Wiederaneignung entfremdeter Zeit. Ein Lösungsansatz für die Krise der Zeiterfahrung?


Hausarbeit, 2015
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeit und Zeiterfahrung
2.1 Zeit als Erfahrungsdimension
2.2 Gesellschaftlichkeit von Zeiterfahrung
2.3 Entwicklungen von Zeiterfahrung

3. Die Krise der Zeiterfahrung

4. Entfremdung
4.1 Entfremdung nach Marx
4.2 Entfremdung von der Zeit

5.Wiederaneignung entfremdeter Zeit
5.1 Überwindung der Entfremdung
5.2 Momente nichtentfremdeter Zeit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

"Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sichkein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.“

aus : Momo, oder, die seltsame Geschichte von den Zeit-dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeitzur ü ckbrachte. Ein M ä rchen-Roman. Stuttgart: Thienemann, 1986. S. 57.

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Thema der Zeit als sozialem Phänomen, als eine sich verändernde Dynamik auseinander, welche zu einer Krise der Zeiterfahrung in spätmodernen Gesellschaften geführt hat. Auf Grundlage der Annahme einer vom Menschen entfremdeten Zeit wird die Wiederaneignung der eigenen Zeit als Lösungsansatz für die Krise der Zeiterfahrung untersucht. Im Zentrum steht die Frage, ob die Krise der Zeiterfahrung durch eine Wiederaneignung der Zeit eventuell lösbar ist und wie diese Wiederaneignung der Zeit erreichbar ist.

Der erste Teil widmet sich der grundlegenden Verbindung von Zeit und Erfahrung. Anhand von Ausführungen Rainer Zolls und Norbert Elias wird zu Anfang aufgezeigt, dass Zeit und Erfahrung unmittelbar miteinander verknüpft sind. Zeit wird von den Menschen erfahren und bildet eine universelle Erfahrungsdimension. Anschließend werde ich die Gesellschaftlichkeit der Zeit überprüfen und anhand von Ansätzen Zolls, Elias’ und der Forschung Knoblauchs zeigen, dass Zeiterfahrung nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich geformt ist. Danach stelle ich die Historizität der Zeiterfahrung verdichtet vor, um zu zeigen wie es zu einer Krise der Zeiterfahrung kommen konnte. Hierbei werde ich mich stark an Zoll orientieren. Diese Ausführungen des ersten Teils bilden eine wichtige Grundlage für die weitere Argumentation.

Daran schließt sich der zweite Teil an, in welchem die Krise der Zeiterfahrung nach Zoll mit der Theorie der Beschleunigung nach Hartmut Rosa in Verbindung gebracht wird. Die Menschen sindmit der aktuellen Erfahrung ihrer Zeit unzufrieden und spüren die Beschleunigung stetig. Die Grundprobleme der Krise werden aufgezeigt und der große Gegner des guten Lebens genannt: Die Entfremdung.

Im dritten Teil gehe ich auf diese Entfremdung näher ein, indem ich zuerst das Modell Marx’ einer Entfremdung durch die Arbeit und später die Idee Rosas der Entfremdung von der Zeit vorstelle.Hierbei wird ein Bogen von der Idee Rosas zu Überlegungen Zolls gespannt. Schließlich wird die Wiederaneignung der Zeit als Lösungsansatz untersucht. Dafür nutze ich die Überlegungen Adornos und Horkheimers, wie eine Überwindung der Entfremdung allgemein aussehen könnte. Diese setze ich in Bezug zur Überwindung der entfremdeten Zeit während ich auf die Resonanz als Gegenstück zur Entfremdung nach Rosa eingehe.

Schließlich werden im Fazit die vorgebrachten Argumente erneut prägnant aufgezeigt und ansatzweise die Frage beantwortet, ob eine Wiederaneignung der eigenen Zeit zu einer Lösung der Krise der Zeiterfahrung führen könnte.

2. Zeit & Zeiterfahrung

In der spätmodernen Gesellschaft herrscht Unzufriedenheit über die Art und Weise der Zeiterfahrung der Menschen: eine Krise der Zeiterfahrung. Die kulturell und individuell geprägte Zeiterfahrung soll im folgenden genauer als Erfahrungsdimension in ihrer Gesellschaftlichkeit und Historizität untersucht werden.

2.1 Zeit als Erfahrungsdimension

Um sich der Krise der Zeiterfahrung annähern zu können ist es vorerst von Bedeutung die Verbindung von Zeit und Erfahrung aufzuzeigen, wofür der Begriff der Zeit etwas näher zudefinieren ist. Eben dieser Aspekt ist jedoch äußerst diffizil, da, wie Norbert Elias in seiner Ausarbeitung „Über die Zeit“ betont, das Phänomen der Zeit sich als für die Menschen schwergreifbar erweist: „Aus dem Zusammenleben der Menschen geht etwas hervor, was sie nichtverstehen, was ihnen selbst als rätselhaft und geheimnisvoll erscheint“ (Elias 1992: X).

Die Zeit ist als rätselhaftes Phänomen jeher Teil des philosophischen Diskurses, wobei sich zweientgegengesetzte Positionen herauskristallisiert haben (Elias 1992: X). Diese sind zum einen die Vorstellung der Zeit als „objektive Gegebenheit der natürlichen Schöpfung“(Elias 1992: X) undzum Anderen die Annahme der Zeit als Form des „Zusammensehens von Ereignissen, die auf der Eigentümlichkeit des menschlichen Bewusstseins (…) beruhe und folglich jeglicher menschliche(r)Erfahrung als deren Bedingung vorausgehe“(Elias 1992: X-XI). Nach Elias kann daraus gefolgertwerden, dass Zeit eine „Art von angeborener Erlebnisform“(Elias 1992: XI ) darstellt. Dies zeigt die Verbindung von Zeit mit der Erfahrbarkeit derselbigen durch den Menschen auf. Der Mensch selbstdenkt Zeit, so Rainer Zoll, als „natürlich“ , als, mit seinen Worten, „Dimension der eigenen Existenz“(Zoll 1988: 72). Das Phänomen ist somit von den Menschen zwar wahrnehmbar, jedochnicht summarisch fassbar.

Auch Zoll akzentuiert die Erfahrbarkeit von Zeit für den Menschen:

„Die Zeit ist mit jeder Form der Erfahrung, mit jeder Form der Wahrnehmung so eng verwoben, dass wir Mühe haben, Zeit und Erfahrung analytisch zu trennen (…). Was immer wir erfahren, Zeit wird miterfahren“(Zoll 1988: 72).

Zoll sieht Zeit als „Bedingung für jeden Typ sinnlicher Wahrnehmung“(Zoll 1988: 72) und fasst dies mit der Definition von Zeit als „universelle Erfahrungsdimension“(Zoll 1988: 72) zusammen. Dies macht deutlich, dass bei einer soziologischen oder ethnologischen Perspektive auf Zeit diese sehr stark mit der Erfahrbarkeit von Zeit verknüpft ist.

2.2 Gesellschaftlichkeit von Zeiterfahrung

Individuen, sowie biologische und soziale Systeme haben ihre eigene Zeit und somit auch eine individuelle Erfahrung der Zeit (Zoll 1988: 72), jedoch sind, so Zoll, die Prozesse, welche diese verschiedenen Zeitformen miteinander verbinden und die Erfahrung der Zeit fundieren soziale und gesellschaftliche Prozesse (Zoll 1988: 72). Diese „Gesellschaftlichkeit von Zeiterfahrung“ (Zoll 1988: 72) findet nach Zoll zu wenig Beachtung.

Als „Bezugspunkt der sozialen Zeiterfahrung“(Zoll 1988: 72) fungiert die gesellschaftlichfestgelegte Zeit-Ordnung, welche durch die jeweilige Zeitrechnung bestimmt ist (Zoll 1988: 72).Diese Zeitrechnung ist die Aufstellung einer Relation zwischen einer Handlung und einem Erlebnis,welches stets wiederkehrt und als „sozial verbindlicher Maßstab“ gilt (Zoll 1988: 73). Diegesellschaftlich festgelegte Reihenfolge von Ereignissen ist ein solcher Zeitmaßstab (Zoll 1988:73). Gesellschaftliche Zeitordnungen sieht er als auch im Ausmaß der Orientierung an natürlichen Vorgängen, wie den Jahreszeiten, der Orientierung an soziokulturellen Traditionen, wie Festen oder Feiertagen, der Orientierung an sozialen Tätigkeitsformen, wie Märkten, oder abstrakteren Richtlinien, wie der Orientierung an der mathematischen Zeit differierend an (Zoll 1988: 73). Diesomit entstehenden sozialen Zeitkategorien dienen schließlich als „gesellschaftlich konstituierteobjektivierte Kategorien der Zeit“ (Knoblauch 1986: 328), wie Hubert Knoblauch während seiner Forschung über die sozialen Zeitkategorien der Hopi und der Nuer feststellt.

Zoll nimmt in seiner weiteren Argumentation zu einer Gesellschaftlichkeit der Zeit Bezug auf Norbert Elias, welcher Zeiterfahrung als eine „soziale Beziehungsform“ (Zoll 1988: 73) definiertund sieht diese als „historisch kulturell geprägt, gesellschaftlich organisiert und biographisch überformt“(Zoll 1988: 73) an. Elias Umschreibung der Zeiterfahrung als soziale Beziehungsform ist mit seinem Entwurf der Zeit als eine Art Verschmelzung zu verdeutlichen:

„Auf ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstand ist die Zeit, wie man sieht, eine symbolische Synthese auf sehr hoher Ebene, eine Synthese, mit deren Hilfe Positionen im Nacheinander des physikalischen Naturgeschehens, des Gesellschaftsgeschehens und des individuellen Lebenslaufs in Beziehung gebracht werden können“( Elias 1992: XXIV).

Hier kommt die Gesellschaftlichkeit der Zeit insofern zum Ausdruck, als dass diese die Verschmelzung der individuellen Erfahrungen mit gesellschaftlichen Ereignissen im Laufe des natürlichen Verlaufs von Zeit und Geschehen bedeutet.

Individuelle Handlungen werden im intersubjektiven Kontext auch für andere Mitglieder der Gesellschaft erkennbar und wahrnehmbar und es entsteht ein reziprokes gesellschaftliches Ordnungsgefüge, was Knoblauch als Schlussfolgerung seiner Forschung treffend formuliert:

„Es dürfte aber deutlich geworden sein, dass die Zeitkategorien auf Erfahrungen des einzelnen aufbauen und auf sie rückbeziehbar sind, im gesellschaftlichen und vergesellschafteten Handeln aber objektive, auch für andere erkennbare Formen annehmen: Indem sie zur Koordination von Handlungen dienen, verleihen sie den Handlungen Ordnung (…)“(Knoblauch 1986: 348).

Folglich ist festzustellen, dass Zeiterfahrung nicht nur individuell geprägt, sondern auch gesellschaftlich geformt ist. Die dargestellten Ergebnisse rechtfertigen die Annahme einer „Gesellschaftlichkeit der Zeit“(Zoll 1988: 72). Hier sei noch einmal hervorgehoben, dass die Zeiterfahrung des Individuums und die gesellschaftliche Zeiterfahrung einen wechselseitigen Einfluss aufeinander haben. Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass ethnologische Feldforschungen zum Thema der Zeit, wie beispielweise die bereits erwähnte Forschung Knoblauchs, eben diese Gesellschaftlichkeit der Zeit erkennen lassen und auf historische Kontraste in der Erfahrung von Zeit aufmerksam machen. Zoll sieht in diesem Aspekt die Bestätigung für die Annahme, dass „sich für die Mitglieder einer Gesellschaft erst durch ihre Interaktionsformen Zeiterfahrung hindurch konstituiert“(Zoll 1988: 73).

2.3 Entwicklungen von Zeiterfahrung

Zeit und Zeiterfahrung haben sich durch historische und soziale Prozesse stetig verändert und sindgesellschaftlich geformt (Zoll 1988: 72). Zeit wird in unterschiedlichen Gesellschaften daherunterschiedlich wahrgenommen. Anhand von Beispielen des Umgangs mit der Zeit in vorkapitalistischen, handelskapitalistischen und industriekapitalistischen Gesellschaften kann dies dargestellt werden.

So erläutert Zoll den Zeitumgang der Trobriander als vorkapitalistische Gesellschaft, welcher aus der berühmt gewordenen Feldforschung Malinowkis1 hervorgeht (Zoll 1988: 74). Er schlussfolgert aus der Tatsache des Bestimmens ihrer Zeit nach der Ernte und dem starken Einfluss bezeichnender Charakteristika im Verlauf der Natur, dass es sich bei den Trobriandern um eine zyklische und ereignisorientierte Zeitrechnung handelt (Zoll 1988: 74).

Ein weiteres Beispiel einer vorkapitalistischen Gesellschaft bilden die kabylischen Bauern in Algerien, welche Pierre Bourdieu unter Anderem unter dem Aspekt einer Untersuchung zu„Zeitperspektiven vorkapitalistischer Produzenten“(Zoll 1988: 75) erforscht hat2. Diese leben nachden „Prinzipien der Bedarfsdeckung und des Naturalaustauschs“(Zoll 1988: 75). Für sie steht die Gegenwart im Vordergrund und die Zukunft ist nur insofern von Bedeutung, als das mit „Rücklagenund Vorräten“ (Bourdieu in Zoll 1988: 75) dafür gesorgt werden soll, dass „das, was in der Gegenwart vorhanden ist (…) auch künftig erhalten (ist)“(Zoll 1988: 75). Auch die kabylischen Bauern orientieren sich stark an der Natur, so sind die Zeitbezeichnungen eher Naturbeschreibungen: „zum Beispiel für den Tagesanfang: Sobald sich der Himmel etwas ger ö tet hat oder für das Ende des Tages: Wenn die Sonne die Erde ber ü hrt “ (Bourdieu in Zoll 1988: 75).Fortlaufend in seiner Beispielsaufzählung postuliert Zoll, dass wenn der Rhythmus der Natur das Alltagsleben weitgehend bestimmt, komme ein Bedürfnis nach objektiver Zeitmessung nicht auf(Zoll 1988: 76). Es stellt sich die Frage, wann ein solcher Wunsch nach einer objektivierten Zeitmessung mit dem „Charakter inhaltsneutraler Linearität“(Zoll 1988: 76), wie wir sie heute inspätmodernen Gesellschaften haben, entstand. In mittelalterlichen Dorfgesellschaften gab es noch„keine Differenz zwischen Zeit und Handeln“(Zoll 1988: 76), da die Zeit Teil der Erfahrung einer Handlung war und kein „objektivierter Faktor“(Zoll 1988: 76). Diese Tatsache führt Zoll auf das Prinzip der Bedarfsdeckung zurück und argumentiert, dass bei einer Abwesenheit von Konkurrenzkampf nicht das Bedürfnis entstehe, Waren durch Kategorien wie Zeit, oder treffenderformuliert anhand von „Tempo“ in der Produktion, einzuteilen und zu werten.

Die Einteilung der Zeit nach objektivierten Maßstäben und die daraus resultierende verändertegesellschaftliche Zeiterfahrung entwickelten sich aus einem langen Vorgang der Veränderung.

[...]


1 Siehe auch : Malinowski, B. (1979). Argonauten des westlichen Pazifik: Ein Bericht ü ber Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Frankfurt am Main: Syndikat.

2 Siehe auch: Bourdieu, P. (2000). Die zwei Gesichter der Arbeit: Interdependenzen von Zeit- und Wirtschaftsstrukturen am Beispiel einer Ethnologie der algerischen Ü bergangsgesellschaft. Konstanz: UVK Konstanz.5

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Wiederaneignung entfremdeter Zeit. Ein Lösungsansatz für die Krise der Zeiterfahrung?
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V432590
ISBN (eBook)
9783668746312
ISBN (Buch)
9783668746329
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krise der Zeiterfahrung, Entfremdung, Marx, Hartmud Rosa
Arbeit zitieren
Rosa Goldfuss (Autor), 2015, Wiederaneignung entfremdeter Zeit. Ein Lösungsansatz für die Krise der Zeiterfahrung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432590

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