"Daphnis und Chloe" des Dichters Longos. Abweichungen zum traditionellen Motivkatalog antiker griechischer Romane


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einführung
1.2 Forschungsstand
1.3 Methodik und Zielstellung

2 Hauptteil
2.1 Motivkatalog der fünf erhaltenen griechischen Roman
2.2 Motive im Roman des Longos
Das Proömium – eine Bildbeschreibung
Die Liebe auf den ersten Blick
Vergleich der Liebe mit einer Krankheit
Die unerhörte Schönheit der Protagonisten
Die Abenteuer – Entführung, Krieg und Schiffbruch
Andere Bewerber
Die unwandelbare, ewige Liebe und Treue
Das Happy-End – Wiedererkennung, Hochzeit und Vereinigung

3 Schluss
3.1 Zusammenfassung

4 Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Textausgaben und Übersetzungen:
4.2 Literatur

1 Einleitung

1.1 Einführung

Daphnis und Chloe - fast jeder kennt die Namen, doch selten bekannt ist der antike bukolische Liebesroman des griechischen Dichters Longos. Zu Grunde liegt ihm ein echt alexandrinisch-bukolisches Idyll von einem Hirten und einer Hirtin, die im Frieden der Natur, fern von der Üppigkeit der Städte, das allmähliche Erwachen der Liebesleidenschaft erleben.[1]

Erhalten sind uns fünf griechische idealisierende Romane: Kallirhoȅ des Chariton, Ephesiaka des Xenophon von Ephesos, Aithiopika des Heliodor, Leukippe und Kleitophon des Achilleus Tatios und Daphnis und Chloȅ des Longos.

Bei allen Unterschieden weisen die uns erhaltenen griechischen Abenteuer- und Liebesromane (Longos' "Daphnis und Chloe" erst einmal ausgenommen) doch ein gemeinsames Handlungsschema auf: "[...] a handsome youth and a beautiful girl meet by chance and fall in love, but unexpected obstacles obstruct their union; they are separated, and each is launched on a series of journeys and dangerous adventures; through all their tribulations, however, they remain faithful to each other and to the benevolent deities who at critical junctures guide their steps; and eventually they are reunited and live happily ever after."[2]

Dieses Schema wird von den einzelnen Autoren variiert. Im Werk des Chariton haben sich die Romanmotive zu einem Katalog formiert, der sich in der weiteren Entwicklung der Gattung stabilisierte: Liebe, Trennung, Scheintod, Überfall durch Räuber oder Piraten, gefährliche Reisen, Seesturm, Abenteuer, Wiederfinden und Happy-End. Nach Heinrich Kuch bildete ein solcher Grundbestand den poetischen Makrokosmos der Romandichtung mit Abenteuer- und Liebesthematik.[3]

Ein gemeinsames zentrales Strukturelement (Motiv), nämlich das der unwandelbaren ewigen Liebe und Treue, liegt allen fünf griechischen Romanen zu Grunde.[4]

Die Liebe und deren Entwicklung als zentrales Thema nimmt neben der Religion bei Longos den größten Raum der Erzählung ein. "Aber in der Gestaltung der einzelnen Elemente, in den Mikrokosmen des Romans, tat sich ein weites Feld auf für Experimente, Veränderungen und Überraschungen."[5]

Dieser Roman des Longos ist nicht nur schematisch, sondern bedeutend mehr als das und daher wert, genaueren Betrachtungen unterzogen zu werden.

Daphnis und Chloe, die von ihren (verschiedenen) Eltern nach der Geburt ausgesetzt und von einer Ziege bzw. einem Schaf gesäugt worden sind, werden zu Beginn der Handlung von den jeweiligen Hirten gefunden und in deren Familien aufgezogen. Beim gemeinsamen Hüten der Ziegen und Schafe erwacht die Liebe der beiden zueinander, gleichzeitig beginnen aber auch die unvermeidlichen Schwierigkeiten zweier ahnungsloser Kinder.[6]

1.2 Forschungsstand

Für die vorliegende Betrachtung ist vor allem der Aufsatz von Isolde Stark aus dem Werk "Der Antike Roman. Untersuchungen zur literarischen Kommunikation und Gattungsgeschichte" von Heinrich Kuch grundlegend. Sie untersucht die Strukturen des griechischen Abenteuer- und Liebesromans der fünf vollständig erhaltenen Werke. Ihre Analysen gehen aus von den Motiven als den zentralen strukturbildenden Elementen. Anschließend untersucht sie das Raum-Zeit-Gefüge und die Handlungsführung sowie die epischen Mittel und Möglichkeiten der Erzählperspektive.

In "Der Neue Pauly- Enzyklopädie der Antike" eröffnet der von M. Fusillo verfasste und durch Theodor Heinze übersetzte Artikel präzise die wenigen Informationen zu Autor und Werk. Der Artikel bietet nach einer Datierung des Autors eine Inhaltsangabe sowie einen kurzen Überblick über das Schema und die Motivgestaltung des Werkes. Longos kombiniert den Liebesroman mit der Tradition der bukolischen Dichtung, dessen Vorbild Theokritos ist.[7] Nach Fusillo dreht sich der ganze Roman darum, wie sich die beiden Protagonisten allmählich des Eros bewusst werden und wie sich beider sexuelle Identität nach und nach entwickelt. Die Abenteuer sind beinahe gänzlich bzw. auf kurze Anspielungen und miniaturisierte Episoden reduziert. Zudem hat Longos das Hauptmotiv der Reise von einer äußeren zu einer inneren und von einer räumlichen zu einer zeitlichen umgestaltet.[8]

Der deutschen Übersetzung um 1960 von Otto Schönberger ist eine ausführliche Einführung vorangestellt. Er widmet sich dem Autor und seiner Zeit sowie inhaltlichen Aspekten. Nach Passagen über Komposition, Stil und Darstellung, äußert er sich zum Nachleben, zur Überlieferung und gibt eine Übersicht zu Ausgaben und Übersetzungen.

In seiner Einführung zum antiken Roman widmet N. Holzberg dem Werk des Longos einige Betrachtungen. Nach kurzer Diskussion über das Zeitverhältnis der Entstehung der Werke "Daphnis und Chloe" des Longos und "Leukippe und Kleitophon" des Achilleus Tatios skizziert Holzberg knapp die Handlung und die von Longos verwendeten Motive. Zudem beschäftigt sich Holzberg mit dem bukolischen Hintergrund des Werkes und stellt dazu einige Forschungsansätze vor.

Der Aufsatz "Funktionswandlungen des antiken Romans" von Heinrich Kuch beschäftigt sich mit den verschiedenen Romanausprägungen. Der utopische Reiseroman, der Abenteuer- und Liebesroman und weitere Romanausprägungen werden abgehandelt und diskutiert. Kuch setzt sich dabei mit Aufbau, Erzählebene, Motiven und mit der Funktion des Romans auseinander.

In der Dissertation "Der Roman des Longos als Werk der Kunst" von Dörte Teske wird nach einer Einleitung zur Romanforschung und zu Longos speziell das Miteinander von physis (Natur) und techne (Kunst/Liebeskunst), die einen Schlüssel zum Verständnis des Romans liefern, dargestellt. Im Mittelpunkt steht der Gedanke einer notwendigen Ergänzung der physis durch die techne sowohl im ästhetischen Bereich als auch im Zusammenhang mit der erotischen Entwicklung von Daphnis und Chloe.[9]

"Dass die Hirtengeschichte von Daphnis und Chloe unter den uns erhaltenen griechischen Romanen eine Sonderstellung innehat, ist stets bemerkt und richtig gewürdigt worden."[10], so leitet G. Rhode seinen Aufsatz "Longus und die Bukolik" ein. In seinem Werk beleuchtet er besonders den Stil des Longos und untersucht das Werk speziell auf die Verwendung von bukolischen Motiven, die er auf Autoren wie Theokrit aus der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts zurückführt.

In diesem Zusammenhang befasste sich auch B. Effe in seinem Werk "Zur Funktionsgeschichte der Bukolik in der römischen Kaiserzeit" mit Longos und der bukolischen Tradition. Bukolische Idealisierung des Landlebens einerseits und ein städtischer Hintergrund aus Ironie und Voyeurismus andererseits durchziehen nach Effe den ganzen Roman.[11]

Reinhold Merkelbach befasst sich in seinem Werk "Die Hirten des Dionysos" im zweiten Teil mit Longos' Werk. Im Roman werden die religiösen Lebensgewohnheiten (Dionysosmysten) der Kaiserzeit dargestellt.[12] Merkelbach versucht zu beweisen, dass der Roman des Longos mit den "Mysterien" des Dionysos zusammenhängt und Longos seinen Roman für Dionysos-Mysten geschrieben hat.

Neben den genannten Monographien existieren etliche Aufsätze, die Longos und sein Werk wissenschaftlicher Betrachtung und Diskussion unterzogen. Die Forschungsergebnisse, die sich nicht explizit auf die vorliegende Betrachtung beziehen, seien hier außen vor gelassen.

1.3 Methodik und Zielstellung

Diese Arbeit widmet sich dem "traditionellen Motivkatalog" der noch fünf erhaltenen antiken griechischen Romane. Nachdem zuvor der Stand der Forschung skizziert wurde, wird im ersten Schritt auf Grundlage von Isolde Starks Aufsatz "Strukturen des griechischen Abenteuer- und Liebesromans" ein Motivkatalog vorgestellt und erörtert. Den Hauptteil bildet die Untersuchung der Motive im Roman "Daphnis und Chloe" des Dichters Longos. Die einzelnen Motive werden elaboriert und analysiert. Ziel der Arbeit ist es, mögliche Abweichungen zum traditionellen Motivkatalog antiker griechischer Romane bei Longos aufzuzeigen. Als Vergleich soll überwiegend der ebenfalls antike griechische Roman "Leukippe und Kleitophon" des Achilleus Tatios dienen.

2 Hauptteil

2.1 Motivkatalog der fünf erhaltenen griechischen Roman

Sucht man nun die Elemente zu bestimmen, die in den griechischen Romanen zyklisch wiederkehren, ist zunächst die enge Beziehung zur klassischen Tragödie, speziell zu Euripides, und zur Neuen Komödie zu nennen. Ein großer Teil der folgenden Motive entstammt schließlich der literarischen Tradition dieser beiden Gattungen.[13] Von den Romanautoren wurden sie "als konventionalisierte literarische Strukturelemente [...] auf eine äußerliche Funktion reduziert und als Versatzstücke benutzt."[14] Nach Isolde Stark resultiert daraus eine Ursache für die potentielle Austauschbarkeit der Motive innerhalb des jeweiligen Romans und unter den einzelnen Romanen sowie die potentielle quantitative Veränderung der Motivketten.

Trotz der Unterschiede und Austauschbarkeit weisen alle fünf Romane ein gemeinsames zentrales Strukturelement auf, das Motiv "der unwandelbaren, ewigen Liebe und Treue".[15] Die beiden Helden sind durch einen Schwur in tiefster Liebe und Treue, die als das wichtigste, Leben und Schicksal bestimmende Erlebnis gilt, miteinander verbunden. Um sich als "unwandelbar" zu erweisen, muss sich ihre Liebe und Treue immer wieder jeglichen Prüfungen unterziehen. Die Prüfungen sind Abenteuer, die einen ständigen Wechsel von Schauplatz, Zeit und Personen mit sich bringen. Nicht selten wird das Mädchen entführt und muss sich in Gefangenschaft und Sklaverei den Verführungen und Drohungen anderer Bewerber aussetzen. "Unter solchen verstehen die Autoren des griechischen Abenteuer- und Liebesromans die äußere Gefährdung ihrer Helden - oft gepaart mit existentieller Bedrohung -, nicht etwa die Gefährdung des Gefühls [...]."[16]

Das Hauptmotiv, die Liebe, wird in den Romanen des Chariton, des Achilleus Tatios (teilweise), des Xenophon von Ephesos und des Heliodor eingeleitet mit dem Motiv "der Liebe auf den ersten Blick". Sie bricht so urplötzlich und urgewaltig[17] über das Mädchen und den Jüngling herein, dass von da an beide unsägliche Liebesqualen erleiden.

In diesem Zusammenhang begegnet uns in allen fünf Romanen der Vergleich der Liebe mit einer Krankheit bzw. Verwundung. Bereits aus der Philosophie bekannt und zum Topos geworden,[18] gibt es nur ein Heilmittel für die Liebenden, die Liebesvereinigung. Der so genannte Liebesakt bleibt aber - sofern das Paar nicht gleich am Anfang ehelich verbunden wird - bis zur Eheschließung am Ende des Romans aufgespart.

Ein weiteres zentrales Element, welches von den Romanautoren oft appliziert wird, ist das Motiv der "unerhörten, ja göttergleichen Schönheit"[19] der Helden. Der bloße Anblick beider Protagonisten löst heftigste Liebe und Leidenschaft aus, nicht nur untereinander, sondern auch bei anderen Bewerbern. Diese Bewerber sind omnipräsent und bilden ein weiteres Motiv in allen fünf Romanen. Gäbe es keine anderen Rivalen, die die Gunst bzw. die Liebe der Helden ersuchen, müssten die Liebenden ihre Treue nicht unter Beweis stellen. Mehrfach befinden sich die Bewerber in grundsätzlich überlegenen Positionen, die das Recht über Leben und Tod der bzw. des Geliebten mit einschließen.[20] In Folge dessen tritt auch das Motiv der potentiellen Rache des enttäuschten Liebhabers bzw. Liebhaberin auf. Wurde die Gunst der bzw. des Geliebten nicht gewonnen, können daraus Schicksale wie Sklaverei, Scheintod und Gefangenschaft resultieren. Zudem finden sich Formen von Misshandlungen, Kerker, Folterungen und (missglückter) Hinrichtung in den Romanen.

Bei Chariton, Xenophon von Ephesos, Heliodor und bei Achilleus Tatios lässt sich sogar das Motiv der fehlgeschlagenen Hinrichtung belegen. An dieser Stelle greifen sogar Götter in das Geschehen ein.

Charakteristisch für die Romane ist ebenso das Motiv der totgeglaubten Geliebten. Hier wird oftmals der Selbstmordversuch des vermeintlichen Hinterbliebenen eingearbeitet, der aber durch den letzten Einsatz eines treuen Freundes verhindert wird.

Ein weiteres elementares Motiv sind die Kriegsereignisse. In allen fünf Romanen werden die Helden in verschiedene Ereignisse kriegerischer Art involviert. Oftmals geraten die Protagonisten zwischen die Fronten zweier Opponenten und werden daraus resultierend in gefährliche Situationen verwickelt.

Ebenfalls häufig (Ausnahme bilden Chariton und Heliodor) wird das Schiffbruchmotiv und in diesem Zusammenhang die "Reiseabenteuer" in die Romane eingebunden. Durch einen Seesturm werden die Helden gemeinsam oder einzeln in fremde Gegenden verschleppt. Dort lauern häufig Räuber, die die Liebenden in Gefahr bringen. Bereits in der Odyssee waren die Reisen und Abenteuer eines von seiner Gattin getrennten Mannes, die beiderseitige Treue und die glückliche Vereinigung, Grundmotive des Werkes.[21]

Nachdem all diese Abenteuer und Reisen abgehandelt sind, finden sich die Liebenden am Ende zur Freude ihres Glückes zusammen. "Der meist glänzend ausgestattete Schluß wird gewöhnlich herbeigeführt durch Kriegstaten des Helden oder durch die Mittel der Wiedererkennung, die in der jüngeren attischen Komödie typisch sind."[22]

2.2 Motive im Roman des Longos

Nachdem zuvor die Motive, die in aller Regelmäßigkeit in den fünf griechischen Romanen wiederkehren, skizziert wurden, werden folgend die motivischen Elemente bestimmt und analysiert, die im Roman "Daphnis und Chloe" des Longos auftreten. Zusätzlich wird überprüft, ob sich bei Longos im Vergleich zu den anderen vier Romanen Abweichungen und Auffälligkeiten hinsichtlich der Motivverwendung nachweisen lassen.

Das Proömium – eine Bildbeschreibung

Den Ausgangspunkt der Handlung bildet bei Longos eine Bildbeschreibung. In sophistischen Literaturerzeugnissen sind Bildbeschreibungen als Einleitung größerer Abschnitte oder ganzer Bücher ein beliebtes Mittel.[23]

Während einer Jagd in einem Nymphenhain bei Mytilene auf Lesbos erblickt der Erzähler ein Gemälde [Proö.1-2]:

Έv Λέσβῳ ϑηςῶν ὲν ἄλσει Νυμφῶν ϑέαμα εἶδον κάλλιστον ὧν εἶδον, εἰκόνος γραφήν, ἱστορίαν ἔρωτος. καλὸν μὲν καὶ τὸ ἄλσος, πολύδενδρον, ἀνθηρόν, κατάρρυτον μία πηγὴ πάντα ἔτρεφε, καὶ τὰ ἄνθη καὶ τὰ δένδρα ἀλλ̓ ἡ γραφὴ τερπνοτέρα, καὶ τέχνην ἔχουσα περιττὴν καὶ τύχην ἐρωτικήν, ὥστε πολλοὶ καὶ τῶν ξένων κατὰ φήμην ᾔεσαν, τῶν μὲν Νυμφῶν ἱκέται, τῆς δὲ εἰκόνος θεαταί. γυναῖκες ἐπ̓ αὐτῆς τίκτουσαι καὶ ἄλλαι σπαργάνοις κοσμοῦσαι, παιδία ἐκκείμενα, ποίμνια τρέφοντα, ποιμένες ἀναιρούμενοι, νέοι συντιθέμενοι, λῃστῶν καταδρομή, πολεμίων ἐμβολή, πολλὰ ἄλλα καὶ πάντα ἐρωτικὰ ἰδόντα με καὶ θαυμάσαντα πόθος ἔσχεν ἀντιγράψαι τῇ γραφῇ, [...][24]

Der Erzähler findet an dem Gemälde so sehr gefallen, dass in ihm das Verlangen geweckt wird, mit dem Maler zu wetteifern, indem er seine Eindrücke in Worte zu verfassen sucht.

In den darauf folgenden Zeilen beschreibt Longos sein Werk und die Idee, die die Grundlage für seine Geschichte bildet. Sein Werk ist den Göttern gewidmet und soll den Menschen Heil bringen [Proö.3-4]:

καὶ ἀναζητησάμενος ἐξηγητὴν τῆς εἰκόνος τέτταρας βίβλους ἐξεπονησάμην, ἀνάθημα μὲν Ἔρωτι καὶ Νύμφαις καὶ Πανί, κτῆμα δὲ τερπνὸν πᾶσιν ἀνθρώποις, ὃ καὶ νοσοῦντα ἰάσεται καὶ λυπούμενον παραμυθήσεται, τὸν ἐρασθέντα ἀναμνήσει, τὸν οὐκ ἐρασθέντα προπαιδεύσει. πάντως γὰρ οὐδεὶς Ἔρωτα ἔφυγεν ἢ φεύξεται μέχρις ἂν κάλλος ᾖ καὶ ὀφθαλμοὶ βλέπωσιν. ἡμῖν δὲ̓ ὁ θεὸς παράσχοι σωφρονοῦσι τὰ τῶν ἄλλων γράφειν.

Die Bildbeschreibung als Motiv zur Einleitung bildet bei Longos im Vergleich zu den anderen griechischen Romanautoren keine Ausnahme. Auch bei Achilleus Tatios findet sich ebenfalls am Anfang eine Bildbeschreibung. Beide Romananfänge weisen eine Ekphrasis auf.

Der Roman beginnt mit der Beschreibung der Stadt Sidon, insbesondere des Hafens. Mit der Begründung der Anwesenheit in Sidon, einem Sturm auf See, wird auch hier ein Gemälde, das die Entführung der Europa darstellt, beschrieben [1,1-13]:

Σιδὼν ἐπὶ θαλάσσῃ πόλις· Ἀσσυρίων ἡ θάλασσα· μήτηρ Φοινίκων ἡ πόλις· Θηβαίων ὁ δῆμοςπατήρ. δίδυμος λιμὴν ἐν κόλπῳ πλατύς, ἠρέμακλείων τὸ πέλαγος. ῇ γὰρ ὁ κόλπος κατὰ πλευρὰν ἐπὶ δεξιὰ κοιλαίνεται, στόμα δεύτερον ὀρώρυκται, καὶ τὸ ὕδωρ αὖθις εἰσρεῖ, καὶ γίνεται τοῦ λιμένος ἄλλος λιμήν, ὡς χειμάζειν μὲν ταύτῃ τὰς ὁλκάδας ἐν γαλήνῃ, θερίζειν δὲ τοῦ λιμένος εἰς τὸ προκόλπιον. Ἐνταῦθα ἥκων ἐκ πολλοῦ χειμῶνος, σῶστρα ἔθυον ἐμαυτοῦ τῇ τῶν Φοινίκων· καλοῦσιν αὐτὴν Ἀστάρτην οἱ Σιδώνιοι.

Περιιὼν οὖν καὶ τὴν ἄλλην πόλιν καὶ περισκοπῶν τὰ ἀναθήματα, ὁρῶ γραφὴν ἀνακειμένην γῆς ἅμα καὶ θαλάσσης. Εὐρώπης ἡ γραφή· Φοινίκων ἡ θάλασσα· Σιδῶνος ἡ γῆ. Ἐν τῇ γῇ λειμὼν καὶ χορὸς παρθένων. Ἐν τῇ θαλάσσῃ ταῦρος ἐπενήχετο, καὶ τοῖς νώτοις καλὴ παρθένος ἐπεκάθητο, ἐπὶ Κρήτην τῷ ταύρῳ πλέουσα. Ἐκόμα πολλοῖς ἄνθεσιν ὁ λειμών· δένδρων αὐτοῖς ἀνεμέμικτο φάλαγξ καὶ φυτῶν· συνεχῆ τὰ δένδρα· συνηρεφῆ τὰ πέταλα· [...]

Ἔρως, μικρὸν παιδίον, ἡπλώκειτὸ πτερόν, ἤρτητο φαρέτραν, ἐκράτει τὸ πῦρ· μεπέστραπτο δὲ ὡς ἐπὶ τὸν Δία καὶ ὑπεμειδία, ὥσπερ αὐτοῦ καταγελῶν, ὅτι διʼ αὐτὸν γέγονε βοῦς.[25]

Kleitophon, der Ich- Erzähler, wird durch eine Bemerkung über die Macht des Eros an eine Liebesgeschichte erinnert, und veranlasst diese zu erzählen.

Eine solche Bildbeschreibung und Einführung in das Werk lässt sich aus unserem Repertoire der antiken griechischen Romane nur bei Achilleus Tatios und Longos nachweisen.

Die Liebe auf den ersten Blick

"Wenn in den historischen, mythologischen und didaktischen Romanen die Erotik nur episodenhaft auftritt, so hat sich dann [...] ein Abenteuerroman entwickelt, der ganz auf dem Liebesverhältnis eines jungen, früh getrennten und nach vielen seltsamen Erlebnissen endlich wieder vereinigten Paares beruht."[26]

"πάντως γὰρ οὐδεὶς ἔρωτα ἔφυγεν ἢ φεύξεται, μέχρις ἂν κάλλος ᾖ καὶ ὀφθαλμοὶ βλέπωσιν."[27] - Mit diesen Worten teilt uns Longos das Thema seines Werkes mit, die Liebe "ἔρωτα" als zentrales Motiv.

In Anbetracht unseres griechischen Romanbestandes wird das Hauptmotiv der Liebe in vier Romanen mit dem Motiv "der Liebe auf den ersten Blick" eingeleitet. Sowohl bei Chariton, bei Xenophon von Ephesos, als auch bei Heliodor (bei Achilleus Tatios nur der Jüngling) verlieben sich ein Mädchen und ein Jüngling ganz plötzlich und widerstandslos in einander. Von diesem Moment an gehen Trennung, Gefahren und Abenteuer einher. Nach Wolfgang Kayser beginnt die Handlung mit der ersten Begegnung (die Liebe auf den ersten Blick). Er geht sogar soweit und reduziert die Handlung auf drei Phasen. Die Begegnung - dann kommt es zur Trennung und schließlich zur Vereinigung.[28]

Einen Großteil des Romans verwendet Longos in der Beschreibung der Liebesbeziehung, während bei Chariton, Xenophon von Ephesos und Heliodor die Abenteuer der Liebenden im Vordergrund stehen. Das Motiv der heranwachsenden Liebe tritt folglich bei Longos an die Stelle der typischen "Liebe auf den ersten Blick". Nur noch bei Achilleus Tatios findet sich ein entfernt vergleichbarer Ansatz. Wie Longos ersetzte Achilleus Tatios "die Liebe auf den ersten Blick" durch eine allmähliche Entwicklung der sexuellen Beziehung seines Liebespaares.[29] Während anfangs nur Kleitophon durch die Liebe auf den ersten Blick erfasst wird, braucht Leukippe einige Annäherungsversuche und Überredungen seinerseits, um ihn schließlich nachts in ihrem Schlafgemach zu erwarten. Dazwischen liegen aber mehrere Beschreibungen der Leiden und Annäherungsversuche Kleitophons sowie Beratungen mit seinem Freund und dem Sklaven Satyros.

Hinsichtlich dieses Motivs, "der Liebe auf den ersten Blick", ist Longos der Repräsentant der Modifizierung unter den fünf griechischen Romanautoren. Er differierte die Handlung insofern, dass seine Protagonisten als Findelkinder zusammen aufwachsen, sich im Laufe der Zeit ineinander verlieben und die Künste des Eros allmählich erlernen.

Daphnis, viertes Kind eines reichen Herrn aus Mytilene ausgesetzt worden, weil die Zersplitterung des Vermögens vermieden werden sollte, wird von einer Ziege ernährt [1, 2]:

Ἐν τῷδε τῷ ἀγρῷ νέμων αἰπόλος, Λάμων τοὔνομα, παιδίον εὗρεν ὑπὸ αἰγὀς τρεφόμενον. [...] ϑαυμάσας, ὥσπερ εἰκὸς ἦν, πρόσεισιν ἐγγὺς καὶ εὑρίσκει παιδίον ἄρρεν μέγα καὶ καλὸν καὶ τῆς κατὰ τὴν ἔκθεσιν τύχης ἐν σπαργάνοις κρείττοσι·

Chloe ist von ihrem Vater, einem angesehenen Bürger der selben Stadt, als er völlig verarmt war, zwei Jahre nach Daphnis in einer Nymphengrotte ausgesetzt worden und von einem Schaf gesäugt worden [1,4-5]:

[...]


[1] Vgl. Eduard Schwartz, Fünf Vorträge über den griechischen Roman, 1943, S. 151.

[2] Bryan P. REARDON, The Form of Greek Romance, 1991, S. 5.

[3] Vgl. Heinrich, Kuch, Der Antike Roman, 1989, S. 71.

[4] Vgl. Isolde Stark, Strukturen des griechischen Abenteuer- und Liebesromans,1989, S. 83 f.

[5] Heinrich Kuch, Der Antike Roman, 1989, S.71.

[6] Vgl. Niklas Holzberg, Der antike Roman. 2006, S. 124.

[7] Vgl. Fusillo, 1997, Sp. 437.

[8] Vgl. Fusillo, 1997, Sp. 437.

[9] Vgl. Dörte Teske, Der Roman des Longos als Werk der Kunst, 1991.

[10] G. Rohde, Longus und die Bukolik. In: Beiträge zum griechischen Liebesroman, H. Gärtner (Hrsg.), 1984, S. 361.

[11] Vgl. Fusillo, 1997, Sp. 438.

[12] Vgl. Reinhold Merkelbach, Die Hirten des Dionysos. Die Dionysos-Mysterien der römischen Kaiserzeit und der bukolische Roman des Longus, 1988, S. 4.

[13] Vgl. Otto Schönberger, 1960, S.6-7.

[14] Isolde Stark, 1989, S. 87.

[15] Isolde Stark, 1989, S. 83.

[16] Isolde Stark, 1989, S. 83.

[17] Vgl. Isolde Stark, 1989, S. 83.

[18] Vgl. Isolde Stark, 1989, S. 83.

[19] Isolde Stark, 1989, S. 84.

[20] Vgl. Isolde Stark, 1989, S. 84.

[21] Vgl. Otto Schönberger, 1960, S. 4.

[22] Eduard Schwartz, Fünf Vorträge über den griechischen Roman, 1943, S. 152.

[23] Vgl. Otto Schönberger, 1960, S. 154.

[24] Der Text folgt der Ausgabe: Longus, Daphnis et Chloe. Ed. Michael D. Reeve, 3. Aufl., ed. corr., Stutgardiae et Lipsiae, Teubner 1994.

[25] Der Text folgt der Ausgabe: Achille Tatius D' Alexandrie. Le Roman de Leucippe et Clitophon, Garnaud, Jean-Philippe (Hrsg.), Paris 1995.

[26] Rudolf Helm, Der antike Roman, 1956, S. 32.

[27] Longus, Daphnis et Chloe. Ed. Michael D. Reeve, 3. Aufl., ed. corr., Stutgardiae et Lipsiae, Teubner 1994. S. 1.

[28] Vgl. Wolfgang Kayser, Das sprachliche Kunstwerk,1992, S.362.

[29] Vgl. Niklas Holzberg, Der antike Roman, 2006, S. 123.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Daphnis und Chloe" des Dichters Longos. Abweichungen zum traditionellen Motivkatalog antiker griechischer Romane
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Altertumswissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Griechisch
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V431658
ISBN (eBook)
9783668750456
ISBN (Buch)
9783668750463
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
griechischer Roman, Daphnis und Chloe, Motive, Motivkatalog, antiker Roman, Longos
Arbeit zitieren
Fanny Jasmund (Autor), 2012, "Daphnis und Chloe" des Dichters Longos. Abweichungen zum traditionellen Motivkatalog antiker griechischer Romane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431658

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