Vielseitig diskutiert und kritisiert, gerät die Ausstellung „Körperwelten“, welche von Gunther von Hagens erschaffen wurde, immer wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das umstrittene Thema des Verfahrens der Plastination des menschlichen Körpers, welches in der Ausstellung Bedeutung findet, beschäftigt seit seiner Entwicklung und der beginnenden Ausstellung von Leichen in der Öffentlichkeit sowohl Interessenten, als auch Laien.
Denn erstmals ist jedem, der sich für den eigenen Körper interessiert, durch die Ausstellung gestattet, einen Einblick in die Anatomie zu gewinnen und menschliche Leichen ganz aus der Nähe zu betrachten. Diese sind vom Aussteller künstlerisch in Szene gesetzt und für den Betrachter in den verschiedensten Positionen zu bestaunen. Der tote Mensch als lebendig dargestellter Akteur, beispielsweise als Basketballspieler, wirft jedoch auch so manche Frage nach der in Artikel 1 im Grundgesetz verankerten Würde des menschlichen Körpers auf und lässt sogar einige Kritiker von einer Degradierung des Körpers zu einem Objekt urteilen.
Vor dem Hintergrund der künstlerischen Inszenierung der toten Körper gewinnt die Frage an Bedeutung, welche Bilder oder Konzepte von Körper der Ausstellung zugrunde liegen und welche erzieherische Absicht eine solche Aufbahrung von Leichen in der Gesellschaft verfolgt. Es gilt zu klären, wie die Körper in ihren einzelnen Positionen auf den Besucher wirken, was sie bei diesem für Gefühle auslösen und welches Ziel damit verfolgt wird. Ist die Ausstellung wirklich nur auf Informationsvermittlung über die Anatomie des Menschen ausgelegt, wie es von Hagen oftmals betont, und was sind unvermeidbare Nebenwirkungen einer solchen Ausstellung? Vor allem aber: Wie viel ist von diesen ‚Nebenwirkungen’ beabsichtigt?
Inhaltsverzeichnis
1) Einführung
2) Die Ausstellung „Körperwelten“
2.1 Begründer und Entstehung
2.2 Der Prozess der Plastination des Körpers
3) Körperbilder- und Konzepte in der Ausstellung
3.1 Der „unsterbliche, authentische“ Körper
3.2 Der „idealisierte, ästhetische“ Körper
3.3 Der „sexualisierte, geschlechtliche“ Körper
3.4 Der „funktionale, lehrreiche“ Körper
4) Zur Wirkung der Ausstellung
4.1 Gesellschaftliche Voraussetzungen
4.2 Erziehung zu bestimmten Ansichten über „Körper“
5) Fazit/Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens, um zu klären, welche Konzepte und Körperbilder dort vermittelt werden und inwiefern die Ausstellung eine erzieherische Absicht gegenüber den Besuchern verfolgt.
- Analyse der Entstehung und der technischen Hintergründe der Plastination.
- Untersuchung der künstlerischen Inszenierung von Körpern als „unsterbliche“, „idealisierte“, „sexualisierte“ oder „funktionale“ Objekte.
- Reflexion über gesellschaftliche Anforderungen an den modernen Körper und deren Spiegelung in der Ausstellung.
- Kritische Auseinandersetzung mit der moralischen und ethischen Vertretbarkeit der zur Schau gestellten toten Körper.
- Erörterung der erzieherischen Wirkung auf das Gesundheits- und Körperbewusstsein der Ausstellungsbesucher.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der „unsterbliche, authentische“ Körper
Die Plastination des Körpers bietet erstmals in der Geschichte die Möglichkeit, den menschlichen Körper über den Tod hinaus in seiner Beschaffenheit zu bewahren wie ihn die Natur gemacht hat, ohne dass der Vorgang der Verwesung eintritt. Die Faszination für die Besucher liegt vor allem in der Echtheit des Körpers und somit der Ausstellungsstücke: Jeder Muskel kann erhalten werden, jedes Organ im Zustand des Todes so ausgestellt werden, wie es zuletzt im Körper funktionierte – kurz gesagt: Der menschliche Körper und seine Organe können durch die Plastination ewig bestehen bleiben, sie sind auch postmortal noch zu einem bestimmten Nutzen fähig, erhalten dadurch vielleicht sogar einen neuen Sinn. Die ersten „Körperwelten“-Ausstellungen wurden von Gunther von Hagens zu diesem Zweck mit dem Beinamen der „Faszination des Echten“ bezeichnet, welches deutlich diesen Anspruch hervorheben soll. Gegenüber Spenderin bezeichnen der Plastinator denselbigen immer wieder als „Körperschatz“, welcher durch die Technik der Plastination in seinen „Naturzustand“, also den Zustand des Nicht-Benutztwerdens zurückgeführt werden soll, um die Echtheit und Natürlichkeit dessen beizubehalten.
Diese neu gewonnene Unsterblichkeit des Körpers, lässt den Tod somit nicht mehr als „Abbruch des Lebens“ erscheinen: Körper und Mensch bleiben weiterhin beständig und durch die Positionierung der Leichen in lebendigen Situationen, verliert der Tod sogar an Dramatik. Säuberlich bearbeitete Oberflächenstrukturen der Leichname, Ausbesserungen und die richtige Belichtung bedecken jegliches Alterungs- oder Todesanzeichen auf den ausgestellten Körpern.
Hier klingt auch ein gewisses ästhetisches Idealbild des Körpers mit, das neben seiner authentischen Darstellung in der Ausstellung auftritt. Inwiefern jedoch können Leichname Ästhetik widerspiegeln?
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einführung: Vorstellung der Problemstellung und der kritischen Zielsetzung der Untersuchung hinsichtlich der Wirkung der Plastination auf den Betrachter.
2) Die Ausstellung „Körperwelten“: Historischer Abriss über den Begründer Gunther von Hagens sowie eine detaillierte Beschreibung des wissenschaftlichen Plastinationsverfahrens.
3) Körperbilder- und Konzepte in der Ausstellung: Analyse der vier zentralen Inszenierungsformen des toten Körpers, von der ästhetischen Idealisierung bis zur funktionalen Darstellung.
4) Zur Wirkung der Ausstellung: Untersuchung der soziologischen Hintergründe der Ausstellung im Kontext gesellschaftlicher Körpernormen und Erziehungsansätze.
5) Fazit/Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der ethischen Bedenken und der erzieherischen Absichten, die hinter der Inszenierung des toten Körpers stehen.
Schlüsselwörter
Körperwelten, Gunther von Hagens, Plastination, Anatomie, Körperbilder, Ästhetik, Tod, Leichnam, Gesellschaft, Körpernormen, Gesundheitserziehung, Ethik, Ausstellungskonzept, Medizinhistorie, Körperinszenierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Analyse der Ausstellung „Körperwelten“ von Gunther von Hagens und untersucht, wie menschliche Leichname durch das Verfahren der Plastination in Szene gesetzt werden und welche Auswirkungen dies auf das gesellschaftliche Verständnis von Körperlichkeit hat.
Was sind die zentralen Themenfelder dieser Publikation?
Die zentralen Themen sind die Entstehung der Plastinationstechnik, die verschiedenen Inszenierungskonzepte der Körper (z.B. ästhetisiert, sexualisiert oder funktional) sowie der soziologische Einfluss der Ausstellung auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers durch die Besucher.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, ob die Ausstellung lediglich anatomisches Wissen vermittelt oder ob durch die künstlerische Inszenierung bestimmte Ansichten über den menschlichen Körper in der Gesellschaft geformt oder „erzogen“ werden sollen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Hausarbeit, die auf Literaturrecherche, soziologischen Theorien (unter anderem von Robert Gugutzer) und der kritischen Betrachtung der von Hagens gewählten Inszenierungsmodelle basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der Prozess der Plastination erklärt, anschließend die unterschiedlichen Körperbilder in der Ausstellung typisiert und schließlich die soziologischen Voraussetzungen und die erzieherische Intention der Ausstellung kritisch diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Plastination, Körperbilder, gesellschaftliche Wahrnehmung, Ästhetik, Tod und erzieherische Wirkung der Ausstellung geprägt.
Inwiefern beeinflusst das Plastinationsverfahren die Darstellung des Todes?
Durch die Konservierung und die lebendige Positionierung der Leichname wird dem Tod die „Dramatik“ genommen; der Leichnam wird als ästhetisches oder funktionales Objekt wahrgenommen, das den natürlichen Verwesungsprozess leugnet.
Gibt es ethische Bedenken bezüglich der Ausstellung?
Ja, der Autor hinterfragt kritisch, ob die „Würde des Körpers“ gewahrt bleibt, wenn Verstorbene durch künstlerische Inszenierung oder Sexualisierung zu Objekten der öffentlichen Betrachtung und potenziellen „Erziehungsmitteln“ für ein gesundes Leben umfunktioniert werden.
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- Anonym (Author), 2011, Körperbilder in Gunther von Hagens "Körperwelten". Produkte und Produzenten gesellschaftlicher Ansichten über Körper oder gar Erziehung der Besucher?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432185