Aversive Kindheitserfahrungen bei erwachsenen drogenabhängigen Patienten. Zusammenhänge mit Delinquenz und antisozialem Verhalten


Masterarbeit, 2018
72 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

INHALT
Abstract ... 1
Einleitung ... 2
Substanzbezogene Störungen ... 2
Bindung und substanzbezogene Störungen ... 5
Kindesmisshandlung und substanzbezogene Störungen ... 8
Delinquenz und antisoziales Verhalten bei Drogenabhängigen ... 10
Fragestellung und Hypothesen ... 11
Methode ... 14
Stichprobe ... 14
Materialien und Messinstrumente ... 15
Design und Durchführung ... 18
Statistische Datenanalyse ... 19
Ergebnisse ... 21
Allgemeine klinische Daten ... 21
Substanzanamnese ... 22
Beziehungen und elterliche Bindung ... 25
Kindliche Misshandlungserfahrungen ... 26
Delinquenz und antisoziales Verhalten ... 27
Zusammenhänge von aversiven Kindheitserfahrungen mit Substanzkonsum,
antisozialem Verhalten und Delinquenz im Erwachsenenalter ... 30
Mediationsmodell ... 34
Diskussion ... 35
Zusammenfassung und Interpretation der Befunde im Rahmen der Hypothesen . 35
Bewertung der Studie im Hinblick auf ihre Stärken und Schwächen ... 40
Implikationen für die Forschung und Praxis ... 41
Literaturverzeichnis ... 45
Abbildungsverzeichnis ... 58
Tabellenverzeichnis ... 59
Anhang A ... 60
Anhang B ... 67
Kolmogorov-Smirnov Test auf Normalverteilung ... 68
Tabellen... 70

ABSTRACT
Studien konnten Zusammenhänge aversiver Kindheitserfahrungen mit substanzbezogenen
Störungen (SUD), SUD mit Delinquenz und antisozialem Verhalten sowie aversiver
Kindheitserfahrungen mit Delinquenz und antisozialem Verhalten aufzeigen. Ziel dieser
Studie war es, den Zusammenhang aversiver Kindheitserfahrungen mit Delinquenz und
antisozialem Verhalten dahingehend zu untersuchen, ob eine Mediation durch SUD
vorliegen kann. Zu diesem Zweck wurden 101 Probanden verschiedener suchtspezifischer
Einrichtungen hinsichtlich erlebter aversiver Kindheitserfahrungen, ihres Substanzkonsums
und antisozialen Verhaltens befragt. Die Ergebnisse konnten zeigen, dass ein partieller
Mediationseffekt vom Einstiegsalter in den regelmäßigen Konsum illegaler Substanzen für
den Einfluss physischen Missbrauchs auf die Anzahl antisozialer Symptome vorliegt. Damit
zeigt die Studie die Notwendigkeit, wie wichtig es ist, Drogenabhängigen, der Schwere ihrer
Erkrankung angemessen, eine vielfältige multimodale Behandlung ihrer chronischen
Erkrankung zukommen zu lassen. Es sollten individuelle Therapiekonzepte so ausgebaut
werden, dass im Rahmen der Suchttherapie mit zusätzlichem Schwerpunkt auf
Persönlichkeitsstörungen und / oder posttraumatischer Belastungsstörung unter
Berücksichtigung frühkindlicher Misshandlungserfahrungen eine erfolgsversprechende
Behandlungsmöglichkeit geschaffen ist.
Schlagworte:
Substanzbezogene Störungen, Substanzkonsum, Drogenabhängigkeit,
Bindung, Trauma, Misshandlung, Kindesmisshandlung, antisoziales Verhalten, Delinquenz,
Straftat, BtMG, Betäubungsmittelgesetz

2
EINLEITUNG
Substanzbezogene Störungen
Die Abhängigkeit von illegalen Substanzen (Synonym: Drogenabhängigkeit) stellt ein
zunehmendes gesellschaftliches Problem dar, weil die Therapie schwierig und die
Erfolgsprognose in Form von langfristigen Abstinenzraten vergleichsweise sehr gering ist
(Soyka, 1998). Zudem weist die Gruppe der Drogenabhängigen neben der schlechtesten
therapeutischen Prognose die niedrigsten sozialen Kompetenzen im Erwachsenenalter und
eine besonders auffällige Psychopathologie auf (Rounsaville, Weissman, Wilber & Kleber,
1982). Innerhalb zweier Jahrzehnte haben sich polizeilich registrierte Drogendelikte nicht nur
verdoppelt, sondern der Schweregrad der zur Unterbringung im Maßregelvollzug geführten
Straftaten und der Anteil Drogenabhängiger in Maßregeleinrichtungen ist ebenso deutlich
angestiegen (Seifert & Leygraf, 1999).
Die Drogenabhängigkeit zählt nach dem DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of
Mental Disorders; American Psychiatric Association, 2013) zu den substance use disorders
(SUD; im Deutschen: Substanzbezogene Störungen). Danach beschreiben SUD ,,ein
problematisches Muster von Konsum, welches in einem 12-monatigen Zeitraum in klinisch
bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden führt". Damit gehen das Vorliegen
von Toleranz und Entzugssymptomen, die ursprünglich nicht beabsichtigte Einnahme
größerer Substanzmengen oder längerer Einnahmedauer einher. Außerdem halten die
Folgen des Konsumverhaltens wie zum Beispiel die zeitaufwendige Beschaffung der
Substanz, die Aufgabe wichtiger Aktivitäten und die daraus resultierenden anhaltenden oder
wiederkehrenden körperlichen oder psychischen Probleme Betroffene häufig nicht davon ab,
ihr Konsumverhalten fortzusetzen.
Die
Lebenszeitprävalenz (LZP)
von SUD wird auf 15% in der Population geschätzt, wobei
jüngere Kohorten nicht nur mit 17 % eine höhere LZP, sondern auch eine Verringerung der
geschlechtsspezifischen Unterschiede im Vergleich zu älteren Kohorten aufweisen (Kessler
et al., 2005). Studienergebnissen zufolge ist ein dauerhafter Substanzkonsum mit einer

3
reduzierten dopaminergen Aktivität assoziiert, der pathologische Veränderungen neuronaler
Strukturen zugrunde liegen (Volkow, Fowler & Wang, 2003). Folglich sind diese pathologisch
veränderten neuronalen Strukturen eine Voraussetzung für die Entwicklung vom impulsivem
zum kompulsivem Substanzkonsum mit rezidivierender Rückfälligkeit (Koob & LeMoal,
2006). In Abhängigkeit von Dauer und Schwere der SUD ist von strukturellen und
funktionellen Defiziten im präfrontalen Hirnregionen auszugehen (Yuan et al., 2010).
Vor dem Hintergrund dieser Befunde und bekannter drogenbedingter Schäden scheint es
ersichtlich, warum ein genaues Verständnis und die Entwicklung erfolgsversprechender
Behandlungsmöglichkeiten der SUD von hohem klinischen und gesellschaftlichen Interesse
sind. Gemäß dem Drogenbericht 2017 der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und
Drogensucht umfassen drogenbedingte Schäden sowohl chronische als auch akute
Gesundheitsprobleme. Zu chronischen Schädigungen zählen vor allem die Abhängigkeit
selbst sowie konsumbedingte Infektionskrankheiten. Bei akuten drogenbedingten klinischen
Notfällen geht der Großteil auf Überdosierungen zurück. Schätzungen der Deutschen
Hauptstelle für Suchtfragen (2010) zeigten für Deutschland, dass SUD zu den häufigsten
psychischen Erkrankungen gehören. Neben den Kosten im Gesundheitswesen gehen mit
SUD weitere gesellschaftliche Kosten einher (Wickizer, 2013): Ökonomische Kosten für zum
Beispiel Kriminalität (Olsson & Fridell, 2013), Produktivitätsverlusten in Verbindung mit
kriminellem Verhalten (Olsson, 2014) oder langfristige Inanspruchnahme gesundheitlicher
Einrichtungen (Olsson & Fridell, 2015).
Dem Begriff SUD liegen die Abhängigkeiten verschiedener Substanzarten zugrunde: Das
Spektrum reicht von legalen Substanzen wie Nikotin oder Alkohol bis hin zu illegalen
Substanzen wie Cannabis oder Heroin. Die Abhängigkeiten haben dennoch unterschiedlich
starke Auswirkungen auf die Konsumenten, je nachdem, von welcher Substanz diese
abhängig sind. Damit der Umfang dieser Abschlussarbeit innerhalb des vorgegebenen
Rahmens bleibt, beschränkt sich ihr Gegenstand auf die Drogenabhängigkeit.
Nach Klos und Görgen (2009) wird diese wie folgt definiert:

4
Die Drogenabhängigkeit ist eine komplexe, somatische, psychische und soziale
Erkrankung, die die Persönlichkeit des drogenabhängigen Menschen, sein soziales
Netzwerk und seinen mikroökologischen Rahmen betrifft, beschädigt und ­ wenn sie
lange genug wirkt ­ zerstört. Drogenabhängige Menschen unterliegen unterschiedlich
ausgeprägten spezifischen Belastungsfaktoren, seien es Komorbidität, psychische
Zusatzerkrankungen, somatische Risiken ­ insbesondere Infektionsgefahren ­ hohe
Kriminalitätsbelastung verbunden mit Strafverfolgung und Hafterfahrungen etc. (S.8).
Nun gibt es zahlreiche Theorien und Erklärungsansätze für die Psychogenese von SUD,
deren Gemeinsamkeiten in der Ablehnung einer
monokausalen
und Befürwortung einer
multikausalen Entstehung
von SUD liegt (Schindler, 2015; Barth, 2016). So gilt es
mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen, dass es die Suchtpersönlichkeit per se nicht gibt,
sondern vielmehr Menschen im Rahmen ihrer individuellen Lebensgeschichte in Folge zu
vieler Risikofaktoren und zu weniger Schutzfaktoren häufig ungünstige Strategien
entwickeln, die zu einer SUD führen können (Kuntz, 2000). Einen solchen Risikofaktor stellt
beispielsweise das Alter des regelmäßigen Konsumbeginns dar (del Mar Capella & Adan,
2017), welches mit der Schwere der SUD zusammenhängt. Als Schutzfaktoren fungieren
zum Beispiel positive Bindungserfahrungen (Brisch, 2015). Dabei ist der Begriff
Erfahrung
an
dieser Stelle bewusst gewählt, denn Erfahrungen sämtlicher Art beeinflussen das
menschliche Gehirn bereits während seiner Entwicklung nachhaltig. Auf neurobiologischer
Ebene beeinflussen die durchlebten Erfahrungen beispielsweise die Entstehung von
neuronalen Netzwerken und Nervenzellverschaltungen. Auf der Verhaltensebene entstehen
auf Grundlage dieser gemachten Erfahrungen, die im Gedächtnis eingespeichert sind,
Strategien des Denkens und Handelns (Gebauer & Hüther, 2001). Nach Gebauer et al.
(2001) umfasst der Begriff der Erfahrungen ein Repertoire subjektiver Bewertungen der
eigenen Reaktionen auf Umweltreize.
In Anlehnung daran beschäftigt sich diese Arbeit mit aversiven Kindheitserfahrungen wie
ungünstigen Bindungs- und Misshandlungserfahrungen, von denen angenommen wird, dass
sie einen Einfluss auf die Entwicklung einer SUD im Erwachsenenalter haben (Clausen,

5
1996; Kuntz, 2000; Schäfer, Schnack & Soyka, 2000; Jewkes, Dunkle, Nduna, Jama &
Puren, 2010; Potthast, Neuner & Catani, 2014; Brisch, 2015; Petschnik, 2015).
Bindung und substanzbezogene Störungen
Frühe Bindungserfahrungen prägen einen Menschen hinsichtlich seines weiteren Lebens
in vielerlei Weise (Pearlman & Courtois, 2005). Nach Bowlby (1969, 1973) beschreibt der
Begriff
Bindung
den emotionalen Bund zwischen Kind und Bezugsperson, welcher eine
emotionale sichere Basis für die Persönlichkeitsentwicklung bereitstellt. Das Ausmaß der
Sicherheit hängt dabei von der Verfügbarkeit und Responsivität primärer Bezugspersonen
ab. Ein Wechselspiel von Bindung und Exploration auf der Grundlage früher sicherer
Bindungserfahrungen ist unabdingbar dafür, dass Lernerfahrungen in der äußeren Umwelt
gemacht werden können, ein kohärentes Bild eigener innerpsychischer Prozesse entsteht,
Affektregulation über Bindungsfiguren stattfinden kann und fortwährend gemachte
Bindungserfahrungen vom Kind internalisiert werden können (Schindler, 2015). Dabei
entstehen innere Arbeitsmodelle des Selbst und der Bindungsfiguren.
In Folge fehlender sicherer Bindung können jedoch Affekte nicht bedürfnisgerecht über
Bindungsfiguren reguliert werden, sodass überwiegend negative Bindungserfahrungen
internalisiert als auch negative innere Arbeitsmodelle entwickelt werden. Die dadurch
bedingten Defizite und deprivatorischen Erlebnisse in der Kindheit werden von erwachsenen
Drogenabhängigen häufig versucht durch den Konsum von Suchtmitteln zu kompensieren
(Brisch, 2015). Brisch (2015) spricht in diesem Zusammenhang vom Suchtmittel als ein
Bindungsperson-Surrogat
.
Studien zu Bindung und SUD berichten immer wieder von einem Zusammenhang
unsicherer Bindung mit Substanzkonsum (Übersicht bei Schindler & Bröning, 2015). Ein
unsicherer
Bindungsstil
geht einerseits mit seelischen Belastungen und defizitärer
Bewältigung einher, andererseits fungiert dieser auch als Risikofaktor für weitere psychische
Gesundheitsprobleme (Egle, Hardt, Nickel, Kappis & Hoffmann, 2002). Der Gebrauch
psychoaktiver Substanzen dient vor allem unsicheren Bindungstypen als Selbstmedikation

6
gegen seelische Belastungen und induziert zumindest kurzfristig veränderte affektive und
physiologische Zustände. Der
Selbstmedikationshypothese
Khantzians (1997) zufolge
besteht die primäre Konsumabsicht in einer Symptomlinderung. Unerwünschte, in der Regel
negative Emotionen werden über den Konsum abgeschwächt und auf diese Weise reguliert,
während positive Emotionen gesteigert werden (Waldrop, Back, Verduin & Brady, 2007).
Insbesondere wird für Cannabis und Heroin anlässlich ihrer sedativen Wirkung die Funktion
der Selbstmedikation postuliert (Haen & Wodarz, 1999). Im Allgemeinen induzieren
Sedativa, zu denen auch Alkohol und Benzodiazepine gehören, eine emotionale und
physiologische Deaktivierung, eine Hemmung kognitiver Prozesse und eine Distanzierung zu
anderen Personen. Von Sedativa zu unterscheiden sind Stimulantien (Kokain, Amphetamine,
Ecstasy etc.), deren Wirkung eine Aktivierung oben genannter Prozesse sowie eine
Verzerrung der Wahrnehmung und Realitätstestung umfasst (Julien, 2000). Die Präferenz
eines Individuums für eine bestimmte Substanz wurde im Zusammenhang rudimentärer
Bindungsbedürfnisse diskutiert (Schindler, Thomasius, Petersen & Sack, 2009). Hierbei wird
angenommen, dass Individuen mit vermeidendem Bindungsstil deaktivierende und
distanzierende Effekte, Individuen mit besitzergreifendem Bindungsstil aktivierende und
Nähe suchende Strategien bevorzugen.
Auf Grundlage eines nach Bartholomew und Horowitz (1991) zweidimensionalen Modells
für Bindungsstile im Erwachsenenalter ergeben sich vier Bindungsstile, die sich aus einer
Kombination des Selbstbildes einer Person (positiv oder negativ) und des Bildes von
anderen (positiv oder negativ) zusammensetzen. Die Bindungsstile repräsentieren dabei
unterschiedliche Bewältigungsformen für unbefriedigte Bedürfnisse nach Nähe in frühen
Objektbeziehungen
(Bartholomew, 1990). Für frühe Objektbeziehungen ­ wie die Eltern-
Kind-Beziehung ­ wurden bereits Einflüsse auf psychische und körperliche
Regulationsmechanismen im Rahmen der Kleinkindforschung nachgewiesen (Übersicht bei
Gil & Rupprecht, 2003). Ergänzend wurde innerhalb tierexperimenteller Studien eine
veränderte Aktivität neurobiologischer Systeme belegt, aufgrund derer angenommen wird,
dass sich frühe Trennungserlebnisse auf die Gesundheit im Erwachsenenalter auswirken

7
Abbildung 1
. Vier Dimensionen elterlicher Erziehungsstile.
(Francis, Caldji, Champagne, Plotzky & Meaney, 1999; Francis, Diorio, Plotzky & Meaney,
2002).
Im Kontext der Eltern-Kind-Beziehung sind darüber hinaus auch
elterliche Erziehungsstile
für die psychosoziale Entwicklung eines Kindes relevant, zu deren Bestimmung das
Parental
Bonding Instrument
(PBI; Parker, Tupling & Brown, 1979) entwickelt wurde. Damit lassen
sich vier unterschiedliche Erziehungsstile identifizieren (Abbildung 1).
So sind beispielsweise eine niedrige
Fürsorge
und hohe
Kontrolle
­ der Erziehungsstil
lieblose Kontrolle ­ im Rahmen der elterlichen Bindung ein allgemeiner Risikofaktor nicht
nur für die Entwicklung von SUD (Clausen, 1996), sondern auch von anderen psychischen
Störungen (Parker, 1983, 1990). Im Wesentlichen haben viele Dimensionen elterlicher
Erziehungsstile einen Einfluss auf die Gesundheit und Entwicklung des Nachwuchses
(Newman, Harrison, Dashiff & Davies, 2008). Besonderen Einfluss sagen Newman et al.
(2008) dem Erziehungsstil des gleichgeschlechtlichen Elternteils nach, da dieser am
stärksten mit Selbstregulation und Substanzgebrauch zusammenhängt. Es wurde bereits in
Anlehnung an die
soziale Lerntheorie
Banduras (1977) gezeigt, dass die Eltern eine
bedeutende Rolle in der sozialen Entwicklung ihrer Kinder spielen. Das betrifft ebenfalls den

8
elterlichen Einfluss auf den Substanzkonsum der Kinder (Clausen, 1996). Aus diesem
Anlass werden elterliche Erziehungsstile im Sinne ungünstiger Bindungserfahrungen als
Komponente aversiver Kindheitserfahrungen miterhoben.
Kindesmisshandlung und substanzbezogene Störungen
Neben frühen ungünstigen Bindungserfahrungen stellt auch das Erleben von
Misshandlungen im Sinne aversiver Kindheitserfahrungen einen Risikofaktor für eine
psychopathologische Entwicklung dar (Felitti et al., 1998; MacMillan et al., 2001). Besonders
weil Traumatisierungserfahrungen wie Kindesmisshandlungen ein vielseitiges Spektrum an
Beeinträchtigungen herbeiführen können (Cole & Putnam, 1992; Herman, 1992). So umfasst
das Spektrum neben somatischen, emotionalen, kognitiven und behavioralen auch
charakterologische Erscheinungsformen wie eine beeinträchtigte Wahrnehmung des Selbst
und des Körpers, Defizite in der Emotionsregulation und Anpassungsfähigkeit (Alink,
Cicchetti, Kim & Rogosch, 2009; Kim & Cicchetti, 2010) als auch Schwierigkeiten mit (Ur-)
Vertrauen, Intimität und Selbstbehauptung (Cole et al., 1992; Herman, 1992; van der Kolk,
Hostetler, Herron & Fisler, 1994). Ferner können Traumatisierungserfahrungen nicht nur die
Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen (van der Kolk, McFarlane & Weisaeth, 2000),
sondern auch für Anpassungsleistungen notwendige Regulationsprozesse erheblich stören
(Petzold, Schay & Scheiblich, 2006). Mit den Konsequenzen einer andauernden Unfähigkeit,
Emotionen zu regulieren, beschäftigten sich zahlreiche Studien (Harned et al., 2008;
Schäfer, Schulze & Stubenvoll, 2011). Nach ihnen liegen der Mehrzahl psychischer
Störungen Emotionsregulationsdefizite zugrunde. Gerade diese Regulationsdefizite gehen
mit einem erhöhten Risiko für eine psychopathologischen Entwicklung einher (Harned et al.,
2008).
Der Begriff
Kindesmisshandlung
wird im klinischen und wissenschaftlichen
Sprachgebrauch als Missbrauch und Vernachlässigung minderjähriger Kinder definiert.
Darunter werden alle Formen physischer wie emotionaler Misshandlung, sexuellen

9
Missbrauchs, Vernachlässigung oder nachlässiger Behandlung, kommerzieller oder anderer
Ausbeutung von Kindern subsummiert. Diese können generell zu aktuellen oder potentiellen
Beeinträchtigungen von Kindern führen (Krug, Dahlberg, Mercy, Zwi & Lozano, 2002). Die
Misshandlung von Kindern ist ein großes öffentliches Gesundheitsproblem, weil sie
lebenslange Konsequenzen nach sich ziehen kann ­ wie zum Beispiel Risikoverhalten im
Erwachsenenalter (Norman et al., 2012). Zudem wurden kausale Zusammenhänge nicht-
sexueller Missbrauchsformen mit vielen Variablen nachgewiesen: Psychische Störungen,
Substanzkonsum, Suizidversuche, Geschlechtskrankheiten, riskantes Sexualverhalten und
weitere gesundheitliche Konsequenzen wie beispielsweise Übergewicht. Auch in
Deutschland stellt die Kindesmisshandlung mit all ihren Facetten ein kritisches Problem dar
(Iffland, Brähler, Neuner, Häuser & Glaesmer, 2013). Die höchsten
Prävalenzraten
wurden
mit 48% für die physische Vernachlässigung, die niedrigsten mit 6% für den sexuellen
Missbrauch ermittelt. Insgesamt fanden sich jedoch unter allen Missbrauchstypen nur für den
sexuellen Missbrauch geschlechtsspezifische Unterschiede (Herman, Perry & van der Kolk,
1989; Iffland et al., 2013). Demnach besteht für Frauen ein höheres Risiko, Opfer sexuellen
Missbrauchs zu sein.
Derartige Kindheitserlebnisse können die Häufigkeit einer späteren SUD erhöhen
(Schäfer et al., 2000; Felitti, 2002; Schäfer et al., 2011). Dieses scheint plausibel vor dem
Hintergrund der Selbstmedikationshypothese (Khantzian, 1997). Für den Beginn und Erhalt
substanzgebundener Abhängigkeit sind seelische Traumatisierungen von großer Bedeutung
(Brisch, 2015).
In Anlehnung daran skizzierten Krausz, Schäfer, Lucht und Freyberger (2005) einen
möglichen kausalen Zusammenhang:
In der Kindheit durchlebte Misshandlungen in Verbindung zur SUD in der
Herkunftsfamilie sind ein besonderer Risikofaktor. Das anfangs Lustvolle beim
Konsum psychotroper Substanzen, die Reduktion von Spannung, Schmerz und
Angst, die Betäubung im Sinne einer Distanzierung zur eigenen Geschichte, zu
durchlebten Traumatisierungen und damit einhergehenden Verletzungen wird schnell

10
zur dysfunktionalen Selbstbetäubung und schließlich zum sich selbst
aufrechterhaltenden System der Abhängigkeit. Lust spielt dabei keine Rolle mehr, es
dominiert der Versuch der Reduktion von Leid (S.498).
Van der Kolk et al. (2000) hingegen fordern hinsichtlich der komplexen und vielzähligen
Bedingungsfaktoren eine differenziertere Betrachtung dieses Zusammenhangs. Obwohl der
Einfluss der Traumatisierung durch den Kindesmissbrauch auf Schwere und Verlauf der
SUD evident ist (Schäfer et al., 2000), können ausschließlich monokausale Zusammenhänge
die Komplexität und Fülle potentieller Einflussgrößen allein nicht erfassen. Eine wesentliche
Gemeinsamkeit im Zusammenhang früher Traumatisierung und späterer SUD liege nach van
der Kolk et al. (2000) in dem Mangel oder Verlust von Fähigkeiten zur Selbstregulation,
welcher auch im Rahmen delinquenten und antisozialen Verhaltens eine bedeutende Rolle
spielt (Gardner, Dishion & Connell, 2008; Trentacosta & Shaw, 2009).
Delinquenz und antisoziales Verhalten bei Drogenabhängigen
Drogenkonsum per se ist ein kriminogener Faktor (Pfister, 2009) ­ zumal nahezu jeder
unerlaubte Umgang mit Betäubungsmitteln einen Straftatbestand in Deutschland darstellt.
Besonders der süchtige Konsum von Drogen führt zu weiteren Straftaten. Dabei gilt es
kriminologisch zwischen der
Folgekriminalität
, also unter dem Einfluss von Drogen
begangene Straftaten, und der
Versorgungskriminalität
(Synonym:
Beschaffungskriminalität
),
welche Straftaten gegen das
Betäubungsmittelgesetz
(BtMG) umfasst, zu unterscheiden. So
scheint es vor diesem Hintergrund plausibel, dass delinquentes Verhalten häufig zusammen
mit SUD auftritt oder der Substanzkonsum im Rahmen delinquenten Verhaltens eine Rolle
spielt (D'Amico, Edelen, Miles & Morral, 2008; Marotta, 2017b). Die hohen Prävalenzen von
bis zu 60% (Übersicht bei Fazel, Bains & Doll, 2006) und die mittlerweile mehr als
verzehnfachte Anzahl inhaftierter Personen mit SUD dienen als Beleg dafür, dass
Delinquenz mit SUD assoziiert ist (Marotta, 2017a). Es gilt weiterhin im Kontext der
Beschaffungskriminalität zwischen direkten und indirekten Beschaffungsdelikten zu
differenzieren (Pfister, 2009). Hierbei werden Tatbestände aus dem BtMG wie die

11
Beschaffung von Drogen zu den direkten und Tatbestände aus dem
Strafgesetzbuch
(StGB)
wie zum Beispiel die Erlangung finanzieller Mittel zum Drogenerwerb zu den indirekten
Beschaffungsdelikten gezählt.
Neben den Zusammenhängen von Delinquenz und antisozialem Verhalten mit SUD gibt
es auch Hinweise auf Zusammenhänge aversiver Kindheitserfahrungen mit Delinquenz und
antisozialem Verhalten (Lansford et al., 2007). So wird beispielsweise angenommen, dass
bestimmte Charakteristika einer Eltern-Kind-Interaktion mit Delinquenz und antisozialem
Verhalten des Nachwuchses assoziieren (Clausen, 1996; Johnson, Cohen, Chen, Kasen &
Brook, 2006). So begehen in der Kindheit misshandelte Straftäter im Mittel mehr Delikte, mit
höherer Wahrscheinlichkeit Wiederholungstaten und sind jünger zum Zeitpunkt der
Erstinhaftierung (Widom, 1989a, 1989b). Eine Reihe von Studien zeigte, dass infolge von
Misshandlungen in der Kindheit ­ insbesondere physischer Missbrauch ­ das Risiko deutlich
höher ist, antisoziales Verhalten (Grotevant et al., 2006) als auch eine
antisoziale
Persönlichkeitsstörung
(Luntz & Widom, 1994; Johnson, Cohen, Brown, Smailes &
Bernstein, 1999; Battle et al., 2004; Lobbestael, Arntz & Bernstein, 2010; Waxman, Fenton,
Skodol, Grant & Hasin, 2014) zu entwickeln. Besonders für Persönlichkeitsstörungen des
Clusters B, zu dem die antisoziale Persönlichkeitsstörung gezählt wird, konnte ein 12-fach
erhöhtes Risiko ermittelt werden, eine SUD zu entwickeln (Kessler et al., 1996; Skodol,
Oldham & Gallaher, 1999).
Fragestellung und Hypothesen
Auch wenn die bisherige Forschung eine hohe psychopathologische Belastung von SUD-
Patienten aufzeigt, bleiben komplexe Zusammenhänge bisher wenig erforscht. In Anlehnung
daran, dass die SUD sowohl eine Reaktion auf als auch eine Konsequenz aus psychischen
Störungen darstellen kann, verbleiben bis dato viele hintergründige Wirkmechanismen noch
ungeklärt. Gerade dem Einfluss aversiver Kindheitserfahrungen auf die SUD, damit
komorbide psychische Störungen, delinquentes und antisoziales Verhalten sowie der
bestehenden Zusammenhänge untereinander muss mehr Beachtung zuteilwerden. So liegt

12
Abbildung 2
. Theoretisches Mediationsmodell: Der Zusammenhang von aversiven
Kindheitserfahrungen mit Delinquenz und Antisozialität wird durch SUD mediiert.
die Frage nahe, ob tatsächlich ein direkter Zusammenhang aversiver Kindheitserfahrungen
mit Delinquenz und antisozialem Verhalten besteht als auch die Frage, inwieweit SUD
diesen Zusammenhang mediieren (Abbildung 2).
Die Untersuchung potentieller Zusammenhänge der Ätiologie der SUD im Kontext
entwicklungspsychologischer Rahmenbedingungen in der Kindheit mit aktueller Delinquenz
und antisozialem Verhalten erfolgt in Anlehnung an bereits empirisch belegte
Zusammenhänge: Aversive Kindheitserfahrungen mit SUD (Clausen, 1996; Kuntz, 2000;
Schäfer et al., 2000; Jewkes et al., 2010; Potthast et al., 2014; Brisch, 2015; Petschnik,
2015), SUD mit Delinquenz und antisozialem Verhalten (Kessler et al., 1996; Skodol et al.,
1999; D'Amico et al., 2008; Pfister, 2009; Moberg et al., 2015; Marotta, 2017a, 2017b) sowie
aversive Kindheitserfahrungen mit Delinquenz und antisozialem Verhalten (Widom, 1989a,
1989b; Battle et al., 2004; Grotevant et al., 2006; Johnson et al., 2006; Lansford et al., 2007;
Lobbestael et al., 2010; Waxman et al., 2014).
Daraus lassen sich die folgenden Hypothesen ableiten:
1. Je häufiger kindliche Misshandlungserfahrungen gemacht wurden, desto höher ist
die Anzahl regelmäßig konsumierter Substanzen im Erwachsenenalter und desto
niedriger ist das Einstiegsalter in den regelmäßigen Konsum illegaler Substanzen.

13
2. Je positiver die elterliche Bindung erlebt wurde, desto niedriger ist die
Substanzanzahl im Erwachsenenalter und desto höher ist das Einstiegsalter.
3. Je häufiger kindliche Misshandlungserfahrungen gemacht wurden, desto höher ist
die Anzahl antisozialer Symptome.
4. Je positiver die elterliche Bindung erlebt wurde, desto niedriger ist die Anzahl
antisozialer Symptome.
5. Je höher die Anzahl regelmäßig konsumierter Substanzen ist, desto höher ist die
Anzahl antisozialer Symptome.
6. Je niedriger das Einstiegsalter ist, desto höher ist die Anzahl antisozialer
Symptome.
7. Häufiger physischer Missbrauch in der Kindheit führt zu einer höheren Anzahl
antisozialer Symptome im Erwachsenenalter. Dieser Zusammenhang wird durch
das
Einstiegsalter
partiell
mediiert.
Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Aversive Kindheitserfahrungen bei erwachsenen drogenabhängigen Patienten. Zusammenhänge mit Delinquenz und antisozialem Verhalten
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,8
Autor
Jahr
2018
Seiten
72
Katalognummer
V431866
ISBN (eBook)
9783668743144
ISBN (Buch)
9783668743151
Dateigröße
1170 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Substanzbezogene Störungen, Substanzkonsum, Drogenabhängigkeit, Bindung, Trauma, Misshandlung, Kindesmisshandlung, antisoziales Verhalten, Delinquenz, Straftat, BtMG, Betäubungsmittelgesetz
Arbeit zitieren
M. Sc. Alexandra Petschnik (Autor), 2018, Aversive Kindheitserfahrungen bei erwachsenen drogenabhängigen Patienten. Zusammenhänge mit Delinquenz und antisozialem Verhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431866

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