Immer wieder stehen Menschen vor Dilemmata, in denen sie zwischen zwei moralisch gleichwertigen Prinzipien abwägen müssen. Kann beispielsweise eine Mutter von siamesischen Zwillingen darüber entscheiden, ob das schwächere der Kinder stirbt, sodass das Geschwisterkind die Trennungsoperation überlebt? Hier müsste Menschenleben gegen Menschenleben abgewogen werden. Vor einer solchen gottgleichen Position möchte wohl kaum ein Mensch stehen. Dennoch kommt es im Leben immer wieder dazu, dass wir in derartige Dilemmata geraten und uns entscheiden müssen.
Auch in der (sonder-)pädagogischen Praxis treffen wir immer wieder auf Menschen, die moralische Konflikte führen oder moralische Entscheidungen treffen müssen, da verschiedene Werte und Normen aufeinander treffen und miteinander korrelieren. Dabei sehen sich die Betroffenen oft auch vor unausweichlichen Dilemmata. Bedeutend ist hier, wie die Betroffenen damit umgehen. Der Umgang ist abhängig von der individuellen moralischen Entwicklung des Einzelnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Moralentwicklung nach Durkheim und Piaget
2. Moralverständnis nach Kohlberg
2.1 Kohlbergs Definition von Moral – Das moralische Urteilen
2.2 Die Dilemma-Methode
2.3 Das Stufenmodell Kohlbergs
3. Kohlbergs Modell in der sonderpädagogischen Praxis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das moralische Urteilsvermögen auf Grundlage des Stufenmodells von Lawrence Kohlberg und analysiert dessen Anwendbarkeit innerhalb der sonderpädagogischen Praxis. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie moralische Dilemmata in pädagogischen Kontexten identifiziert, reflektiert und konstruktiv bearbeitet werden können.
- Grundlagen der Moralentwicklung nach Durkheim und Piaget
- Kohlbergs Stufenmodell des moralischen Urteilens
- Einsatz der Dilemma-Methode im pädagogischen Alltag
- Analyse sonderpädagogischer Fallbeispiele (z.B. Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma)
- Transfer der Theorie in die sonderpädagogische Beratung und Förderung
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Dilemma-Methode
Ist es moralisch richtig 164 Menschen zu töten, um dafür das Leben von 70.000 zu retten?
Diese Frage stellen sich die Protagonisten des Films „Terror – ihr Urteil“ unter Regie von Lars Kraume aus dem Jahre 2016. Die Verfilmung basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Thematisiert wird die Verhandlung des Kampfpilots Kochs, welcher ein Passagierflugzeug abschoss, das zuvor von einem Terroristen beschlagnahmt wurde, um in ein mit 70.000 Menschen besetztes Fußballstadion zu fliegen. Eigenmächtig entschied er sich dafür 164 Menschenleben gegen 70.000 Menschenleben abzuwägen und feuerte eine Rakete gegen das Passagierflugzeug, sodass dieses vom Kurs abkam und das Stadion nicht erreichte. Die Stadionbesucher waren in Sicherheit, doch keiner der 164 Menschen im Flugzeug überlebte den Absturz.
Dieses Beispiel beweist die Aktualität von Diskussionen über moralische Urteile und deren konfliktbehafteten Charakter. Eine „richtige“ Entscheidung kann es nicht geben. Der Film zeigt zwei mögliche Ausgänge. Einmal den Freispruch und einmal die Verurteilung. Beide Urteile werden auf moralischer und rechtlicher Ebene begründet. Das heißt, dass beide Antworten als die „richtigen“ ausgelegt werden können. Was sagt unsere Entscheidung aber über unser moralisches Urteilsvermögen aus? Entscheidend ist hierbei nicht nur die Antwort pro oder contra die Verurteilung, sondern vor allem die Argumentation seiner Entscheidung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Moralentwicklung nach Durkheim und Piaget: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Vorläufer von Kohlbergs Theorie und analysiert, wie Moral als System von Regeln und später als Ergebnis individueller kognitiver Reifung begriffen wurde.
2. Moralverständnis nach Kohlberg: Hier werden Kohlbergs Definition des moralischen Urteilens, seine spezifische Dilemma-Methode sowie die drei Hauptniveaus seines Stufenmodells theoretisch fundiert dargestellt.
3. Kohlbergs Modell in der sonderpädagogischen Praxis: Dieses Kapitel transferiert das theoretische Konzept in sonderpädagogische Handlungsfelder und diskutiert reale sowie hypothetische Dilemmata anhand von Fallbeispielen.
Schlüsselwörter
Moralentwicklung, Lawrence Kohlberg, moralisches Urteilen, Dilemma-Methode, Sonderpädagogik, Inklusion, Etikettierung, Normen, Werte, Moralstufen, Stufenmodell, Präkonventionelles Niveau, Konventionelles Niveau, Postkonventionelles Niveau, Ethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse moralischer Urteilsprozesse und der Übertragbarkeit der Moralentwicklungstheorie nach Lawrence Kohlberg auf den Berufsalltag in der Sonderpädagogik.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die moralische Entwicklung des Menschen, die Strukturierung von Moralurteilen, die Anwendung der Dilemma-Methode sowie ethische Konfliktbereiche innerhalb der Inklusionspädagogik.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, inwiefern das Konzept von Kohlberg auf die sonderpädagogische Praxis angewendet werden kann und welchen Nutzen es für die pädagogische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und deren Umfeld bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur sowie auf die Analyse hypothetischer und realer Dilemmasituationen, um die Anwendbarkeit des Stufenmodells zu demonstrieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Durkheim, Piaget, Kohlberg) erarbeitet und anschließend auf konkrete pädagogische Dilemmata, wie das Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma oder Betreuungsfragen, angewendet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der Moralentwicklung sind die Begriffe Inklusion, Dilemma-Methode, Stufenmodell sowie die Abwägung von Werten und Normen entscheidend.
Wie kann das Kohlberg-Modell in der Arbeit mit Geschwistern behinderter Kinder helfen?
Das Modell kann genutzt werden, um Geschwistern in Beratungsgesprächen hypothetische Dilemmata vorzulegen, die ihnen helfen, ihre eigenen Bedürfnisse zu reflektieren und einen konstruktiveren Umgang mit schwierigen Alltagssituationen zu finden.
Warum ist Kohlbergs Modell beim "Neugeborenen-Dilemma" nur bedingt anwendbar?
Da es sich beim Neugeborenen-Dilemma um ein reales, äußerst sensibles und existenzielles Dilemma handelt, zielt Kohlbergs Methode (die auf der Analyse hypothetischer Szenarien zur Förderung der Urteilsfähigkeit basiert) hier nicht auf eine Testung der Eltern, weshalb das Modell in diesem Fall als ungeeignet betrachtet wird.
- Arbeit zitieren
- Veronika Belz (Autor:in), 2018, Moralische Urteile in der sonderpädagogischen Praxis auf Grundlage des Moralverständnisses Kohlbergs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431665