Worin liegt die Ursache immer wiederkehrender Motive eines unerfüllten Lebens, wie z.B. l'ennui und das fehlende bonheur, die sich in ihren Desillusionen und sogar im tragischen Ende der Protagonistin widerspiegeln? Emma Bovary selbst macht vor allem ihren Ehemann Charles verantwortlich und bereut, dass ihr Leben durch zufällige Begebenheiten oder gottgelenktes Schicksal nicht anders verlief - nämlich auf eine Art und Weise, die sie aus ihrer Lektüre kennt und für sich selbst auch erträumt hat. Doch verschuldet Emma, unfähig, den wahren Grund ihrer Frustration zu erkennen, nicht selbst?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Emma und ihre Lektüre
2.1 Die Spannweite des Lesestoffes
2.2 Emmas Art zu lesen – die Erschaffung einer Idealwelt und ihre Folgen
3. Ironisierung durch den Erzähler und Kritik des Autors
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der Romanfigur Emma Bovary und ihrem Lesestoff, um darzulegen, inwiefern ihre spezifische Art zu lesen den zentralen Ausgangspunkt für ihr Scheitern und ihr tragisches Ende bildet.
- Einfluss literarischer Idealvorstellungen auf die Wahrnehmung der Realität
- Analyse des Leseverhaltens als Konstruktion einer Scheinwelt
- Die Rolle von Identifikationsprozessen mit Romanheldinnen
- Die narratologische Funktion der Ironie zur Kritik an der Protagonistin
- Zusammenhang zwischen fiktiver Lektüre und finanziell-sozialem Ruin
Auszug aus dem Buch
2.2 Emmas Art zu lesen – die Erschaffung einer Idealwelt und ihre Folgen
Im Unterschied zur großen Spannweite von Emmas Lesestoff können wir bei der Art und Weise des Lesens eine von der Art des Textes unabhängige Konstante feststellen. Es ist die Funktion, die die Lektüre für die héroïne einnimmt: „Les livres comblent les manques de son existence […]“. Aber die von ihr gelesenen Bücher füllen nicht nur die Perioden ihrer eigenen Passivität, sondern nähren gleichzeitig Emmas Träume von sozialem Aufstieg und Sehnsucht nach einer von ihr idealisierten Welt, deren einzelne Fragmente sie aus ihren Büchern bezieht. Denn ihre Lektüre ist keine Ganzheit von präzisen und voneinander getrennten literarischen Texten, sondern eine Vermischung exotischer, vom Alltäglichen abweichender Bilder, die sich im Geiste der Protagonistin zusammenfügen.
Aus Walter Scotts Werken entnimmt sie folglich vor allem die äußere Umgebung, das décor, das sie z.B. mit abenteuerlich-romantischer Handlung aus den Romanen der Wäscherin verknüpft. Es mag zwar ‚bessere’ und ‚schlechtere’ Lektüre geben, aber da Emma wie im Beispiel des scott’schem Romans nur aus dem Kontext gerissene, klischeehafte Fragmente der gesamten Lektüre konserviert – also nur das, was unmittelbar ihre aristokratischen und romantischen Sehnsüchte nährt – kann sie aus unserer Perspektive nur als „schlechte“ Leserin bezeichnet werden. Demzufolge ist weniger entscheidend, was sie liest, sondern wie sie liest.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Fragestellung ein, ob Emmas Lektüre der primäre Grund für ihr Unglück und ihr späteres tragisches Scheitern ist.
2. Emma und ihre Lektüre: Hier wird analysiert, welche Texte Emma konsumiert und wie ihre spezifische Rezeptionsweise eine unrealistische Idealwelt schafft, die zur Entfremdung von ihrer tatsächlichen Lebensrealität führt.
3. Ironisierung durch den Erzähler und Kritik des Autors: Das Kapitel erläutert, wie Flaubert durch eine ironische Distanzierung und den Einsatz literarischer Stilmittel Emmas naives Verhalten kritisiert und den Leser zur Reflexion anregt.
4. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengeführt und bestätigen die Hypothese, dass Emmas Unfähigkeit, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden, maßgeblich zu ihrem Untergang beiträgt.
Schlüsselwörter
Emma Bovary, Gustave Flaubert, Literaturrezeption, Lektüre, Idealwelt, Bovarysmus, Scheitern, Ironie, Erzählperspektive, Romantik, Sozialer Aufstieg, Identitätskonstruktion, Leseverhalten, Realitätsverlust, Madame Bovary
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die verheerenden Auswirkungen der Lektüre von Romanen auf die Protagonistin Emma Bovary und untersucht, wie diese dazu führen, dass sie den Bezug zur Realität verliert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Literatur als Identitätsmodell, die Diskrepanz zwischen idealisierter Traumwelt und dörflicher Alltagswirklichkeit sowie die narrativen Mittel der Ironisierung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Emmas spezifische Art zu lesen und die daraus resultierende Erschaffung einer Idealwelt ein essentieller Grund für ihr letztendliches Scheitern ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textimmanente Interpretationen, erzähltheoretische Ansätze und den Rückgriff auf rezeptionsästhetische sowie psychologische Konzepte (wie das des Bovarysmus) kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Lesestoffes, eine Analyse von Emmas Rezeptionsweise (Erschaffung einer Scheinwelt) und eine Untersuchung der erzählerischen Techniken zur Ironisierung von Emmas Verhalten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Madame Bovary, Bovarysmus, Lektüre, Realitätsverlust, Ironie, Identitätsmodell und idealisierte Traumwelt.
Warum wird Emma im Text als "schlechte Leserin" bezeichnet?
Emma wird als solche bezeichnet, weil sie nicht die Qualität der Literatur beurteilt, sondern lediglich versatzstückartige, klischeehafte Fragmente aus den Texten extrahiert, um ihre eigenen romantischen Sehnsüchte und Luxusbedürfnisse zu rechtfertigen.
Wie distanziert sich der Erzähler von seiner Hauptfigur?
Der Erzähler nutzt eine ironisch-distanzierte Haltung, den "discours indirect libre" und gezielte Kursivschreibungen, um Emmas romantisierten Wortgebrauch und ihre Fehlannahmen als solche zu entlarven, ohne explizit moralisch zu urteilen.
- Quote paper
- Eva Sauerteig (Author), 2004, Die Gefahr des Lesens. Die Lektüre der Emma Bovary, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43153