Fesseln Internet und Co. den Redakteur an seinen Schreibtisch?


Hausarbeit, 2005

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Müssen Redakteure Internetkabel zerschneiden?

2 Quo vadis, Redakteur? Neuen Aufgaben und ihre Ursachen
2.1 Wer schreiben darf, hat keine Freizeit – Anforderungen an Journalisten
2.2 Ohne e-mail geht nichts mehr – fünf Beispiele aus der Praxis
2.3 Neue Technik als Instrument im Preiskampf – Die Sicht der Gewerkschafter

3. Fazit
Schuldig der Beihilfe, aber nicht Haupttäter

Bibliografie

1. Müssen Redakteure Internetkabel zerschneiden?

Mit neuen Techniken verbinden sich oft gleichermaßen Erleichterungen im Arbeitsleben wie Ängste vor Arbeitsplatzverlust. Die Textilindustrie sei hier nur als ein Beispiel genannt. Schon die schlesischen Weber erkannten in den Maschinen ihre Feinde, die die Arbeit am heimischen Webstuhl überflüssig machten. Durch die massenhafte maschinelle Produktion, sank der Preis der Arbeit, die die Weber verrichteten so sehr, dass diese verarmten. Während des Weberaufstands vom 4. bis 6. Juni 1844[1] stürmten sie daher die Fabriken und zerstörten die elektrischen Webstühle.

Ähnliche Berichte von Redakteuren, die Internet-Leitungen kappten, gibt es zwar nicht, sicher sind die Auswirkungen des world wide web auch längst nicht so elementar, dennoch soll sich diese Arbeit mit dem Berufswandel des Redakteurs befassen. Dabei soll die Stichhaltigkeit der These, dass sich das Berufsfeld des Redakteurs durch technische Neuerungen wie Internet, E-Mail, Digital-Kamera, elektronischen Seitenumbruch und Mobiltelefone geändert hat, untersucht werden. Die These verfolgt dabei den Ansatz, dass durch eben diese neuen Technologien die Arbeit mit freien Mitarbeitern erleichtert und in der Folge ausgeweitet wurde, weil die Freien inzwischen relativ unabhängig von räumlichen Entfernungen und festen Schreibtisch-Arbeitsplätzen in der Redaktion sind. Um die These zu überprüfen, konnte ein Studium der auf diesem Gebiet recht raren Fachliteratur allerdings nicht reichen. Vielmehr sollen Interviews mit Experten und aktiven Journalisten – freien und fest angestellten – Aufschluss über die Situation in den Redaktionen geben. Diese Einzel-Befragungen können zwar allein schon aus rein quantitativen Gründen keineswegs als repräsentativ gelten, sondern sollen als Beispiele dienen. Zur weiteren Erörterung zieht die Arbeit Statistiken zur Arbeit von Journalisten, erstellt unter anderem von der Künstlersozialkasse, heran. Im ersten Teil geht diese Ausarbeitung zunächst auf die Anforderungen an Journalisten gestern und heute ein. Auch die Frage wie die unterschiedlichen Aufgaben von freien und fest angestellten Journalisten aussehen, wird hier beantwortet. In Teil zwei werden die Aussagen der fünf befragten Journalisten mit den Daten aus den verschiedenen Statistiken abgeglichen und interpretiert. Im dritten Teil kommen zwei Gewerkschafter zu Wort, die die Lage etwas allumfassender einschätzen können als ihre Kollegen, die mehr oder weniger nur die Verhältnisse in der eigenen Redaktion kennen. Im vierten Teil wird die Arbeit durch ein Fazit und eine abschließende Betrachtung der anfangs aufgestellten These abgerundet.

2. Quo vadis, Redakteur? Neuen Aufgaben und ihre Ursachen

2.1 Wer schreiben darf, hat keine Freizeit – Anforderungen an Journalisten

„Die Tätigkeiten werden spezialisierter, die Berufschancen von spezifischen Kompetenzen abhängiger – während zugleich der Bedarf an journalistischen Generalisten, die vielerorts einsetzbar sind, wieder steigt.“[2] Der Satz klingt im ersten Moment widersprüchlich, hat aber vor allem zwei Gründe: Zum einen ist der Arbeitsmarkt überfüllt. 53.700 Journalisten gab es 1998 in Deutschland, ein Drittel davon arbeitete freiberuflich[3], bei Nachrichtenagenturen waren es sogar zwei Drittel. Bei der Frauenzeitschrift Cosmopolitan kamen gar 70% der Texte nicht aus der eigenen Redaktion. Zum Vergleich: Noch zwei Jahre vorher, 1996 zählte die Bundesanstalt für Arbeit lediglich jeden fünften hauptberuflichen Journalisten zu den Freien. Und die Zahl der Freien steigt immer weiter.[4] Freier ist dabei nicht gleich Freier. Die freiberuflichen Beschäftigungsverhältnisse können hauptsächlich in vier Kategorien unterteilt werden: (1) Journalisten ohne festen Auftraggeber, die zumeist thematisch spezialisiert sind, (2) Journalisten, die für mehrere feste Auftraggeber regelmäßig arbeiten, (3) Journalisten, die als Pauschalisten nur für einen Auftraggeber arbeiten, und (4) Journalisten, die sich in einem Journalistenbüro zusammengeschlossen haben. Die Freien sind allerdings nur eine Gruppe, die den Druck auf dem Medien-Arbeitsmarkt erhöht. Ebenso müssen sich Journalisten mit einer immer größer werdenden Konkurrenz durch Hobbyschreiber (Lehrer, Vereinsfunktionäre usw.)[5] auseinander setzen. Hinzu kommen die immer einflussreicher werdenden Nachrichtenagenturen. „Was nicht bei dpa oder Reuters steht, hat nicht stattgefunden…“, so die ARD Hörfunkkorrespondentin Susanne Bittorf.[6] Inzwischen stammen „rund zwei Drittel des gesamten Nachrichtenangebots der aktuellen Informationsmedien .. von Nachrichtenagenturen“.[7] All diese Produzenten journalistischer Produkte drängen auf den wirtschaftlich schwachen Medien-Markt[8], daher sind spezielle Themen beziehungsweise Kenntnisse von Vorteil. Allrounder müssen vor allem die Redakteure sein. Die fest angestellten Journalisten redigieren, präsentieren und vergeben Termine und Aufträge.[9] Sie bereichern Nachrichten mit Grafiken. Redakteure, die die von ihnen betreuten Seiten auch layouten, sind bei weitem keine Seltenheit mehr. Zudem nimmt die Berichterstattung über selbst veranstaltete oder zumindest präsentierte Events zu.[10] Der Journalist ist somit zu einer stärkeren Zusammenarbeit mit der Anzeigenabteilung angehalten und benötigt auch selbst eine gewisse Werbekompetenz. So wird die Autonomie bei der Ausübung der journalistischen Rolle mehr und mehr eingeschränkt. Das neue Medium Internet treibt den Berufsfeldwandel des Redakteurs hin zum Organisator und Programmplaner vermutlich noch weiter voran.[11] „Journalisten werden zu Produktmanagern: Sie planen, layouten, füllen, und vermarkten ihr Produkt in Personalunion.“[12] Die eigentlichen Kernaufgaben des Redakteurs – recherchieren, Themen auswählen und in mediengerechte Form verpacken[13] - weichen einer Vielzahl eigentlich berufsfremder Aufgaben. „Der Journalist ist gleichzeitig Texter, Layouter, Grafiker, Anzeigenakquisiteur, Marketing- und Vertriebsleiter und manchmal auch Servicetechniker in einer Person.“[14] Diese Entwicklung ist zweifellos eine Folge des in den Verlagen verstärkt praktizierten Outsourcings. Dabei werden zunehmend Texte nicht mehr in den Redaktionen sondern extern – sei es von Freien oder von Agenturen – produziert.[15] Das schlägt sich auch in der Statistik der Künstlersozialkasse (KSK) zur Versichertenbestandsentwicklung nieder. Die Zahl der in der Pflichtversicherung für hauptberufliche freie Journalisten organisierten Mitglieder stieg im Bereich „Wort“ von innerhalb der letzten zehn Jahre von 17929 (1995) um nahezu 100 Prozent auf 35298 (2005). Mit der Verdrängung journalistischer Tätigkeiten aus dem Berufsbild des Redakteurs verbinden viele Autoren zumindest indirekt und zwischen den Zeilen einen Qualitätsverlust im Journalismus.[16] Danach seien gerade Print-Verlage zu Einsparungen zu Lasten der Qualität bereit, weil dies für den „selektiven Leser und den Anleser“[17] kaum bemerkbar sei. Preiskampf geht also vor Qualitätswettbewerb. Die wirtschaftlichen Vorteile für die Verlage, die der Einsatz von Freien bietet, liegen auf der Hand. Diese werden zumeist nach Zeilen bezahlt – die Pausen des Journalisten zahlt der Verleger im Gegensatz zum fest angestellten Redakteur also nicht mit. Das Gleiche gilt allerdings meist auch für die Recherche-Zeit, die der Freie Journalist aufwendet. Es scheint daher logisch, dass Freiberufler oberflächlicher recherchieren. Hier sprechen die Zahlen allerdings eine andere Sprache: Freiberufler verbringen im Schnitt drei Stunden pro Tag mit Recherche, Redakteure nur zwei Stunden. Freie arbeiten an einem Beitrag im Schnitt auch 20 Minuten länger als ihre fest angestellten Kollegen.[18] Die Auswirkungen, die der Zuwachs der Freien auf die Qualität im Journalismus hat, sind also durchaus differenziert zu betrachten. Fakt ist aber, dass sichere feste Arbeitsplätze verstärkt Zeitverträgen, freier Mitarbeit und Projekt bezogenen Kontrakten weichen.[19] Sicher ist auch, dass immer mehr journalistische Arbeit aus den Redaktionen ausgelagert wird.[20] Welche Rolle die Erleichterung dieser Praxis durch die neuen Techniken, insbesondere digitale Fotografie und Internet, spielt, soll in den nächsten beiden Kapiteln erörtert werden. Dabei muss auch das Problem der Ungewissheit darüber diskutiert werden, ob eine Technik, die einen Vorgang erleichtert, auch für ihn kausal verantwortlich gemacht werden kann. Ganz konkret setzen sich die im dritten und vierten Teil befragten Journalisten und Gewerkschafter mit der Frage auseinander, ob die Redaktionen hauptsächlich deshalb mehr mit Freien zusammen arbeiten, weil die Kooperation durch die neuen Techniken schneller, leichter und unkomplizierter geworden ist.

[...]


[1] Großes Lexikon, Isis Verlag, Chur, Schweiz, 1995, Seite 882

[2] Michael Haller, Christopher Belz, Armin Sellheim: Berufsbilder im Journalismus, UVK Medien Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, 1999, Seite 9

[3] vgl. Armin Scholl, Siegfried Weischenberg: Journalismus in der Gesellschaft – Theorie-Methodologie-Empirie, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1998, Seite 222

[4] vgl. Michael Haller, Christopher Belz, Armin Sellheim: Berufsbilder im Journalismus, UVK Medien Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, 1999, Seite 169

[5] vgl. ebenda, Seite 164

[6] vgl. ebenda, Seite 108

[7] ebenda, Seite 136

[8] vgl. http://www.maipress.de/beruf/journalisten.pdf besucht am 6.5. 15.40 Uhr

[9] vgl. Anna Maria Theis-Berglmair, „Der vernetzte Computer als Herausforderung für die Kommunikationswissenschaft und –praxis“, erschienen in Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 138

[10] vgl. ebenda, Seite 139

[11] vgl. ebenda, Seite 141

[12] Zitat von Beatrice Dernbach: Braucht die Multimedia-Gesellschaft Berufskommunikatoren? Aufgaben und Anforderungen im Wandel, in: Beatrice Dernbach, Manfred Rühl, Anna Maria Theis-Berglmair (Hrsg.): Publizistik im vernetzten Zeitalter. Berufe – Formen – Strukturen, Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden, 1998, Seite 53-67, zitiert von Bernd Blöbaum in Journalistische Optionen – Zur Ausbildung und Zukunft von Multimedia-Journalisten, erschienen in: Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 140

[13] vgl. http://berufenet.arbeitsamt.de/bnet2/R/kurz_B8214102.html, besucht am 25.5. um 14.02 Uhr

[14] Zitat von Beatrice Dernbach: Braucht die Multimedia-Gesellschaft Berufskommunikatoren? Aufgaben und Anforderungen im Wandel, in: Beatrice Dernbach, Manfred Rühl, Anna Maria Theis-Berglmair (Hrsg.): Publizistik im vernetzten Zeitalter. Berufe – Formen – Strukturen, Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden, 1998, Seite 53-67, zitiert von Bernd Blöbaum in Journalistische Optionen – Zur Ausbildung und Zukunft von Multimedia-Journalisten, erschienen in: Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 140 und 141

[15] vgl. Bernd Blöbaum: Journalistische Optionen – Zur Ausbildung und Zukunft von Multimedia-Journalisten, erschienen in: Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 137

[16] vgl. Christoph Neuberger, Zurückhaltung im Netz – Das Engagement der Tageszeitungen im Internet, erschienen in: Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 127, der den Wettbewerb im Medienbereich vor allem als Kostenwettbewerb und nicht als Qualitätswettbewerb charakterisiert.

und vgl. Anna Maria Theis-Berglmair, Der vernetzte Computer als Herausforderung für die Kommunikationswissenschaft und –praxis, erschienen in Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 234, die den Zeitungen eine Orientierung am oberflächlichen Leser konstatiert.

[17] Anna Maria Theis-Berglmair, Der vernetzte Computer als Herausforderung für die Kommunikationswissenschaft und –praxis, erschienen in Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 234

[18] vgl. Michael Haller, Christopher Belz, Armin Sellheim, Berufsbilder im Journalismus, UVK Medien Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 1999, Seite 167

[19] vgl. Bernd Blöbaum: Journalistische Optionen – Zur Ausbildung und Zukunft von Multimedia-Journalisten, erschienen in: Anna Maria Theis-Berglmair „Internet und die Zukunft der Printmedien – Kommunikationswissenschaftliche und medienökonomische Aspekte“, LIT Verlag, Münster – Hamburg – London, 2002, Seite 139

[20] vgl. ebenda, Seite 137

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Fesseln Internet und Co. den Redakteur an seinen Schreibtisch?
Hochschule
Hochschule Bremen
Veranstaltung
Medientheorie IV
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V43147
ISBN (eBook)
9783638410175
ISBN (Buch)
9783638772754
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Alle Namen, Zeitungsnamen, Verlagsnamen, Agenturnamen und Stadtnamen in Zusammenhang mit den sieben Interviewpartnern wurden anonymisiert. Die Interviewtransskripte liegen nicht bei.
Schlagworte
Fesseln, Internet, Redakteur, Schreibtisch, Medientheorie
Arbeit zitieren
Christian Selz (Autor), 2005, Fesseln Internet und Co. den Redakteur an seinen Schreibtisch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43147

Kommentare

  • Christian Rell am 11.10.2005

    Äußerst kluge Themenwahl.

    Die Themenwahl und die Fragestellung dieser Arbeit finde ich äußerst gut!

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Titel: Fesseln Internet und Co. den Redakteur an seinen Schreibtisch?



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