Welche gesellschaftlichen Probleme belasten das Zusammenleben in Städten heute?


Essay, 2013

5 Seiten, Note: 2,0

Esteban Ensenador (Autor)


Leseprobe

Beachtet man die Tatsache, dass die Weltbevölkerung ständig wächst und es die Menschen immer mehr in die Städte zieht, stellt sich durchaus die Frage nach gesellschaftlichen Prob­lernen. Die Stadt ist im ständigen Wandel und im Vergleich zum Land dabei auch noch schneller (vgl. Benevolo 2000); sie verändert sich und mit ihr die Gesellschaft. Natürlich gibt es Faktoren, die von Stadt zu Stadt unterschiedlich sind, jedoch ist soziale Ungleichheit ein Problem, dass sich überall zeigt. Doch soziale Ungleichheit, vor allem im Sinne von Produkt¡- vität pro Person und Einkommensverteilung, ist nicht die einzige Gestalt von gesellschaftli­chen Problemen.

Abwehr- und Schutzmechanismen des Individuums vor der Reizüberflutung in Großstädten, die Georg Simmel die ״Steigerung des Nervenlebens" nennt, haben Folgen für die ״Mensch- Ding"- und die ״Mensch-Mensch"-Beziehung. Während die Geldwirtschaft hier Vorteile sieht, wird der Verstand versachlichend; durch die Entpersönlichung dieser Beziehungen ist der Städter gezwungen sich zu schützen. Dies zeigt sich in ״Blasiertheit" (Auswirkungen auf die ״Mensch-Dmg"-Beziehung) und der ״Reserviertheit" (Auswirkungen auf die ״Mensch- Mensch"-Beziehung). Vor allem letztere Anpassungsleistung kann Probleme für das Zusam­menleben mit sich bringen, (vgl. Simmel 1995)

״Die Innenseite dieser äußeren Reserve [ist] nicht nur Gleichgültigkeit, sondern häu­figer als wir es uns zum Bewusstsein bringen, eine leise Aversion, eine gegenseitige

Fremdheit und Abstoßung" (Simmel 1995: s. 123)

Auch wenn dies in erster Linie ein Nachteil für das Zusammenleben in der Gesellschaft ist, wird ein erhöhtes Maß an Freiheit für den Städter ermöglicht. Hierzu steigt das Verlangen nach überspitzer Individualisierung.

Ulrich Beck, der sich in seinem Individualisierungstheorem auch auf Karl Marx (Individualisie­rung im Prozess der Klassenformierung) und Max Weber (Das Individuum als isolierter Wirt­Schaftsmensch) stützt, ist der Meinung, dass der Mensch zum eigenen Gestalter seiner Bio­graphie wird. Dies ist, laut Beck, vor allem dem Individualisierungsschub seit den 60er Jahren zu verdanken. Die drei Phasen der Individualisierung ״Freisetzung" (Individuum wird zum Gestalter seiner Biographie), ״Entzauberung" (Individuum als Träger von Risiken) und ״Rein- tegration" (Neue Art der Einbindung in Kollektive, jedoch nur als Zweckbündnis) zeigen die neuen Möglichkeiten der ״Freiheit" bzw. den Zwang zur Risikogesellschaft für das Individu­um. (vgl. Beck 1983). Problem hierbei ist allerdings, dass die Beck'sche These von ״Fremdbe- Stimmung" zur ״Selbstbestimmung" nur im Sinne des institutionellen Rahmens vonstatten- geht und diese Bedingungen abhängig von der Stadt sind.

Der Hauptaspekt gesellschaftlicher Probleme des Zusammenlebens ist allerdings die räumli­che Aufteilung bzw. die durch Segregation bedingten Gemeinschaften, die in sich homogene Gemeinschaften etablieren. Diese Verdichtung von Gruppen, entweder in gesellschaftlichen Feldern oder in spezifischen Stadtvierteln, ist durch verschiedene Formen der Segregation verbunden:

1. Schicht
2. Ethnizität
3. Alter
4. Sexuelle Präferenz
5. Religion

Problem hierbei ist, dass diese konzentrierten Gemeinschaften zwar im Grunde Teil der Ge- Seilschaft sind, zugleich jedoch von ihr im physischen und im sozialen Raum getrennt sind. Pierre Bourdieu vermerkt hierzu, dass ״(...) der von einem Akteur eingenommene Ort (...) im angeeigneten physischen Raum hervorragende Indikatoren für seine Stellung im sozialen Raum abgeben" (Bourdieu 1991, s. 25) Auch Jürgen Friedrichs sieht Segregation als ״Ergeb- nis sozialer Ungleichheit, d.h. ungleicher Chancen und Präferenzen einzelner Bevölkerungs­gruppen" (Friedrichs 1995, s. 79).

Mit dem Umzug der armen Bevölkerung, zu einem spezifischen Stadtteil, dringt eine andere Gruppe in das ehemalige Gebiet ein (״Invasion"). Doch wie findet diese Umwertung statt? Der Begriff für diesen Wandel ist ״Gentrification" (o.a. ״Gentrifizierung"), was ״die sozio- ökonomische Aufwertung städtischer Arbeiterwohngebiete durch den Zuzug mittelständi­scher Milieus (ausführlich Smith/Williams 1986; Zukin 1989; Blasius/Dangchat 1990)" (aus Löw/Steets/Stötzer 2008) bedeutet. Dieser Vorgang geht mit 3 Phasen einher:

1. Pioniere

Künstler, Studierende und Gruppierungen, die günstige/billige Wohnungen suchen, zie­hen zu. Nach und nach etablieren sich bessere Kulturangebote, Second-Hand-Läden, Plattenlabels, Bioläden, Kneipen etc.

2. Gentrifizierer

Durch diese neuen Möglichkeiten und Angebote und der damit verbundenen Aufwer­tung des Viertels zieht nun eine weitere Gruppe in das Gebiet; Gentrifizierer: Wohlha­bende meist kinderlose Mittelständler, für die die Lage, häufig Gebiete mit guten Ver­kehrsanbindungen, sowie dem, durch die Pioniere entstandenen, Kulturangebot, interes­sant geworden ist.

3. Wegzug der ärmeren Schichten

Mit der nun verbundenen Modernisierung der Wohnungen und damit einhergehenden Mietpreissteigerungen können sich viele ärmere städtische Gruppen ihren Wohnsitz nicht mehr leisten und es bleibt ihnen nur die Möglichkeit sich nach neuen, günstigeren Wohnungen umzusehen. Diese Geringverdiener finden sich in diesem Zusammenhang in den Stadträndern ein; die Segregation ist abgeschlossen, (vgl. Löw/Steets/Stötzer 2008) Dass Gentrifizierung und die damit entstehende Segregation nicht nur ein natürliches Stadt-Phänomen ist wird klar, wenn man bedenkt, dass durch gezielte Bau- und Stadt­Planung dieser Vorgang eingeleitet, aber auch abgewendet werden kann. Um der Gentrifizierung entgegen zu wirken sind Umbauverbote (Einschränkungen von Luxussá- nierung), sozialer Wohnungsbau, generell billigeres Bauen und staatliche Subventionen angebracht. Obwohl insofern Segregation ökonomische, politische und soziale Nachteile (bspw. negative Etikettierung und Stigmatisierung; keine für den sozialen Aufstieg hilfrei­chen Kontakte im Viertel; Vorurteile durch fehlende Berührungspunkte zwischen Klassen und Gruppen) mit sich bringt, bietet die Konzentration von Bevölkerungsgruppen auch im gleichen Maße Vorteile (bspw. Wohngelegenheiten; Verdienstmöglichkeiten in Ge­meinschaften von Zugewanderten; gemeinsame Interessenbildungs- und Verstand¡- gungsprozesse; Gefühle von Vertrautheit; ethnische Infrastruktur), (vgl. Häußer- mann/Siebel 2002)

Vor- und Nachteile dieser Vorgänge entfachen jedoch nicht nur ein Auseinanderdriften im räumlichen Sinne, denn es erzeugt auch Wut auf die gegenüberliegende Bevölkerungsgrup­pe und somit Spannungen innerhalb der Gesellschaft.

Robert Ezra Park, Begründer der Chicagoer Schule, erläutert zudem zwei Ordnungen, die ebenfalls einen wichtigen Teil zum gesellschaftlichen Leben in Städten und vor allem in den nun eher segregativen Stadtvierteln darstellen:

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Welche gesellschaftlichen Probleme belasten das Zusammenleben in Städten heute?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
5
Katalognummer
V432449
ISBN (eBook)
9783668750272
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtsoziologie Raumsoziologie, Löw Steets Stötzer, Simmel, Beck, park, Zusammenleben in Städten
Arbeit zitieren
Esteban Ensenador (Autor), 2013, Welche gesellschaftlichen Probleme belasten das Zusammenleben in Städten heute?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432449

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