Edgar Allan Poe - Wahn und Wirklichkeit in ausgewählten Kurzgeschichten: William Wilson, The Tell-Tale Heart, The Man of the Crowd.


Hausarbeit, 2000
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung2

2. Edgar Allan Poe - Eine Biographie

3. Ausgewählte Kurzgeschichten
3 - 1. William Wilson
3 - 1 - 1. Der Inhalt
3 - 1 - 2. Eine Interpretation
3 - 2. The Tell-Tale Heart
3 - 2 - 1. Der Inhalt
3 - 2 - 1. Eine Interpretation
3 - 3. The Man of the Crowd
3 - 3 - 1. Der Inhalt
3 - 3 - 2. Eine Interpretation

4. Ein Vergleich

5. Schlussbemerkung

6. Quellen- & Literaturverzeichnis

1. Einleitung

...Aus der Ferne dringt eine leise Melodie. Ruhig, nur aus vier Akkorden bestehend. Sie wiederholt sich gleichmäßig und konstant, beinahe wie das Ticken einer Uhr. Allmählich scheint sie sich zu nähern und wird immer deutlicher. Bis die flüsternde Stimme eines Mannes erklingt:

„You should have seen him

Lying alone in helpless silence in the night

You should have seen him

You would have seen his eye reflecting in the light

So for the old man

Ashes to ashes, earth to earth and dust to dust

No one will see me

No one with guilt to share, no secret soul to trust“[1]

Dies ist der Beginn des Songs The Tell-Tale Heart des Alan Parsons Project - einer Musikgruppe, die vor einigen Jahren ein komplettes Album basierend auf Kurzgeschichten Edgar Allan Poes aufgenommen hat.

Es stellt sich die Frage, was dieses Album mit dem hier zu bearbeitenden Thema zu tun hat: Nun, direkt vielleicht gar nichts. Indirekt zeigt sich jedoch, wie populär die Werke Edgar Allan Poes sind - und eben nicht nur unter Literaturwissenschaftlern, Historikern oder einer Gruppe Liebhaber. Junge Leute setzen sich in ihrer Freizeit mit seinen Werken auseinander, welche anscheinend noch immer - nach über 150 Jahren - den Zeitgeist treffen. Doch das war nicht immer so...

Zu Lebzeiten war Edgar Allan Poe alles andere als ein erfolgreicher oder gar anerkannter Schriftsteller. Es war stets sein Traum, doch erfüllte sich dieser erst nach seinem Tod. Immer wieder lebte er finanziell am Rande des erträglichen, manchmal bangte er sogar um seine Existenz. Julian Symons bringt es auf den Punkt: „The stories [...] were for him at the time primarily a means of making money.“[2]

Warum Poes Werke Mitte des 19.Jahrhunderts einen solch geringen Zulauf fanden, erklärt sich der amerikanische Autor Vernon Parrington 1927 folgendermaßen: „The problem of Poe, fascinating as it is, lies quite outside the main current of American thought.“[3] Mit anderen Worten: Sie schienen den damals vorherrschenden, literarischen Strömungen Amerikas einfach nicht zu entsprechen.

Heutzutage zählt Poe zu den Protagonisten amerikanischer Literatur und hat vor allem das Genre der Kurzgeschichte entscheidend geprägt.

Im Folgenden möchten wir uns mit Edgar Allan Poes Darstellung von Wahn und Wirklichkeit in William Wilson, The Tell-Tale Heart, sowie The Man of the Crowd beschäftigen und die Relevanz dieser Elemente aufzeigen. Hierbei werden wir uns zunächst den jeweiligen Geschichten im Einzelnen zuwenden. Später soll ein Vergleich hinsichtlich unserer Fragestellung vorgenommen werden, um diese schließlich in ein Gesamtbild einzuordnen.

Doch es fällt schwer, Poes Werke vollkommen losgelöst von seiner Person zu betrachten. Es lassen sich interessante Verknüpfungen zu einzelnen Lebensumständen und -abschnitten herstellen, die im Verlauf dieser Arbeit noch von Bedeutung sein werden. Daher erscheint es sinnvoll, mit einer kurzen Biographie zu beginnen.

2. Edgar Allan Poe - Eine Biographie

Edgar Allan Poe wurde am 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts, geboren. Da sein leiblicher Vater die Familie bald darauf alleine ließ und seine Mutter 1811 an Tuberkolose starb, wuchs er bei seinem Onkel John Allan und dessen Frau Frances auf. Dieser war Tabakexporteur in Virginia. So verbrachte er - mit Ausnahme eines Englandaufenthalts von 1815 bis 1820 - seine gesamte Kindheit in Richmond.

„Edgar is growing wonderfully and enjoys a good reputation as both able and willing to receive instruction.“

-John Allan in a letter, September 28, 1818[4]

1826, im Alter von siebzehn Jahren, begann er ein Studium an der „State University of Virginia“. Während seines ersten Jahres war Poe sehr erfolgreich, doch begann er ebenfalls mit dem Glücksspiel und verschuldete sich hoch.

Eine unglückliche Entwicklung nahm auch seine Liebesbeziehung zu Sarah Elmira Royster. Ihre Eltern störte es, dass er nicht als rechtmäßiger Erbe des Vermögens seiner Stiefeltern vorgesehen war, und so stellten sie sich einer Beziehung in den Weg. Jeglicher Briefverkehr wurde unterbunden, bis Elmira schließlich fortgeschickt wurde, um permanent unter Aufsicht zu stehen.

Zur selben Zeit erfuhr sein Stiefvater von den hohen Spielschulden. Er weigerte sich strikt für diese aufzukommen, und Poe konnte die Studiengebühren für das folgende Jahr nicht mehr bezahlen. Nach einem Streit kam es zum Bruch zwischen Beiden.

Mittellos flüchtete er nach Boston, um sich eine neue Existenz als freier Schriftsteller aufzubauen. Doch dieser Versuch scheiterte jäh, und so trat er noch im selben Jahr (1827) unter dem Namen „Edgar A. Perry“ in die Armee ein.

1829 versöhnte sich Poe wieder mit seinem Stiefvater - kurz bevor seine Stiefmutter Frances Allan verstarb. Diese betete dafür, ihren Jungen vor ihrem Tod noch einmal sehen zu dürfen. Sie sollte nicht eher begraben werden, bis ihr Stiefsohn sich persönlich von ihr verabschieden konnte - doch es war zu spät. Als Poe im Hause seiner Stiefeltern eintraf, hatte John Allan die Beerdigung bereits eingeleitet.

Um sein momentan neutrales Verhältnis zu seinem Stiefvater zu festigen und dessen Respekt und Anerkennung zurück zu gewinnen, trat er 1830 der „U.S. Military Academy West Point“ bei. Doch schon bald darauf heiratete sein Stiefvater erneut und interessierte sich kaum noch für Poe. Ohne wahre Perspektive tat er nun alles, um die Akademie wieder zu verlassen und tat dies bereits ein Jahr später unehrenhaft.

Poe traf nun den Entschluss Berufsschriftsteller zu werden und bereiste in den folgenden Jahren Amerikas Literaturhochburgen.

Von 1831 - 1835 lebte er zusammen mit seiner Tante und Cousine, Maria und Virginia Clemm, in Baltimore. Als Freiberufler schrieb er das, was momentan gefragt war und unterstützte die Familie dadurch finanziell so gut es ging.

1833 gewann er mit MS Found in a Bottle einen Schreibwettbewerb, wobei ihm einer der Jurymitglieder die Position als Herausgeber des „Southern Literary Messenger“ in Richmond zusicherte. Diesen erfüllte er in den Jahren 1835 - 1837 brilliant.

Während dieser Zeit, im Jahre 1836, heiratete er seine damals erst dreizehn-jährige Cousine Virginia und entwickelte ebenfalls seine Vorliebe zum Alkohol. Diese zwei Interessen beanspruchten ihn sehr stark, physisch wie psychisch.

„No man is safe who drinks before breakfast.“

- Thomas Willis White to Edgar Allan Poe, September 29, 1835[5]

Finanzielle Schwierigkeiten führten Poe wieder Richtung Norden, genauer: nach New York und später nach Philadelphia, wo er sich 1838 niederließ. Dort veröffentlichte er sein Buch The Narrative of Arthur Gordon Pym, welches sich aber nur sehr schlecht verkaufte. Somit kehrte er zurück in seine Tätigkeit als Herausgeber, zunächst beim „Burton´s Gentleman´s Magazine“ und anschließend beim „Graham´s Magazine“. Neben einigen Aufsätzen schrieb er hier einige seiner wichtigsten Kurzgeschichten: The Fall of the House of Usher, William Wilson, The Masque of the Red Death, sowie The Murders of the Rue Morgue.

1842 verließ er das „Graham´s Magazine“ und scheiterte mit einer eigenen Zeitschrift. In den folgenden zwei Jahren schuf er als freiberuflicher Schriftsteller u.a. The Black Cat, The Tell-Tale Heart, The Gold Bug und The Purloined Letter.

Auf dem Zenit seines kreativen Schaffens angelangt, verlor er allerdings den Halt in seinem privaten Umfeld: seine Frau war ebenfalls an Tuberkolose erkrankt, seine Abhängigkeit vom Alkohol wurde immer stärker und sein Geld war sehr knapp.

1844 kehrte Poe nach New York zurück, wo er beim wöchentlich erscheinenden „Weekly Journal“ einstieg. Durch die Veröffentlichung von The Raven 1845 begann er allmählich, Ansehen zu erlangen. Seine Reihe unschmeichelhafter Kritiken „The Literati“ machten ihn gar stadtbekannt. Für kurze Zeit war er sogar Alleinbesitzer des „Weekly Journal“, doch unglückliche finanzielle Entscheidungen ließen ihn 1846 scheitern.

„My life has been whim - impulse - passion - a longing for solitude - a scorn of all things present, in an earnest desire for the future.“

- Edgar Allan Poe to James Russell Lowell, July 2, 1844[6]

1847 starb seine Frau Virginia nach fünf Jahren des Leidens an Tuberkolose. Von nun an ruinierten Poes Alkoholismus und die Armut seine Gesundheit merklich: Anfälle von Wahnvorstellungen, Selbstmordversuche und kleinere Verstrickungen in Liebschaften dominierten seinen Alltag immer häufiger.

1849, auf einer Reise von Richmond nach New York, kehrte er für fünf Tage nach Baltimore zurück. Dort fand man ihn später in einem fürchterlichen Zustand: auf einer Strasse liegend, nicht mehr ganz bei Bewusstsein und fernab jeglicher Überlebenschancen. Vier Tage später, am 7. Oktober 1849, starb Edgar Allan Poe schließlich in einem Krankenhaus. Er wurde 40 Jahre alt.

„Mr. Poe was a man of great riches and fame,

And I loved him, I´m sure, though I liked not his name.

He asked me to wed. In a rage I said No,

I´ll never marry you and be called Mrs. Poe.“

- Old Song[7]

3. Ausgewählte Kurzgeschichten

3 - 1. William Wilson

3 - 1 - 1. Der Inhalt:

Auf dem Sterbebett berichtet der Erzähler, der aus Scham seinen Namen nicht preisgeben möchte und sich daher William Wilson nennt, von den „unaussprechlichen Verbrechen“, die er begangen hat, und wie es zu ihnen kam.

Bereits in seiner Kindheit, so Wilson, war er so ungewöhnlich selbstsicher und launenhaft, dass selbst seine Eltern ihm nicht Einhalt gebieten konnten - ein Musterbeispiel äußerster Überheblichkeit und Boshaftigkeit. In seiner Schulzeit rühmte er sich, sämtlichen seiner Mitschüler in allen Dingen weit überlegen zu sein - bis auf einen: William Wilson, ein Schüler gleichen Namens, der zudem am gleichen Tag wie er geboren wurde, am gleichen Tag die Schule begann wie er und der, zur Verärgerung des Erzählers, zu ihm in Konkurrenz trat. Er fügte sich nicht dessen Willen, wie alle anderen, und spielte die brodelnde Rivalität zur Gänze und mit Vergnügen aus, was den Erzähler lehrte, ihn trotz eines gewissen Respekts zu fürchten. Während der Erzähler sich ein Vergnügen daraus machte, seinen Rivalen mit dessen Behinderung aufzuziehen, nicht lauter als ein Flüstern sprechen zu können, revanchierte der sich mit dem genüsslichen Auskosten der Achillesferse des Erzählers: er hasste seinen gewöhnlichen, „plebeischen“ Vornamen und er hasste William Wilson dafür, dass er den gleichen Namen trug, weswegen er gezwungen war, ihn doppelt so oft zu hören und sogar mit seinem Namensvetter verwechselt zu werden. Jede Andeutung, die beiden könnten Verwandte sein, stieß ihn ab, und so wurde es ein Ärgernis für ihn, dass Wilson begann, ihn zur Perfektion zu imitieren. Die Rivalität steigerte sich zu Hass.

Kurz vor Ende ihrer gemeinsamen Schulzeit plante der Erzähler einen weiteren Streich auf Wilsons Kosten und schlich sich in das Zimmer seines schlafenden Rivalen, wo er zu seinem Entsetzen feststellen musste, dass Wilsons Gesichtszüge im Schlaf seinen eigenen glichen.

Während der Erzähler sein Studium in Eton begann, vergaß er zwar nicht diesen Vorfall, betrachtete ihn aber nicht mehr mit dem damaligen Schrecken. Doch während einer Feier mit einigen Studenten tauchte plötzlich ein Fremder auf, der ihm die Worte „William Wilson“ zuflüsterte, was seinen Schrecken aufs Neue entfachte. Der Gedanke an William Wilson ließ ihn nicht mehr los.

In den folgenden Jahren verfiel der Erzähler, nunmehr in Oxford, dem Luxus, den sein reiches Elternhaus ihm ermöglichte, und er begann zu spielen, um seinen Reichtum noch zu vergrößern, indem er andere wohlhabende Studenten am Kartentisch ausnahm. Bei einer dieser Gelegenheiten, gerade nachdem er seinen Gegner um sein gesamtes Geld gebracht hatte, erschien jedoch abermals der Fremde. Dieses Mal, um den Erzähler vor der versammelten Gesellschaft des Falschspiels zu beschuldigen und danach sofort unerkannt zu verschwinden. Tatsächlich wurden in Wilsons Kleidung Beweise für einen Betrug entdeckt, woraufhin er von seinen Gastgebern aufgefordert wurde, Oxford umgehend zu verlassen.

[...]


[1] „TALES OF MYSTERY AND IMAGINATION: The Tell-Tale Heart“, The Alan Parsons Project (1987).

[2] SYMONS, Julian, The Tell-Tale Heart: The Life and Works of Edgar Allan Poe (London, 1978). S. 4 (introduction).

[3] ROSENHEIM, Shawn, RACHMAN, Stephen (ed.), The American Face of Edgar Allan Poe (Baltimore, London, 1995). S. 4 (introduction).

[4] SYMONS, Julian, The Tell-Tale Heart: The Life and Works of Edgar Allan Poe (London, 1978). S. 10.

[5] SYMONS, Julian, The Tell-Tale Heart: The Life and Works of Edgar Allan Poe (London, 1978). S. 54.

[6] SYMONS, Julian, The Tell-Tale Heart: The Life and Works of Edgar Allan Poe (London, 1978). S. 87.

[7] Ebenda. S. 141.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Edgar Allan Poe - Wahn und Wirklichkeit in ausgewählten Kurzgeschichten: William Wilson, The Tell-Tale Heart, The Man of the Crowd.
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Englisches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in die Amerikanische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autoren
Jahr
2000
Seiten
25
Katalognummer
V43248
ISBN (eBook)
9783638410915
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Verfasser gehen bei der vergleichenden werkinmmanenten Analyse dreier exemplarischer Kurzgeschichten Poes sehr umsichtig und kreativ vor. Ferner besticht diese Arbeit neben ihrer formalen Korrektheit, durch ihre sprachliche Transparenz. Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Edgar, Allan, Wahn, Wirklichkeit, Kurzgeschichten, William, Wilson, Tell-Tale, Heart, Crowd, Einführung, Amerikanische, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Frank Brinkmann (Autor)Matthias Zucker (Autor), 2000, Edgar Allan Poe - Wahn und Wirklichkeit in ausgewählten Kurzgeschichten: William Wilson, The Tell-Tale Heart, The Man of the Crowd., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43248

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