Die hierarchische Geschlechterdifferenz unter dem Blickpunkt von Männlichkeiten in der Globalisierung


Hausarbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Konstruktionsdimensionen von Männlichkeiten
2.1. Interaktion von Geschlecht
2.2. Männliche Körperlichkeit und Globalisierung

3. Die Veränderung traditioneller Männlichkeit im Neoliberalismus
3.1. Konsequenz

4. Das Individuum zwischen Anerkennung und Selbstbehauptung

5. Die Bedeutung männlicher Gewalt im Rahmen der Globalisierung

6. Fazit und weiterführende Fragestellung

7. Literaturliste

1. Einleitung

„Die aktuelle Phase kapitalistischer Entwicklung wird als Ära der Globalisierung apostrophiert. (…) Sie ist in aller Munde, ohne dass darunter alle auch Gleiches verstehen. Kleinster gemeinsamer Nenner scheint der Verweis auf Entgrenzung des Kapitalismus, auf Erweiterung und Verdichtung globaler Netze, insbesondere jener ökonomischen Zuschnitts, bei Verengung (national-) politischer Entscheidungs- und Handlungsräume.“[1]

Die Ideologie und Praxis des Neoliberalismus ist Bestandteil konstruierter gesellschaftlicher und staatlicher Wirklichkeit, mit mittelbarer und unmittelbarer Auswirkung auf die Bewältigung des Alltags der in den Staatsgebilden lebenden Menschen. Das bedeutet, dass die globale Vernetzung der Welt bestehende national lokalisierte soziale und wirtschaftliche Ordnungen infiltriert und verändert. Die Wirkungsmechanismen des marktfundamentalistischen und aggressiv monetaristischen Neoliberalismus sind eng mit maskulinistischen Prinzipien verquickt.

Die gesellschaftlichen Bedingungen und Dynamiken werden im Folgenden im Blickpunkt auf die hierarchische Geschlechterdifferenz kritisch hinterfragt.

„Es ist geradezu evident, dass globale Kommandoräume vorwiegend von Männern besetzt sind. Ihren maskulinistischen Wert zieht das System der Global Players nur marginal aus der sozialen Gruppe der Männer, in der Hauptsache aber aus der maskulin fundierten "Weltordnung der Geschlechter"[2], aus der prinzipiellen Art also, wie Männlichkeiten sozial und politisch konstruiert, wie sie in gesellschaftliche Strukturen und Prozesse dauerhaft eingeschrieben sind. Im patriarchalen Geschlechterregime erscheint Weiblichkeit nach wie vor – trotz heftiger Transformationen durch neo-liberale Globalisierung – als über hegemoniale Männlichkeit definiert. Dieser Grundmechanismus hat nicht an Relevanz verloren.“[3]

Trotz der Bestrebungen innerhalb der Kommandoräume, die Geschlechterdifferenzen zu nivellieren, um damit auch Frauen als zusätzliche Arbeitskräfte zu rekrutieren, „bleiben die obersten Hierarchieebenen, die traditionell männlich besetzt werden, erhalten und werden in ihrer alten Patrimonialität nun ökonomisch-technologisch neu legitimiert.“[4]

Hier wird deutlich, dass sich zwischen der Ebene der weltumspannenden, einflussreichen Global Players und der Ebene der „Durchschnittsmänner“ ein Spannungsfeld eröffnet. Das bedeutet, dass auf der einen Seite patriarchale Strukturen eine scheinbare Nivellierung erfahren, auf der anderen Seite Maskulinismus und Maskulinität zu strukturalistischen Prinzipien werden. Bestehende patriarchale Strukturen werden in ihrer historischen Tradition aufgebrochen, da sich durch die Globalisierung die Lebens- und Arbeitsbedingungen von den betroffenen Menschen verändern. Die daraus resultierende wachsende Verunsicherung der Menschen aufgrund der Veränderungen in den arbeitsweltlichen Strukturen, kann einen fruchtbaren Nährboden für eine Zementierung und Verfestigung von hierarchisierten Geschlechterdifferenzen in den jeweiligen nationalen Strukturen ermöglichen. Dieses Spannungsfeld soll in dieser Arbeit durch die Betrachtung von Männlichkeiten in der Globalisierung verdeutlicht werden, indem die Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen und individuellen Konstruktionsdynamiken von Geschlechterhierarchie und Machtausübung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden.

Um eine fundierte Aussage über die Schnittstelle individueller Lebenswelten und denen, welche in gesellschaftlich öffentlichen bzw. institutionellen Bereichen verankert sind, treffen zu können, bedarf es einer genauen Betrachtung der Mechanismen und Dynamiken, welche in der Wechselwirkung aus individueller interaktiver Konstruktion von Männlichkeiten und dem Einfluss seitens der konstruierten sozialen Wirklichkeit auf das Individuum stattfinden. Das bedeutet, dass hier von dem Aspekt des Geschlechts als binär ausgerichtete soziale Konstruktion ausgehend argumentiert wird.

Es werden im Folgenden sowohl Konstruktionsdimension aus institutioneller Sichtweise mit Hilfe Erving Goffman´s beleuchtet, als auch die Ebene der Körperlichkeit mit Perspektiven Robert W. Connells und Eva Kreiskys aufgegriffen. Von der neuen Körperlichkeit im Neoliberalismus wird der Bogen zur psychoanalytischen, individuellen Ebene gespannt. Diese Verknüpfung verdeutlicht die dynamische Schlüsselposition zwischen Individuum und Gesellschaft, welche dann noch einmal an dem Symptom männlicher Gewalt beispielhaft aufgezeigt wird. Denn um eine sinnvolle Verknüpfung von individuellen Lebenswelten und gesellschaftlichen Prozessen konstruieren zu können, müssen eben diese Knotenpunkte aus unterschiedlichen Sichtweisen beleuchtet werden. Zwar existieren zahlreiche Versuche, männliches Verhalten auf der Grundlage biologischer Faktoren wie beispielsweise dem hormonalen Einfluss zu erklären[5], dennoch kann auf dieser Basis keine eindeutige Schlussfolgerung zu Gunsten der biologischen Erklärungsmodelle gezogen werden.

2. Konstruktionsdimensionen von Männlichkeiten

2.1. Interaktion von Geschlecht

Ganz im Gegenteil drängt sich die Frage auf, ob nicht etwa eigentlich wertfreie, physiologische Differenzen zu geschlechtshierarchischen Deutungsmustern gemacht werden zugunsten derjenigen, welche mit den Privilegien institutioneller Macht ausgestattet sind bzw. sich diese verschaffen möchten und dies auch tun. Beispielsweise wird männliche Überlegenheit gegenüber der Frau[6] mit der körperlichen Überlegenheit bei sportlichen Wettkämpfen durch das Erzielen höherer Leistungsniveaus begründet, welche eben erst in diesem speziellen Bezugssystem seine Wertung erhält. Der Kraftaufwand einer gebärenden Frau wird dahingegen nicht thematisiert und findet keine vergleichbare Eingliederung in den Diskurs. Des Weiteren wirft sich die Frage auf, ob nicht über lange Zeiträume praktizierte soziale Dimensionen wie beispielsweise der Größenunterschied bei zwischengeschlechtlichen Paaren umgekehrt längerfristig eine Auswirkung auf die biologischen Folgen in der Fortpflanzung haben und die Physis der Nachfahren beeinflussen könnte. Es wäre an dieser Stelle höchst interessant zu wissen, ob sich die physische Erscheinung von Jungen und Mädchen verändern würde, wenn der Dimorphismus dieser sozialen Konstruktion langfristig enthebelt und umkonstruiert würde. Das bedeutet, dass man beispielsweise Söhne und Töchter von Paaren von denselben Eltern, bei denen der Mann größer als die Frau ist, mit den Söhnen und Töchtern von Paaren, bei denen die Frau gleich groß oder größer als der Mann ist, untersuchen könnte. Natürlich müssten solche Untersuchungen über einen sehr langen Zeitraum erfolgen, um sie verifizieren oder falsifizieren zu können. Hier stellt sich die Frage, ob sich bei Paaren, bei denen die Frau mindestens so groß wie der Mann ist, die Größenunterschiede zwischen ihren Töchter und Söhne wenigstens relativieren würden.

„Obwohl Männer insgesamt größer und stärker als Frauen sind, weisen die graphischen Kurven der normalen Verteilung eine beträchtliche Zone der Überschneidung zwischen beiden Geschlechtern auf. Würde man die herrschenden Konventionen umkehren und entsprechende Maßnahmen ergreifen, dann könnten bei sehr vielen Paaren die Männer kleiner als oder genauso groß wie ihre weiblichen Partnerinnen sein.“[7]

Leider nennt Goffman an dieser Stelle keinen Verweis zu der oder den Untersuchungen, auf welche er sich in dieser Aussage bezieht, dennoch soll dieser Gedankengang hier seine Präsenz erfahren, um nachdrücklich darauf zu verweisen, wie auch, oder gerade, geschlechtshierarchische Differenzen auf der Basis physiologischer wertfreier Unterschiede zwischen Männern und Frauen geschaffen werden und sich aus der Interaktion schaffen, welche wiederum mit konstruierten Geschlechtsidentitäten behaftet ist.

In den Gesellschaften existieren bestimmte Konzepte, nach denen ein Mensch gleich nach seiner Geburt einer Geschlechtsklasse zugeordnet wird. Die Zuordnung zu einer der binären Geschlechtsklassen Mann und Frau beinhaltet den Prozeß unterschiedlicher Sozialisation für die Angehörigen. Das bedeutet, dass Jungen und Mädchen von Anfang an unterschiedlich behandelt werden und aufgrund dieser unterschiedlichen Behandlung unterschiedliche Erfahrungen machen und diese auch entsprechend verinnerlichen. Folglich „lagert sich eine geschlechtsspezifische Weise der äußeren Erscheinung, des Handelns und Fühlens objektiv über das biologische Muster, die dieses ausbaut, missachtet oder durchkreuzt.“[8] Dieser Prozeß aus dem Wechselspiel von konstruierter und sich konstruierender Wirklichkeit formt das gender, das soziale Geschlecht von Mann und Frau. Hier erfahren Individuen eine genormte Modifizierung der Idealbilder von Männlichkeit(en) und Weiblichkeit(en) nach dem dichotomen Prinzip der grundsätzlichen Natur von Männern und Frauen. Hat ein Individuum die Konzepte in seinem Entwicklungsprozess inkorporiert und somit ein Gefühl- welches dann häufig nicht mehr hinterfragt wird - dafür entwickelt, was „richtig“ und „falsch“ ist bzw. was „sich gehört“ oder „nicht gehört“, kann man von einer gender identity nach Goffman sprechen.

Nach Goffman müssen die einzelnen Individuen nicht darauf warten, „bis die Umwelt diejenigen Umstände hervorbringt, auf die die Zurschaustellung eines Genderismus die passende Reaktion ist.“[9] Die in der Umwelt befindlichen Gegebenheiten werden nach entsprechenden, zentralen Codices interpretiert und gedeutet, das heißt, dass

[...]


[1] Kreisky, Eva (2001): Weltwirtschaft als Kampffeld: Aspekte des Zusammenspiels von Globalismus und Maskulinismus. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP), 2001/2, S.137-160. Gefunden auf der Internetseite http://evakreisky.at/onlinetexte/globalismus_kreisky.php

[2] Begriff nach Robert W. Connell, vgl. z.B. Connell Robert.W.(2000):Globalisierung und Männerkörper-Ein Überblick. In: Feministische Studien. Literaturberichte. Heft 2. Weinheim, S.79

[3] Kreisky, Eva: Weltwirtschaft als Kampffeld, 4.1 Globalisierung als Geschlechterfrage

[4] Böhnisch, Lothar (2003): Die Entgrenzung der Männlichkeit. Verstörungen und Formierungen des Mannseins im gesellschaftlichen Übergang. Opladen, S. 44-45

[5] Treadwell, Perry (1987): Biologic Influences on Masculinity. In: Brod, Harry (Hg.): The Making of Masculinites. The New Men´s Studies. Winchester (USA), S.259 ff.

[6] Geschlechtlichkeiten, welche nicht in die binäre Zuordnung von Männern und Frauen fallen, werden hier aufgrund des thematischen Rahmens nicht diskutiert, Anm. d. Verf.

[7] Goffman, Erving (1994): Interaktion und Geschlecht. Frankfurt/ New York, S.142

[8] Goffman, Erving, Interaktion und Geschlecht, S.109

[9] Goffman, Erving, Interaktion und Geschlecht, S.147

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die hierarchische Geschlechterdifferenz unter dem Blickpunkt von Männlichkeiten in der Globalisierung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Department Psychologie - Sozialpsychologie)
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V43152
ISBN (eBook)
9783638410212
ISBN (Buch)
9783638656993
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechterdifferenz, Blickpunkt, Männlichkeiten, Globalisierung
Arbeit zitieren
Uta Winter (Autor:in), 2005, Die hierarchische Geschlechterdifferenz unter dem Blickpunkt von Männlichkeiten in der Globalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43152

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