Der neue öffentliche Raum der Stadt


Seminararbeit, 2008
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die überwachte Stadt
2.1 Videokameras
2.2 Gesichtserkennung
2.3 Verhaltenserkennung
2.4 Anti social behaviour

3 Die exklusive Stadt
3.1 Zugangsberichtungen
3.2 Gated communities

4. Die wiederbelebte Stadt
4.1 Bürgerbeteiligungen
4.2 Inszenierung und Festivalisierung
4.3 Verkehrspolitik
4.4 Öffentlicher Personennahverkehr
4.5 Private public Partnership
4.6 Temporäre Aktionen
4.7 Zwischennutzungen
4.8 Revitalisierung von Industrieanlagen

5. Schlussbemerkung

6. Anhang
6.1 Quellenverzeichnis Textgrundlagen
6.2 Quellenverzeichnis weiterführender Literatur

1. Einleitung

Wie Markus Schroer und Dieter Läpple in ihren Texten „ Stadt als Prozess“ und „Phönix aus der Asche“ bemerken wird die Stadt als sozilogischer Gegenstand fast immer von einer negativen Sichtweise aus betrachtet. Die Rede ist vom Untergang oder Zerfall der Stadt und das Scheitern des urbanen Modells. Dabei ist diese Auffassung kein Konstrukt des 21. Jahrhunderts. Schon Johann Wolfgang von Goethe schrieb in einem seiner Romane: „Die Stadt ist selbst unangenehm, dagegen ringsumher eine unaussprechliche Schönheit der Natur.“ Auch Albrecht Göschel wirft in seinem Dossier „Stadtschrumpfung, Bedingung punktuellen Wachstums“ die Frage auf, ob die Städte unserer Zeit durch Suburbanisierung, regionale Abwanderung und dem demographisch bedingten Bevölkerungsrückgang bedroht sind, negative Konsequenzen für die Stadt, in Form von sinkender Lebensqualität, nach sich ziehen, und ob der Name „Stadt“ angesichts solcher Entwicklungen überhaupt noch gerechtfertigt sei.(vgl. GÖSCHEL, Albrecht, 2004, S.240)

Doch wie sieht es mit der Stadt im Jahre 2008 aus? Ist sie weiterhin Sorgenkind soziologischer Betrachtungsweisen oder gar auf dem besten Weg einer vollkommenden Gesundung? Bei meinen Recherchen fiel es anfangs nicht leicht, in den Kanon negativer Kritik einzustimmen, beschreiben doch Schlagwörter wie Ghettobildung, überschuldete Städte, Abwanderung oder öffentliche Überwachung alles andere als ein attraktives Bild der Stadt.

Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass die Stadt des 21. Jahrhunderts sehr wohl in der Lage ist, sich aus den Fesseln überholter, negativer Kritik zu befreien und ein neues, selbstbewusstes Auftreten an den Tag zu legen. Denn hinter der brüchigen Fassade der Stadt, in der sie so viele Experten sehen, tut sich etwas. Es entstehen neue Impulse, kreative Ideen, optische und funktionale Verbesserungen. Stichworte dazu sind: Wiederbelebung alter Industriestandorte der Stadt, Installation temporärer Räume, neue Wohnformen, Stadtverschönerung, Bürgerbeteiligungen, semipublic spaces, oder Private Public Partnership.

Natürlich sind negative städtische Entwicklungen der letzten Jahre nicht von der Hand zu weisen. Auch diese sollen erläutert und aus (stadt) sozilogischer Sicht näher gebracht werden. Trotzdem möchte ich, soweit es mir im Rahmen dieser Arbeit möglich ist, mit diesem Essay ein klares Plädoyer für die Stadt halten und Ansichten wie sie etwa Häußermann vertritt „Es besteht die Gefahr, dass die Stadt als soziale Einheit zerbricht“ (SCHROER, Markus, 2005, S.331) gerne widerlegen.

Auch möchte ich bei meinen Ausführungen keine allgemeinen Tendenzen und Wirkungen beschreiben, sondern meine Behauptungen an konkreten Orten und Ereignissen fest machen. Dazu sollte nicht der Fehler begangen werden, die Stadt als Ganzes, in ihrer allgemeinen Einheit zu zeigen, sondern es ist nötig in einen viel kleineren Maßstab zu gehen und dabei die facettenreichen Einzelneuerungen aufzuzeigen. Hierbei stellen für mich die öffentliche Räume der Kernstadt die interessantesten Gebiete dar, da sie Zentrum des urbanen Lebens sind und einem starken Wandel unterliegen. Auch für Dieter Läpple stellen sie „ein privilegiertes Innovationsfeld der Wissen- und Kulturproduktion, sowie Inkubatoren neuer, postindustrieller Arbeits- und Lebensformen“ dar. (LÄPPLE, Dieter, 2005, S.410)

2. Die überwachte Stadt

Wie Markus Schroer ganz richtig in seinem Text „Stadt als Prozess. Zur Diskussion städtischer Leitbilder.“ feststellt, schrumpfen die Städte nicht, sondern expandieren jährlich um Millionen von Menschen. Auch Dieter Läpple konnte belegen, dass seit Mitte der 90-er Jahre unsere Städte wieder wachsen. Eine aktuelle Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung schreibt dazu wie folgt: „Im Jahre 1975 waren nur 38% aller Menschen Stadtbewohner. 2008 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten, voraussichtlich im Jahr 2030 werden es zwei Drittel sein. “ (http://www.emerging-megacities.org/seiten/thematik/forschungsbedarf/forschungsbedarf-de.aspx) Dieses weltweite Ergebnis lässt sich aber auch auf Deutschland übertragen. Laut Quelle des Deutschen Städtetages ist die Bevölkerung in deutschen Städten im Zeitraum zwischen 2000 und 2003 leicht gestiegen. München verzeichnete in dem genannten Zeitraum einen Bevölkerungszuwachs um 16955 Menschen, Hamburg um 17232 und Stuttgart gar um 37547 Personen. ( vgl. http://www1.karlsruhe.de/Stadtentwicklung/siska/kennziffern/grossstaedte_ brd_01.htm) Damit stehen sie im Widerspruch zu Häußermann und Simmel, die noch Ende der 80-er Jahre von deutlichen Schrumpfungen der Städte ausgingen und bereits alternative Stadtmodelle entwarfen. (In Einzelfällen, insbesondere in (Klein)Städten in Ostdeutschland und in Teilen des Ruhrgebietes sind jedoch tatsächlich Bevölkerungsrückgänge zu verzeichnen). Und selbst wenn die eine oder andere Stadt im Schrumpfen begriffen ist, so tut sie dies, nicht ohne ein Hintertürchen offen zu halten, das die Krise als Chance versteht. Eine Werbekampagne der Stadt Leipzig bringt dies auf den Punkt: Schrumpfende Städte werden zu Orten der Innovation, an denen die gesellschaftlichen Räume der Zukunft entworfen werden (vgl. STEETS, Silke, 2005, S. 118).Tatsache ist, das wachsende Städte mehr Menschen aufnehmen müssen, für deren kontrollierte Sicherheit gesorgt werden muss.

In diesem Zusammenhang ist die Überwachung öffentlicher Räume die wohl am kontroversersten diskutierte Neuerung in den Städten. Egal ob man deutsche, englische oder chinesische Großstädte beleuchtet - unabhängig von Regierungsformen, Stadtgröße, oder Ländern hat sich in den letzten Jahren die Überwachung in der Öffentlichkeit deutlich ausgeweitet. Tatsächlich ist zunehmende Überwachung der Bürger bei einer gleichzeitigen Erodierung von Datenschutz und Privatsphäre ein globaler Trend. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltdatenschutzbericht "International Privacy Ranking" der beiden Bürgerrechtsorganisationen Privacy International aus Großbritannien und Electronic Privacy Information Center aus den USA. Bei dieser Studie gehört Großbritannien zum Schlusslicht beim Schutz der Privatsphäre in Europa, und steht damit mittlerweile auf einer Stufe von Ländern wie China und Russland. Die Überwachung im öffentlichen Raum der Stadt wird nahe immerzu mit dem Thema der Sicherheit begründet. Überwachung soll potentielle Täter von Straftaten oder Vandalismus abhalten, helfen Kriminalfälle aufzuklären und der Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Die Frage bleibt dabei aber offen, um welchen Preis dies geschehen soll. Wo liegt die Balance zwischen der Sicherheit des Einzelnen auf der einen Seite und eine Einmischung in die intimste Privatsphäre zum Anderen?

2.1 Videokameras

Da gerade von Großbritannien als eines der Länder mit dem schlechtesten Datenschutz die Rede war, soll dies nun auch an einigen Beispielen belegt werden. Schließlich ist er das Land, mit den meisten Überwachungskameras weltweit. Die Schätzungen fangen bei einer Million Videokameras an, mit denen die Bewegungen der Briten überwacht werden. Allein in London werden 10.524 Überwachungskameras in 32 Stadtteilen von den Behörden betrieben. (http://www.golem.de/0709/54913.html). Nicht nur Fußgängerzonen, Parkhäuser oder Innenstädte werden überwacht, auch Parkplätze, Parkanlagen, Spielplätze sowie Schul- und Universitätsanlagen sind in der Regel vollständig durch Kameras erfasst. Einige Gemeinden und Städte gehen derzeit noch einen Schritt weiter und schließen die in der Regel schon vorhandenen Kameras in Gaststätten und Diskotheken an die öffentlichen Kontrollzentren an. Die acht größten Zufahrtsstraßen Londons werden durch "Talon" geschützt, ein - auf modernsten neuronalen Netzen basierendes System, welches die KFZ- Kennzeichen liest und zusammen mit der Uhrzeit im Zentralcomputer speichert. Bei Bedarf können alle Verkehrskameras Londons mit diesem Computer verbunden werden, so dass es problemlos möglich ist, komplette Bewegungsprofile der Londoner Fahrzeuge über Monate hinweg zu erstellen. Untersuchungen haben ergeben, dass der durchschnittliche Engländer am Tag von ca. 30 Kameras gefilmt wird. Wer weiß, dass er ständig beobachtet wird, verhält sich anders als jemand, der sich unbeobachtet fühlt. Dementsprechend dürften die Überwachungskameras auch aus soziologischer Betrachtungsweise einige Fragen aufwerfen: Führt sie zur Anpassung des Verhaltens in öffentlichen Räumen? Wer wird von den „Operators“ hinter den Überwachungsbildschirmen beobachtet und aus welchen Gründen? Beobachtungen in Kontrollräumen ergaben, dass viele Observierungsmuster sich auf klassische Vorurteile und Diskriminierungen stützten: Im Fokus stehen vorwiegend Jugendliche, und zwar nicht aufgrund konkret begangener Delikte, sondern oft alleine aufgrund ihres Aussehens oder Verhaltens. Es sind also mithin oft kategoriale, auf Stereotypen basierende Gründe, die zu einer Beurteilung als „Verdächtige“ und mithin zu einer Ausschließung führen. Zudem verleitet die meist überaus eintönige und schlecht bezahlte Arbeit in den Kontrollräumen zu voyeuristischem Verhalten der „operators“, insbesondere mit einem Fokus auf Frauen. Außerdem steht natürlich die Frage im Raum, wer außer diesen Überwachungspersonal noch Zugang zu diesen Filmmaterialien hat, und ob und wie lange diese gespeichert werden.

2.2 Verhaltenserkennung

Neben der zunehmenden Vernetzung von Kamerasystemen und generell von Sensor-Systemen ist mit der Automatisierung ein Trend in der Entwicklung von CCTV festzustellen. Das permanente Beobachten von Kontrollbildschirmen ist nicht nur langweilig, anstrengend und ermüdend, sondern auch, wie bereits erwähnt, ineffizient. Um die Überwachung zu rationalisieren wird deshalb nach automatisierten Lösungen gesucht. Die digitalisierten Bilder werden durch spezielle Software nach Mustern abgesucht. Diese werden entweder mittels Algorithmen mit einer definierten «Normalität» verglichen. Abweichungen lösen dann einen Alarm aus, beispielsweise das «anormale Verhalten» einer Person auf einem Parkplatz. Ein anderes Beispiel zeigt sich in der Stadt Newham. Hier wurde auch eine Kamera mit Erkennungssystem im öffentlichen Raum der Innenstadt platziert und so programmiert, dass Diebstahl an Bankautomaten, Strassenprostitution oder auffälliges Herumlungern automatisch erkannt werden soll. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass das System Herumlungern ausmachte, obwohl sich jemand nur am Mobiltelefon unterhielt und dabei auf dem Gehsteig auf und ab ging. Oder das System meldet einen Diebstahl am Bankautomaten, wenn sich zwei Personen dicht davorstellen, um sich eben genau vor diesem zu schützen.

2.3 Gesichtserkennung

Mittlerweile ist es auch möglich, Überwachungskameras mit Scannern für eine biometrische Gesichtserkennung auszustatten. Dabei werden automatisch Fotos von Passanten gemacht, und die entsprechenden Bilder mit einer Fahndungsdatei von Ermittlungsbehörden verglichen. Gibt es eine Übereinstimmung, schlägt das System Alarm. Bis Ende nächsten Jahres soll beispielsweise in England eine einheitliche Datei mit Fahndungsfotos fertiggestellt werden, an dem alle öffentlichen Videokameras angeschlossen werden und eine automatische Fahndung auslösen. (vgl. www.daten- speicherung.de) Derzeitig sind die Erkennungssysteme jedoch noch fehleranfällig. Ständig wird ein Fehlalarm ausgelöst, da gerade einmal in 10 Prozent der Fälle eine korrekte Zuordnung möglich ist. Um das System zu überlisten, brauchen sich Straftäter gerade einmal die Mütze ins Gesicht ziehen oder sich einen Bart wachsen lassen.

Sollten die Überwachungskameras mit ihren technischen Möglichkeiten von Verhaltens- und Gesichtserkennung weiter ausgebaut werden, dann wäre es wohl vorbei, mit der Freiheit des Einzelnen in der Stadt. Wenn jeder Schritt des Einzelnen von Behörden nachverfolgt, und die Person dann noch einwandfrei identifiziert werden kann, wer kann sich dann noch offen, ungezwungen und natürlich bewegen? Jedes noch so kleine Fehlverhalten würde gesichtet und mit einer Strafe oder gar öffentlicher Bloßstellung geahndet. „Damit ist eine Grundvoraussetzung des öffentlichen Raumes infrage gestellt: die Anonymität, und damit die Freiheit der Städter, immer nur einen Ausschnitt seiner Persönlichkeit preiszugeben. Die Freiheit, die mit der Stadt verbunden ist, auch als etablierter Bürger, sich für ausgefallenere politische Positionen zu engagieren oder auch nur einen Sexshop oder auch nur eine wenig reputierliche, soziale Beratungsstelle aufzusuchen, wird unterminiert. “(SIEBEL, Walter, 2003, S.8)

Mit Angst und dem Versprechen, für mehr Sicherheit zu sorgen kann eine Menge an Kontroll- und Überwachungstechnologien meistens ohne Widerstand in der Bevölkerung durchgesetzt werden. Jede dieser Techniken führt zu gesellschaftlichen Veränderungen, zumindest zu Veränderungen des Verhaltens, keineswegs jedoch unbedingt zu höherer Sicherheit. Aber auch wenn bestätigt wurde, dass Sicherheitstechniken kaum eine Wirkung zeigen, werden sie weiterhin wie eine Art Zauber, der in der Neuzeit von den technischen Verheißungen ausgeht, angepriesen und eingeführt. Obwohl Großbritannien, wie eingangs erwähnt, die größte Dichte an Überwachungskameras hat, müsste eigentlich die Kriminalität in den Städten deutlich zurückgegangen sein. Das ist aber auch nicht der Fall. Nach einer neuen, im Auftrag des britischen Innenministeriums vom Institut für Kriminologie der University of Leincaster durchgeführten Studie, führt Videoüberwachung weder zu einem Rückgang der Kriminalität, noch schafft sie bei den Menschen ein höheres Gefühl der Sicherheit. Der Glaube, alles würde durch die elektrischen Anlagen sowieso gesehen, reduziert die Bereitschaft zur Eigenverantwortung. Die Zivilcourage des Einzelnen wird wohl abnehmen, weiß man doch, dass es einen unsichtbaren Dritten gibt, der alles sieht und eingreifen wird. Die Devise „Wer nichts zu verbergen habe, den würden die Kameras schon nicht stören. Und wer alles richtig mache, der brauche die Stimme der Obrigkeit nicht zu fürchten“ (www.daten-speicherung.de) impliziert zudem, dass sich jeder Bürger vorbildlich und tadellos zu verhalten habe. Vorbei also das Parken in zweiter Reihe, dem Wegwerfen von Zigarettenstummeln oder das Überqueren der Strasse bei roter Ampel.

Diese Kritik hat mit Sicherheit ihre Berechtigung, trotzdem zeigt sie zugegebener Maßen nur eine Seite der Medaille. Es wird nämlich übersehen, dass Sicherheit, oder wenigstens das Gefühl von Sicherheit Grundbedingungen des öffentlichen Raumes sind. Parks, in denen Frauen Angst haben müssen vergewaltigt zu werden und Strassen, in denen Männer fürchten überfallen zu werden, sind alles andere als wünschenswerte Vorkommnisse. Dem trägt auch eine Umfrage des Bundesministeriums für Bauwesen und Raumordnung Rechnung nachdem rund 89 Prozent der Städter als wichtigste Anforderung an ihren Wohnort den Schutz vor Kriminalität nannten. (Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung). Nicht von der Hand zu weisen sind außerdem einige Erfolge beim Aufklären von Straftaten. Genannt seien hier nur der „Kofferbomber von Köln“ im Jahr 2006, der mit Hilfe von Überwachungskameras identifiziert werden konnten. Und wahrscheinlich würde auch der größte Kritiker diesen Überwachungssystems dankbar sein, wenn der Dieb seiner gestohlenen Brieftasche, ausfindig gemacht werden könnte. Außerdem führt nicht jede Kamera zum Ende der Anonymität oder Einschränkung von Zugänglichkeit. Oft werden Kameras tatsächlich nur für die Regulierung des Verkehrsflusses, der Eingangssicherung von Zulieferbereichen oder für die Überwachung anlegender Schiffe an Hafenkais eingesetzt.

2.4 Anti social Behaviour

Im Jahr 1999 führte die britische Partei „New Labour“ unter Tony Blair antisocial behaviour orders ein. Dieser Begriff beschreibt intolerantes Verhalten von Menschen in der Öffentlichkeit. Gemeint sind damit Verstöße gegen Anstand, Sitten und Gesetzte, die die Ordnung im Alltag stören. Die Bandbreite reicht dabei vom lauten Musikhören, über Graffiti sprühen bis hin zu Vandalismus und Pöbeleien. Die Regierung beschreibt diese Kampagne wie folgt.. “The term anti-social behaviour covers a wide range of selfish and unacceptable activity that can blight the quality of community life. Terms such as ‘nuisance’, ‘disorder’ and ‘harassment’ are also used to describe some of this behavior […] Anti-social behaviour ruins lives. It doesn’t just make life unpleasant; it prevents the renewal of disadvantaged areas and creates an environment where more serious crime can take hold.” ( http://www.respect.gov.uk/article.aspx?id=9066) Durch groß angelegte Aufklärungs-Kampagnen der Regierung sollte die Öffentlichkeit sensibilisiert werden, anti-social behaviour nicht als gegeben hinzunehmen, sondern helfen asoziales Verhalten zu unterbinden.

Dabei soll der einzelne Bürger beobachtete Verstöße melden, die Täter über ihr Verhalten und die Konsequenzen aufklären oder die Stadtverwaltungen in ihrem Anliegen unterstützen, höhere Bußgelder und Strafen für Täter einzuführen. Das eigentliche Ziel dieser Maßnahmen ist die Zivilcourage der Bürger und damit das der Sicherheit im öffentlichen Raum zu erhöhen. Doch wie so oft führt eine gut gemeinte Idee in der Praxis zu ungewollten Auswüchsen. Viele Personen nutzen diese Regeln, um Menschen zu denunzieren, selbst wenn es sich um geringe Verstöße wie auf die Strasse spucken handelt. Ein 14 jähriger Junge in Manchester darf beispielsweise nur noch seine Kapuze seines Sweatshirts über das Gesicht ziehen, wenn es regnet, da sein Gesicht sonst nicht von Überwachungskameras erfasst werden kann. In der englischen Stadt Middlesbrough geht es mittlerweile so weit, dass Menschen, die eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, wie etwa eine Verpackungstüte auf die Strasse zu werfen, in den lokalen Zeitungen abgebildet und wie Schwerverbrecher an den Pranger gestellt werden. (vgl. http://www.zeit.de/2007/03/Big- Brother?page=all). Trotzdem rüttelt die Kampagne den ein oder anderen Bürger auf. Gleichgültigkeit und Wegschauen, Distanziertheit und Blasiertheit sollen nicht länger das Bild in den Städten prägen. Graffiti sprühen an öffentlichen Gebäuden, das Zerschlagen von Glasscheiben an Autos, das Anpöbeln anderer Menschen: Die Hemmschwelle zur Ausführung solcher Taten könnte durchaus steigen, wenn sich auf breiter Front Bürger dagegen auflehnen würden und sie nicht länger als gegeben akzeptiert werden.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass ein Zuviel an Überwachung den Bürger verunsichert und sein Verhalten einschränkt, ein Zuwenig Verbrechern und Asozialen Tür und Tor zu Straf- und Ordnungswidrigkeiten öffnen kann. Wie Walter Siebel es ausdrückt, „beruht [der öffentliche Raum der Stadt] auf einer präkären Balance zwischen Anonymität und sozialer Kontrolle, zwischen Sicherheit und Verunsicherung, zwischen Vertrautem und Fremden, zwischen Gleichheit und Differenz. “(SIEBEL, Walter, 2003, S.6). Diese Balance muss in der Stadt erhalten bleiben. Jede Verschiebung ins eine oder andere Extrem, sorgt für ein Ungleichgewicht und damit zu einer Disharmonie von Sicherheit und Freiheit. Letzen Endes verhält es sich mit der Überwachung nicht anders als mit Waffen oder Kernenergie. Sinnvoll eingesetzt können sie sehr wohl das Leben des Menschen erleichtern und sicheres Umfeld schaffen. Unverantwortlich eingesetzt bieten sie jedoch ein großes, nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotential. Die Gesellschaft ist gefordert am Ball zu bleiben um nicht den Verheissungen der Politiker zu verfallen und ihre Freiheit für das Versprechen von Sicherheit zu opfern. Oder wie Benjamin Franklin es formuliert hat: „Wer seine Freiheit aufgibt um Sicherheit zu erlangen, der wird am Ende beides verlieren.“ (http://www.zitate- datenbank.service-itzehoe.de/menu/autor/452/40/benjamin_franklin/)

3.0 Die exklusive Stadt

3.1 Zugangsvorschriften

Eine andere städtebauliche Entwicklung, die in den letzten Jahre stärker in Erscheinung tritt, ist die Entwicklung von exklusiven Räumen für bestimmte gesellschaftliche Schichten. Das beinhaltet zum Einen neue Formen des Wohnens wie gated communities, aber auch Zugangsbeschränkungen für halböffentliche Räume wie Shopping Malls oder Urban Entertainment Center, deren Menge kontinuierlich zunimmt. Die Anzahl stieg in Deutschland zwischen 1990 und 2006 von 93 auf 372 Stück, die Gesamtfläche nahm von 2,8 Mio. m² auf 11,7 Mio. m² zu( vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Einkaufszentrum). Außerdem rücken die Shopping Malls näher in den Fokus einer Stadtdiskussion, da sie immer weniger in den Randbereichen der Vorstädte „auf der grünen Wiese“ anzutreffen sind, sondern zunehmend im Innenstadtbereich. Laut Angaben des Betreibers ECE wurden im Jahr 2005 gerade einmal 4 Prozent der Einkaufscenter im Außenbereich der Stadt gebaut, der Rest entstand in attraktiven Lagen der Kern- und Innenstadt. (http://www.ece.de/de/geschaeftsfelder/shopping/faktenstattvorurteile). Neben den Einkaufsmöglichkeiten treten diese privaten, öffentlich zugänglichen Center mit dem Anspruch an, die Stadt neu zu beleben und zu inszenieren. Dabei verlagern sich Funktionen, die dem öffentlichen Raum zugeschrieben werden zwangläufig in geschlossene Räume, die durch Sitzbänke, Cafés oder Marketplaces diese Veränderung geradezu provozieren. Denn „erst durch ihre massenhafte Nutzung und die Tatsache, dass diese Orte zu sozialen Treffpunkten werden und nicht nur auf ihre Marktfunktion beschränkt sind, bekommen sie eine neue Qualität. Wenn private Einkaufszentren mehr Menschen anziehen, als öffentliche Marktplätze, dann werden sie auch zu den Orten, an denen die politisch schwachen, medial nicht dominanten Gruppen präsent sein müssen, um sich Gehör zu verschaffen.“ (SIEBEL, Walter, 2003, S.5) Und genau hier liegt der Kasus Knaxus. Die Beteuerung einiger Shopping Center das soziale Leben der Stadt zu fördern, ist leider nur eine relative Aussage. Denn was sozial ist, entscheidet hier das Management, nicht die Allgemeinheit. Was nicht sozial ist, sieht dann wie folgt aus: „Betteln und Demonstrationen, Fotografieren, unnötiger Aufenthalt, das Sitzen auf dem Boden, Darbietungen jeder Art, das Durchführen von Gaben- und Unterschriftensammlungen, Befragungen von Personen, das Anbringen von Plakaten sowie das Verteilen von Prospekten, Handzetteln und ähnlichem, das Fahren mit Zweirädern, Skateboards, Rollschuhen und sonstigen Sportgeräten[…]!“ (Auszug einer ECE Hausordnung , http://gruenemg.de/fileadmin/user_upload/bilder /Downloads/Brosch_ren /ece_flyer_Januar 2008.pdf)

Neben diesen Handlungsvorschriften, die im öffentlichen Raum der Stadt dagegen Gang und Gebe sind, ihn ja geradezu bedingen, halten aber auch immer mehr Zugangsvorschriften Einzug. Beispielsweise dürfen Kinder unter 14 Jahren nur in Begleitung Erwachsener einige Malls betreten. In Einzelfällen können Obdachlosen, Drogenabhängigen oder Punks generell der Zugang, unter dem Vorwand von Sicherheitsaspekten, verwehrt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der neue öffentliche Raum der Stadt
Hochschule
Technische Universität München  (Soziologie)
Veranstaltung
Stadtsoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V432106
ISBN (eBook)
9783668742109
ISBN (Buch)
9783668742116
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtsoziologie, Videoüberwachung, CCTV, Gated communities, Private Public Partnership, Stadt, Überwachung, Abwanderung, öffentlicher Raum, Gesichtserkennung, Festivals
Arbeit zitieren
Florian Hanusch (Autor), 2008, Der neue öffentliche Raum der Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432106

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