Zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Eine Untersuchung über die Perspektivität bei Kafkas Figuren und deren Möglichkeit, sicheres Wissen über ihre Welt zu erwerben


Hausarbeit, 2016
12 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kafkas Figuren zwischen Wahrnehmung und Wahrheit
2.1 Auf der Galerie
2.2 Im Dom

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Werk Franz Kafkas gehört zu den am häufigsten diskutierten und kontroversesten Texten der deutschen Literatur der Moderne. Zwar liegt dies auch an ihrer hohen Bekanntheit und Beliebtheit, nicht weniger aber mit der Schwierigkeit seiner Interpretation und der daraus entstehenden Vielfalt der Deutungsansätze. So hängt ein umfassendes Verständnis seiner Texte von vielen Teilbereichen ab und auch wenn der große Umfang der bisherigen Kafkaforschung zunächst erschöpfend erscheinen mag, gibt es immer noch neue Erkenntnisse zu gewinnen, anhand derer neue Schlussfolgerungen gezogen werden können. Ein Bereich, der wenn auch nicht vernachlässigt, so doch durchaus überschaubar und für das Verständnis der Literatur Kafkas nicht unbedeutend ist, widmet sich der Frage nach den Möglichkeiten der Wahrnehmung der einzelnen Figuren. Der Zugang der Interpreten zur Kurzprosa wie auch zu den Romanfragmenten hängt nicht zuletzt von der Einschätzung ab, wie sehr der Blick der darin vorkommenden Protagonisten durch ihre Standortgebundenheit getrübt ist, welchen Teil ihrer Umgebung sie erfassen können und welchen nicht. Schließlich erhält der Leser seine Informationen oft durch einen personalen Erzähler und bleibt ebenfalls durch die Perspektivität der Hauptfiguren limitiert.

In der Forschung ist dieses Thema mit verschiedenen Schwerpunkten untersucht worden. Erste Forschungen dazu stellte Friedrich Beißner an, der mit der ״Einsinnigkeit“ einen über Kafka hinaus anwendbaren Begriff für die perspektivische Beschränkung des Erzählens etablierte.1 Sich von der alleinigen Betrachtung der Erzählsituation lösend, untersuchte Jörgen Kobs die Sprache in Kafkas Werken und welche Rückschlüsse diese auf das Bewusstsein und die Wahrnehmung der darin vorkonmienden Gestalten zulässt.2 Die Ergebnisse dieser Monographie nahm Margret Walter-Schneider zum Anlass, das Problem der Standortgebundenheit der Figuren als ein zentrales Thema der Literatur Kafkas zu deuten.3 Schließlich stellte Constanze Busse bei ihrer Analyse von ״Das Schloss“ fest, dass sich bezüglich dieses Romanfragments ein literaturwissenschaftlicher Perspektivenbegriff anbietet, der im Gegensatz zur ״Einsinnigkeit“ nicht nur formale, sondern auch inhaltliche Aspekte berücksichtigt.4 Allerdings eröffnete diese Dissertation auch die bislang unbeantwortete Frage, ob ihre Erkenntnisse auch auf andere Texte Kafkas übertragbar seien.5

Einen Beitrag zu der Beantwortung eben dieser Frage zu leisten, ist Anliegen der vorliegenden Untersuchung: Ihr Ziel ist es, zu prüfen, inwiefern die Perspektivität der Figuren Kafkas ihnen noch die Möglichkeit lässt, sichere Aussagen zu treffen oder wie zweifelhaft doch ihr gesamtes Weltwissen ist. Zu diesem Zweck bietet sich die Analyse zweier Texte an, nämlich der kurzen Erzählung ״Auf der Galerie“ und des Kapitels ״Im Dom“ aus dem Romanfragment ״Der Prozess“, weil diese die Standortgebundenheit und die Wahmehmungsgrenzen ihrer Protagonisten in hohem Maße und auf unterschiedliche Weisen zum Gegenstand haben. Ein weiterer Vorteil dieser Auswahl ist, dass sie sowohl Kafkas Kurzprosa als auch eines der Romanfragmente und damit ein differenzierteres Spektrum seines Gesamtwerks berücksichtigt. Es ist nicht die Absicht der vorliegenden Abhandlung, die Vielzahl der bestehenden Deutungen der behandelten Texte pauschal zu verwerfen, vielmehr soll eine ihrer strukturellen Grundlagen beleuchtet werden, die andere Interpretationen stützen oder auch widerlegen kann.

2, Kafkas Figuren zwischen Wahrnehmung und Wahrheit

Wie der Titel der Arbeit, ״Zwischen Wahrnehmung und Wahrheit“, bereits vermuten lässt, wird in ihr ein Thema berührt, bei dem zunächst einige Begrifflichkeiten geklärt werden müssen: Da es es sich bei Kafkas Kurzgeschichten und Romanfragmenten um fiktive Texte handelt, ist es notwendig darzulegen, was mit den im Folgenden auftretenden Begriffen ״Wahrheit“ oder ״Realität“ überhaupt gemeint sein soll. Selbstverständlich bezeichnen diese im Rahmen der vorliegenden Untersuchung keine außerliterarischen Abstrakta, sondern Gegebenheiten innerhalb der fiktiven Entität der Geschichte. Die Frage, ob die Figuren Kafkas die Wahrheit wahmehmen können, bedeutet also nichts anderes, als dass sie die Umwelt, in der sie sich bewegen, so wie sie tatsächlich ist, erfassen können. Mit ״Wahrnehmung“ hingegen ist die Art und Weise gemeint, in der sie, nicht nur visuell oder akustisch, sondern auch kognitiv ihre Umgebung erfassen.

Die Gemeinsamkeit der beiden zu untersuchenden Texte liegt, wie im Folgenden gezeigt wird, gerade in der Diskrepanz der Wahrnehmung der Protagonisten und der sie umgebenden fiktiven Realität. Da sie ansonsten sehr verschieden sind, bietet es an, statt an dieser Stelle, zu Beginn der jeweiligen Analyse die darin angewandte Vorgehensweise zu erläutern.

Eine weitere Parallele beider Werke, die vor der Analyse auch nicht unerwähnt bleiben sollte, ist, dass sie Kafkas mittlerer Werkphase entstanmien. Die Arbeit an dem fragmentarisch gebliebenen und erst posthum veröffentlichten Roman ״Der Prozess“ fallt hauptsächlich in die zweite Hälfte des Jahres 1914; ״Auf der Galerie“ entstand vermutlich um die Jahreswende 1916/1917.6 Dass die beiden Texte, die Gegenstand dieser Untersuchung sind, in derselben Werkphase entstanden sind, ist nicht zuletzt deswegen wichtig, weil dies ein Grund ist, die Erkenntnisse der Arbeit nicht ohne Weiteres auf sein Früh- oder Spätwerk zu beziehen.

2,1 Auf der Galerie

Ein wiederkehrendes Thema in Kafkas Gesamtwerk ist das Schicksal verschiedener Künstlergestalten. Nicht selten spielt sich dieses in der Manege eines Zirkusses ab, so zum Beispiel das des Affen Rotpeter in ״Ein Bericht für die Akademie“ oder das des Trapezkünstlers in ״Erstes Leid“. Auch ״Auf der Galerie“7 spielt in diesem Milieu, unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt von den anderen genannten Beispielen: Wie im Folgenden noch gezeigt wird, findet die Erzählung aus der Sicht eines Galeriebesuchers statt und nicht aus der eines Akteurs in der Manege selbst. Um zu verstehen, in welchem Verhältnis die Wahrnehmung der Perspektivfigur zur Wahrheit steht, bietet es sich zunächst an, die Struktur des Textes zu ermitteln, um dann, von dieser ausgehend, den Nachweis zu erbringen, dass die Erzählung tatsächlich aus der Sicht des Galeriebesuchers stattfindet. Anschließend wird anhand formaler und inhaltlicher Merkmale der Versuch unternommen, den Wahrheitsgehalt seiner Eindrücke zu prüfen, bevor letztlich ein erstes Zwischenergebnis formuliert werden kann.

Die gesamte Erzählung besteht aus zwei langen antithetischen Sätzen: Der erste ist eine irreale Konditionalkonstruktion, dessen Bedingungsteil eine hypothetische Situation beschreibt, in der sich das unerträgliche Dasein einer kranken, unter ihrem Beruf leidenden Kunstreiterin endlos fortsetzt. Im Folgeteil steht, dass, wenn diese Bedingung real wäre, ein Galeriebesucher ״vielleicht“ (S. 35) versuchte, diesen Vorgang zu beenden, indem er in die Manege liefe und ״Halt“ riefe. Der zweite Satz, der diesem gegenüberstellt, bestellt aus einem indikativischen Kausalsatz, in dem das tatsächlich schöne und leidlose Schicksal der Reiterin als Grund dafür angegeben wird, dass der Galeriebesucher - ohne es zu wissen - weint.

Diese Struktur legt es nahe, dass die Person, aus deren Perspektive die Geschichte geschrieben ist, der Galeriebesucher ist, denn obwohl die Ausführungen über die Kunstreiterin in beiden Sätzen den größten Raum einnehmen, sind diese nur in Nebensätzen aneinandergereihte Voraussetzungen für die abschließend in Hauptsätzen formulierten Handlungen des Zuschauers.8 Auch der Titel der Erzählung spricht dafür, dass es sich bei den Ausführungen um seine Eindrücke handelt, denn er lautet ״Auf der Galerie“ und nicht etwa ״In der Manege“.9 Schließlich wird der Eindruck, dass es sich um die Wahrnehmung dieser Person handelt, auch noch dadurch verstärkt, dass sie, als sie weint, ihr Gesicht auf die Brüstung legt - also das Körperteil, mit dem all die zuvor beschriebenen Wahrnehmungen gemacht wurden.10

Nachdem nun die Erzählperspektive geklärt ist, stellt sich die Frage, welche der in den beiden Teilen der Geschichte vorgeschlagenen Versionen der Wahrheit entspricht und ob dies überhaupt eine tut. Zwar sprechen formale Merkmale dafür, dass der zweite Satz diese darstellt, aber die merkwürdige Kausalität des unbewussten Weinens wegen einer eigentlich glücklichen Situation nötigt dazu, dies genauer zu prüfen. Ungeachtet der Interpretationen, die Vorschlägen, es solle umgekehrt der erste Teil als die Wahrheit verstanden werden11, wird hier im Folgenden untersucht, ob überhaupt einer der Teile die Realität der Geschichte darstellt, um dann darauf aufbauend das Verhältnis der Wahrnehmung des Galeriebesuchers zur Wahrheit zu analysieren.Der zweite Teil ist es, der sich auf formaler Ebene, nämlich aufgrund des vorherrschenden Modus des Indikativ, zunächst als die reale Version der Geschichte anbietet. Der Inhalt widerspricht dieser Annahme jedoch in mehrfacher Hinsicht: So stellt die Beschreibung der darin vorkonmienden Figuren eine Umkehrung normaler Verhältnisse dar: Der Direktor, der eigentlich an der Spitze der Zirkushierarchie steht, erwartet ״hingebungsvoll“

[...]


1 BEISSNER, Friedrich: Der Erzähler Franz Kafka: ein Vortrag. Stuttgart 1961.

2 Kobs, Jörgen: Kafka. Untersuchungen zu Sprache und Bewusstsein seiner Gestalten. Bad Homburg V. d. H. 1970.

3 Walier-Schneider, Margret: Denken als Verdacht. Untersuchungen zum Problem der Wahrnehmung im Werk Franz Kafkas. Zürich [u.a.] 1980.

4 Busse, Constanze: Kafkas deutendes Erzählen. Perspektive und Erzählvorgang in Franz Kafkas Roman ״Das Schloss“. Münster [u.a.] 2001.

5 Ebd.: s. 257.

6 Dietz, Ludwig: Franz Kafka. 2. Aufl. Stuttgart 1990, s. 71-99.

7 Kafka, Franz: Auf der Galerie. In: ders.: Historisch-kritische Ausgabe (Ein Landarzt). Hg. von Roland Reuss. Frankfort а. м. [и. а.] 2006, s. 34-38. Im Folgenden werden nur noch die Seitenzahlen der jeweiligen Textstelle in Klammem hinter dem Zitat angegeben.

8 die Dies wird deutlicher, wenn man die Sätze kürzt: ״Wenn irgendeine Kunsreiterin [...] getrieben würde, [...] vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe [...] hinab“ (S. 34ff.); ״Da [...] eine schöne Dame [...] ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will [...], legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und [...] weint [...] ohne es zu wissen.“ (S. 36ff.).

9 Kobs: Untersuchungen, s. 79.

10 Ebd.: s. 96.

11 Binder, Harmut: Motiv und Gestaltung bei Franz Kafka. Bonn 1966, s. 193; Mast, Günter: Ein Beispiel moderner Erzählkunst in Mißdeutung und Erhellung. In: Göttinger Blätter für Kultur und Erziehung 2 (1962), s. 245; Richter, Helmut: Franz Kafka. Werk und Entwurf. Berlin 1962, s. 136f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Eine Untersuchung über die Perspektivität bei Kafkas Figuren und deren Möglichkeit, sicheres Wissen über ihre Welt zu erwerben
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Seminar: Franz Kafka
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V431622
ISBN (eBook)
9783668748507
ISBN (Buch)
9783668748514
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Perspektive, Perspektivität, Figuren, Auf der Galerie, Im Dom, Der Proceß, Der Prozess, Standortgebundenheit, Einsinnigkeit, subjektiv, objektiv, Blickwinkel, Standpunkt
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Eine Untersuchung über die Perspektivität bei Kafkas Figuren und deren Möglichkeit, sicheres Wissen über ihre Welt zu erwerben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431622

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