeinwesenarbeit bezieht und habe neuere Zitate von Hinte aus der schriftlichen Ausarbeitung zum Referat „Sozialraumorientierung gegenüber der Dominanz der Einzelfallhilfe“ von Björn Dölling und Tobias Sauer genutzt.

Im zweiten Teil stelle ich mit Hilfe des Stuttgarter Modells vor, wie in diesem Projekt die Sozialraumorientierung in die Praxis der Schulsozialarbeit umgesetzt wird.

Danach möchte ich mich kritisch mit dem Begriff der Sozialraumorientierung auseinandersetzen und nutze dazu die wieder die Ausarbeitung von Björn Dölling und Tobias Sauer und zusätzlich die Abhandlung von Albert Krölls. Hervorgehen aus der Bearbeitung mit dem Text von Albert Krölls, stelle ich im vierten Teil seine Sichtweise der rechtlichen Zulässigkeit von Sozialraumbudgetierung vor.

Nach dem ersten und dem zweiten Kapitel werde ich, der Übersicht halber, jeweils ein Zwischenfazit ziehen und die Arbeit mit einem Gesamtfazit abschließen.

2. Die Theorie der Sozialraumorientierung am Beispiel der Gemeinwesenarbeit nach Wolfgang Hinte

Wolfgang Hinte kritisiert in seinem Buch „Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit“ die aktuelle Auffassung von Sozialer Arbeit, speziell der Gemeinwesenarbeit.

In den 70er Jahren ging die Tendenz zur „Standardisierung, Formalisierung und Spezialisierung. Aus der einstigen Allzuständigkeit des Sozialarbeiters wurde festumrissene Hilfeleistung, möglichst geordnet nach Paragraphen und Sachgebieten und arbeitsteilig erbracht. Neue Berufsgruppen entstanden, wie z.B. Drogenberater, Jugendpfleger, Familientherapeuthen.“[1]

Diese Entwicklung zog einen „Spezialisierungswahn“ nach sich und es entstand das Problem, daß „Die Randgruppe [...] zur Zielgruppe“[2] wurde. Dieses Eingehen auf spezielle Probleme bestimmter Bevölkerungsgruppen führte nicht wie zu Beginn erhofft zu einer Hilfe der „Zielgruppe“, sondern zu einer Stigmatisierung der selben. Zum Beleg dafür zählt er Beispiele auf, von denen ich mich an dieser Stelle auf eines Beschränken möchte:

„Arbeit mit Ausländern hatte Mitte der 8oer Jahre Hochkonjunktur. Es gab spezielle Ausländerprojekte, Institute für Ausländerpädagogik, Ämter für Ausländerfragen und spezielle Ausländerbeauftragte. Dies trug unter anderem dazu bei, daß die umsorgte Zielgruppe zusätzlich stigmatisiert wurde, daß also die im Stammtischgerede vorgenommene Ausgliederung auf der Wissenschafts- und Sozialbürokratie- Ebene lückenlos fortgesetzt wurde. Und trotz aller Beteuerungen vieler Ausländerpädagogen: Gerade dieser Bereich hat die verhängnisvollen Spezialisierungstendenzen längst nicht überwunden und bewegt sich weiterhin in einem relativ abgeschotteten Sektor, in dem z.T. hervorragende Arbeit geleistet wird – jedoch ohne Auswirkungen auf das übrige Netz sozialer Versorgung.“[3]

Neben dieser Ausdifferenzierung der einzelnen Teilbereiche der sozialen Arbeit, vollzog sich eine „Versäulung“ der Hilfearten. Aktuell stellt Hinte in Bezug auf die Jugendhilfe fest: „Bislang agieren diese Säulen - konzentriert auf das eigene Funktionieren - unter dem Dach des Jugendamtes nebeneinander her. Bei zaghaften Kooperationsangeboten aus einem anderen Bereich zeigt man sich normalerweise nicht sonderlich entgegenkommend - und zwar erprobterweise unter Hinweis auf vollständige Überlastung durch Arbeitsanfall in der eigenen Abteilung. (...) Die Einheit der Jugendhilfe ist durch internes Gerangel sicherlich ebenso in Frage gestellt wie durch externe Attacken. Viele Jugendämter leiden an hartnäckiger Bereichsborniertheit und verbrämen dies als Spielraum für individuell definierte Fachlichkeit oder standardfreie kollegiale Beratung. (Wolfgang Hinte Fallarbeit und Lebensweltgestaltung - Sozialraumbudgets statt Fallfinanzierung S.3)“[4]

Hinte fordert ein Umdenken der Sozialen Arbeit „vom Fall zum Feld“, das heißt er möchte mehr Stadtteilbezug, denn der Fehler der sozialen Arbeit war es bisher, daß sie sich an der Lebenswelt und den Bedürfnissen des einzelnen Hilfeempfängers orientiert hat. Dabei wurde vernachlässigt, daß der Stadtteil in dem der Hilfeempfänger zu seiner Lebenswelt dazugehört, hier zeichnen sich Bedürfnisse und Interessen der aller Stadtteilbewohner als erstes ab. Ein Sozialarbeiter muß nur mit offenen Augen durch den Stadtteil gehen und mit den Menschen sprechen und für die Bewohner muß nachvollziehbar sein welche Aufgaben ‚ihr‘ Sozialraum-Sozialarbeiter hat, denn „In einem Stadtteil angesiedelte soziale Dienste werden wesentlich stärker von Bürgern genutzt, wenn die dort arbeitenden Professionellen im Stadtteil bekannte, vertrauenswürdige und identifizierbare Personen sind und flexibel auf Geschehnisse im Stadtteil reagieren. Das kann dazu führen, daß diese Professionellen an stadtteilbezogenen Problemstellungen mitarbeiten oder herkömmliche Formen der Einzelberatung durch gruppenarbeiterische Aktivitäten ergänzen oder gar ersetzen bzw. durch Selbsthilfeaktivitäten von Bewohnergruppierungen (z.B. im Bereich der Sozialhilfe) entlastet werden.“[5]

Hinte sieht in der Krise des Sozialstaates, die sich auch durch „das Versagen der zentralstaatlichen Steuerungsmechanismen[6] äußert, eine Chance für die Kommunen sich sozialpolitisch durchzusetzen. „Denn im Stadtteil kreuzen sich politische, ökonomische und ökologische Stränge, die in ihrer Verflochtenheit nur schwer durchschaubar, deren Folgen jedoch immer sehr konkret und anschaulich sind. Dort zeigt sich die Not arbeitsloser Jugendlicher, die sich weiter verschlechternde Lage einer kinderfeindlichen Gestaltung der Wohnwelt oder die Auswüchse nationalistischer Tendenzen im Umgang mit Ausländern.“[7] Die stadtteilbezogene soziale Arbeit soll sich dieser Problemfelder annehmen und sie präventiv, aber auch nach ihrer Entstehung, verhindern oder bearbeiten.

Für den Einzug der Stadtteilorientierung in die soziale Arbeit braucht es die Erweiterung des Blickwinkels über Zuständigkeiten einer Dienststelle, einer Abteilung, oder Einrichtung. Es ist also ein Aufbrechen der „Versäulung“ nötig.

Die wesentlichen Gesichtspunkte des Stadtteilbezugs macht Hinte an folgenden fünf Punkten[8] fest:

1. “Die Arbeit orientiert sich an der Wohnbevölkerung“ Es soll nicht überlegt werden was die Menschen im Stadtteil brauchen könnten, die Bewohner werden direkt befragt woran sie Interesse haben und wobei sie mithelfen möchten. Diese Blickrichtung verlangt von den Professionellen, daß sie auf „lernzielhafte Vordefinitionen und manipulative Herangehensweisen[9] verzichten.
2. „Die Ressourcen des Stadtteils werden in möglichst hohem Maß bei der Arbeit genutzt und im Interesse der Bewohner mit kommunalen Dienstleistungen verknüpft[10] Die Menschen im Stadtteil sollen sich, weitestgehend, soviel wie möglich selber helfen, z.B. beim Briefe schreiben oder Hausaufgaben machen. Für die Selbsthilfe kann auch die Ableistung von Sozialstunden aufgewandt werden.
3. „Bei allen Aktivitäten stehen Selbsthilfekräfte und Eigeninitiative der Bewohner im Vordergrund[11] Gruppen die durch die soziale Arbeit angeregt wurden etwas zu bewegen werden nur begleitet und nie bevormundet. Erst wenn das Potential der Selbsthilfegruppen erschöpft ist oder Bürger strukturelle Grenzen erfahren, werden von den Professionellen Betreuungs- und Programmorientierte Angebote gemacht.
4.Die Arbeit geschieht zielgruppenübergreifend[12] Das Angebot der stadtteilorientierten sozialen Arbeit soll alle Menschen im Wohnumfeld ansprechen. Es wird nach Kristallisationspunkten für Aktivitäten gesucht. Aufgrund der Bewohnerstruktur kann es zwar zu vorkommen, das zielgruppenspezifische Probleme in den Vordergrund rücken, aber diese stehen in einem Kontext eines Gesamtkonzepts das alle anspricht.
5.Zentrale Bestandteile der Arbeit ist die Organisation der Kooperation unter den Trägern sozialer Dienste und anderer Organisationen (Vereine, Kirchengemeinden usw.) im Stadtteil (lokale Fachbasis) sowie die Verknüpfung der Aktivitäten im Vorhaben anderer kommunaler Dienststellen und Planung im politischen Raum[13] Diese Kooperationen werden beispielsweise in Bürgerinitiativen wie auch in zahlreichen Kontakten zwischen Institutionen und politischen Entscheidungsinstanzen verwirklicht.

Ein wichtiger Aspekt sozialraumbezogener Arbeit ist es, daß die Bürger, wie auch die Professionellen, den Stadtteil, aber auch Umstände der gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit kennenlernen, die sie vorher nicht oder nur verzehrt wahrgenommen haben.

Der Rahmen der stadtteilbezogenen Arbeit ist nicht von Anbeginn festgelegt. Der erste Schritt der Professionellen ist die Kontaktaufnahme mit den Bewohnern, um sie zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zu befragen, daraus entstehen dann viele Beziehungen aus denen Aktivitäten wie die Unterstützung von Bürgerinitiativen, offene Kursarbeiten, punktuelle Beratung, progammorientierte Gruppenangebote entstehen sollen. Alle diese Aktivitäten entstehen aus den Wünschen der Bewohner und haben auf keinen Fall den Anspruch die Menschen zu pädagogisieren.

Allerdings weist Hinte auch darauf hin, daß dieser Prozeß sehr mühsam sei, denn in der Regel würden die Leute nicht darauf warten, daß endlich irgendwelche dafür bezahlten Menschen auftauchen und sie aktivieren.

[...]


[1] HINTE, S. 30

[2] HINTE, S.30

[3] HINTE, S. 30

[4] DÖLLING & SAUER, Kapitel 3.2.

[5] HINTE, S. 33

[6] HINTE, S.34

[7] HINTE, S. 34

[8] HINTE, S 34

[9] HINTE, S.34

[10] HINTE, S. 35

[11] HINTE, S. 35

[12] HINTE, S. 35

[13] HINTE, S. 35

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sozialraumorientierung: Die stadtteilbezogene Arbeit und das Stuttgarter Modell
Hochschule
Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V43142
ISBN (eBook)
9783638410137
ISBN (Buch)
9783638684583
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialraumorientierung, Arbeit, Stuttgarter, Modell
Arbeit zitieren
Wiebke Teichert (Autor), 2004, Sozialraumorientierung: Die stadtteilbezogene Arbeit und das Stuttgarter Modell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43142

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