"Die Innere Einheit" - Ein Thema im Diskurs der Sozialwissenschaften


Hausarbeit, 2004
25 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Problemstellung
1.1 Untersuchungsgegenstand
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Empirische Bestandsaufnahme
2.1 Zum Wandel der allgemeinen ökonomischen Lage
2.2 Zum Wandel der individuellen materiellen Lebensbedingungen
2.3 Zum Wandel der politischen und sozialen Einstellungen

3. „Die innere Einheit“ aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
3.1 Die Sozialisationshypothese
3.2 Die Situationshypothese
3.3 Sozialisations- versus Situationshypothese?

4. Detlef Pollack: Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung
4.1 Ein gebräuchlicher Interpretationstypus
4.2 Widerspruch: die Voraussetzungen sind falsch
4.3 Erfahrung und Kompensation
4.4 Worum es den Ostdeutschen geht
4.5 Abgrenzung als Folge von Ausgrenzung
4.6 Beurteilung des Erklärungsansatzes

5. Schlussbetrachtungen und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Untersuchungsgegenstand

Mit dem Fall der Berliner Mauer begann in allen Staaten des ehemaligen Ostblocks ein vielschichtiger Transformationsprozess, an dessen Ende ein demokratisch-repräsentatives, pluralistisches, gewaltenteilig organisiertes und auf der Achtung der Menschenrechte basierendes Staatswesen mit sozialer und freier Marktwirtschaft stehen sollte.[1]

Der deutsche Vereinigungsprozess bekleidet in diesem Kontext einen Sonderfall, da er sich mit einem enormen Tempo als „Institutionentransfer“ vollzog, also als Transfer des gesamten politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Gefüges der Bundesrepublik Deutschland auf die DDR.[2]

Die Vollendung der staatlichen Einheit liegt mittlerweile mehr als eine Dekade der Zeitgeschichte zurück und die Euphorie der Jahre 1989/90 ist einer relativen Deprivation[3] der Bevölkerung im Ostteil des Landes gewichen. Im Herbst 1989 gingen die Menschen auf die Straße und demonstrierten in Leipzig, Berlin, Dresden und in vielen anderen Städten der damaligen DDR für mehr Demokratie und Freiheit. Der Fall der Berliner Mauer wurde mit dem Slogan „Wir sind ein Volk“ bejubelt.[4] Heute fühlen sich die „Ossies“ großenteils als „Bürger zweiter Klasse“ und haben ihr Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft verloren.[5]

Nach einer Allensbach-Umfrage im September 2000 hielten nur 42 Prozent aller Befragten in den neuen Bundesländern die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik für verteidigenswert, 38 Prozent äußerten Zweifel. Und lediglich 33 Prozent der Neubundesbürger waren der Meinung, dass mit der Demokratie die Probleme der Bundesrepublik gelöst werden können. Im Vergleich dazu vertrauten 61 Prozent der Altbundesbürger der Demokratie als Problemlöser.[6] Noch alarmierender ist das Ergebnis einer Untersuchung des Emnid-Institutes, in der sich 80 Prozent der Ostdeutschen als „Bürger zweiter Klasse“ fühlten und lediglich 17 Prozent meinten, sie seien mit den Westdeutschen gleichberechtigt.[7]

Solche Umfrageergebnisse lassen auf eine tiefe Kluft zwischen Ost und West schließen und eine noch nicht abgeschlossene „innere Einheit“, was zahlreiche sozialwissenschaftliche Untersuchungen und Erklärungsversuche auf den Plan gerufen haben.

1.2 Aufbau der Arbeit

Mit der vorliegenden Arbeit soll dargestellt werden, warum und wie sich die Sozialwissenschaften mit den Problemen der deutschen Einheit beschäftigen. Dafür werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit die empirischen Daten dargestellt, die als Auslöser der Diskussionen bezeichnet werden können. Im anschließenden Kapitel wird der Begriff „Innere Einheit“ operationalisiert und die verschiedenen Auffassungen und Darstellungen werden dargestellt. Im vierten Kapitel werden exemplarisch anhand des Erklärungsansatzes von Detlef Pollack „Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung“ die verschiedenen Probleme der Auswertung und Interpretation der empirisch ermittelten Einstellungsunterschiede zwischen Ost und West herausgearbeitet. Das fünfte und abschließende Kapitel dieser Arbeit soll allgemeinen Schlussfolgerungen dienen und den Blick auf die Zukunft im Kontext des europäischen Einigungsprozesses und Globalisierung öffnen.

2. Empirische Bestandsaufnahme

Die Datenlage zur dargestellten Problemlage ist vielschichtig und kann je nach Intention unterschiedlich interpretiert werden. Für eine differenzierte Analyse des gegenwärtigen Standes der deutsch-deutschen Wiedervereinigung soll hier zwischen unterschiedlichen Bereichen des sozialen Wandels unterschieden werden.[8]

2.1 Zum Wandel der allgemeinen ökonomischen Lage

Eine Beurteilung der Entwicklung der allgemeinen ökonomischen Lage in Ostdeutschland nach 1989 fällt eher negativ aus. Zwar wurden im Zuge der Vereinigungseuphorie „blühende Industrielandschaften in Ostdeutschland“[9] vorausgesagt, doch die Realität sah anders aus.

„Die ostdeutsche Industrieproduktion, die 1939 noch fast 30% der westdeutschen betragen hatte, halbierte sich im Verlaufe der 40jährigen DDR-Geschichte bis 1989 auf ca. 15%, um dann in nur drei Jahren auf einen Anteil von 3,8% abzufallen.“[10] Damit erlebte Ostdeutschland einen Einbruch, der in der Entwicklung von modernen Industriegesellschaften einzigartig ist und von dem es sich auch noch nicht erholen konnte.[11]

Ein anderer Indikator für den Absturz der ostdeutschen Wirtschaft ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP).[12] Wie aus der Grafik 1 zu entnehmen ist, kam es in den ersten beiden Jahren nach der Wende zum einem regelrechten Einbruch des BIP. Zwar waren dann in den Jahren 1992 bis 1994 die Wachstumsraten beträchtlich, aber konnte der Schwung nicht weiter mitgenommen werden. Die Zahlen sind deutlich schwächer und seit 1997 liegt der Zuwachs des realen Bruttoinlandsproduktes sogar wieder hinter dem der alten Bundesländer.[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Datenbasis: Bönker / Wagener: (1999): 100. Statistische Ämter der Länder und des Bundes 2001.[14]

Angesichts dieser Zahlen in Ostdeutschland ist es nicht verwunderlich, dass ebenfalls die Arbeitslosigkeit hoch ist. Von den rund 9,8 Millionen Arbeitsplätzen in der DDR sind zwischen 1989 und 1994 mehr als 4 Millionen verloren gegangen. Aus politischen Gründen wurden zahlreiche arbeitsmarktpolitische Auffangmaßnahmen bereitgestellt und von der Bundesagentur für Arbeit[15] finanziert. Mehr als drei Viertel aller Erwerbstätigen in Ostdeutschland durchliefen in diesem Zeitraum eine dieser Maßnahme.[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Datenbasis: eigene Darstellung auf Basis der Veröffentlichungen von Bundesagentur für Arbeit

Seit 1991 liegt die Arbeitslosigkeit der neuen Bundesländer deutlich über dem West-Niveau und macht heute mehr als das Doppelte der westlichen Arbeitslosenquote aus. Würden die Zahlen der verdeckten Arbeitslosigkeit hier mit beachtet werden, wäre fast ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung Ostdeutschlands arbeitslos. Es ist demnach in den letzten Jahren nicht gelungen, einen sich selbst tragenden wirtschaftlichen Aufschwung in den neuen Bundesländern zu erreichen.[17]

2.2 Zum Wandel der individuellen materiellen Lebensbedingungen

Trotz der großen wirtschaftlichen Probleme in den neuen Bundesländern geht es den Menschen subjektiv besser als vor 1989. Das Vermögen der Haushalte hat sich nahezu verdreifacht und das Haushaltseinkommen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen[18], auch wenn es noch immer deutlich unter dem westlichen Durchschnittsniveau liegt (Grafik 3).

Während im früheren Bundesgebiet 57,5% der Haushalte monatlich über 1534 Euro zur Verfügung hatten, waren es in den neuen Ländern erst 47,5%.[19]

Andere Indikatoren für die objektive Verbesserung der Lebensverhältnisse können in der verbesserten Wohnsituation der Ostdeutschen oder der Ausstattung der privaten Haushalte mit langlebigen Gebrauchsgütern gesehen werden.[20]

[...]


[1]) Vgl. Alexander Thumfart (2001a) und im Einzelnen Thumfart (2001b)

[2]) Vgl. Yves Winkler (2002)

[3]) meint das Phänomen des subjektiv empfundenen Grades der Benachteiligung einer Person gegenüber anderen bzw. gegenüber einer Bezugsgruppe, der nicht allein durch die objektive Situation determiniert ist, sondern der aus der negativen Abweichung von den sozialen Erwartungen der betreffenden Person resultiert. Reinhold (1997): 110

[4]) Vgl. Pollack (2000): Einleitung

[5]) zum „Bürger zweiter Klasse“ Empfinden im Speziellen Kapitel 2 und 4

[6]) Vgl. u.a. Yves Winkler (2002), Klaus Schröder (2001)

[7]) Vgl. u.a. Yves Winkler (2002), Klaus-Peter Schöppner (2002)

[8]) Im Anschluss an Detlef Pollack (2000)

[9]) Gerhard Bosch (1994)

[10]) ebd.

[11]) vgl. ebd.

[12]) als Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum

[13]) vgl. Pollack (2001)

[14]) Grafik übernommen aus Pollack (2001)

[15]) ehemals Bundesanstalt für Arbeit

[16]) vgl. Bosch (1994) und im Speziellen Bosch / Knuth (1993)

[17]) Vgl. Detlef Pollack (2000): Abschnitt I

[18]) Vgl. ebd.: Abschnitt II

[19]) Vgl. statistisches Bundesamt (2002): 112f.

[20]) Vgl. ebd.: 133 ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Die Innere Einheit" - Ein Thema im Diskurs der Sozialwissenschaften
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Die gemeinsame Transformation von PDS und ostdeutscher Gesellschaft
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V43162
ISBN (eBook)
9783638410304
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Innere, Einheit, Thema, Diskurs, Sozialwissenschaften, Transformation, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Holger König (Autor), 2004, "Die Innere Einheit" - Ein Thema im Diskurs der Sozialwissenschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43162

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